Ein schüchternes Gespenst auf der Suche nach Freundschaft

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Flavia Zorilla Drago: Gustavo, das scheue Gespenst

Passend zur Jahreszeit soll es diesmal um eine Geistergeschichte gehen. Und weil bei uns Kinder im Mittelpunkt stehen – in diesem Fall die jüngeren –, handelt es sich um ein Bilderbuch mit einem kleinen Gespenst. Nein, nicht um das von Otfried Preußler, das eigentlich jedes Kind einmal kennenlernen sollte, sondern um Gustavo von Flavia Zorilla Drago.

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Gustavo liebt die einfachen Dinge des Geisterlebens: durch Wände gehen, Gegenstände schweben lassen, im Dunkeln leuchten und Geige spielen. Doch eines fällt dem kleinen Gespenst ausgesprochen schwer: Er ist furchtbar schüchtern und traut sich einfach nicht, die anderen Monster anzusprechen. Dabei möchte er doch so gerne dazugehören.

Ob und wie ihm das gelingt, erzählt Drago mit viel Witz, Einfühlungsvermögen und wunderschönen Illustrationen.

Die gebürtige Mexikanerin beschäftigt sich seit Langem mit der Geisterwelt. Mit ihren fantasievollen, leicht schaurigen Bilderbüchern erlangte sie internationale Anerkennung. 2025 widmete sie sich dem Thema sogar in ihrer Doktorarbeit über die Gestaltung von Bilderbüchern mit Horrorelementen.

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Drago versteht also etwas von ihrem Genre. Gustavo war ihr erstes selbst geschriebenes und illustriertes Bilderbuch. Geschichten über eine kleine Hexe und einen Vampir folgten.

Auch in Gustavo klingt die mexikanische Tradition des Día de los Muertos, des Tages der Toten, an. In dieser Tradition ist der Tod kein endgültiger Abschied, sondern Teil des Lebens. Die Verstorbenen bleiben durch Liebe und Erinnerung mit den Lebenden verbunden. Das farbenfrohe Fest feiert diese Verbundenheit und die symbolische Wiederbegegnung mit den Verstorbenen.

Diese besondere Stimmung vermitteln bereits der aufwendig gestaltete Buchumschlag und die Vorsatzseiten. Sie prägt aber auch die humorvolle Geschichte, mit der Drago ihre jungen Leserinnen und Leser in eine Welt voller Geister und Monster entführt.

Bei aller Farbenpracht und allem Witz verliert sie dabei ihren zarten Gustavo nie aus dem Blick. Seine Schüchternheit, seine Sehnsucht nach Freundschaft und seine Schwierigkeiten, auf andere zuzugehen, dürften vielen Kindern vertraut sein. So bietet das Buch auch wunderbare Gesprächsanlässe über Freundschaft, Unsicherheit und den Mut, den es manchmal braucht, um auf andere zuzugehen.

Flavia Zorilla Drago ist damit ein in vielerlei Hinsicht bemerkenswertes und wunderschön gestaltetes Bilderbuch gelungen, das nicht nur die dunkle Jahreszeit ein wenig heller macht.

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Gustavo, das scheue Gespenst
Flavia Z. Drago (Autor, Illustrator),
Ulrich Störiko-Blume (Übersetzer)
Von Hacht Verlag GmbH
40 Seiten
ISBN‏ : ‎ 978-3968260259
Ab 3 Jahren
17,00€




Zwei Kita-Fortbildungen: Grenzen setzen und Werte vermitteln

Zwei Online-Seminare mit Thomas Rupf und Armin Krenz zeigen, wie pädagogische Fachkräfte Grenzen setzen und Kindern wichtige Werte vermitteln

Pädagogische Fachkräfte stehen täglich vor vielfältigen Herausforderungen. Hohe Erwartungen von Eltern, zunehmende Arbeitsbelastung und Personalmangel erschweren es häufig, den eigenen pädagogischen Ansprüchen gerecht zu werden. Zwei Online-Fortbildungen der BildungsBeratung Ankum bieten im November praxisnahe Anregungen, um den Berufsalltag bewusster und professioneller zu gestalten.

Professionelle Abgrenzung: Auch Nein sagen gehört zum Beruf

Am 11. November 2026 von 9 bis etwa 12 Uhr beschäftigt sich Dipl.-Päd. Thomas Rupf im Webinar „Könnte ich mich doch bloß mal besser abgrenzen“ mit der Frage, wie pädagogische Fachkräfte ihre eigenen Grenzen erkennen und gegenüber Eltern und anderen Beteiligten angemessen vertreten können.

Dabei geht es um typische Konfliktsituationen aus dem Kita-Alltag: Müssen kranke Kinder aufgenommen werden? Dürfen Fachkräfte die Medikamentengabe ablehnen? Wie reagiert man, wenn Eltern ihr Kind verspätet abholen oder mitten im Stuhlkreis bringen?

Rupf zeigt Strategien auf, mit denen sich Fachkräfte aus Rechtfertigungszwängen lösen, Verantwortlichkeiten klären und ihre professionelle Handlungsfähigkeit bewahren können.

Wie Kinder Werte erfahren: Pädagogische Haltung im Mittelpunkt

Am 16. November 2026, ebenfalls von 9 bis etwa 12 Uhr, widmet sich Prof. Dr. Armin Krenz dem Thema „Wie Kinder Werte erfahren – Gelebte Werte und ihre besondere Bedeutung für den Weg ins Leben“.

Im Mittelpunkt steht die Frage, wie Kinder grundlegende Werte wie Achtsamkeit, Respekt, Empathie und Vertrauen entwickeln können. Entscheidend ist dabei nicht allein, über Werte zu sprechen. Kinder müssen sie im täglichen Zusammenleben erfahren können.

Krenz beleuchtet die Bedeutung einer kindzentrierten Pädagogik, einer reflektierten professionellen Haltung und einer tragfähigen Beziehungsarbeit. Darüber hinaus gibt er Anregungen für die Zusammenarbeit im Team und den Umgang mit Belastungen und ständig neuen Anforderungen.

Teilnahme und Anmeldung

Beide Webinare richten sich an Erzieherinnen und Erzieher, Lehrkräfte, Kindertagespflegepersonen sowie Fachkräfte aus der Jugendarbeit und weiteren pädagogischen Arbeitsfeldern. Auch eine gemeinsame Teilnahme als Team ist möglich.

Die Veranstaltungen finden online über Zoom statt und kosten jeweils 67 Euro pro Person. Nach der Teilnahme erhalten die Teilnehmenden eine Bescheinigung über vier Unterrichtseinheiten.

Veranstalter und Ansprechpartner für die Anmeldung ist die BildungsBeratung Ankum, E. G. Ginten. Interessierte können sich für weitere Informationen und die Anmeldung direkt an den Veranstalter wenden: https://bb-ankum.de/




Ausgezeichnet von spiel gut: Dusy-Schrauber-Set

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Dusy-Schrauber-Set – Kreatives Bauen mit Karton

Alte Kartons waren schon immer ein beliebtes Bau- und Spielmaterial. Schwierig war und ist jedoch das Verbinden der einzelnen Teile. Objekte mit schrägen Bauteilen, wie beispielsweise Hausdächer, ließen sich oft nur mit Unterstützung von Erwachsenen und viel Klebeband realisieren.

Für dieses Problem hat die Firma Dusyma eine patente Lösung entwickelt: Die Kartonteile werden mithilfe von Kunststoffdübeln miteinander verbunden. Dazu gibt es einen Schrauber mit Bithalter und einen Bohraufsatz. Der Dübel wird auf den Schrauber aufgesetzt und anschließend in die Kartonteile eingeschraubt. Auf diese Weise lassen sich auch mehrere Kartonschichten miteinander verbinden. Die Verbindung ist sehr stabil. Nach dem Spielen kann der Dübel wieder herausgeschraubt und erneut verwendet werden. Mit dem Set sind sowohl Bohren als auch Schrauben möglich.

Das Schrauber-Set wurde zwar für Kindergärten konzipiert, eignet sich aber auch für Kinder, die zu Hause gerne schrauben und bohren. Eltern können das Set mit anderen Familien teilen oder austauschen, wenn das Thema Bauen, Schrauben und Bohren gerade nicht aktuell ist.

Material und Lieferumfang: Schrauber mit Bithalter aus Buche und Metall (18 × 10 cm), ein Bohraufsatz aus Metall sowie 100 Gipskartondübel (2,5 cm). Das Set wird in einem Baumwollbeutel geliefert. Dübel und Schrauber sind auch separat erhältlich.

