WM-Sammelaktionen: Wie Werbung das Essverhalten von Kindern prägt

Fußball begeistert Millionen Kinder. Doch wenn Fanartikel zum Kauf stark zuckerhaltiger Lebensmittel verleiten, geraten Gesundheit und geschicktes Marketing in Konflikt

Fußball-Weltmeisterschaften sind emotionale Großereignisse. Kinder fiebern mit ihren Lieblingsmannschaften und -spielern mit, sammeln Sticker, tauschen Fanartikel und träumen davon, selbst einmal auf dem Spielfeld zu stehen. Diese Begeisterung schafft Gemeinschaft, weckt Emotionen und motiviert viele Kinder, aktiv Sport zu treiben.

Genau diese positiven Gefühle nutzen Unternehmen seit Jahrzehnten. Pünktlich zu großen Sportereignissen erscheinen Sondereditionen, Sammelpunkte und exklusive Fanartikel in den Supermarktregalen. Was auf den ersten Blick wie ein harmloses Gewinnspiel wirkt, ist in Wirklichkeit eine durchdachte Marketingstrategie.

Die Deutsche Allianz Nichtübertragbare Krankheiten (DANK) hat deshalb aktuelle Sammelaktionen verschiedener Lebensmittelhersteller scharf kritisiert. Nach Auffassung des Wissenschaftsbündnisses werden Kinder und Familien gezielt dazu motiviert, besonders viele stark zuckerhaltige Produkte zu kaufen, um begehrte Prämien wie Trinkflaschen, Fan-Shirts oder Fußbälle zu erhalten.

Die von der DANK veröffentlichten Berechnungen verdeutlichen die Dimensionen: Für eine Trinkflasche müssen Produkte gekauft werden, die rechnerisch rund 1,4 Kilogramm Zucker enthalten. Für ein Fan-Shirt summiert sich der Zuckergehalt bereits auf mehr als drei Kilogramm, für einen Fußball sogar auf über fünf Kilogramm Zucker – das entspricht rund 1.700 Zuckerwürfeln. Natürlich wird niemand diese Menge auf einmal verzehren. Dennoch zeigen die Zahlen, welche Mengen durch Sammelanreize verkauft werden sollen.

Diese Diskussion reicht jedoch weit über einzelne Aktionen hinaus. Sie führt zu einer grundlegenden Frage: Wie gelingt es Werbung immer wieder, Kinder für bestimmte Produkte zu begeistern – selbst dann, wenn sie diese ursprünglich gar nicht kaufen wollten?

Kinder mögen Süßes – das ist biologisch ganz normal

Dass Kinder Süßigkeiten lieben, ist keineswegs ein Zeichen mangelnder Disziplin oder falscher Erziehung. Die Vorliebe für Süßes gehört zu unserem biologischen Erbe.

Bereits Muttermilch schmeckt leicht süß. Für unsere Vorfahren war dieser Geschmack ein zuverlässiges Signal für energiereiche Nahrung. Wer süße Früchte oder Honig fand, erhöhte seine Überlebenschancen, während bitterer Geschmack oft auf giftige Pflanzen hinwies. Über Jahrtausende entwickelte sich deshalb eine natürliche Vorliebe für süße Lebensmittel.

Diese evolutionäre Prägung wirkt bis heute. Beim Verzehr süßer Speisen aktiviert Zucker das körpereigene Belohnungssystem. Dabei werden Botenstoffe wie Dopamin ausgeschüttet, die angenehme Gefühle auslösen und unser Gehirn dazu anregen, ähnliche Erfahrungen zu wiederholen.

In einer Zeit, in der Zucker knapp und wertvoll war, stellte dieser Mechanismus einen Überlebensvorteil dar. Heute leben wir jedoch in einer Umgebung, in der hochverarbeitete Lebensmittel mit viel Zucker jederzeit verfügbar sind. Dieselbe biologische Ausstattung, die unseren Vorfahren half, ausreichend Energie aufzunehmen, macht es heute deutlich schwerer, maßvoll mit Süßem umzugehen.

Kinder reagieren auf diese Belohnungsreize sogar noch stärker als Erwachsene. Gleichzeitig entwickelt sich der Teil des Gehirns, der für Selbstkontrolle und Impulssteuerung verantwortlich ist, erst im Laufe der Kindheit und Jugend vollständig. Kinder erleben deshalb vor allem den unmittelbaren Genuss – nicht aber die möglichen gesundheitlichen Folgen, die sich oft erst viele Jahre später zeigen.

Werbung verkauft längst mehr als Lebensmittel

Lebensmittelwerbung verkauft heute nur selten das eigentliche Produkt. Sie verkauft vielmehr Gefühle, Wünsche und Erlebnisse.

Ein Schokoriegel steht für gemeinsame Zeit mit der Familie. Ein Softdrink verspricht Freundschaft, Abenteuer oder gute Stimmung. Rund um eine Fußball-Weltmeisterschaft kommen weitere starke Bilder hinzu: Teamgeist, Fairplay, Begeisterung und die Identifikation mit den großen Fußballstars.

Marketingexperten sprechen vom Imagetransfer. Die positiven Gefühle, die ein Ereignis hervorruft, übertragen sich unbewusst auf die beworbene Marke. Kinder freuen sich auf die Spiele, fiebern mit ihren Idolen mit und wünschen sich die Fanartikel. Gleichzeitig begegnen ihnen immer wieder dieselben Marken. Im Gedächtnis entstehen dadurch Verbindungen zwischen den positiven Erlebnissen und den beworbenen Produkten.

Hinzu kommt ein weiterer psychologischer Effekt. Je häufiger wir einer Marke begegnen, desto vertrauter erscheint sie uns. Die Psychologie bezeichnet dieses Phänomen als Mere-Exposure-Effekt. Allein die wiederholte Wahrnehmung kann dazu führen, dass wir einer Marke sympathischer gegenüberstehen – selbst dann, wenn wir uns dessen gar nicht bewusst sind.

Für Unternehmen ist dies ein zentrales Ziel ihrer Markenkommunikation. Es geht längst nicht nur darum, den Absatz während einer Weltmeisterschaft zu steigern. Viel wichtiger ist es, Marken dauerhaft positiv im Gedächtnis junger Menschen zu verankern. Wer bereits als Kind eine emotionale Bindung zu einer Marke entwickelt, greift häufig auch Jahre später immer wieder zu denselben Produkten.

Genau an diesem Punkt setzt die Kritik vieler Gesundheitswissenschaftler an. Sie sehen das eigentliche Problem nicht in einer einzelnen Süßigkeit oder einem Glas Limonade, sondern in den langfristigen Auswirkungen solcher Marketingstrategien auf das Ernährungsverhalten von Kindern.

