Gemeinsames Lernen: Kinder brauchen mehr Zeit, um sich zu entwickeln

Längeres gemeinsames Lernen kann Bildungschancen verbessern. Das zeigt auch eine Expertenanhörung im Bayerischen Landtag

Wie können wir dafür sorgen, dass jedes Kind seine Fähigkeiten bestmöglich entwickelt? Diese Frage sollte im Mittelpunkt jeder bildungspolitischen Entscheidung stehen. Kinder unterscheiden sich in ihren Begabungen, Interessen, Lernvoraussetzungen und Entwicklungsgeschwindigkeiten. Manche zeigen früh besondere Fähigkeiten, andere entdecken ihre Stärken erst später. Internationale Forschungsergebnisse sprechen dafür, dass eine frühe Aufteilung auf unterschiedliche Schularten soziale Bildungsungleichheiten verstärken kann, ohne die durchschnittlichen Schulleistungen nachweislich zu verbessern. Längeres gemeinsames Lernen kann dagegen Bildungswege offenhalten und insbesondere Kinder mit ungünstigeren Startbedingungen besser fördern – vorausgesetzt, der Unterricht wird allen Kindern gerecht, den leistungsstarken ebenso wie denjenigen, die zusätzliche Unterstützung benötigen.

In Bayern werden Kinder bereits nach der vierten Klasse auf unterschiedliche weiterführende Schularten verteilt. Sie sind dann in der Regel erst zehn Jahre alt. Welche Folgen diese frühe Entscheidung hat, diskutierten Sachverständige am 22. Oktober 2026 im Bildungsausschuss des Bayerischen Landtags. Die Bildungsforscher Kai Maaz, Petra Stanat und Gabriele Weigand erläuterten dort wissenschaftliche Erkenntnisse, die für längeres gemeinsames Lernen sprechen. Vertreter des gegliederten Schulsystems, darunter Michael Schwägerl, Vorsitzender des Bayerischen Philologenverbandes, warnten dagegen vor Strukturreformen und forderten Verbesserungen innerhalb des bestehenden Systems. Wie tragfähig sind ihre jeweiligen Argumente, wenn man sie mit den Ergebnissen der internationalen Bildungsforschung vergleicht?

Frühe Selektion ist mit größerer sozialer Bildungsungleichheit verbunden

Ein wesentlicher Teil der internationalen Bildungsforschung findet Hinweise darauf, dass die frühe Aufteilung auf unterschiedliche Schularten soziale Bildungsungleichheiten verstärkt. Der Bildungsforscher Kai Maaz vom DIPF | Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation verwies in der Anhörung auf internationale Studien und Metaanalysen. Nach seiner Einschätzung bringt die frühe Trennung nach der vierten Klasse keine nachweisbaren allgemeinen Leistungsvorteile, sondern trägt dazu bei, soziale Ungleichheiten im Bildungssystem zu verfestigen. Besonders problematisch sei, dass überdurchschnittlich viele Kinder aus sozial benachteiligten Familien grundlegende Kompetenzanforderungen nicht erreichten.

Diese Einschätzung deckt sich mit einer Metaanalyse von Éder Terrin und Moris Triventi, die 2023 in der Fachzeitschrift Review of Educational Research erschien und 53 Forschungsarbeiten mit insgesamt 443 Effektschätzungen auswertete. Das Ergebnis: Die Aufteilung auf unterschiedliche Bildungsgänge bringt im Durchschnitt keinen statistisch gesicherten Leistungsvorteil, ist aber mit einer signifikant höheren Bildungsungleichheit verbunden. Eine weitere Untersuchung, die Ergebnisse internationaler Schulleistungsstudien aus zahlreichen Ländern und Regionen über rund 20 Jahre zusammenführte, gelangte zu ähnlichen Befunden. Zwar unterscheiden sich die untersuchten Bildungssysteme erheblich, doch die Übereinstimmung verschiedener Forschungsarbeiten stellt die Annahme infrage, dass eine frühe Trennung notwendig sei, um hohe schulische Leistungen zu erreichen. Da es sich überwiegend um Beobachtungsstudien zwischen unterschiedlichen Ländern handelt, lassen sich daraus Zusammenhänge, aber keine endgültigen Kausalaussagen für jedes einzelne System ableiten.

Begabungen brauchen Zeit, um sich zu entwickeln

Die Erziehungswissenschaftlerin Gabriele Weigand von der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe rückte in der Anhörung einen entwicklungspsychologischen Aspekt in den Mittelpunkt: Begabungen sind keine unveränderlichen Eigenschaften, sondern entwickeln sich durch Anregungen, Lerngelegenheiten und individuelle Förderung. Manche Kinder benötigen mehr Zeit, um ihre Interessen zu entdecken oder anfängliche Entwicklungsrückstände aufzuholen. Gerade Kinder aus sozial benachteiligten Familien laufen Gefahr, unterschätzt zu werden, weil ihre schulischen Leistungen nicht immer ihre tatsächlichen Entwicklungsmöglichkeiten widerspiegeln.

Weigand warnte davor, dass Potenziale im gegliederten Schulsystem übersehen werden können, „weil sie nicht mehr erwartet werden“. Darin liegt ein grundlegendes Problem früher Auswahlentscheidungen: Sie können nicht nur den weiteren Bildungsweg beeinflussen, sondern auch die Erwartungen, die Erwachsene an ein Kind richten. Werden Bildungswege länger offengehalten, erhalten Kinder zusätzliche Möglichkeiten, ihre Fähigkeiten zu entwickeln. Gleichzeitig haben Lehrkräfte mehr Zeit, Lernfortschritte zu beobachten, Begabungen zu erkennen und frühere Einschätzungen zu korrigieren. Die Leistungen eines zehnjährigen Kindes sind keine zuverlässige Vorhersage seiner gesamten weiteren Entwicklung.