Das Schrauber-Set bietet Kindern die Möglichkeit, sich handwerklich zu betätigen und dabei stabile, langlebige Bauwerke zu schaffen. Idee, Material und Umsetzung überzeugen auf ganzer Linie. Damit hat sich das Set die spiel gut-Auszeichnung verdient.

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Dusy-Schrauber-Set
Preis: 35 €
Alter: Ab 4 Jahren
Marke: Dusyma
Hersteller: Dusyma Kindergartenbedarf GmbH




Selbstfürsorge sorgt für neue Kraft im Alltag

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Zwölf Fragen zur Reflexion, um Selbst(be)achtung und Selbstwertgefühl zu finden

Um als ErzieherIn die alltäglichen und vielfältigen Herausforderungen in einer Kindertagesstätte so gut wie möglich zu meistern, bedarf es nicht nur immer wieder einer Projektplanung, einem immer wieder vorhandenen Interesse, die Stärken der einzelnen Kinder zu sehen, ihre Aufmerksamkeit durch Beziehungsangebote zu erreichen, sich im Kollegium auszutauschen, Beobachtungsbögen für Entwicklungsberichte zu schreiben, fachkompetente Gespräche mit Eltern zu führen usw. sondern auch einer steten Berücksichtigung der eigenen Person, um den vielfältigen fachlichen und persönlichen Anforderungen/Ansprüchen gerecht werden zu können.

Dr. Janusz Korczak, einer der bekanntesten humanistisch orientierten Pädagogen des vergangenen Jahrhunderts, drückte es einmal so aus:

Du kannst den anderen nur soweit bringen, wie Du selbst gekommen bist.

Damit ergibt sich die Notwendigkeit, neben den reichhaltigen Kommunikations- und Interaktionsaktivitäten immer wieder den inneren Dialog mit sich selbst zu suchen, um für eine eigene, gut und reichhaltig vorhandene >Psychohygiene< zu sorgen, um den >Selbstwert< aufrechtzuerhalten, bei Bedarf zu stabilisieren oder auszubauen bzw. neu zu organisieren.

Zum inneren Dialog finden

Denn nichts ist letztlich anstrengender, als mit einer seelisch-körperlichen Belastung aufzuwachen und damit den Tag zu beginnen, sich mit einer gefühlten Schwere an bevorstehende Aufgaben zu begeben, sich in Routinekreisläufen zu bewegen, ohne Innovationsperspektiven zu entdecken. Oder mit der Zeit Verhaltensmerkmale bei sich selbst zu entdecken, die auf einer Unzufriedenheit bis hin zu einer Entwicklung in Richtung eines Burnouts hinweisen (könnten).

Nein, wir brauchen nicht mehr Schlaf. Es sind unsere Seelen, die müde sind, nicht unser Körper. Wir brauchen Natur, wir brauchen Magie. Wir brauchen Abenteuer. Wir brauchen Freiheit. Wir brauchen Ruhe. Wir brauchen nicht mehr Schlaf, wir müssen aufwachen und leben.

Michael McMillan

Selbs(be)achtung für ein starkes Selbstwertgefühl

Der Selbstwert, die bewusste Selbst(be)achtung und damit auch ein starkes Selbstwertgefühl sorgen für viele, unterschiedliche personale Qualitäten wie beispielsweise eine vorhandene Möglichkeit, auch nach anstrengenden Tätigkeiten zur Ruhe kommen und abschalten zu können, neue Kräfte zu sammeln, wahrnehmungsoffener zu werden, persönliche Kränkungen nicht zu einer Dauerbelastung werden zu lassen, Misserfolge in Perspektivüberlegungen umzudeuten, Arbeitsfreude wiederzufinden, aus Routinen ausbrechen zu können oder für genussvolle Erlebnismomente zu sorgen, die vielleicht im Laufe der Zeit verlorengegangen sind. 

Insofern ist es immer hilfreich, sich selbst Fragen zu stellen, die darauf ausgerichtet sind, sorgsam zu reflektieren, wie es um die eigene SELBSTFÜRSORGE steht. Dazu finden Sie im folgenden Teil einige Reflexionskarten, die Ihnen helfen können, den Kreislauf einer „Abwärtsspirale“ zu unterbrechen. Selbstfürsorge gehört zu einem professionell gestalteten Berufsverständnis dazu, wird aber in der Hektik des Alltags allzu oft übersehen bzw. beiseitegeschoben. Es lohnt sich durchaus, den Fragen und Hinweisen einmal nachzugehen

Reflexionskarten:

Ausgangssituation: Wenn zu viele unterschiedliche Gedanken in meinem Kopf umherschwirren, entsteht in mir ein Gedankenchaos. Ein erster Lösungsschritt Ordnen Sie Ihre Gedanken und überlegen Sie, welche Gedanken zu welchen Lösungsschritten führen können, um unerledigte Dinge aufzugreifen und schließlich abhaken zu können. Ausgangssituation: Viele Menschen tragen perfektionistische Ansprüche mit sich herum und sind erst dann zufrieden, wenn diese auch perfekt erfüllt wurden. Ein erster Lösungsschritt: Begeben Sie sich einmal auf die Suche, woher dieser Perfektionsanspruch kommt und versuchen Sie in nicht ganz so wesentlichen Aufgaben, hohe Perfektionsansprüche zu senken.
Ausgangssituation: Durch die Fülle der alltäglichen Arbeitsanforderungen geschieht es nicht selten, dass persönliche Vorhaben und Wünsche viel zu kurz kommen und vollkommen zurückgestellt werden. Ein erster Lösungsschritt: Versuchen Sie einmal, an jedem Tag eine bestimmte Zeitspanne ganz für sich persönlich einzuräumen, in der Sie sich etwas Gutes tun, was Sie genießen und worüber Sie sich freuen können. Ausgangssituation: Arbeitsroutinen sorgen im Alltag dafür, dass man selbst brachliegende Fähigkeiten gar nicht mehr wahrnimmt und schließlich kaum noch entdecken kann, was die eigene Unzufriedenheit wachsen lässt. Ein erster Lösungsschritt: Schauen Sie einmal in Ihren Kompetenzenrucksack und versuchen Sie dabei einmal, bisher nicht genutzte Fähigkeiten/ Wünsche zu entdecken, um etwas Neues aufzugreifen.  
Ausgangssituation: Es gibt kaum eine bessere Möglichkeit abzuschalten und zu entspannen als sich in der Natur aufzuhalten und die vielfältigen, ungezählten Natureindrücke aufzunehmen. Doch eigene Bequemlichkeiten halten uns nicht selten von Naturerlebnissen ab. Ein erster Lösungsschritt: Räumen Sie in ihrer Arbeitswoche, wenn möglich, ein oder zwei >Naturerlebnisspaziergänge< ein, um die Seele baumeln zu lassen Ausgangssituation: Viele Menschen konzentrieren Ihre Wahrnehmung bei Problemen immer wieder auf das, was nicht gut ist, was nicht geklappt hat, was derzeit nicht verändert werden kann oder was wohl auch weiterhin nerven wird. Ein erster Lösungsschritt: Versuchen Sie einmal, starre Problemfixierungen in konstruktiv formulierte Lösungsansätze umzudeuten, um aus einer Problemlage eine Lösungsaufgabe zu machen.
Ausgangssituation: Selbstfürsorge hat für jeden Menschen einen hohen Entwicklungs- und Bedeutungswert. Dennoch vergessen viele Menschen im Alltagsgeschehen, genügend Selbstfürsorge zu betreiben. Ein erster Lösungsschritt: Nehmen Sie einmal eine Bestandsaufnahme vor, welche Form(en) der Selbstfürsorge Sie für ausreichende Entspannungs-momente betreiben oder neu einrichten sollten.  Ausgangssituation: Gehen Sie einmal der Frage nach, wer oder was Sie daran hindert, dass Sie ausreichend gut für sich selbst sorgen können. Ein erster Lösungsschritt:  Wenn Sie eine Liste erstellt haben, wer oder was Sie an einer zufriedenstellenderen Selbstfürsorge hindert, dann versuchen Sie, erste Veränderungsvorhaben zu formulieren, um diese Schritt für Schritt umzusetzen. 
Ausgangssituation: Viele Entscheidungen im eigenen Leben/ im Zusammenleben mit anderen Menschen sind auch mit Kompromissen verbunden (gewesen), doch bei genauerer Betrachtung haben sie sich als belastend/ ärgerlich herausgestellt. Ein erster Lösungsschritt: Nehmen Sie einmal eine Bestandsaufnahme unglücklich machender Kompromissentscheidungen vor und führen Sie diese zu besseren, annehmbaren Entscheidungen Ausgangssituation: Manche Menschen glauben, stets und immer für andere Menschen erreichbar zu sein. Doch diese Erreichbarkeit führt dazu, immer weniger Platz für sich selbst einzuräumen und nutzen zu können. Ein erster Lösungsschritt: Klären Sie zunächst mit sich selbst die Frage, warum es Ihnen so wichtig ist, immer erreichbar zu sein, um dann Entscheidungen zu treffen, welche Abgrenzungen Ihnen gut tun.
Ausgangssituation: Gerade vielfältige und permanente Herausforderungen im Alltag sorgen für eine ‚Nahsicht’ mancher Vorhaben, die sich im Nachhinein allerdings als wenig hilfreich erweisen. Ein erster Lösungsschritt: Bei vielen Vorhaben und Entscheidungen ist eine ‚Weitsicht’ angebracht, um wirklich Wichtiges von Unwichtigem zu trennen. Welche Weitsicht kann Ihnen helfen, den Alltag besser zu strukturieren? Ausgangssituation: Rituale können eine entwicklungsförderliche oder auch eine entwicklungshinderliche Auswirkung auf die Alltagsgestaltung haben. Ein erster Lösungsschritt: Nehmen Sie eine Bestandsaufnahme Ihres Alltagsablaufes vor und entdecken Sie dabei Ihre üblichen Rituale, um dann zu klären, welche davon entwicklungsförderlich und welche –hinderlich sind.