Warum Sammelaktionen so erfolgreich sind

Wer schon einmal ein Sammelalbum vervollständigt oder eine Treuekarte bis zum letzten Stempel gefüllt hat, kennt das Gefühl: Je näher das Ziel rückt, desto größer wird der Wunsch, die Sammlung abzuschließen. Genau diesen psychologischen Mechanismus machen sich viele Sammelaktionen zunutze.

Fachleute sprechen vom Completion-Effekt. Hat ein Mensch mit einer Sammlung begonnen, entsteht ein innerer Anreiz, sie vollständig abzuschließen. Dieser Effekt ist bei Kindern besonders stark ausgeprägt. Sie erleben jeden neuen Sammelpunkt als kleinen Erfolg und jede weitere Packung als einen Schritt näher an der ersehnten Belohnung.

Hinzu kommt die Vorfreude. Bereits die Aussicht auf eine Trinkflasche, ein Fan-Shirt oder einen Fußball aktiviert das Belohnungssystem im Gehirn. Nicht erst die Prämie selbst, sondern schon der Gedanke daran erzeugt positive Gefühle. Aus Sicht der Werbepsychologie gehören Sammelaktionen deshalb zu den wirksamsten Instrumenten, um Kaufentscheidungen zu beeinflussen.

Für die Hersteller ist das ein erfolgreicher Marketingansatz. Gesundheitswissenschaftler weisen jedoch darauf hin, dass dabei nicht der Bedarf an einem Lebensmittel im Vordergrund steht. Entscheidend ist vielmehr der Wunsch, möglichst schnell genügend Sammelpunkte zu erreichen. Damit wird der Kaufanreiz vom eigentlichen Produkt auf die Belohnung verlagert.

Wie Werbung Ernährungsgewohnheiten prägt

Noch bedeutsamer als der kurzfristige Verkaufserfolg ist jedoch die langfristige Wirkung solcher Kampagnen.

Essgewohnheiten entstehen nicht von heute auf morgen. Sie entwickeln sich über viele Jahre hinweg – durch unzählige kleine Erfahrungen, die sich nach und nach zu festen Routinen verbinden.

Kinder lernen früh, welche Lebensmittel zu bestimmten Situationen gehören. Geburtstage werden mit Kuchen verbunden, Kino mit Popcorn, Grillfeste mit Limonade oder Sportereignisse mit Schokolade und Softdrinks. Solche Verknüpfungen entstehen meist unbewusst. Sie vermitteln Kindern, was in ihrer Lebenswelt als selbstverständlich gilt.

Werbung verstärkt diese Lernprozesse. Sie zeigt Lebensmittel nicht isoliert, sondern verbindet sie mit positiven Erlebnissen: mit Freundschaft, Familie, Erfolg, Gemeinschaft oder Abenteuer. Das eigentliche Produkt tritt dabei häufig in den Hintergrund. Verkauft wird ein Lebensgefühl.

Je häufiger Kinder diese Bilder erleben, desto stärker prägen sie sich ein. Aus der Lernpsychologie ist bekannt, dass wiederholte positive Erfahrungen Gewohnheiten fördern. Mit der Zeit entstehen stabile Erwartungen: Zu bestimmten Anlässen „gehören“ bestimmte Lebensmittel einfach dazu.

Deshalb investieren Unternehmen erhebliche Summen in Werbung, die Familien und Kinder erreicht. Ziel ist nicht allein ein höherer Umsatz während einer Fußball-Weltmeisterschaft. Marken sollen langfristig Vertrauen, Sympathie und Wiedererkennung aufbauen. Aus Marketingsicht ist dies ein zentraler Erfolgsfaktor.

Aus Sicht der Gesundheitsforschung stellt sich dagegen die Frage, welche Ernährungsgewohnheiten Kinder auf diese Weise entwickeln. Denn vieles von dem, was in der Kindheit selbstverständlich erscheint, begleitet Menschen bis ins Erwachsenenalter.

Warum wir die Folgen so leicht unterschätzen

Eine einzelne Süßigkeit macht niemanden krank. Genau darin liegt eine der größten Herausforderungen der Prävention.

Wer heute einen Schokoriegel isst oder eine Limonade trinkt, erlebt zunächst nur den angenehmen Geschmack und das gute Gefühl, das damit verbunden ist. Die möglichen gesundheitlichen Folgen treten dagegen nicht sofort ein. Übergewicht, Typ-2-Diabetes oder andere ernährungsbedingte Erkrankungen entstehen durch viele kleine Entscheidungen, die sich über Jahre hinweg summieren.

Unser Gehirn ist jedoch nicht besonders gut darin, solche langfristigen Zusammenhänge wahrzunehmen. Es bewertet unmittelbare Belohnungen deutlich stärker als mögliche Nachteile in einer fernen Zukunft. Verhaltenspsychologen bezeichnen dieses Phänomen als zeitliche Diskontierung.

Für Kinder gilt dies in besonderem Maße. Ihre Fähigkeit, langfristige Folgen abzuschätzen und spontane Wünsche zugunsten späterer Vorteile zurückzustellen, entwickelt sich erst allmählich. Sie erleben deshalb vor allem den unmittelbaren Genuss – nicht aber das Risiko, das aus vielen ähnlichen Entscheidungen über Jahre hinweg entstehen kann.

Treffen diese biologischen Voraussetzungen auf Werbung, die Süßwaren zusätzlich mit Sport, Gemeinschaft, Erfolg und attraktiven Fanartikeln verbindet, verstärken sich beide Effekte gegenseitig. Genau deshalb fällt es Kindern besonders schwer, solchen Kaufanreizen zu widerstehen.

Das eigentliche Problem ist nicht die einzelne Süßigkeit

In der öffentlichen Diskussion entsteht häufig der Eindruck, es gehe darum, Kindern Schokolade oder Softdrinks grundsätzlich zu verbieten. Das greift jedoch zu kurz.

Ernährungswissenschaftler weisen seit Langem darauf hin, dass kein einzelnes Lebensmittel allein über Gesundheit oder Krankheit entscheidet. Entscheidend ist vielmehr das gesamte Ernährungsverhalten – also die Summe vieler kleiner Entscheidungen im Alltag.

Genau deshalb richtet sich die Kritik der Deutschen Allianz Nichtübertragbare Krankheiten nicht gegen einzelne Produkte, sondern gegen Marketingstrategien, die Kinder gezielt ansprechen und den regelmäßigen Konsum stark zuckerhaltiger Lebensmittel fördern sollen.