Leistungsstarke Kinder müssen nicht verlieren

Ein häufiges Argument für das gegliederte Schulsystem lautet, dass Kinder in möglichst leistungshomogenen Gruppen besser gefördert werden könnten. Tatsächlich unterscheiden sich Kinder erheblich in ihren Fähigkeiten und Lerngeschwindigkeiten. Daraus folgt jedoch nicht zwingend, dass sie bereits nach der vierten Klasse unterschiedliche Schulen besuchen müssen. Eine Untersuchung von Sönke Hendrik Matthewes, zunächst 2018 als DIW-Diskussionspapier veröffentlicht, findet Hinweise darauf, dass längeres gemeinsames Lernen die durchschnittlichen Leistungen verbessern kann. Besonders deutlich profitierten dabei leistungsschwächere Kinder; für leistungsstarke Schülerinnen und Schüler zeigten sich keine messbaren Leistungseffekte – weder positiv noch negativ. Die Studie belegt damit nicht, dass jedes Kind automatisch größere Fortschritte erzielt. Sie widerspricht aber der Annahme, dass eine bessere Förderung schwächerer Kinder zwangsläufig zulasten stärkerer gehen müsse. Wie bei Beobachtungsstudien üblich, hängt die Übertragbarkeit auf andere Schulsysteme von den jeweiligen Rahmenbedingungen ab.

Auch die Vorstellung, eine frühe Aufteilung schaffe weitgehend homogene Lerngruppen, wird durch neuere Forschung relativiert: Selbst innerhalb derselben Schulart bleiben Kinder in ihren Fähigkeiten und Lernvoraussetzungen unterschiedlich. Individuelle Förderung ist deshalb in jeder Schulform notwendig. Eine frühe institutionelle Trennung kann diese pädagogische Aufgabe nicht ersetzen.

Unterrichtsqualität ist entscheidend

Petra Stanat, Direktorin des Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen an der Humboldt-Universität zu Berlin, machte in der Anhörung deutlich, dass längeres gemeinsames Lernen nicht automatisch bessere Leistungen hervorbringt. Entscheidend sei die Qualität des Unterrichts. Wenn Lehrkräfte nicht angemessen auf unterschiedliche Lernvoraussetzungen eingehen, bleiben die möglichen Vorteile gemeinsamer Bildung aus. Bei guter Unterrichtsqualität könnten dagegen insbesondere leistungsschwächere und sozial benachteiligte Kinder profitieren, ohne dass leistungsstärkere Nachteile erfahren.

Dieser Hinweis ist wissenschaftlich zentral: Er spricht nicht grundsätzlich gegen gemeinsames Lernen, sondern benennt die Bedingung für dessen Erfolg. Kinder benötigen Aufgaben, die ihren Fähigkeiten entsprechen, gezielte Unterstützung und angemessene Herausforderungen – leistungsstarke ebenso wie leistungsschwächere Schülerinnen und Schüler. Differenzierte Lernangebote, qualifizierte Rückmeldungen und die Förderung selbstregulierten Lernens können dazu beitragen. Solche Maßnahmen sind grundsätzlich in jeder Schulform möglich, für Gemeinschaftsschulen aber besonders wichtig, weil dort unterschiedliche Lernvoraussetzungen bewusst innerhalb gemeinsamer Lerngruppen berücksichtigt werden müssen. Genau deshalb reicht eine strukturelle Reform allein nicht aus: Sie muss von entsprechender Qualitätsentwicklung begleitet werden.

Finnlands Leistungsrückgang widerlegt gemeinsames Lernen nicht

Der Bayerische Philologenverband verwies in der Anhörung auf Finnland, dessen Schülerinnen und Schüler über viele Jahre hervorragende PISA-Ergebnisse erzielten, inzwischen aber deutlich schlechter abschneiden. Michael Schwägerl sieht darin einen Anlass, die Vorteile längeren gemeinsamen Lernens kritisch zu hinterfragen. Der Leistungsrückgang Finnlands ist tatsächlich dokumentiert. Daraus lässt sich jedoch nicht ableiten, dass das gemeinsame Schulsystem dafür verantwortlich ist: Finnland erzielte seine früheren Spitzenergebnisse unter derselben grundlegenden Schulstruktur. Für eine wissenschaftlich tragfähige Erklärung des Rückgangs müssten weitere Veränderungen der schulischen und gesellschaftlichen Lernbedingungen untersucht werden – etwa Mediennutzung, Lehrkräftemangel oder gesellschaftliche Entwicklungen, die in der internationalen Forschung diskutiert werden.

Andere Länder zeigen, dass längeres gemeinsames Lernen mit Leistungssteigerungen vereinbar ist. Polen verlängerte 1999 die gemeinsame Schulzeit bis etwa zum 15. Lebensjahr. In den folgenden Jahren verbesserten sich die Ergebnisse bei internationalen Schulleistungsuntersuchungen erheblich, und wissenschaftliche Analysen fanden positive Auswirkungen der Reform. Allerdings wurden gleichzeitig Lehrpläne, Prüfungsverfahren und weitere Elemente des Bildungssystems verändert, sodass sich der gesamte Leistungsanstieg nicht allein auf die spätere Selektion zurückführen lässt. Auch Untersuchungen zur schwedischen Schulreform zeigen insbesondere für Kinder aus weniger privilegierten Familien positive langfristige Auswirkungen auf Bildungsabschlüsse. Die internationalen Erfahrungen verdeutlichen damit sowohl die Möglichkeiten längeren gemeinsamen Lernens als auch die Bedeutung der jeweiligen Rahmenbedingungen – ein einzelnes Gegenbeispiel wie Finnland entkräftet das Gesamtbild nicht.