Prof. Dr. Armin Krenz

Bücher von Armin Krenz bei Oberstebrink




Kindeswohl in Kitas: Wenn Überlastung Kinder gefährdet

Neue Studien zeigen, wie Personalmangel, Stress und fehlende Unterstützung das Wohlbefinden von Kindern in Kitas belasten – und was Träger tun müssen

Ein Kind weint, weil es seine Mutter vermisst. Zwei andere streiten sich lautstark um ein Spielzeug. Am Waschbecken braucht jemand Hilfe, während ein weiteres Kind unbedingt etwas erzählen möchte. Eigentlich sind das ganz gewöhnliche Situationen in einer Kita. Situationen, in denen Kinder Erwachsene brauchen, die zuhören, trösten, vermitteln und ihnen Aufmerksamkeit schenken. Doch was geschieht, wenn für all das kaum noch Zeit bleibt? Wenn eine Erzieherin gleichzeitig für zu viele Kinder zuständig ist, Kolleginnen krank sind und die nächste Aufgabe bereits wartet?Dann kann aus einem eigentlich normalen Kita-Tag eine Belastungsprobe werden – für die Fachkräfte, vor allem aber für die Kinder.

Wie ernst diese Belastungen inzwischen sind, zeigen mehrere wissenschaftliche Untersuchungen. Besonders aufschlussreich sind zwei Studien der Bertelsmann Stiftung aus den Jahren 2025 und 2026. Sie machen deutlich, dass der Schutz und das Wohlbefinden von Kindern nicht allein vom Engagement einzelner Fachkräfte abhängen. Auch die Zusammenarbeit im Team, die Qualität der pädagogischen Arbeit und die Verantwortung der Kita-Träger spielen eine entscheidende Rolle.

Wenn Kinder nicht die Zuwendung bekommen, die sie brauchen

Die Zahlen einer im Dezember 2025 veröffentlichten Untersuchung geben zu denken. Mehr als 21.000 pädagogische Fach- und Leitungskräfte wurden für die Studie Teamarbeit in KiTas: Zentral für Schutz und Wohlbefinden von Kindern befragt.

Rund elf Prozent berichteten, ständig oder fast täglich Situationen zu beobachten, in denen Kinder geschützt werden müssten. Weitere 14 Prozent nahmen solche Situationen an den meisten Tagen wahr.

Das bedeutet nicht, dass in jeder vierten Kita täglich eine Kindeswohlgefährdung im rechtlichen Sinne stattfindet. Die Zahlen beruhen auf den Beobachtungen und Einschätzungen der Beschäftigten. Dennoch machen sie deutlich, dass problematische Situationen im pädagogischen Alltag keineswegs selten wahrgenommen werden.

Dabei geht es nicht immer um körperliche Gewalt oder andere schwerwiegende Übergriffe. Auch ein Kind, das wiederholt beschämt, angeschrien oder mit seinen Bedürfnissen allein gelassen wird, kann darunter leiden. Gerade kleine Kinder sind darauf angewiesen, dass Erwachsene ihre Signale erkennen und angemessen darauf reagieren. Sie können oft noch nicht erklären, warum sie sich unwohl fühlen. Und sie können sich gegen unangemessenes Verhalten meist kaum selbst zur Wehr setzen. Ein Kind, das Trost sucht, braucht jemanden, der sich ihm zuwendet. Ein Kind, das Angst hat, braucht Sicherheit. Und ein Kind, das etwas nicht versteht oder noch nicht kann, benötigt Geduld statt Vorwürfe.

Was selbstverständlich klingt, ist unter schwierigen Arbeitsbedingungen nicht immer leicht einzulösen.

Was passiert, wenn die Geduld aufgebraucht ist?

Dass viele pädagogische Fachkräfte an ihrer Belastungsgrenze arbeiten, bestätigt auch die internationale OECD-Studie TALIS Starting Strong 2024. Ihre Ergebnisse wurden Ende 2025 veröffentlicht. Mehr als drei Viertel der befragten pädagogisch Beschäftigten in Deutschland berichteten von arbeitsbedingtem Stress. Auch unter den Kita-Leitungskräften lag der Anteil bei mehr als 80 Prozent. Im internationalen Vergleich gehört Deutschland damit zu den besonders stark belasteten untersuchten Systemen.

Hinter diesen Zahlen stehen Menschen, die Tag für Tag versuchen, den Bedürfnissen vieler Kinder gleichzeitig gerecht zu werden. Sie müssen Konflikte begleiten, Entwicklungsprozesse beobachten, Bildungsangebote gestalten, Elterngespräche führen und organisatorische Aufgaben bewältigen. Wenn dann noch Kolleginnen und Kollegen ausfallen, wächst der Druck.

Natürlich führt Stress nicht zwangsläufig zu unangemessenem Verhalten. Viele Erzieherinnen und Erzieher leisten auch unter schwierigen Bedingungen hervorragende Arbeit. Doch wer dauerhaft überfordert ist, hat es schwerer, in jeder Situation geduldig, aufmerksam und einfühlsam zu bleiben. Gerade darin liegt ein Risiko für die Kinder. Denn ihre Bedürfnisse richten sich nicht nach Dienstplänen oder Personalengpässen. Ein zweijähriges Kind kann nicht verstehen, dass die Erzieherin gerade keine Zeit hat, weil zwei Kolleginnen fehlen. Es erlebt zunächst nur, dass niemand kommt, obwohl es Hilfe braucht. Wird daraus eine wiederkehrende Erfahrung, kann das sein Wohlbefinden und sein Vertrauen in die Verlässlichkeit der Erwachsenen beeinträchtigen.

Die Forschung zeigt damit ein grundlegendes Problem: Gute pädagogische Beziehungen brauchen nicht nur fachliche Kompetenz und eine wertschätzende Haltung. Sie brauchen auch Zeit.

Kinderschutz beginnt nicht erst bei Gewalt

In der öffentlichen Diskussion wird Kindeswohl häufig mit der Verhinderung schwerer Misshandlung oder Vernachlässigung verbunden. Doch das Wohlbefinden eines Kindes hängt von weit mehr ab. Es geht darum, ob Kinder sich sicher und angenommen fühlen. Ob sie ihre Gefühle zeigen dürfen, ohne dafür beschämt zu werden. Ob Erwachsene ihre Grenzen respektieren und sie bei Entscheidungen beteiligen, die ihren Alltag betreffen.

Ein Kind, das beim Essen zum Aufessen gedrängt wird, obwohl es längst satt ist, erlebt möglicherweise eine Grenzüberschreitung. Ein Kind, das regelmäßig vor der Gruppe bloßgestellt wird, kann das Vertrauen in seine eigenen Fähigkeiten verlieren. Und ein Kind, dessen Beschwerden niemand ernst nimmt, lernt womöglich, dass seine Stimme nicht zählt. Nicht jede ungeschickte Bemerkung und nicht jede ungeduldige Reaktion ist bereits eine Kindeswohlgefährdung. Erwachsene machen Fehler, auch in der pädagogischen Arbeit. Entscheidend ist, wie häufig und wie schwerwiegend solche Situationen sind, ob sie erkannt werden und wie die Verantwortlichen damit umgehen.