Prävention beginnt deshalb nicht erst beim Speiseplan. Sie beginnt bereits dort, wo Kinder lernen, Werbung zu erkennen, Konsumwünsche zu hinterfragen und zwischen eigenen Bedürfnissen und geschickten Marketingbotschaften zu unterscheiden.

Gesundheit ist auch eine gesellschaftliche Aufgabe

Die Folgen eines dauerhaft unausgewogenen Ernährungsverhaltens betreffen nicht nur den Einzelnen. Übergewicht, Adipositas, Typ-2-Diabetes und andere ernährungsbedingte Erkrankungen verursachen erhebliche Belastungen für das Gesundheitswesen und beeinträchtigen die Lebensqualität vieler Menschen.

Deshalb betrachten Fachleute Prävention heute umfassender als noch vor einigen Jahren. Es geht nicht allein darum, Kindern zu sagen, was gesund oder ungesund ist. Ebenso wichtig ist es, Bedingungen zu schaffen, die gesunde Entscheidungen erleichtern.

Dazu gehören eine ausgewogene Verpflegung in Kitas und Schulen ebenso wie ausreichend Bewegung – aber auch ein verantwortungsvoller Umgang mit Werbung, die sich gezielt an Kinder richtet.

Zwischen Eigenverantwortung und Kinderschutz

Seit Jahren wird darüber diskutiert, wie weit Werbung für ungesunde Lebensmittel gehen darf, wenn sie Kinder erreicht. Die Deutsche Allianz Nichtübertragbare Krankheiten (DANK) fordert deshalb strengere gesetzliche Regeln für das Marketing von Produkten mit einem hohen Zucker-, Fett- oder Salzgehalt. Nach Auffassung des Wissenschaftsbündnisses sollten Sportgroßereignisse nicht dazu genutzt werden, Kinder gezielt zum Kauf solcher Lebensmittel zu motivieren.

Zu den Forderungen gehören unter anderem verbindliche Standards für die Verpflegung in Kitas und Schulen nach den Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE), mehr tägliche Bewegung im Bildungsalltag sowie eine stärkere Einschränkung an Kinder gerichteter Werbung. Auch über eine Abgabe auf zuckerhaltige Getränke wird seit Jahren diskutiert.

Die Lebensmittelwirtschaft verweist dagegen regelmäßig darauf, dass ihre Produkte in Maßen Teil einer ausgewogenen Ernährung sein können. Unternehmen betonen zudem, dass letztlich die Verbraucherinnen und Verbraucher über ihren Einkauf entscheiden und viele Hersteller inzwischen auch Rezepturen überarbeitet oder zuckerreduzierte Varianten anbieten.

Gesundheitswissenschaftler widersprechen dieser Sichtweise allerdings nicht grundsätzlich, weisen jedoch auf einen entscheidenden Unterschied hin: Erwachsene können Werbung in der Regel besser einordnen als Kinder. Jüngere Kinder erkennen häufig noch nicht, dass Werbung in erster Linie das Ziel verfolgt, den Absatz eines Produktes zu steigern. Gerade deshalb sehen viele Fachgesellschaften einen besonderen Schutzbedarf.

Was Eltern, Kitas und Grundschulen tun können

Die gute Nachricht lautet: Kinder können lernen, Werbung zu durchschauen.

Schon im Vorschul- und Grundschulalter entwickeln sie ein Verständnis dafür, warum Unternehmen werben und welche Strategien dabei eingesetzt werden. Pädagogische Fachkräfte und Eltern können diese Entwicklung gezielt unterstützen.

Dazu gehört beispielsweise, gemeinsam Werbespots oder Sammelaktionen anzuschauen und darüber ins Gespräch zu kommen. Warum gibt es Sammelpunkte? Weshalb werden gerade Fanartikel verschenkt? Was hat ein Schokoriegel eigentlich mit Fußball zu tun? Solche Fragen fördern kritisches Denken und helfen Kindern, Kaufanreize besser zu erkennen.

Ebenso wichtig ist eine positive Ernährungsbildung. Kinder profitieren davon, Lebensmittel mit allen Sinnen kennenzulernen, gemeinsam zu kochen, Obst und Gemüse selbst zuzubereiten oder Kräuter anzubauen. Wer erlebt, dass gesundes Essen schmeckt, Freude macht und Gemeinschaft schafft, entwickelt häufig ein nachhaltigeres Ernährungsverhalten als durch Verbote allein.

Auch Bewegung sollte um ihrer selbst willen Freude bereiten. Kinder brauchen keine Süßigkeit als Belohnung dafür, dass sie gerannt, geklettert oder Fußball gespielt haben. Das eigentliche Erfolgserlebnis besteht in der Bewegung selbst, im gemeinsamen Spiel und in der Erfahrung, etwas geschafft zu haben.

Kinder stark machen statt nur Verbote auszusprechen

Die Diskussion über WM-Sammelaktionen zeigt, dass die eigentliche Herausforderung weit über einzelne Schokoladenriegel oder Softdrinks hinausgeht. Sie betrifft die Frage, wie Kinder in einer Welt aufwachsen, in der Unternehmen um Aufmerksamkeit konkurrieren und Emotionen gezielt nutzen, um Marken positiv zu besetzen.

Süßigkeiten werden auch künftig zum Alltag vieler Familien gehören. Entscheidend ist deshalb nicht, sie grundsätzlich zu verbieten. Viel wichtiger ist es, Kinder dabei zu begleiten, bewusste Entscheidungen zu treffen und Werbung kritisch einordnen zu können.

Ernährungsbildung bedeutet heute weit mehr als die Vermittlung von Wissen über Zucker, Vitamine oder Kalorien. Sie umfasst auch Verbraucherbildung und Medienkompetenz. Kinder sollten verstehen, warum Werbung bestimmte Gefühle anspricht, weshalb Fanartikel so begehrt sind und wie Kaufentscheidungen beeinflusst werden können.

Gerade Kitas und Grundschulen leisten dabei einen wichtigen Beitrag. Sie schaffen Erfahrungsräume, in denen Kinder Lebensmittel entdecken, Genuss erleben, Werbebotschaften hinterfragen und lernen, Verantwortung für die eigene Gesundheit zu übernehmen.

Vielleicht ist genau das die wichtigste Erkenntnis aus der aktuellen Debatte: Nicht die einzelne Süßigkeit entscheidet über ein gesundes Leben. Entscheidend ist, ob Kinder früh lernen, zwischen eigenen Bedürfnissen und geschickten Marketingstrategien zu unterscheiden. Diese Fähigkeit begleitet sie weit über die nächste Fußball-Weltmeisterschaft hinaus.