Frühkindliche Förderung ist kein Ersatz für längeres gemeinsames Lernen

Der Bayerische Philologenverband betont, dass Bildungsungleichheiten bereits vor der Einschulung entstehen. Michael Schwägerl fordert deshalb, stärker in frühkindliche Bildung zu investieren: „Wer Bildungsgerechtigkeit nachhaltig verbessern möchte, muss deshalb früh ansetzen.“ Diese Forderung ist wissenschaftlich gut begründet. Unterschiede in sprachlichen und mathematischen Fähigkeiten entstehen häufig bereits im Kleinkindalter, und hochwertige frühkindliche Bildung kann helfen, ungünstige Startbedingungen auszugleichen. Auch Kai Maaz und Gabriele Weigand betonten in der Landtagsanhörung ausdrücklich die Bedeutung früher Förderung.

Aus dieser Erkenntnis folgt jedoch nicht, dass Veränderungen der späteren Schulstruktur überflüssig wären. Frühkindliche Förderung und längeres gemeinsames Lernen setzen an unterschiedlichen Stellen der Bildungsbiografie an und können sich ergänzen: Frühkindliche Bildung kann bestehende Unterschiede verringern, während längeres gemeinsames Lernen helfen kann zu verhindern, dass diese durch frühe Auswahlentscheidungen zusätzlich verstärkt werden. Um zu belegen, dass Investitionen in frühkindliche Förderung grundsätzlich wirksamer wären als Veränderungen der Schulstruktur, wären direkte Wirkungs- und Kostenvergleiche nötig. Einen solchen Nachweis enthält die veröffentlichte Stellungnahme des Philologenverbandes nicht – beide Hebel schließen sich nicht gegenseitig aus, sondern sollten gemeinsam gedacht werden.

Wie durchlässig ist das bayerische Schulsystem?

Der Philologenverband bezeichnet die Durchlässigkeit als einen wesentlichen Vorteil des bayerischen Schulsystems: Kinder könnten auch nach dem Übertritt zwischen den Schularten wechseln und unterschiedliche Abschlüsse erreichen. Formal ist das richtig. Doch die Existenz solcher Möglichkeiten sagt noch wenig darüber aus, wie häufig Kinder tatsächlich aufsteigen. Kai Maaz verwies in der Landtagsanhörung auf ein deutliches Ungleichgewicht zwischen Auf- und Abstiegen zwischen den Schularten in Bayern. Die genaue Größenordnung hängt von den statistischen Definitionen und dem betrachteten Zeitraum ab; die von ihm berichtete Asymmetrie sollte daher als Anhaltspunkt und nicht als exakt belegter Wert verstanden werden. Sie zeigt aber, weshalb zwischen formaler Durchlässigkeit und tatsächlich genutzten Aufstiegsmöglichkeiten unterschieden werden muss.

Hinzu kommt der Einfluss der sozialen Herkunft. Petra Stanat verwies darauf, dass Kinder aus sozial besser gestellten Familien in Bayern bei einem bestimmten Unterschied im Sozialstatus eine deutlich höhere Chance auf einen Gymnasialbesuch haben als Kinder aus weniger privilegierten Familien, und dass dieses Verhältnis in anderen Bundesländern wie Berlin und Brandenburg geringer ausfällt. Diese Unterschiede lassen sich nicht ausschließlich auf die Schulstruktur zurückführen – auch andere Faktoren wie regionale Unterschiede oder das Ausbildungssystem spielen eine Rolle. Sie verdeutlichen aber, wie stark Bildungswege weiterhin mit familiären Voraussetzungen zusammenhängen. Wenn ein Bildungssystem allen Kindern möglichst gute Entwicklungschancen eröffnen soll, muss es deshalb auch danach beurteilt werden, inwieweit es solche Abhängigkeiten verringert.

Gemeinschaftsschulen: Einführung mit klaren Qualitätsstandards statt jahrelangem Abwarten

Der Philologenverband warnt vor hohen Kosten, zusätzlichem Personalbedarf und der Gefahr, dass bildungsnahe Familien auf Privatschulen ausweichen könnten. Solche Risiken sollten bei der Planung berücksichtigt werden. Ob die Einführung zusätzlicher Gemeinschaftsschulen in Bayern tatsächlich erhebliche Abwanderungsbewegungen auslösen würde, ist damit jedoch nicht belegt, und die Kosten eines vollständigen Systemumbaus lassen sich nicht ohne Weiteres auf einzelne neue Schulangebote übertragen. Das Bündnis Gemeinschaftsschule Bayern fordert ausdrücklich nicht die Abschaffung bestehender Schularten, sondern die Möglichkeit, Gemeinschaftsschulen als zusätzliche Schulart einzurichten, damit Kommunen, Eltern und Schulen entsprechende Konzepte entwickeln und umsetzen können.

Angesichts der vorliegenden Forschungslage spricht einiges dafür, diese Öffnung zügig zu ermöglichen, statt sie von jahrelangen Vorab-Prüfungen abhängig zu machen. Kindern, die heute eingeschult werden, hilft eine Reform nur, wenn sie zeitnah wirksam wird. Entscheidend ist dabei, dass die Einführung nicht auf Kosten der Qualität geht: Verbindliche Standards für Unterrichtsdifferenzierung, ausreichende Personalausstattung und eine Begleitung, die bestehende Konzepte nicht verwässert, sondern ihre Umsetzung absichert, sollten von Beginn an mitgeplant werden. Wissenschaftliche Begleitforschung kann dann parallel zum laufenden Betrieb zeigen, unter welchen Bedingungen Gemeinschaftsschulen erfolgreich arbeiten – orientiert nicht nur an Schulleistungen und Abschlüssen, sondern auch an individuellen Lernfortschritten, Motivation, sozialer Entwicklung und schulischem Wohlbefinden. Eine solche Überprüfung ist für neue wie für bestehende Schulstrukturen gleichermaßen sinnvoll: Gute Leistungen einzelner Schularten belegen für sich genommen nicht, dass alle Kinder unabhängig von ihrer sozialen Herkunft vergleichbare Entwicklungsmöglichkeiten erhalten.