Eine gute Kita zeichnet sich deshalb nicht dadurch aus, dass niemals Fehler geschehen. Sie zeichnet sich auch dadurch aus, dass Erwachsene bereit sind, ihr Verhalten zu hinterfragen und Kinder vor wiederholten Grenzverletzungen zu schützen. Das setzt allerdings voraus, dass im Team offen über Schwierigkeiten gesprochen werden kann.

Wenn im Team das Vertrauen fehlt

Hier setzt die Bertelsmann-Studie zur Teamarbeit an. Sie zeigt, wie wichtig die Zusammenarbeit der Beschäftigten für den Schutz und das Wohlbefinden der Kinder ist. In einem gut funktionierenden Team können sich Fachkräfte gegenseitig entlasten, schwierige Situationen besprechen und gemeinsam nach Lösungen suchen. Wer merkt, dass die eigene Geduld nachlässt, kann eine Kollegin um Unterstützung bitten. Wer problematisches Verhalten beobachtet, kann es ansprechen, ohne befürchten zu müssen, damit einen persönlichen Konflikt auszulösen. Doch gerade unter anhaltendem Druck kann diese Zusammenarbeit leiden.

Wenn die Zeit für Gespräche fehlt, Konflikte ungelöst bleiben oder gegenseitiges Vertrauen verloren geht, wird es schwieriger, pädagogische Probleme gemeinsam zu bearbeiten. Manchmal schweigen Beschäftigte, obwohl sie beobachten, dass eine Kollegin unangemessen mit einem Kind umgeht. Vielleicht wollen sie keinen Streit riskieren. Vielleicht sind sie selbst erschöpft. Vielleicht haben sie die Erfahrung gemacht, dass Kritik ohnehin nichts verändert.

Für die betroffenen Kinder kann dieses Schweigen schwerwiegende Folgen haben. Denn sie sind darauf angewiesen, dass Erwachsene nicht nur selbst verantwortungsvoll handeln, sondern auch eingreifen, wenn andere ihre Grenzen überschreiten. Kinderschutz ist deshalb immer auch eine Frage der Teamkultur. Eine Einrichtung braucht Menschen, die einander unterstützen, aber auch den Mut haben, Fehler und Grenzverletzungen anzusprechen.

Die neue Studie nimmt die Kita-Träger in die Pflicht

Eine weitere Untersuchung der Bertelsmann Stiftung, veröffentlicht im Oktober 2026, erweitert den Blick auf eine bislang weniger beachtete Ebene: die Verantwortung der Kita-Träger. Für die Studie Trägerverantwortung für Schutz und Wohlbefinden von Kindern in Kitas wurden rund 4.800 Leitungskräfte befragt. Im Mittelpunkt standen die Auswahl und Einstellung neuer Mitarbeitender, ihre Einarbeitung und die Möglichkeiten zur fachlichen Weiterentwicklung. Die Ergebnisse zeigen, dass diese Aufgaben keineswegs überall ausreichend systematisch wahrgenommen werden.

So berichteten 56 Prozent der befragten Leitungen, bei der Einstellung neuer Mitarbeitender Kompromisse hinsichtlich des Fachwissens eingehen zu müssen. 40 Prozent nannten Kompromisse bei der Reflexionsfähigkeit. Nur 31 Prozent gaben an, dass bei festgestelltem Weiterbildungsbedarf während der Einarbeitung in jedem Fall eine entsprechende Weiterbildung erfolgt.

Solche Ergebnisse werfen Fragen auf. Denn wer mit kleinen Kindern arbeitet, benötigt nicht nur Geduld und Freude am Umgang mit ihnen. Pädagogische Fachkräfte müssen wissen, wie Kinder sich entwickeln, wie sie Beziehungen gestalten und wie sie in schwierigen Situationen angemessen reagieren können. Besonders wichtig ist die Fähigkeit, das eigene Handeln zu reflektieren. Warum hat mich das Verhalten eines Kindes gerade so wütend gemacht? Habe ich angemessen reagiert? Wie könnte ich beim nächsten Mal besser mit einer ähnlichen Situation umgehen?

Solche Fragen gehören zum professionellen pädagogischen Alltag. Doch Reflexion muss gelernt und regelmäßig eingeübt werden. Wenn dafür weder Zeit noch fachliche Unterstützung zur Verfügung stehen, steigt das Risiko, dass ungünstige Verhaltensmuster bestehen bleiben. Die neue Studie lenkt deshalb den Blick auf eine Verantwortung, die weit über die einzelne Einrichtung hinausgeht. Kita-Träger müssen dafür sorgen, dass Mitarbeitende sorgfältig ausgewählt, gut eingearbeitet und kontinuierlich begleitet werden. Kinderschutz darf nicht davon abhängen, ob eine besonders engagierte Leitung oder einzelne Beschäftigte zusätzlich zu ihren eigentlichen Aufgaben noch genügend Zeit dafür finden.

Auf dem Papier genug Personal – im Alltag trotzdem zu wenig

Wie groß die Lücke zwischen rechnerischer Personalausstattung und tatsächlichem Kita-Alltag sein kann, zeigt der fünfte ERiK-Forschungsbericht des Deutschen Jugendinstituts aus dem Jahr 2026. Zwar haben sich die Personalschlüssel in einigen Bereichen verbessert. Gleichzeitig bleiben längere Personalausfälle ein erhebliches Problem.

Mehr als zwei Drittel der befragten Kita-Leitungen berichteten, dass sie innerhalb der vorangegangenen sechs Monate längere Personalausfälle ausgleichen mussten. Durchschnittlich war dies an zwei von fünf Tagen pro Woche erforderlich. Für die Kinder bedeutet das häufig wechselnde Abläufe, weniger Zeit für individuelle Begleitung oder Einschränkungen bei den gewohnten Angeboten. In manchen Einrichtungen müssen Gruppen zusammengelegt oder Betreuungszeiten verkürzt werden.

Solche Maßnahmen können notwendig sein, um die Sicherheit der Kinder zu gewährleisten. Sie zeigen aber auch, wie anfällig ein System wird, wenn es kaum personelle Reserven besitzt. Ein guter Personalschlüssel auf dem Papier garantiert noch keine gute Betreuung. Entscheidend ist, wie viele qualifizierte Erwachsene tatsächlich anwesend sind und wie viel Zeit ihnen für die Kinder bleibt. Dabei geht es nicht allein um die Anzahl der Fachkräfte. Auch Vorbereitungszeiten, Fortbildungen, Elterngespräche und die Zusammenarbeit im Team müssen möglich sein, ohne dass die unmittelbare Betreuung darunter leidet. Wer diese Aufgaben gegeneinander ausspielt, riskiert, dass die pädagogische Qualität langfristig Schaden nimmt.

Ein Schutzkonzept allein schützt noch kein Kind

Inzwischen verfügen viele Kitas über schriftliche Schutzkonzepte. Sie beschreiben, wie Kinder vor Gewalt und Grenzverletzungen geschützt werden sollen, welche Beschwerdemöglichkeiten bestehen und wie Beschäftigte bei Verdachtsfällen handeln müssen. Solche Konzepte sind wichtig und rechtlich verankert. Doch ihre bloße Existenz sagt wenig darüber aus, ob sie im Alltag tatsächlich funktionieren. Was nützt eine Beschwerdemöglichkeit, wenn ein Kind nicht weiß, an wen es sich wenden kann? Was hilft eine Regel zum respektvollen Umgang, wenn niemand eingreift, sobald sie verletzt wird? Und wie soll eine Fachkraft schwierige Situationen reflektieren, wenn dafür niemals Zeit vorgesehen ist?

Wirksamer Kinderschutz muss im täglichen Miteinander sichtbar werden. Er zeigt sich darin, wie Erwachsene mit weinenden Kindern umgehen, wie sie Streit begleiten und ob sie die Grenzen der Kinder respektieren. Er zeigt sich aber auch darin, wie Leitungen auf Beschwerden reagieren und ob Mitarbeitende fachliche Unterstützung erhalten. Gerade junge Kinder benötigen Erwachsene, die ihre Interessen vertreten. Sie können nicht selbst überprüfen, ob eine Einrichtung ihre Schutzpflichten erfüllt.

Umso wichtiger ist es, dass Träger und Leitungen regelmäßig hinschauen, nachfragen und Veränderungen ermöglichen.

Wer schützt die Kinder, wenn alle überlastet sind?