Quellen




Zuckerfalle im Glas: Warum süße Getränke für Kinder ein Risiko sind

Wie gezuckerte Limonaden, Tees und Säfte das Risiko für Übergewicht und Krankheiten bei Kindern erhöhen – und was Eltern dagegen tun können

Immer mehr Kinder in Deutschland kämpfen mit Übergewicht – eine Entwicklung, die nicht nur das Wohlbefinden, sondern auch die langfristige Gesundheit bedroht. In einer aktuellen Pressemitteilung warnt die Stiftung Kindergesundheit eindringlich vor dem hohen Zuckerkonsum durch süße Getränke, der eine zentrale Rolle bei dieser Entwicklung spielt.

Jedes sechste Kind in Deutschland ist übergewichtig

Nach Angaben der Stiftung bringt fast jedes sechste Kind hierzulande zu viel auf die Waage. Rund 5,9 Prozent der Kinder und Jugendlichen gelten sogar als adipös – also krankhaft fettleibig. Eine der Hauptursachen: zuckerhaltige Getränke wie Limonade, Cola, gesüßter Tee, Fruchtsäfte und Schorlen.

Laut einer Marktstudie von Foodwatch, auf die sich die Stiftung bezieht, konsumiert in Deutschland fast jedes sechste Kind ein- bis dreimal täglich ein zuckerhaltiges Getränk. Vier Prozent trinken sogar viermal täglich Limo, Cola oder andere gezuckerte Flüssigkeiten.

Zucker in flüssiger Form – ein unterschätztes Risiko

Die Stiftung Kindergesundheit macht deutlich: Der Zusammenhang zwischen dem Konsum süßer Getränke und der Gewichtszunahme ist wissenschaftlich belegt. „Eine Analyse von elf internationalen Studien kommt zu dem Ergebnis, dass ein regelmäßiger Konsum zuckerhaltiger Getränke für etwa ein Fünftel des Risikos der Fettleibigkeit im Kindes– und Jugendalter verantwortlich ist“, betont Professor Dr. Dr. Berthold Koletzko, Kinder- und Jugendarzt sowie Vorsitzender der Stiftung.

Auch der durchschnittliche Zuckergehalt der Getränke spricht für sich: 7,3 Prozent Zucker pro 250 ml – das entspricht etwa sechs Würfeln Zucker pro Glas. Zucker wirkt dabei nicht nur auf das Gewicht, sondern erhöht auch das Risiko für Typ-2-Diabetes und Karies.

Appell an die Politik: Zuckersteuer auch in Deutschland?

Angesichts der hohen Gesundheitskosten – rund 1,8 Milliarden Euro jährlich für übergewichtige Kinder und Jugendliche in Deutschland – fordert die Stiftung ein stärkeres politisches Engagement. Eine Sonderabgabe auf gezuckerte Getränke, wie sie international bereits erprobt wird, könnte auch hierzulande Anreize für eine gesündere Getränkeauswahl schaffen.

„Wir hoffen sehr auf die Bereitschaft der Politik zu konsequenten Maßnahmen“, so Professor Koletzko. „Die Lasten des kindlichen Übergewichts sind enorm – medizinisch, sozial und wirtschaftlich.“

Was Eltern tun können: Wasser fördern, Regeln setzen

Neben politischen Maßnahmen sieht die Stiftung aber auch Eltern in der Verantwortung. In ihrer Mitteilung gibt sie praktische Tipps für den Alltag:

  • Kinder sollten regelmäßig Wasser trinken – fünf bis sechs Gläser täglich.
  • Wasser sollte jederzeit verfügbar sein, etwa in einer eigenen Flasche oder Karaffe.
  • Mit Zitronenscheiben, Minze oder gefrorenen Beeren lässt sich Wasser geschmacklich aufwerten.
  • Zu jeder Mahlzeit gehört ein zuckerfreies Getränk – idealerweise Wasser.

Gezuckerte Getränke hingegen sollten Ausnahmen bleiben. In Kitas und Schulen empfiehlt die Stiftung, komplett auf süße Getränke zu verzichten.

Umgang mit Süßem: Maß und Vorbildwirkung

Auch beim Thema Süßigkeiten empfiehlt die Stiftung klare Regeln: keine Belohnung mit Schokolade, keine Vorratshaltung und keine offenen Süßigkeiten im Haus. Kinder sollten früh erfahren, dass Zucker die Zähne angreift – und dass Zähneputzen nach dem Naschen Pflicht ist.

Eltern sollten dabei mit gutem Beispiel vorangehen: Wer selbst ständig nascht, sendet widersprüchliche Signale.

Die Pressemitteilung der Stiftung Kindergesundheit ist ein Weckruf: Zuckerhaltige Getränke sind keine harmlosen Durstlöscher, sondern ein ernstzunehmender Risikofaktor für Übergewicht und Folgeerkrankungen bei Kindern. Ein Umdenken in Familien, Bildungseinrichtungen und der Politik ist dringend erforderlich.

Quelle: Giulia Roggenkamp, Pressemitteilung Stiftung Kindergesundheit




Deutschland Spitzenreiter beim Zuckerverbrauch über Erfrischungsgetränke

foodwatch fordert erneut die Einführung der Limo-Steuer

In keinem anderen großen westeuropäischen Land nehmen die Menschen so viel Zucker über gesüßte Getränke auf wie in Deutschland. Das zeigen Zahlen des Marktforschungsinstituts Euromonitor zu den zehn bevölkerungsreichsten westeuropäischen Ländern, die die Verbraucherorganisation foodwatch ausgewertet hat.

Demnach lag der Pro-Kopf-Verbrauch von Zucker über Softdrinks hierzulande im Jahr 2023 bei durchschnittlich 23 Gramm pro Tag beziehungsweise etwa 8,5 Kilogramm pro Jahr – der höchste Wert in dem Ländervergleich. Die Deutschen konsumieren sogar mehr Zucker über Getränke als über Süßwaren: Über Schokolade, Bonbons & Co. nahmen sie knapp 22 Gramm pro Tag beziehungsweise rund 7,9 Kilogramm pro Jahr auf.

Flüssiger Zucker ist besonders schädlich

„Die Zahlen belegen: Limo, Cola & Co. sind die zentrale Quelle des zu hohen Zuckerkonsums. Der flüssige Zucker ist besonders schädlich und kostet unser Gesundheitssystem Milliarden. Während mehr als 100 Länder weltweit bereits Steuern auf gezuckerte Getränke eingeführt haben, ist Deutschland weiter Entwicklungsland bei der Prävention ernährungsbedingter Krankheiten”, kritisierte Luise Molling von foodwatch. 