Kinder brauchen Förderung statt früher Festlegung

Ein erheblicher Teil der internationalen Bildungsforschung spricht dafür, dass frühe Selektion soziale Bildungsungleichheiten verstärkt, ohne einen allgemeinen Leistungsvorteil zu gewährleisten. Gleichzeitig zeigen die Untersuchungen, dass längeres gemeinsames Lernen seine Möglichkeiten nur dann entfalten kann, wenn die Unterrichtsqualität stimmt. Kinder brauchen individuelle Herausforderungen, gezielte Unterstützung und Erwachsene, die ihre Fähigkeiten erkennen und weiterentwickeln helfen. Sie müssen Fehler machen, Schwierigkeiten überwinden und neue Interessen entdecken dürfen, ohne frühzeitig auf einen bestimmten Leistungsstand festgelegt zu werden.

Für Eltern und pädagogische Fachkräfte ergibt sich daraus eine grundlegende Aufgabe: Kinder sollten nicht vorschnell nach ihren momentanen Leistungen beurteilt werden. Ihre Fähigkeiten verändern sich, und ihre künftige Entwicklung lässt sich aus den Ergebnissen am Ende der vierten Klasse nicht zuverlässig vorhersagen. Längeres gemeinsames Lernen kann dazu beitragen, Bildungswege offenzuhalten und insbesondere Kindern mit ungünstigeren Startbedingungen zusätzliche Chancen zu eröffnen.

Entscheidend ist dabei nicht die Schulform allein, sondern die Qualität der Lernbedingungen, die sie bietet – und die Geschwindigkeit, mit der Reformen tatsächlich bei den Kindern ankommen. Wer auf jahrelange Modellversuche wartet, bevor er handelt, nimmt in Kauf, dass ganze Jahrgänge keine Alternative zur frühen Selektion erhalten. Sinnvoller erscheint eine zügige, aber qualitätsgesicherte Einführung von Gemeinschaftsschulen als zusätzlicher Schulart, begleitet von verbindlichen Standards und wissenschaftlicher Beobachtung im laufenden Betrieb. Nicht die möglichst frühe Zuordnung zu einer Schulart sollte im Mittelpunkt stehen, sondern die Frage, wie jedes Kind seine Fähigkeiten bestmöglich entfalten kann – und wie schnell ein Bildungssystem bereit ist, dafür die notwendigen Wege zu öffnen.

Quellen und weiterführende Literatu

Terrin, É., & Triventi, M. (2023): The Effect of School Tracking on Student Achievement and Inequality: A Meta-Analysis. Review of Educational Research, 93(2), 236–274. https://doi.org/10.3102/00346543221100850

Strello, A., Strietholt, R., Steinmann, I., & Siepmann, C. (2021): Early tracking and different types of inequalities in achievement: Difference-in-differences evidence from 20 years of large-scale assessments. Educational Assessment, Evaluation and Accountability. https://doi.org/10.1007/s11092-020-09346-4

Matthewes, S. H. (2021): Better Together? Heterogeneous Effects of Tracking on Student Achievement. The Economic Journal.

OECD (2023): PISA 2022 Results, Volume II: Learning During – and From – Disruption. OECD Publishing.

Jakubowski, M. (2015): Opening up opportunities: Education reforms in Poland. IBS Policy Paper.

Meghir, C., & Palme, M. (2005): Educational Reform, Ability, and Family Background. American Economic Review, 95(1), 414–424.

Bayerischer Landtag (2026): Sachverständigenanhörung „Längeres gemeinsames Lernen in Bayern – Chancengerechtigkeit, Bildungserfolg und Schulstruktur“, 22. Oktober 2026.

Bayerischer Philologenverband (2026): Gezielte Investitionen in die frühkindliche Bildung statt fragwürdiger Reformen. Pressemitteilung vom 22. Oktober 2026.

Bündnis Gemeinschaftsschule Bayern (2026): Wissenschaft stärkt längeres gemeinsames Lernen – Bündnis fordert Gemeinschaftsschule als zusätzliche Schulart in Bayern. Pressemitteilung vom 23. Oktober 2026.

Gernot Körner




Systemische Pädagogik in der Kita: Kindliche Entwicklung ganzheitlich verstehen

karten-systemische-paedagogik

Sybille Schmitz: Systemische Pädagogik in der Kita. Kindliche Entwicklung ganzheitlich verstehen und begleiten

Ausgangslage:

Um die vielfältigen, entwicklungsförderlichen und entwicklungshinderlichen Verhaltensweisen von Kindern zu verstehen, um daraus professionell abgeleitete und entwicklungshilfreiche Handlungsschritte abzuleiten, bedarf es einer ganzheitlichen Sichtweise! So gibt es immer sehr vielfältige und unterschiedliche Einflussfaktoren, die sich in den Ausdrucksformen der Kinder widerspiegeln. Die in vielen Kindertageseinrichtungen gängige Praxis zeigt hingegen, dass vor allem ein so genanntes destruktives Verhalten von Kindern dem Kind selbst angelastet wird, losgelöst aus einer ständig bestehenden Vernetzung von Einflüssen, denen Kinder ausgesetzt sind. Isolierte Betrachtungsweisen führen dann in der Regel schnell und unreflektiert zu Etikettierungen eines Kindes. Ihm werden medizinische oder subjektiv formulierte Eigenschaftsmerkmale zugeordnet, was in der Regel dazu führt, dass dem Kind teilisolierte, funktional konzipierte Programme übergestülpt werden, ohne die hintergründigen Wechselwirkungen, die zu dem ‚besonderen Verhalten‘ geführt haben, zu beachten.