Die verschiedenen Studien machen deutlich, dass der Schutz von Kindern nicht allein eine Frage der persönlichen Haltung einzelner Erzieherinnen und Erzieher ist. Natürlich bleibt jede Fachkraft für ihr eigenes Verhalten verantwortlich. Überlastung darf keine Entschuldigung dafür sein, Kinder zu beschämen, grob zu behandeln oder ihre Grenzen zu missachten. Gleichzeitig wäre es zu einfach, die Verantwortung ausschließlich bei den Beschäftigten zu suchen.

Wenn Einrichtungen dauerhaft unterbesetzt sind, neue Mitarbeitende nicht ausreichend eingearbeitet werden und Teams kaum Gelegenheit zur gemeinsamen Reflexion haben, entstehen Risiken, die einzelne Fachkräfte nur begrenzt beeinflussen können. Hier sind Kita-Träger ebenso gefordert wie die Verantwortlichen in Politik und Verwaltung. Sie müssen Bedingungen schaffen, unter denen gute pädagogische Arbeit nicht nur von außergewöhnlichem persönlichem Einsatz abhängt. Dazu gehören eine verlässliche Personalausstattung, qualifizierte Leitungskräfte, fachliche Beratung, Fortbildungen und ausreichend Zeit für die Zusammenarbeit im Team. Vor allem aber braucht es einen Perspektivwechsel.

In der Debatte über die Kita-Krise geht es häufig um fehlende Plätze, verkürzte Öffnungszeiten und die Schwierigkeiten berufstätiger Eltern. Das sind wichtige Themen. Doch die Kinder selbst geraten dabei leicht aus dem Blick. Für sie ist nicht entscheidend, ob eine Einrichtung ihre organisatorischen Vorgaben erfüllt oder trotz Personalmangels geöffnet bleibt. Entscheidend ist, was sie dort jeden Tag erleben. Ob jemand zuhört, wenn sie etwas erzählen möchten. Ob sie getröstet werden, wenn sie traurig sind. Ob Erwachsene ihre Grenzen respektieren. Und ob sie darauf vertrauen können, dass jemand eingreift, wenn ihnen Unrecht geschieht.

Eine Kita muss mehr sein als ein Ort, an dem Kinder untergebracht sind. Sie muss ein Ort sein, an dem sie sich sicher fühlen, ernst genommen werden und sich gut entwickeln können. Daran muss sich die Qualität der Kindertagesbetreuung messen lassen – gerade dann, wenn die Bedingungen schwierig sind.

Wissenschaftliche Quellen

Dobelmann, Noemi; Lagemann, Marina; Vielstädte, Teresa; Bock-Famulla, Kathrin (2026): Trägerverantwortung für Schutz und Wohlbefinden von Kindern in Kitas. Personalentwicklung zentral für gute Qualität. Bertelsmann Stiftung, Gütersloh. DOI: 10.11586/2026135.

https://www.bertelsmann-stiftung.de/de/publikationen/publikation/did/traegerverantwortung-fuer-schutz-und-wohlbefinden-von-kindern-in-kitas

Lagemann, Marina; Dobelmann, Noemi; Bock-Famulla, Kathrin (2025): Teamarbeit in KiTas: Zentral für Schutz und Wohlbefinden von Kindern. Bertelsmann Stiftung, Gütersloh. DOI: 10.11586/2025109.

https://www.bertelsmann-stiftung.de/de/publikationen/publikation/did/teamarbeit-in-kitas-zentral-fuer-schutz-und-wohlbefinden-von-kindern

OECD (2025): Results from TALIS Starting Strong 2024: Germany. OECD Publishing, Paris.

https://www.oecd.org/en/publications/results-from-talis-starting-strong-2024_28e49c63-en/germany_fbf3052d-en.html

Deutsches Jugendinstitut (2026): ERiK-Forschungsbericht V. Befunde des indikatorengestützten Monitorings zum KiQuTG. München.

https://www.dji.de/ueber-uns/projekte/projekte/entwicklung-von-rahmenbedingungen-in-der-kindertagesbetreuung-erik/erik-berichte.html

Gernot Körner




KINDHEIT: Was stimmt, was stimmt nicht? Erziehungsmythen im Faktencheck

(Rezension für >spielen und lernen) von Armin Krenz Schuwerk, Tobias & Berkic, Julia: KINDHEIT. WAS STIMMT, WAS STIMMT NICHT? Erziehungsmythen von ExpertInnen gecheckt. Beltz Verlagsgruppe GmbH & Co. KG, Weinheim 2026. 256 Seiten, 22,00 €

Erziehungsmythen in der Kleinkinderziehung auf dem Prüfstand

In der Pädagogik gibt es viele, so genannte Erziehungsmythen, die in der Kleinkinderziehung hartnäckig vorherrschen und sich generationsübergreifend in den Köpfen vieler Erwachsener festgesetzt haben. Z.B., dass Einzelkinder verwöhnt, egoistisch und weniger sozial kompetent sind als Geschwisterkinder. Oder dass Mädchen eher brav und Jungen eher wild sind, dass Schreibabys so genannte Problemkinder bleiben, dass Kinder im dritten Lebensjahr trocken sein müssen, dass man Babys auch mal schreien lassen muss, dass Kinder feste Schuhe brauchen, um laufen lernen zu können oder eine Kita-Betreuung der Bindung zu den Eltern schadet.

Insgesamt kommen in dem Buch von dem Entwicklungspsychologen und psychologischen Psychotherapeuten Prof. Dr. Tobias Schuwerk sowie der Bindungsforscherin und Entwicklungspsychologin Dr. Julia Berkic 22 ExpertInnen zu Wort, die sich entsprechend ihren Fachgebieten mit insgesamt 30 weitverbreiteten Erziehungsmythen auf der Grundlage des aktuellen Forschungsstandes auseinandergesetzt haben, um genau zu prüfen, ob diese Mythen eine Annahmeberechtigung besitzen oder sich als komplett falsch erweisen. Dabei werden neue Schwerpunktbereiche berücksichtigt: Geschlecht und Geschlechterrollen, Sprachentwicklung, motorische Entwicklung, Bindung und Beziehung, Entwicklungsmeilensteine, Erziehungsfragen, Bedürfnisorientierung, außerfamiliale Betreuung und digitale Medien.

30 Erziehungsmythen im wissenschaftlichen Faktencheck

Jedes der 30 Kapitel nennt zunächst den Mythos. Dann folgen kurze Angaben zu der entsprechenden Expertin/ dem entsprechenden Experten. Anschließend wird der aktuelle Stand der Forschung zu diesem Mythos dargelegt, um schließlich der Frage nachzugehen, was dieser aktuelle Wissenschaftsstand für das Kind sowie die Bezugsperson(en) bedeutet. Es bleibt bei dieser Mythenbetrachtung aber auch nicht aus, dass es einige Mythen gibt, die durch Forschungserhebungen weder klar bestätigt noch unmissverständlich widerlegt werden können. Zu jeder Mythosbetrachtung finden sich am Ende des Buches jeweils umfangreiche Quellenangaben, die den LeserInnen die Möglichkeit geben, sich zusätzlich den Quellenangaben zuzuwenden.  Zu den ExpertInnen gehören zum Beispiel u.a. die weit bekannten WissenschaftlerInnen Prof. Dr. Dr. Ahnert, Prof. Dr. Becker-Stoll, Prof. Dr. Fröhlich-Gildhoff, Dr. Renz-Polster, Prof. Dr. Rohrmann und Prof. Dr. Reck.

Warum es sich lohnt, Erziehungsmythen zu hinterfragen

Es ist wirklich überaus spannend (und natürlich sinnvoll), sich mit den in dem Buch vorgestellten, weitverbreiteten Mythen zu beschäftigen, um nicht selbst fachlich falsche Mythen als >gegebene Wahrheiten< weiter in sich zu tragen und auch weiterzugeben, sondern durch ein belegbares Hintergrundwissen eine professionelle Sichtweise zu besitzen, um wissenschaftliche Fakten zum Ausgangspunkt der eigenen Sichtweise zu machen sowie einer Entzauberung von Mythen – z.B. auch in Gesprächen mit KollegInnen und Eltern – entgegenzuwirken.

Fazit: Ein wertvolles Fachbuch über Erziehungsmythen

Dieses Buch bringt bedeutsame Fakten auf den Punkt, ohne sich in randständigen Einzelheiten zu verlieren. Es gibt nicht viele Fachbücher, die sich mit Erziehungsmythen auseinandersetzen. Dieses Buch ist daher ein regelrechter Schatz, der sicherlich für viele LeserInnen Klarheit im Dschungel pädagogischer Ansätze und Sichtweisen bringt.