Limo-Steuer nach britischem Vorbild

Die Verbraucherorganisation forderte erneut die Einführung einer Limo-Steuer nach britischem Vorbild. Der Vergleich mit Großbritannien zeige den Erfolg der dort 2018 eingeführten Abgabe: War der Zuckerkonsum über Süßgetränke in den beiden Ländern vorher etwa gleich hoch, sank er in Großbritannien bereits durch die Ankündigung der Steuer drastisch und liegt nun ganze fünf Gramm pro Tag und Kopf unter dem deutschen Niveau.

Hauptursachen für die Entstehung von Adipositas und Typ-2-Diabetes

Zuckergesüßte Getränke gelten laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) als eine der Hauptursachen für die Entstehung von Adipositas und Typ-2-Diabetes. Aktuell sind schätzungsweise 8,5 Millionen Menschen in Deutschland an Typ-2-Diabetes erkrankt und etwa jeder vierte Erwachsene gilt als krankhaft übergewichtig. Allein durch Adipositas entstehen jährlich etwa 63 Milliarden Euro Folgekosten in Deutschland.

Getränkeindustrie erreicht selbstgesteckte Ziele nicht

Eine Studie der TU München belegte in diesem Jahr, dass die Getränkeindustrie ihren ohnehin wenig ambitionierten Zielen bei der Zuckerreduktion meilenweit hinterherhinkt. Zwischen 2015 und 2021 reduzierte sich der durchschnittliche Zuckergehalt in Erfrischungsgetränken lediglich um zwei Prozent, während in Großbritannien im gleichen Zeitraum durch die Limo-Steuer eine Reduktion um 29 Prozent erfolgt ist. Laut einer aktuellen Studie der Universität Cambridge sank damit auch der Zuckerkonsum bei Kindern und Erwachsenen deutlich. Wissenschaftler:innen der Universität Oxford und der TU München haben berechnet, dass eine Limo-Steuer in Deutschland hunderttausende Krankheitsfälle verhindern und bis zu 16 Milliarden Euro an Gesundheitskosten einsparen könnte.

Österreich knapp hinter Deutschland im Zuckerverbrauch

Beim Zuckerkonsum über Erfrischungsgetränke liegt Österreich mit fast 23 Gramm knapp hinter Deutschland. Dann folgen die Niederlande (22 Gramm), Belgien (18 Gramm), Großbritannien (18 Gramm), Schweden (17 Gramm), Frankreich (15 Gramm) und Spanien (13 Gramm). Die Italiener und Portugiesen nehmen am wenigsten Zucker über Softgetränke auf (9 Gramm).

Grundlage der foodwatch-Auswertung ist die Zutaten-Datenbank des Marktforschungsinstituts Euromonitor. Euromonitor berechnet Verbrauchszahlen für Inhaltsstoffe wie Zucker basierend auf Verkaufsdaten der Endprodukte und anhand der Rezepturen für die relevantesten Produkte.

Quellen und weiterführende Informationen:




Softdrink-Zahlen der Universität Cambridge: Eine Limo-Steuer wirkt

Wegen der Hersteller-Abgabe haben Pepsi, Coca-Cola & Co den Zuckergehalt in ihren Getränken gesenkt

Zu den aktuellen Forschungsdaten der Universität Cambridge zu den Auswirkungen der Limo-Steuer in Großbritannien erklärt Luise Molling von der Verbraucherorganisation foodwatch:

„Eine Limo-Steuer wirkt: Das zeigen erneut die jüngsten Daten aus Großbritannien. Wegen der dort eingeführten Hersteller-Abgabe haben Pepsi, Coca-Cola & Co den Zuckergehalt in ihren Getränken gesenkt, mit dem Ergebnis: Sowohl Erwachsene als auch Kinder und Jugendliche nehmen deutlich weniger Zucker zu sich. Und in Deutschland? Dort enthält zum Beispiel eine Fanta mit 7,6 Prozent fast doppelt so viel Zucker wie in Großbritannien – trotz freiwilliger Selbstverpflichtung der Industrie zur Zuckerreduktion. Der Realitäts-Check zeigt: Das Prinzip ‚Freiwilligkeit‘ ist krachend gescheitert. Um den Zuckerrausch in Deutschland zu stoppen und die damit verbundenen Folgeerkrankungen wirksam zu bekämpfen, muss die Ampel-Regierung die Getränkeindustrie endlich in die Pflicht nehmen und eine Limo-Steuer nach britischem Vorbild einführen. So bekommen die Hersteller einen Anreiz, ihre Getränke ausgewogener zu machen, und der viel zu hohe Zuckerkonsum in der Bevölkerung wird effektiv gesenkt. Die Regelung sollte aber neben Zucker auch Süßstoffe umfassen, da gesundheitliche Risiken durch Aspartam, Sucralose & Co. nicht auszuschließen sind.“

11 Gramm weniger Zucker am Tag

Laut einer aktuellen Studie des Instituts für Stoffwechsel-Fragen der Universität Cambridge ist in dem Jahr nach Einführung der Limo-Steuer 2018 der Zuckerkonsum bei Kindern um rund fünf Gramm pro Tag, bei Erwachsenen sogar um elf Gramm pro Tag gesunken. Jeweils rund die Hälfte wurde demnach bei Zuckergetränken eingespart.

Folgekosten von mehr als 60 Milliarden Euro

Zuckrige Getränke gelten laut Weltgesundheitsorganisation als wesentliche Treiber für Adipositas und damit verbundene Krankheiten wie Typ-2-Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Das Leid der Betroffenen ist groß – und die wirtschaftlichen Folgekosten allein für Adipositas belaufen sich jährlich auf mehr als 60 Milliarden Euro.

Limo-Steuer bereits in mehr als 100 Ländern

Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt eine Sondersteuer von mindestens 20 Prozent auf zuckerhaltige Getränke, um den Zuckerkonsum der Bevölkerung mitsamt seiner gesundheitsschädlichen Folgen zu reduzieren. Neben Großbritannien haben weltweit bereits über 100 Länder eine Steuer auf Zuckergetränke eingeführt. Deutschland setzt indes ausschließlich auf eine freiwillige Selbstverpflichtung zur Reduktion des Zuckergehalts in den Getränken.