Intention und thematische Schwerpunkte:

Die Autorin dieses Kartensystems, die als Bildungsreferentin, systemische Beraterin und Familientherapeutin tätig ist, hat sich genau diesem Problem zugewandt, um folgende Schwerpunkte zu thematisieren:

  • Fachkräften und Eltern dabei hilfreich zu sein, ein systemisches Selbstverständnis für eine systemische Situationsbetrachtung zu wecken und praktische Hinweise zu geben, wie eine systemisch orientierte Pädagogik gelingen kann.
  • Fachkräfte zu sensibilisieren und dabei zu unterstützen, situations- und lebenswelt-, beziehungs- und bedürfnisorientiert sowie ressourcen- und kompetenzorientiert ihre Arbeit zu verstehen und zu gestalten.

Damit wird der Fokus sowohl auf die pädagogische Haltung der Fachkräfte, auf die Art und Weise der Beobachtung, die Reflexionsbereitschaft und die Qualität der Selbstreflexion sowie das praktisch gestaltete pädagogische Handeln gelegt.

Inhalt und Aufbau:

Das Bild-/Textkartenset besteht aus fünf Schwerpunktbereichen:

  • den Lebenswelten der Kinder,
  • ihren Beziehungen zu sich selbst und zu anderen/ zum gesamten Umfeld,
  • den individuellen Bedürfnissen von Kindern,
  • ihren Stärken und Entwicklungsressourcen
  • sowie deren Kompetenzen und ihren zugrunde liegenden Lernprozessen.

Jeder Schwerpunktbereich beginnt mit einer kurzen, dennoch theoriefundierten Einführung, bevor auf manchen Karten einige Praxisbeispiele vorgestellt sowie Reflexionsimpulse angeboten werden und darüber hinaus vielfältige Reflexionsfragen und praktische Übungen, die als Download zur Verfügung gestellt werden, zur Vertiefung und als Arbeitsbegleitung zur Verfügung stehen.

Gleichwohl seien an dieser Stelle bei aller fachlichen Begeisterung und einer umfänglichen Zustimmung zwei Anmerkungen vorgenommen:

  • Es wäre sicherlich hilfreich, wenn die Karten im Sinne von Seitenzahlen nummeriert worden wären, um bei einer Kartenbearbeitung/ Kartensuche die entsprechende Karte schneller zu finden.
  • Es wäre für neugierig gewordene, interessierte LeserInnen mit Sicherheit ein wichtiges und inhaltlich vertiefendes Angebot gewesen, hätte die im Download vorhandene Literaturliste einerseits – gerade entsprechend dem Untertitel „Kindliche Entwicklung ganzheitlich verstehen …“ bedeutend mehr Literaturangaben zu den ‚Ausdrucks-, Erzähl- und Bedeutungswerten kindeigener Ausdrucksformen‘ enthalten (z.B. zur Psychologie des Spiels, zur Psychologie des Malens und Zeichnens, zur Psychologie der Motorik und Körpersprache des Kindes, zur Psychologie erwartungswidriger Verhaltensweisen, zur Psychologie des Sprachverhaltens, zur Psychologie der Tag- und Nachtträume von Kindern), um auch aus analytischer Sicht einen verstehenden Blick „hinter die Ausdruckskulissen“ vorzunehmen.
  • Wenn dann noch im Literaturverzeichnis die Literaturangaben thematisch geblockt worden wären (z.B. Literaturangaben zu den Bereichen „Haltung“, „Systemische Pädagogik“, „Biographiearbeit“, „Schemapädagogik und Persönlichkeitsstile“, „Bildung durch Bindung“, „Situations-, Bedürfnis & Ressourcenorientierung“, „Ausdrucksformen und ihre Bedeutungswerte“ usw.), hätte das den I-Punkt für diese schon jetzt überaus empfehlenswerte Publikation bedeutet.      

Adressaten:

Das Bild-/Textkartenset ist einerseits für den Fall sehr hilfreich, wenn sich ein Team dazu entschließt, eine grundsätzliche Bestandsaufnahme der bisherigen Arbeit/ zum vorhandenen Arbeitsverständnis zu machen und gleichzeitig die für eine professionell geforderte und bildungsrelevante Elementarpädagogik notwendige systemische Pädagogik kennenzulernen, um diese dann zur neuen Arbeitsrealität werden zu lassen. Andererseits eignet sich das Bild-/ Textkartenset für eine Nutzung in der Fort- und Weiterbildung, wodurch ReferentInnen ein sehr hilfreiches und praxisrelevantes Handwerkszeug in Händen halten, um zielgenaue Themen in die Theorie und Praxis der systemischen Pädagogik zu verdeutlichen und MitarbeiterInnen bzw. Leitungskräfte bei der Umsetzung zu unterstützen.

Fazit:

Um dem Anspruch einer >kindorientierten Pädagogik< gerecht zu werden, ist es notwendig, eine >systemische Pädagogik< in der Kita zu implementieren, bei der Zusammenhänge und Wechselwirkungen im System des Kinderlebens berücksichtigt werden. Nur dadurch kann (und muss endlich!) ein Perspektivwechsel von einer symptometikettierenden, funktional geprägten Pädagogik mit einem defizitären Blick auf das Kind hin zu einer ganzheitlich geprägten Pädagogik gelingen. Sybille Schmitz hat dazu dieses überaus gelungene, praxisbezogene, zur Selbstreflexion auffordernde und hilfreiche Bild-/Textkartenset veröffentlicht, das sich hoffentlich zu einem viel genutzten Standardwerk in der Elementarpädagogik etablieren wird.