Armin Krenz / Prof. h.c. Dr. h.c. et Hon.-Prof. f. Entwicklungspsychologie & Elementarpädagogik (a.D.)

Schuwerk, Tobias & Berkic, Julia: KINDHEIT. WAS STIMMT, WAS STIMMT NICHT? Erziehungsmythen von ExpertInnen gecheckt. Beltz Verlagsgruppe GmbH & Co. KG, Weinheim 2026. 256 Seiten, 22,00 €

Tobias Schuwerk / Julia Berkic
Kindheit: Was stimmt, was stimmt nicht?
Erziehungsmythen von Expert:innen gecheckt
ISBN: 978-3-407-86923-4
Beltz Verlagsgruppe GmbH & Co. KG,
Weinheim 2026.
256 Seiten, 22,00 €




Kita-Personal: Wie Leitungen passende Fachkräfte für ihre Teams finden

Eine neue Studie der Bertelsmann Stiftung zeigt, warum Kitas bei Einstellungen Kompromisse machen und wie Leitungen und Träger Teams aufbauen können

Besonders problematisch: Rund jede zehnte befragte Leitung berichtet, dass der Träger teilweise Personen eingestellt habe, die sie für die Arbeit mit Kindern oder im Team als ungeeignet einschätzte.Die Ergebnisse werfen eine grundsätzliche Frage auf: Wie können Kita-Leitungen unter schwierigen Bedingungen Personal gewinnen, das nicht nur eine Lücke im Dienstplan schließt, sondern die pädagogische Arbeit tatsächlich stärkt?

Warum eine schnelle Einstellung nicht immer die beste Lösung ist

Die Gründe für Kompromisse bei der Personalauswahl sind nachvollziehbar. 81 Prozent der befragten Leitungskräfte nennen die Entlastung des vorhandenen Personals, 76 Prozent die Aufrechterhaltung des Betreuungsangebots.Wer täglich mit Personalausfällen, überlasteten Kolleginnen und Kollegen und drohenden Einschränkungen der Betreuungszeiten umgehen muss, kann offene Stellen nicht beliebig lange unbesetzt lassen.

Doch eine Neueinstellung bringt nicht automatisch Entlastung. Fehlen wichtige fachliche Kompetenzen oder passt eine Person nicht in die Arbeitsweise des Teams, können zusätzliche Belastungen entstehen. Erfahrene Mitarbeitende müssen häufiger unterstützen, Konflikte klären oder Aufgaben übernehmen, für die die neue Kollegin oder der neue Kollege noch nicht ausreichend vorbereitet ist.Gerade deshalb sollte die Personalauswahl nicht allein danach erfolgen, wer möglichst schnell verfügbar ist.

Wie erkenne ich, ob jemand zu meinem Kita-Team passt?

Die Studie liefert keine fertige Checkliste für Bewerbungsgespräche. Ihre Ergebnisse machen jedoch deutlich, welche Aspekte bei der Auswahl besonders beachtet werden sollten.Neben der formalen Qualifikation sind das pädagogische Grundverständnis, die Fähigkeit zur Selbstreflexion und die Bereitschaft zur Zusammenarbeit entscheidend.Für Kita-Leitungen lassen sich daraus einige praktische Fragen ableiten:

1. Teilt die Person unsere pädagogische Grundhaltung?

Wie versteht sie die Bedürfnisse von Kindern? Wie geht sie mit Konflikten um? Welche Bedeutung haben Beteiligung, Beziehungsgestaltung und Kinderrechte für sie?

Eine gemeinsame pädagogische Orientierung bedeutet nicht, dass alle Beschäftigten gleich denken müssen. Unterschiedliche Erfahrungen und Perspektiven können ein Team bereichern. Bei grundlegenden Fragen des Umgangs mit Kindern sollte jedoch Einigkeit über verbindliche professionelle Standards bestehen.

2. Kann die Person das eigene Verhalten reflektieren?

Die hohe Zahl der Kompromisse bei der Reflexionsfähigkeit ist besonders bemerkenswert. Pädagogische Fachkräfte müssen ihr Handeln hinterfragen, Rückmeldungen annehmen und eigene Fehler erkennen können.

Im Bewerbungsgespräch können deshalb konkrete Situationen aufschlussreicher sein als allgemeine Selbsteinschätzungen. Beispielsweise: „Erzählen Sie von einer Situation, in der Sie Ihr pädagogisches Vorgehen nach einer Rückmeldung verändert haben.“

3. Wie arbeitet die Person mit anderen zusammen?

Teamfähigkeit zeigt sich nicht allein in Freundlichkeit oder Kontaktfreude. Wichtig ist, ob jemand Absprachen einhält, Informationen weitergibt, Kritik sachlich äußert und unterschiedliche Auffassungen konstruktiv bearbeiten kann.

Hilfreich können Fragen nach bisherigen Erfahrungen mit schwierigen Teamsituationen sein. Auch ein fachlich begleitetes Kennenlernen des Arbeitsalltags kann zusätzliche Eindrücke vermitteln, sofern es organisatorisch und rechtlich angemessen gestaltet wird.

4. Welche Kompetenzen sind vorhanden – und welche müssen entwickelt werden?

Nicht jede neue Mitarbeiterin und jeder neue Mitarbeiter muss bereits alle Anforderungen erfüllen. Gerade bei Quereinsteigenden kann die Bereitschaft zum Lernen eine wichtige Stärke sein.

Entscheidend ist jedoch, dass vorhandene Kompetenzlücken erkannt und durch geeignete Einarbeitung, Anleitung und Weiterbildung bearbeitet werden. Dabei müssen die jeweiligen landesrechtlichen Qualifikations- und Einsatzvorgaben eingehalten werden.

Kita-Leitung und Träger müssen gemeinsam entscheiden

Ein zentraler Befund der Studie betrifft das Verhältnis zwischen Kita-Leitung und Träger.Nur 59 Prozent der befragten Leitungskräfte geben an, dass vor jeder Neueinstellung ein persönliches Gespräch mit dem Träger stattfindet. Gleichzeitig berichten 62 Prozent, dass der Träger ihnen die alleinige Entscheidung über eine Anstellung überlässt, obwohl er die rechtliche Verantwortung trägt.

Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass Verantwortlichkeiten und Abstimmungsprozesse nicht immer ausreichend geklärt sind.

Gerade bei der Frage, wer in ein bestehendes Team passt, sind beide Perspektiven notwendig. Der Träger muss die rechtlichen, organisatorischen und finanziellen Voraussetzungen berücksichtigen. Die Kita-Leitung kennt dagegen die pädagogische Konzeption, die Zusammensetzung des Teams und die konkreten Anforderungen des Alltags.

Sinnvoll erscheint deshalb ein gemeinsames Verfahren, bei dem vor einer Ausschreibung geklärt wird, welche Qualifikationen zwingend erforderlich sind, welche Kompetenzen entwickelt werden können und wer über die Einstellung entscheidet.

Die Bertelsmann Stiftung empfiehlt ausdrücklich, die Zusammenarbeit zwischen Trägern und Leitungen bei Personalauswahl und Personalentwicklung zu intensivieren.

Warum die Einarbeitung über den Erfolg mitentscheidet

Selbst eine sorgfältig ausgewählte Fachkraft benötigt Zeit, um in einer neuen Einrichtung anzukommen.

Sie muss die Kinder kennenlernen, Beziehungen aufbauen, die pädagogische Konzeption verstehen und sich mit den Abläufen und Vereinbarungen des Teams vertraut machen.

Doch gerade bei der Einarbeitung zeigen sich nach der Studie erhebliche Defizite. Bis zu 28 Prozent der befragten Leitungskräfte meinen, dass ihre Träger über die Einarbeitung neuer Mitarbeitender nicht oder eher nicht informiert sind.

Damit fehlt möglicherweise auch die Grundlage, um beurteilen zu können, ob eine Neueinstellung tatsächlich zur Entlastung beiträgt.

Für die Praxis bedeutet das: Einarbeitung sollte nicht dem Zufall überlassen bleiben. Ein klarer Plan, feste Ansprechpersonen und regelmäßige Reflexionsgespräche können helfen, Unsicherheiten frühzeitig zu erkennen.

Dabei sollte auch das bestehende Team einbezogen werden. Denn neue Mitarbeitende müssen nicht nur Aufgaben übernehmen, sondern Teil einer gemeinsamen pädagogischen Praxis werden.