Freiwillige Reduktionsstrategie in Deutschland kaum wirksam

Während die Industrie die Reduktionsstrategie aus dem Jahr 2018 als Erfolg verbucht, sind die Zahlen mehr als ernüchternd. Eine Studie der TU München zeigt, dass der Zuckergehalt in deutschen Getränken zwischen 2015 und 2021 lediglich um zwei Prozent gesunken ist – während in Großbritannien dank der nach Zuckergehalt gestaffelten Abgabe im gleichen Zeitraum eine Reduktion um rund 30 Prozent erreicht werden konnte. Zuckergetränke mit Kinderoptik sind hierzulande laut Daten des Max-Rubner-Instituts teilweise sogar noch zuckriger geworden. Seit 2019 ist das obere Viertel der Zuckergehalte von 7,4 g/100ml auf 8,4 g/100ml gestiegen. Das entspricht umgerechnet fast sechs Zuckerwürfeln in einem üblichen 200ml-Trinkglas.

Quellen und weiterführende Informationen:

Pressemitteilung foodwatch




Fruchtriegel für Kinder: Fast so viel Zucker wie in Schokoriegeln

Öko-Test hat in zwölf gestesteten Riegeln durchschnittlich 42,6 Gramm Zucker pro 100 Gramm festgestellt

Öko-Test hat zwölf Fruchtriegel für Kinder getestet. Aus Sicht der Verbraucherschützer enthalten alle getesteten Produkte zu viel Zucker. Viele Anbieter werben trotzdem mit Aussagen, die laut Öko-Test suggerieren, dass die Fruchtriegel gut für Kinder seien. In den Testprodukten sind durchschnittlich 42,6 Gramm Zucker pro 100 Gramm deklariert. Zum Vergleich: In 100 Gramm Schokoriegeln stecken im Schnitt 50 Gramm Zucker. „Von einem idealen Snack kann hier nicht die Rede sein, eher von kleinen Zuckerbomben. Da helfen auch bunte Tiergesichter und Obstbilder auf den Verpackungen nicht – und Slogans wie ‚idealer Snack für zwischendurch‘ sind aus unserer Sicht verwirrend“, sagt Lebensmittelchemikerin und Öko-Test-Projektleiterin Lisa-Marie Karl.

Deutlich mehr Zucker als von der WHO empfohlen

Öko-Test hat bereits im vergangenen Jahr in einem Test die Zuckergehalte in verschiedenen Kinderlebensmitteln unter die Lupe genommen – darunter Quetschies, Cerealien und Babykekse. Die Verbraucherschützer bemängeln Auslobungen wie „ohne Zuckerzusatz“ oder „Süße nur aus Früchten“, die sich auch bei einigen Fruchtriegeln im aktuellen Test wiederfinden. Auch wenn dem Riegel kein Zucker zugesetzt wird, sind beispielsweise die Zutaten Apfelsaftkonzentrat oder getrocknete Bananen für hohe Zuckergehalte verantwortlich. Das Problem laut der Verbraucherschützer: Zucker bleibt Zucker, auch wenn es sich um Fruchtzucker handelt. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) rät, dass die tägliche Menge für ein- bis dreijährige Kinder mit einem angenommenen Energiebedarf von 1200 Kilokalorien täglich 30, besser noch 15 Gramm Zucker, nicht übersteigen sollte. Die Fruchtriegel im Test schöpfen das mit durchschnittlich zehn Gramm schon zu mehr als der Hälfte aus.

Zum Teil auch Schimmelpilzgifte und Schwermetalle

Punktabzug gibt es nicht nur für Zucker in den Testprodukten: Bei einigen Fruchtriegeln wies das beauftragte Labor auch Schimmelpilzgifte oder Schwermetalle nach. Der Bebivita Fruchtriegel Apfel-Banane fällt mit „ungenügend“ durch – unter anderem wegen einer aus Öko-Test-Sicht erhöhten Menge an potenziell nervenschädlichem Blei und zugesetztem Eisen. Am zweitschlechtesten schneidet mit „mangelhaft“ der Genuss Plus Kids Apfel Mango von Rossmann ab. Das beauftragte Labor hat darin die Schimmelpilzgifte T-2/HT-2 in aus Öko-Test-Sicht erhöhter Konzentration nachgewiesen.

Weitere Informationen und den aktuellen Test finden Sie in der Maiausgabe des Öko-Test-Magazins oder unter: oekotest.de/14575 

Quelle: Pressemitteilung Öko-Test




Zugesetzter Zucker mitverantwortlich für Nierensteine

Mehr als 25 Prozent der Energiezufuhr erhöhen Risiko laut chinesischer Studie um 88 Prozent

Der erhöhte Konsum von zugesetztem Zucker, Fettleibigkeit und das männliche Geschlecht sollten in die Liste der bekannten Risikofaktoren für Nierensteine hinzugefügt werden. Das fordern chinesische Forscher des Affiliated Hospital of North Sichuan Medical College in ihrer aktuellen Studie. Zwischen sieben und 15 Prozent der Menschen in Nordamerika, zwischen fünf und neun Prozent der Menschen in Europa und zwischen einem und fünf Prozent der Bürger in Asien leiden an Nierensteinen. Diese wirken sich jedoch nicht nur negative auf die Lebensqualität aus. Sie können langfristig auch zu Infektionen, einem Anschwellen der Nieren und sogar einer Niereninsuffizienz führen.

Verarbeitete Lebensmittel

Zugesetzte Zucker sind in vielen verarbeiteten Lebensmitteln enthalten. Besonders reichlich finden sie sich jedoch in gesüßten Limonaden, Fruchtgetränken, Süßigkeiten, Eis, Kuchen und Keksen. Die Erhebung unter der Leitung von Shan Yin kommt zu dem Schluss, dass ein Einschränken der Aufnahme von Zucker dabei helfen könnte, die Entstehung von Nierensteinen zu verhindern.

Für die aktuelle Studie haben die Forscher die epidemiologischen Daten von 28.303 erwachsenen Frauen und Männern analysiert. Sie wurden zwischen 2007 und 2018 im Rahmen der US National Health and Nutrition Examination Survey gesammelt. Dabei machten die Teilnehmer auch Angaben dazu, ob sie bereits eine Vorgeschichte mit Nierensteinen hatten. Bei jeder Person wurde die tägliche Aufnahme von zugesetztem Zucker entsprechend ihrer Erinnerung der am kürzesten zurückliegenden Aufnahme geschätzt.

Diese Infos sammelten die Experten zum einen mittels persönlichen Interviews und zwischen drei und zehn Tagen später mittels eines Telefon-Interviews. Gefragt wurde unter anderem danach, ob Sirup, Honig, Dextrose, Fruktose oder reiner Zucker in den vergangenen 24 Stunden konsumiert worden war. Jeder Teilnehmer erhielt auch einen sogenannten „Healthy Eating Index Score“ (HEI-2015). Dieser bewertet ihre Ernährung in Hinblick auf die ausreichende Aufnahme von vorteilhaften Bestandteilen wie Obst, Gemüse und Vollkorn sowie die Mäßigung bei möglicherweise schädlichen Lebensmitteln wie raffiniertem Getreide, Natrium und gesättigten Fetten.