Rezensent: Prof. h.c. Dr. h.c. Armin Krenz, Hon.Professor (a.D.)

systemische-paedagogik

Sybille Schmitz: Systemische Pädagogik in der Kita
Kindliche Entwicklung ganzheitlich verstehen und begleiten
Don Bosco Medien GmbH, München 2026
50 Bild-/Textkarten + Begleitheft
EAN: 4260694 92446 4
28,00 €




Ein schüchternes Gespenst auf der Suche nach Freundschaft

gustavo-das-scheue-gespenst

Flavia Zorilla Drago: Gustavo, das scheue Gespenst

Passend zur Jahreszeit soll es diesmal um eine Geistergeschichte gehen. Und weil bei uns Kinder im Mittelpunkt stehen – in diesem Fall die jüngeren –, handelt es sich um ein Bilderbuch mit einem kleinen Gespenst. Nein, nicht um das von Otfried Preußler, das eigentlich jedes Kind einmal kennenlernen sollte, sondern um Gustavo von Flavia Zorilla Drago.

gustavo-das-scheue-gespenst-gebundene-ausgabe-flavia-z-drago

Gustavo liebt die einfachen Dinge des Geisterlebens: durch Wände gehen, Gegenstände schweben lassen, im Dunkeln leuchten und Geige spielen. Doch eines fällt dem kleinen Gespenst ausgesprochen schwer: Er ist furchtbar schüchtern und traut sich einfach nicht, die anderen Monster anzusprechen. Dabei möchte er doch so gerne dazugehören.

Ob und wie ihm das gelingt, erzählt Drago mit viel Witz, Einfühlungsvermögen und wunderschönen Illustrationen.

Die gebürtige Mexikanerin beschäftigt sich seit Langem mit der Geisterwelt. Mit ihren fantasievollen, leicht schaurigen Bilderbüchern erlangte sie internationale Anerkennung. 2025 widmete sie sich dem Thema sogar in ihrer Doktorarbeit über die Gestaltung von Bilderbüchern mit Horrorelementen.

gustavo-das-scheue-gespenst-gebundene-ausgabe-flavia-z-drago

Drago versteht also etwas von ihrem Genre. Gustavo war ihr erstes selbst geschriebenes und illustriertes Bilderbuch. Geschichten über eine kleine Hexe und einen Vampir folgten.

Auch in Gustavo klingt die mexikanische Tradition des Día de los Muertos, des Tages der Toten, an. In dieser Tradition ist der Tod kein endgültiger Abschied, sondern Teil des Lebens. Die Verstorbenen bleiben durch Liebe und Erinnerung mit den Lebenden verbunden. Das farbenfrohe Fest feiert diese Verbundenheit und die symbolische Wiederbegegnung mit den Verstorbenen.

Diese besondere Stimmung vermitteln bereits der aufwendig gestaltete Buchumschlag und die Vorsatzseiten. Sie prägt aber auch die humorvolle Geschichte, mit der Drago ihre jungen Leserinnen und Leser in eine Welt voller Geister und Monster entführt.

Bei aller Farbenpracht und allem Witz verliert sie dabei ihren zarten Gustavo nie aus dem Blick. Seine Schüchternheit, seine Sehnsucht nach Freundschaft und seine Schwierigkeiten, auf andere zuzugehen, dürften vielen Kindern vertraut sein. So bietet das Buch auch wunderbare Gesprächsanlässe über Freundschaft, Unsicherheit und den Mut, den es manchmal braucht, um auf andere zuzugehen.

Flavia Zorilla Drago ist damit ein in vielerlei Hinsicht bemerkenswertes und wunderschön gestaltetes Bilderbuch gelungen, das nicht nur die dunkle Jahreszeit ein wenig heller macht.

cover-gustavo

Gustavo, das scheue Gespenst
Flavia Z. Drago (Autor, Illustrator),
Ulrich Störiko-Blume (Übersetzer)
Von Hacht Verlag GmbH
40 Seiten
ISBN‏ : ‎ 978-3968260259
Ab 3 Jahren
17,00€




Zwei Kita-Fortbildungen: Grenzen setzen und Werte vermitteln

Zwei Online-Seminare mit Thomas Rupf und Armin Krenz zeigen, wie pädagogische Fachkräfte Grenzen setzen und Kindern wichtige Werte vermitteln

Pädagogische Fachkräfte stehen täglich vor vielfältigen Herausforderungen. Hohe Erwartungen von Eltern, zunehmende Arbeitsbelastung und Personalmangel erschweren es häufig, den eigenen pädagogischen Ansprüchen gerecht zu werden. Zwei Online-Fortbildungen der BildungsBeratung Ankum bieten im November praxisnahe Anregungen, um den Berufsalltag bewusster und professioneller zu gestalten.

Professionelle Abgrenzung: Auch Nein sagen gehört zum Beruf

Am 11. November 2026 von 9 bis etwa 12 Uhr beschäftigt sich Dipl.-Päd. Thomas Rupf im Webinar „Könnte ich mich doch bloß mal besser abgrenzen“ mit der Frage, wie pädagogische Fachkräfte ihre eigenen Grenzen erkennen und gegenüber Eltern und anderen Beteiligten angemessen vertreten können.

Dabei geht es um typische Konfliktsituationen aus dem Kita-Alltag: Müssen kranke Kinder aufgenommen werden? Dürfen Fachkräfte die Medikamentengabe ablehnen? Wie reagiert man, wenn Eltern ihr Kind verspätet abholen oder mitten im Stuhlkreis bringen?