Weiterbildung darf nicht vom Zufall abhängen

Besonders deutlich wird der Handlungsbedarf bei der Qualifizierung.

Nur 31 Prozent der befragten Kita-Leitungen geben an, dass bei festgestelltem Weiterbildungsbedarf während der Einarbeitung in jedem Fall eine entsprechende Weiterbildung erfolgt.

Dabei zeigen die Analysen der Bertelsmann Stiftung einen Zusammenhang zwischen der Weiterbildungsaktivität der Träger und dem Schutz sowie der Förderung der Kinder: Wo Träger häufiger Fortbildungen veranlassen und deren Wirkung überprüfen, fallen die berichteten Ergebnisse günstiger aus.

Daraus lässt sich nicht ableiten, dass Fortbildungen allein für diese Unterschiede verantwortlich sind. Die Befunde unterstreichen jedoch die Bedeutung einer systematischen Personalentwicklung.

Vor allem bei Mitarbeitenden, die ohne klassische pädagogische Ausbildung in die Kita kommen, müssen Aufgaben, Verantwortlichkeiten und Qualifizierungsbedarf sorgfältig aufeinander abgestimmt werden.

Eine Einrichtung sollte deshalb bereits bei der Einstellung wissen, welche Unterstützung eine neue Person benötigt, wer diese leisten kann und welche Zeit dafür zur Verfügung steht.

Was tun, wenn keine geeignete Fachkraft zu finden ist?

Die schwierigste Situation entsteht, wenn eine Kita dringend Personal braucht, aber keine Bewerberin und kein Bewerber sämtliche Anforderungen erfüllt.

Die Studie zeigt, dass solche Entscheidungen längst zum Alltag vieler Einrichtungen gehören. Sie legt jedoch nicht nahe, grundsätzlich auf Quereinsteigende oder weniger erfahrene Beschäftigte zu verzichten. Vielmehr kommt es darauf an, Kompromisse bewusst und verantwortlich zu gestalten.

Nicht jede Kompetenzlücke hat dieselbe Bedeutung. Fehlende Kenntnisse über bestimmte Dokumentationsverfahren lassen sich möglicherweise relativ schnell ausgleichen. Defizite beim professionellen Umgang mit Kindern, beim Kinderschutz oder bei der Reflexion des eigenen Verhaltens sind dagegen wesentlich schwerwiegender. Deshalb sollten Träger und Kita-Leitung gemeinsam unterscheiden, welche Anforderungen unverzichtbar sind und welche durch begleitete Qualifizierung entwickelt werden können.

Auch die Belastbarkeit des vorhandenen Teams muss berücksichtigt werden. Wenn eine neue Person intensive Anleitung benötigt, dafür aber keine Zeit zur Verfügung steht, kann die vermeintliche Entlastung ausbleiben.

Gute Personalauswahl braucht gute Rahmenbedingungen

Die Bertelsmann Stiftung richtet ihre Empfehlungen deshalb nicht allein an Kita-Leitungen und Träger. Auch die Politik sei gefordert, Verantwortlichkeiten klarer zu regeln und die notwendigen Ressourcen bereitzustellen. Dazu gehören ausreichend Leitungszeit, Fachberatung, Möglichkeiten zur Weiterbildung und eine verlässliche Finanzierung.

Denn sorgfältige Auswahlgespräche, strukturierte Einarbeitung und kontinuierliche Personalentwicklung benötigen Zeit. Fehlt diese, geraten selbst engagierte Leitungskräfte unter Druck, Stellen möglichst schnell zu besetzen.

Die neue Studie macht damit deutlich, dass die Qualität einer Kita nicht erst im Gruppenraum entsteht. Sie wird bereits dort mitbestimmt, wo entschieden wird, wer eingestellt wird, wie neue Beschäftigte begleitet werden und welche Möglichkeiten sie erhalten, sich fachlich weiterzuentwickeln.

Für Kita-Leitungen lässt sich daraus eine zentrale Frage ableiten: Nicht nur „Wer kann die freie Stelle übernehmen?“, sondern vor allem „Welche Person kann mit der richtigen Unterstützung unser Team und unsere pädagogische Arbeit langfristig stärken?“

Zur Studie

Dobelmann, Noemi; Lagemann, Marina; Vielstädte, Teresa; Bock-Famulla, Kathrin (2026): Trägerverantwortung für Schutz und Wohlbefinden von Kindern in Kitas. Personalentwicklung zentral für gute Qualität. Bertelsmann Stiftung, Gütersloh. DOI: 10.11586/2026135.Für die Untersuchung wurden 4.782 Kita-Leitungskräfte zwischen September und Oktober 2025 befragt. Die Teilnahme erfolgte freiwillig nach einem Aufruf; es handelt sich nicht um eine zufällig gezogene, repräsentative Stichprobe. Die Ergebnisse geben daher die Einschätzungen der Befragten wieder und dürfen nicht ohne Weiteres auf sämtliche deutschen Kitas übertragen werden.Quelle:

https://www.bertelsmann-stiftung.de/de/publikationen/publikation/did/traegerverantwortung-fuer-schutz-und-wohlbefinden-von-kindern-in-kitas

Gernot Körner




Kinderarmut kostet uns alle Geld – und ihre Bekämpfung könnte sich auszahlen

Eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft zeigt, welche langfristigen Kosten entstehen, wenn Kinder unter benachteiligenden Bedingungen aufwachsen

Was kostet es die Gesellschaft, wenn Kinder in Armut aufwachsen? Und was könnte der Staat gewinnen, wenn es ihm gelingt, ihre Lebensbedingungen nachhaltig zu verbessern? Ein neues Gutachten des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), das im Auftrag von UNICEF erstellt wurde, betrachtet Kinderarmut aus einer Perspektive, die in der öffentlichen Debatte häufig zu kurz kommt: den langfristigen wirtschaftlichen Folgen.

Die Ergebnisse sind erheblich. Nach den Berechnungen des IW liegt der langfristige fiskalische Beitrag von Kindern, die unter materieller Benachteiligung aufwachsen, durchschnittlich um 216.500 Euro niedriger als bei Kindern ohne entsprechende Einschränkungen. Gemeint ist die Bilanz aus Steuern und Sozialabgaben einerseits und staatlichen Leistungen andererseits über den Lebensverlauf.

Die Wissenschaftler Wido Geis-Thöne und Axel Plünnecke betonen allerdings, dass dieser Unterschied nicht allein auf materielle Armut zurückzuführen ist. Auch das Bildungsniveau der Eltern, das familiäre Umfeld und weitere Entwicklungsbedingungen spielen eine wichtige Rolle. Die Zahl beschreibt somit einen statistischen Zusammenhang und keine unmittelbar vermeidbaren Kosten pro armem Kind.

Dennoch verdeutlicht das Gutachten: Ungünstige Lebensbedingungen in der Kindheit können sich über Jahrzehnte auf Bildung, Gesundheit, Erwerbschancen und öffentliche Einnahmen auswirken.

Was kostet es, wenn Kinder keine ausreichenden Chancen bekommen?

Die wirtschaftlichen Folgen zeigen sich besonders deutlich beim Bildungsabschluss. Nach den Berechnungen des IW entstehen dem Staat langfristig fiskalische Kosten von 421.300 Euro, wenn ein junger Mensch keinen berufsqualifizierenden Abschluss erwirbt. Dabei handelt es sich um eine modellierte Lebensverlaufsbilanz, nicht um eine unmittelbar fällige staatliche Ausgabe.

Auch gesundheitliche Folgen können erhebliche wirtschaftliche Auswirkungen haben. Für den im Gutachten betrachteten Fall einer Depression, die insbesondere auch mit sozialer Benachteiligung zusammenhängen kann, beziffern die Autoren die langfristigen fiskalischen Kosten auf 345.500 Euro.

Dahinter stehen verschiedene Mechanismen: Menschen mit geringeren Bildungsabschlüssen erzielen im Durchschnitt niedrigere Einkommen, sind häufiger von Arbeitslosigkeit bedroht und zahlen entsprechend weniger Steuern und Sozialabgaben. Gesundheitliche Einschränkungen können die Erwerbsfähigkeit zusätzlich beeinträchtigen und den Bedarf an Unterstützung erhöhen.

Das bedeutet keineswegs, dass Menschen nach ihrem wirtschaftlichen Nutzen bewertet werden sollten. Die Zahlen machen vielmehr sichtbar, dass gesellschaftliche Benachteiligung nicht allein die unmittelbar Betroffenen trifft. Ihre Folgen können sich auch in den öffentlichen Haushalten niederschlagen.