Zuckermenge steuert Risiko

Zu Beginn der Studie traten bei Teilnehmern, die mehr zusätzlichen Zucker zu sich nahmen, häufiger Nierensteine auf. Ihr HEI-Wert war niedriger und auch ihr Bildungsgrad. Insgesamt lag die mittlere Aufnahme von zusätzlichen Zuckern bei 272,1 Kalorien pro Tag. Das entspricht 13,2 Prozent der gesamten täglichen Energiezufuhr. In der Folge konnten die Forscher einen eindeutigen und konsistenten Zusammenhang zwischen dem Konsum von zusätzlichem Zucker und Nierensteinen nachweisen.

Bei Teilnehmern, deren Aufnahme von zusätzlichem Zucker zu den 25 höchsten Prozenten der Bevölkerung gehörte, war während der Laufzeit der Studie die Wahrscheinlichkeit des Auftretens von Nierensteinen um 39 Prozent höher. Teilnehmer, die mehr als 25 Prozent ihrer gesamten Energiezufuhr über zugesetzten Zucker abdeckten, hatten eine um 88 Prozent höhere Wahrscheinlichkeit einer Erkrankung als jene Personen, bei denen dieser Wert nur bei fünf Prozent lag. Details wurden in „Frontiers in Nutrition“ veröffentlicht.

Quelle: Moritz Bergmann/pressetext.redaktion




Zu viel Zucker, Fett und Salz in Kinderprodukten

Bundesernährungsminister Cem Özdemir stellt wissenschaftliches Produktmonitoring vor

In Fertigprodukten stecken noch immer zu viel Zucker, Fette und Salz. Dies gilt auch für Produkte mit Kinderoptik, die teilweise sogar mehr Zucker oder Fett enthalten als vergleichbare Produkte ohne Kinderoptik. Das ist das Ergebnis eines Sonderberichts zu Produkten mit Kinderoptik auf Grundlage der unabhängigen, wissenschaftlichen Untersuchungen des Max-Rubner-Instituts (MRI) der letzten Jahre sowie des Produktmonitorings 2022 für das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL), für das rund 7.000 Produkte untersucht wurden.

Wie das Produktmonitoring aus dem Herbst 2022 zeigt, sind die Zuckergehalte trotz Reduktionen bei bestimmten Lebensmitteln in gesüßten Milchprodukten, Frühstückscerealien und Erfrischungsgetränken sowie die Salz- und Fettgehalte in Suppen, Eintöpfen und Instantgerichten weiterhin hoch. Mit einem wissenschaftlichen Produktmonitoring dokumentiert das MRI regelmäßig die Veränderungen der Energie- und Nährstoffgehalte in den relevanten Lebensmittelgruppen und überprüft damit die Reduktionsbemühungen der Lebensmittelwirtschaft.

Zuckergehalt hat sich in den vergangenen fünf Jahren kaum verändert

Wie die vertiefte Auswertung des Zuckergehalts von gesüßten Erfrischungsgetränken mit Kinderoptik zeigt, hat sich in den vergangenen fünf Jahren kaum etwas verändert. Im Gegenteil: Die besonders zuckerhaltigen Kindergetränke sind sogar noch zuckriger geworden. Seit 2019 ist das obere Viertel der Zuckergehalte von 7,4 g/100ml auf 8,4 g/100ml gestiegen. Das entspricht umgerechnet fast sechs Zuckerwürfeln in einem üblichen 200ml-Trinkglas.

Frühstückscerealien für Kinder enthalten mit 17 g Zucker pro 100 g im Durchschnitt sogar mehr Zucker als der Durchschnitt aller Frühstückscerealien (14,7g/100g). So entspricht der durchschnittliche Zuckergehalt von Flakes mit Kinderoptik beispielsweise mehr als vier Zuckerwürfeln in 100 g. Die Daten des Max Rubner-Instituts zeigen darüber hinaus, dass deutlich weniger als die Hälfte der einbezogenen Produkte mit Kinderoptik die Kriterien des aktuellen Nährwertprofil-Modells der Weltgesundheitsorganisation erfüllen.

„Jedes Kind in Deutschland soll die Chance haben, gesund aufzuwachsen“

Dazu sagt Bundesernährungsminister Cem Özdemir: „Egal ob gesüßte Erfrischungsgetränke oder Frühstücksflocken: Der Zuckergehalt in Lebensmitteln für Kinder ist immer noch zu hoch. Bei den Getränken ist er sogar teilweise gestiegen. Gerade in den Flakes mit lustiger und bunter Kinderoptik steckt oft mehr Zucker als in vergleichbaren Produkten für Erwachsene. Und leider ist es auch so, dass die Produkte, die besonders viel Zucker, Fette und Salz enthalten, uns oftmals besonders gut schmecken – und auch dazu verleiten, mehr davon zu essen, als es gut für uns ist. Jedes Kind in Deutschland soll die Chance haben, gesund aufzuwachsen – und zwar unabhängig von dem Einkommen der Eltern, der Bildung oder der Herkunft. Deshalb kämpfe ich für einen besseren Kinderschutz und gute Ernährung. Gerade im Kindesalter wird das Ernährungsverhalten entscheidend für das weitere Leben geprägt.“

Prof. Pablo Steinberg, Präsident des Max Rubner-Instituts, ergänzt: „Von Beginn an stehen beim Produktmonitoring die Lebensmittel mit Kinderoptik im Fokus. Dies ist uns deshalb so wichtig, weil schon bei den Jüngsten durch ungünstige Ernährung die Grundlage für spätere ernährungsmitbedingte Erkrankungen gelegt wird.“

Sogar mehr Energie, Zucker oder Fett als in vergleichbaren Produkte

Für eine breite Datengrundlage zu an Kinder gerichteten Produkten wurden für eine Sonderauswertung auch frühere Erhebungen des Monitorings anderer Produktgruppen mit Kinderoptik erfasst. Hier zeigt sich, dass die erzielten Veränderungen bei den Energie- und Nährstoffgehalten bisher noch nicht ausreichen, um zu einer deutlichen Reduktion der durchschnittlichen Zucker-, Fett-, Salz- und Energieaufnahme bei Kindern beizutragen. In folgenden Fällen enthielten Produkte mit Kinderoptik sogar mehr Energie, Zucker oder Fett als vergleichbare Produkte ohne Kinderoptik bzw. die Gesamtstichprobe:

  • Kinder-Frühstückscerealien: Höherer medianer Zuckergehalt bei bestimmten Flakes und Knuspererzeugnissen (2022)
  • Kinder-Waffelgebäck: höchster medianer Fettgehalt (2021)
  • Müsliriegel für Kinder: Höherer medianer Zuckergehalt als bei allen anderen Müsliriegeln (2020)
  • Nudelsoßen für Kinder: höchster medianer Zuckergehalt unter den Nudelsoßen (2021)
  • panierte, vorgegarte Geflügelprodukte mit Kinderoptik: höherer medianer Energie- und Fettgehalt als bei den meisten vergleichbaren Produkten (2020)
  • Kinder-Salami: höherer medianer Energie- und Fettgehalt als bei allen anderen (außer Snack-Salami) (2020)
  • Reguläre Erfrischungsgetränke mit Kinderoptik: Höherer medianer Zuckergehalt als bei vergleichbaren Produkten (2022)

BundesernährungsministerCem Özdemir: „Fertigprodukte für Kinder und Erwachsene müssen gesünder werden. Wer viel davon isst, erhöht sein Risiko für schwerwiegende Folgen wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes Typ 2 oder Adipositas. Die Unternehmen haben es selbst in der Hand, Rezepturen zu verbessern. Mir ist wichtig, dass nun zügig wissenschaftlich fundierte Reduktionziele entwickelt werden.“

Wie hoch die Reduktionsziele in den einzelnen Lebensmittelgruppen ausfallen können, soll auf der Grundlage eines vom Max Rubner-Institut koordinierten Beteiligungsprozesses ermittelt werden. Hier soll zunächst mit Expertinnen und Experten aus der Wissenschaft eine Methodik zur Ableitung von wissenschaftlich fundierten und auf Zielgruppen abgestimmten Reduktionszielen entwickelt werden. Anschließend werden möglichst konkrete Reduktionsziele erarbeitet.

Die Zusammenfassung des Sonderberichts zu Produkten mit Kinderoptik sowie Informationen zur Nationalen Reduktions- und Innovationsstrategie für Zucker, Fette und Salz in Fertigprodukten finden Sie hier.

Alle Ergebnisse des Produktmonitorings finden Sie detailliert unter diesem Link.




Zucker in Kinderlebensmitteln

zucker

ÖKO-Test: Dreiste Werbung auf viel zu süßen Kinderlebensmitteln

ÖKO-TEST hat 40 Kinderlebensmittel unter die Lupe genommen und hat Anlass zu scharfer Kritik: Viele Babybreie, Cerealien oder Milchprodukte werben mit bunten Comicfiguren und machen auf gesund. Dabei enthalten die meisten Produkte viel zu viel Zucker. Negativer Spitzenreiter im Test: die Kellogg’s Frosties mit 37 Prozent Zucker.

Immer mehr Kinder leiden an Übergewicht und Krankheiten wie Typ-2-Diabetes.

Das nimmt ÖKO-TEST zum Anlass, den Zuckergehalt in Kinderlebensmitteln sowie die Werbung auf den Verpackungen zu bewerten. Im Test: Babybreie, Quetschies, Baby- und Kinderkekse, Cerealien, Ketchups und Tomatensaucen sowie Milchprodukte. Fast alle Produkte sind für Eltern und Kinder besonders ansprechend gestaltet und vermitteln den Eindruck, speziell auf die Bedürfnisse der Kleinen zugeschnitten zu sein. Das Ergebnis zeigt, dass die Aufmachung täuscht: In 29 von 40 Produkten ist der Zuckergehalt aus ÖKO-TEST-Sicht „zu hoch“. Auf insgesamt 33 Produkten bewertet ÖKO-TEST die Werbung als „problematisch“. 

Häufig tricksen die Hersteller auf Kosten der Kinder.

Aussagen wie „weniger Zucker“, „ohne Zuckerzusatz“, „Süße nur aus Früchten“ oder „mit viel guter Milch“ sind aus Sicht der Verbraucherschützer angesichts der hohen Zuckergehalte völlig unangebracht. „Viele der getesteten Produkte sind alles andere als gesund, auch wenn etwas anderes suggeriert wird. Dass die Industrie Kinder in der Werbung mit kindgerecht gestalteten Zuckerbomben ansprechen darf – damit muss endlich Schluss sein“, sagt ÖKO-TEST Chefredakteurin Kerstin Scheidecker.

Die Frankfurter Verbraucherschützer orientieren sich bei ihrer Bewertung am Nährwertprofil-Modell der WHO-Europa, das unter anderem Zucker-Höchstgehalte für verschiedene Lebensmittelgruppen vorsieht und Kindermarketing im Falle einer Überschreitung missbilligt. Für Frühstückscerealien liegt die WHO-Kinder-Werbegrenze bei 15 Milligramm pro 100 Gramm. 

Die Kellogg’s Frosties mit dem freundlichen Tiger enthalten mehr als das Doppelte und damit mehr Zucker als alle anderen Testprodukte: 37 Gramm Zucker pro 100 Gramm Cerealien. Mit einer 40-Gramm-Portion Frosties haben Kinder zwischen 1 und 3 Jahren bereits 99 Prozent der Zuckermenge zu sich genommen, die die WHO für den ganzen Tag toleriert. Es geht aber auch anders: Das Dm Bio Knuspermüsli für Kinder enthält 8,5 Gramm Zucker pro 100 Gramm, was pro Portion 23 Prozent der täglich tolerierten Zuckermenge entspricht – „in Ordnung“ lautet hier das ÖKO-TEST-Urteil.

Eltern unterschätzen den Zuckergehalt

 Eine Studie des Max-Planck-Instituts von 2018 zeigt, dass Eltern den Zuckergehalt in den Lebensmitteln ihrer Kinder massiv unterschätzen. Laut der DONALD-Studie des Forschungsinstituts für Kinderernährung (FKE) decken sechs- bis zehnjährige Kinder ihre Energiezufuhr zu mehr als 17 Prozent über zugesetzten Zucker – höchstens zehn Prozent sind eigentlich empfohlen. Bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen ist es sogar noch mehr. Die Folge: 15 Prozent der Kinder und Jugendlichen in Deutschland gelten heute als übergewichtig, sechs Prozent sogar als fettleibig. 

Alle getesteten Kinderlebensmittel und weitere Informationen finden Sie in der Märzausgabe des ÖKO-TEST Magazins und auf der Website oekotest.de/13567