Rupf zeigt Strategien auf, mit denen sich Fachkräfte aus Rechtfertigungszwängen lösen, Verantwortlichkeiten klären und ihre professionelle Handlungsfähigkeit bewahren können.

Wie Kinder Werte erfahren: Pädagogische Haltung im Mittelpunkt

Am 16. November 2026, ebenfalls von 9 bis etwa 12 Uhr, widmet sich Prof. Dr. Armin Krenz dem Thema „Wie Kinder Werte erfahren – Gelebte Werte und ihre besondere Bedeutung für den Weg ins Leben“.

Im Mittelpunkt steht die Frage, wie Kinder grundlegende Werte wie Achtsamkeit, Respekt, Empathie und Vertrauen entwickeln können. Entscheidend ist dabei nicht allein, über Werte zu sprechen. Kinder müssen sie im täglichen Zusammenleben erfahren können.

Krenz beleuchtet die Bedeutung einer kindzentrierten Pädagogik, einer reflektierten professionellen Haltung und einer tragfähigen Beziehungsarbeit. Darüber hinaus gibt er Anregungen für die Zusammenarbeit im Team und den Umgang mit Belastungen und ständig neuen Anforderungen.

Teilnahme und Anmeldung

Beide Webinare richten sich an Erzieherinnen und Erzieher, Lehrkräfte, Kindertagespflegepersonen sowie Fachkräfte aus der Jugendarbeit und weiteren pädagogischen Arbeitsfeldern. Auch eine gemeinsame Teilnahme als Team ist möglich.

Die Veranstaltungen finden online über Zoom statt und kosten jeweils 67 Euro pro Person. Nach der Teilnahme erhalten die Teilnehmenden eine Bescheinigung über vier Unterrichtseinheiten.

Veranstalter und Ansprechpartner für die Anmeldung ist die BildungsBeratung Ankum, E. G. Ginten. Interessierte können sich für weitere Informationen und die Anmeldung direkt an den Veranstalter wenden: https://bb-ankum.de/




Ausgezeichnet von spiel gut: Dusy-Schrauber-Set

dusy-schrauber-set

Dusy-Schrauber-Set – Kreatives Bauen mit Karton

Alte Kartons waren schon immer ein beliebtes Bau- und Spielmaterial. Schwierig war und ist jedoch das Verbinden der einzelnen Teile. Objekte mit schrägen Bauteilen, wie beispielsweise Hausdächer, ließen sich oft nur mit Unterstützung von Erwachsenen und viel Klebeband realisieren.

Für dieses Problem hat die Firma Dusyma eine patente Lösung entwickelt: Die Kartonteile werden mithilfe von Kunststoffdübeln miteinander verbunden. Dazu gibt es einen Schrauber mit Bithalter und einen Bohraufsatz. Der Dübel wird auf den Schrauber aufgesetzt und anschließend in die Kartonteile eingeschraubt. Auf diese Weise lassen sich auch mehrere Kartonschichten miteinander verbinden. Die Verbindung ist sehr stabil. Nach dem Spielen kann der Dübel wieder herausgeschraubt und erneut verwendet werden. Mit dem Set sind sowohl Bohren als auch Schrauben möglich.

Das Schrauber-Set wurde zwar für Kindergärten konzipiert, eignet sich aber auch für Kinder, die zu Hause gerne schrauben und bohren. Eltern können das Set mit anderen Familien teilen oder austauschen, wenn das Thema Bauen, Schrauben und Bohren gerade nicht aktuell ist.

Material und Lieferumfang: Schrauber mit Bithalter aus Buche und Metall (18 × 10 cm), ein Bohraufsatz aus Metall sowie 100 Gipskartondübel (2,5 cm). Das Set wird in einem Baumwollbeutel geliefert. Dübel und Schrauber sind auch separat erhältlich.

Das Schrauber-Set bietet Kindern die Möglichkeit, sich handwerklich zu betätigen und dabei stabile, langlebige Bauwerke zu schaffen. Idee, Material und Umsetzung überzeugen auf ganzer Linie. Damit hat sich das Set die spiel gut-Auszeichnung verdient.

dusy-schrauber-set-kinder

Dusy-Schrauber-Set
Preis: 35 €
Alter: Ab 4 Jahren
Marke: Dusyma
Hersteller: Dusyma Kindergartenbedarf GmbH




Selbstfürsorge sorgt für neue Kraft im Alltag

entspannung-selbsfuersorge

Zwölf Fragen zur Reflexion, um Selbst(be)achtung und Selbstwertgefühl zu finden

Um als ErzieherIn die alltäglichen und vielfältigen Herausforderungen in einer Kindertagesstätte so gut wie möglich zu meistern, bedarf es nicht nur immer wieder einer Projektplanung, einem immer wieder vorhandenen Interesse, die Stärken der einzelnen Kinder zu sehen, ihre Aufmerksamkeit durch Beziehungsangebote zu erreichen, sich im Kollegium auszutauschen, Beobachtungsbögen für Entwicklungsberichte zu schreiben, fachkompetente Gespräche mit Eltern zu führen usw. sondern auch einer steten Berücksichtigung der eigenen Person, um den vielfältigen fachlichen und persönlichen Anforderungen/Ansprüchen gerecht werden zu können.

Dr. Janusz Korczak, einer der bekanntesten humanistisch orientierten Pädagogen des vergangenen Jahrhunderts, drückte es einmal so aus:

Du kannst den anderen nur soweit bringen, wie Du selbst gekommen bist.