Wie viele Kinder sind betroffen?

Nach Angaben des IW waren 2024 in Deutschland 11,3 Prozent der unter 16-Jährigen von kinderspezifischer materieller Deprivation betroffen.

Der Begriff bezeichnet Einschränkungen beim Zugang zu Dingen und Aktivitäten, die für Kinder wichtig sind. Dazu gehören beispielsweise altersgerechte Bücher, Spielzeug, ausreichende Ernährung, geeignete Kleidung, Freizeitaktivitäten oder die Möglichkeit, Freunde einzuladen.

Die europäische Statistik erfasst dabei fehlende Zugänge aus finanziellen Gründen. Die IW-Autoren weisen jedoch darauf hin, dass Kinder auch aus anderen Ursachen benachteiligt sein können – etwa wenn ihnen notwendige Unterstützung im familiären Alltag fehlt.

In einer eigenen Auswertung von Daten aus dem Jahr 2021 erweitert das Institut deshalb die Betrachtung um solche Einschränkungen. Dadurch steigt der ermittelte Anteil von 10,0 auf 25,2 Prozent. Bei Kindern unter sechs Jahren beträgt er sogar 29,9 Prozent.

Diese Werte sind nicht unmittelbar mit der offiziellen Quote von 2024 vergleichbar, weil sie auf unterschiedlichen Jahren und Definitionen beruhen. Sie zeigen jedoch, wie stark das Ausmaß kindlicher Benachteiligung davon abhängt, welche Lebensbedingungen berücksichtigt werden.

Was könnte der Staat durch Armutsbekämpfung gewinnen?

Die wirtschaftliche Überlegung ist vergleichsweise einfach: Wenn Kinder unter besseren Bedingungen aufwachsen, können sich ihre Bildungs-, Gesundheits- und Erwerbschancen verbessern. Gelingt dies, könnten sie im Erwachsenenalter höhere Einkommen erzielen, mehr Steuern und Sozialabgaben leisten und seltener auf staatliche Unterstützung angewiesen sein.

Damit könnten sich öffentliche Investitionen in bessere Entwicklungsbedingungen langfristig zumindest teilweise refinanzieren. Unter günstigen Voraussetzungen sind auch fiskalische Erträge möglich, die über die ursprünglichen Ausgaben hinausgehen.

Allerdings lässt sich aus den IW-Berechnungen nicht ableiten, dass jeder heute in die Armutsbekämpfung investierte Euro einen bestimmten Betrag zurückbringt. Dafür müsste untersucht werden, welche konkreten Maßnahmen tatsächlich welche Verbesserungen bewirken und wie hoch ihre Kosten sind.

Die Studie liefert also ein wirtschaftliches Argument für wirksame Prävention, aber keine pauschale Renditeberechnung für staatliche Sozialprogramme.

Warum mehr Geld allein nicht immer ausreicht

Ein wichtiger Befund des Gutachtens betrifft die unterschiedlichen Ursachen kindlicher Benachteiligung.

Wenn Familien nicht genügend Geld für Lebensmittel, Kleidung, Schulmaterial oder Freizeitaktivitäten haben, können finanzielle Leistungen unmittelbar helfen. Doch nicht alle Entwicklungsprobleme lassen sich durch höhere Transferzahlungen lösen.

Manche Kinder benötigen zusätzliche Bildungsangebote, Unterstützung beim Spracherwerb, verlässliche Beziehungen oder gezielte Hilfen für ihre Familien. Die Autoren sprechen sich deshalb dafür aus, finanzielle Unterstützung mit Angeboten zu verbinden, die unmittelbar bei den Kindern ankommen.

Ein Beispiel sind Mahlzeiten in Schulen. Sie können eine ausreichende Ernährung unterstützen, ohne dass die Kinder dafür auf die finanziellen oder organisatorischen Möglichkeiten ihrer Familien angewiesen sind.

Ebenso wichtig sind nach Einschätzung der Wissenschaftler die Begleitung und Unterstützung der Eltern. Denn familiäre Belastungen, fehlende Informationen oder Schwierigkeiten bei der Organisation des Alltags können die Entwicklung von Kindern auch unabhängig vom Einkommen beeinträchtigen.

Welche Rolle spielen Kitas und Schulen?

Für pädagogische Fachkräfte ist besonders relevant, dass Kitas und Schulen einen Teil der Folgen sozialer Benachteiligung ausgleichen können.

Sie ermöglichen Kindern den Zugang zu Büchern, Spielmaterialien, Sprache, Bewegung, gemeinsamen Mahlzeiten und sozialen Beziehungen. Sie können außerdem Entwicklungsprobleme frühzeitig erkennen und Familien an geeignete Unterstützungsangebote vermitteln.

Das IW hebt hervor, dass solche institutionellen Angebote eine wichtige Ergänzung finanzieller Leistungen sind. Ihre Wirkung bleibt allerdings begrenzt, wenn Kinder die Einrichtungen nicht besuchen oder wenn notwendige Unterstützung außerhalb von Kita und Schule fehlt.

Hinzu kommt eine praktische Voraussetzung: Pädagogische Einrichtungen benötigen ausreichend Personal, Zeit und Ressourcen, um benachteiligte Kinder individuell begleiten zu können. Aus dem wirtschaftlichen Argument für frühe Förderung folgt deshalb auch die Frage, ob die Einrichtungen tatsächlich in der Lage sind, diese Aufgabe zu erfüllen.

Warum sich die Kosten und der Nutzen auf unterschiedliche Haushalte verteilen

Ein weiteres Problem benennen die Wissenschaftler ausdrücklich: Die öffentlichen Stellen, die heute in Kinder investieren, sind nicht unbedingt diejenigen, die später finanziell davon profitieren.

Die Kosten für Kitas, Schulen und zahlreiche Unterstützungsangebote tragen vor allem Länder und Kommunen. Zusätzliche Steuereinnahmen und Sozialversicherungsbeiträge, die sich aus besseren Erwerbschancen ergeben können, kommen dagegen in erheblichem Umfang dem Bund und den Sozialversicherungen zugute.

Außerdem treten viele positive wirtschaftliche Wirkungen erst Jahre oder Jahrzehnte später ein. Für politische Entscheidungen, die sich häufig an kurzfristigen Haushaltsplänen orientieren, entsteht dadurch ein strukturelles Problem.

Eine Ausgabe für bessere Bildung oder Unterstützung von Familien belastet den aktuellen Haushalt. Ihr möglicher wirtschaftlicher Nutzen wird dagegen oft erst sichtbar, wenn die geförderten Kinder längst erwachsen sind.

Die Studie macht damit deutlich, warum die langfristige Perspektive für die Bewertung staatlicher Maßnahmen entscheidend ist.

Kinderarmut ist mehr als eine Frage öffentlicher Ausgaben

So aufschlussreich die wirtschaftlichen Berechnungen sind, sie erfassen nicht den gesamten Schaden, der durch kindliche Benachteiligung entstehen kann.

Wenn Kinder nicht an gemeinsamen Aktivitäten teilnehmen können, sich ausgeschlossen fühlen oder schlechtere Bildungschancen haben, betrifft das zunächst ihre Lebensqualität und ihre Rechte. Diese Folgen lassen sich nicht angemessen in Euro ausdrücken.

Die wirtschaftliche Betrachtung ergänzt deshalb die soziale und kinderrechtliche Perspektive, ersetzt sie aber nicht.

Das IW-Gutachten zeigt, dass die Gesellschaft ein erhebliches finanzielles Interesse daran haben kann, Kindern gute Entwicklungsbedingungen zu ermöglichen. Welche Maßnahmen sich tatsächlich rechnen, muss im Einzelfall untersucht werden. Dass anhaltende Benachteiligung erhebliche langfristige Risiken für die Betroffenen und die öffentlichen Haushalte mit sich bringt, wird durch die Untersuchung jedoch deutlich.

Studie und Quelle

Wido Geis-Thöne und Axel Plünnecke (2026): Ökonomische Effekte der Deprivation von Kindern und Jugendlichen. Ökonomische Wirkungen und Fiskalbilanz der öffentlichen Hand. Institut der deutschen Wirtschaft, Köln. Gutachten im Auftrag des Deutschen Komitees für UNICEF e. V., veröffentlicht am 15. Oktober 2026.

https://www.iwkoeln.de/studien/wido-geis-thoene-axel-pluennecke-oekonomische-effekte-der-deprivation-von-kindern-und-jugendlichen.html

Gernot Körner