Damit ergibt sich die Notwendigkeit, neben den reichhaltigen Kommunikations- und Interaktionsaktivitäten immer wieder den inneren Dialog mit sich selbst zu suchen, um für eine eigene, gut und reichhaltig vorhandene >Psychohygiene< zu sorgen, um den >Selbstwert< aufrechtzuerhalten, bei Bedarf zu stabilisieren oder auszubauen bzw. neu zu organisieren.

Zum inneren Dialog finden

Denn nichts ist letztlich anstrengender, als mit einer seelisch-körperlichen Belastung aufzuwachen und damit den Tag zu beginnen, sich mit einer gefühlten Schwere an bevorstehende Aufgaben zu begeben, sich in Routinekreisläufen zu bewegen, ohne Innovationsperspektiven zu entdecken. Oder mit der Zeit Verhaltensmerkmale bei sich selbst zu entdecken, die auf einer Unzufriedenheit bis hin zu einer Entwicklung in Richtung eines Burnouts hinweisen (könnten).

Nein, wir brauchen nicht mehr Schlaf. Es sind unsere Seelen, die müde sind, nicht unser Körper. Wir brauchen Natur, wir brauchen Magie. Wir brauchen Abenteuer. Wir brauchen Freiheit. Wir brauchen Ruhe. Wir brauchen nicht mehr Schlaf, wir müssen aufwachen und leben.

Michael McMillan

Selbs(be)achtung für ein starkes Selbstwertgefühl

Der Selbstwert, die bewusste Selbst(be)achtung und damit auch ein starkes Selbstwertgefühl sorgen für viele, unterschiedliche personale Qualitäten wie beispielsweise eine vorhandene Möglichkeit, auch nach anstrengenden Tätigkeiten zur Ruhe kommen und abschalten zu können, neue Kräfte zu sammeln, wahrnehmungsoffener zu werden, persönliche Kränkungen nicht zu einer Dauerbelastung werden zu lassen, Misserfolge in Perspektivüberlegungen umzudeuten, Arbeitsfreude wiederzufinden, aus Routinen ausbrechen zu können oder für genussvolle Erlebnismomente zu sorgen, die vielleicht im Laufe der Zeit verlorengegangen sind. 

Insofern ist es immer hilfreich, sich selbst Fragen zu stellen, die darauf ausgerichtet sind, sorgsam zu reflektieren, wie es um die eigene SELBSTFÜRSORGE steht. Dazu finden Sie im folgenden Teil einige Reflexionskarten, die Ihnen helfen können, den Kreislauf einer „Abwärtsspirale“ zu unterbrechen. Selbstfürsorge gehört zu einem professionell gestalteten Berufsverständnis dazu, wird aber in der Hektik des Alltags allzu oft übersehen bzw. beiseitegeschoben. Es lohnt sich durchaus, den Fragen und Hinweisen einmal nachzugehen

Reflexionskarten:

Ausgangssituation: Wenn zu viele unterschiedliche Gedanken in meinem Kopf umherschwirren, entsteht in mir ein Gedankenchaos. Ein erster Lösungsschritt Ordnen Sie Ihre Gedanken und überlegen Sie, welche Gedanken zu welchen Lösungsschritten führen können, um unerledigte Dinge aufzugreifen und schließlich abhaken zu können. Ausgangssituation: Viele Menschen tragen perfektionistische Ansprüche mit sich herum und sind erst dann zufrieden, wenn diese auch perfekt erfüllt wurden. Ein erster Lösungsschritt: Begeben Sie sich einmal auf die Suche, woher dieser Perfektionsanspruch kommt und versuchen Sie in nicht ganz so wesentlichen Aufgaben, hohe Perfektionsansprüche zu senken.
Ausgangssituation: Durch die Fülle der alltäglichen Arbeitsanforderungen geschieht es nicht selten, dass persönliche Vorhaben und Wünsche viel zu kurz kommen und vollkommen zurückgestellt werden. Ein erster Lösungsschritt: Versuchen Sie einmal, an jedem Tag eine bestimmte Zeitspanne ganz für sich persönlich einzuräumen, in der Sie sich etwas Gutes tun, was Sie genießen und worüber Sie sich freuen können. Ausgangssituation: Arbeitsroutinen sorgen im Alltag dafür, dass man selbst brachliegende Fähigkeiten gar nicht mehr wahrnimmt und schließlich kaum noch entdecken kann, was die eigene Unzufriedenheit wachsen lässt. Ein erster Lösungsschritt: Schauen Sie einmal in Ihren Kompetenzenrucksack und versuchen Sie dabei einmal, bisher nicht genutzte Fähigkeiten/ Wünsche zu entdecken, um etwas Neues aufzugreifen.  
Ausgangssituation: Es gibt kaum eine bessere Möglichkeit abzuschalten und zu entspannen als sich in der Natur aufzuhalten und die vielfältigen, ungezählten Natureindrücke aufzunehmen. Doch eigene Bequemlichkeiten halten uns nicht selten von Naturerlebnissen ab. Ein erster Lösungsschritt: Räumen Sie in ihrer Arbeitswoche, wenn möglich, ein oder zwei >Naturerlebnisspaziergänge< ein, um die Seele baumeln zu lassen Ausgangssituation: Viele Menschen konzentrieren Ihre Wahrnehmung bei Problemen immer wieder auf das, was nicht gut ist, was nicht geklappt hat, was derzeit nicht verändert werden kann oder was wohl auch weiterhin nerven wird. Ein erster Lösungsschritt: Versuchen Sie einmal, starre Problemfixierungen in konstruktiv formulierte Lösungsansätze umzudeuten, um aus einer Problemlage eine Lösungsaufgabe zu machen.
Ausgangssituation: Selbstfürsorge hat für jeden Menschen einen hohen Entwicklungs- und Bedeutungswert. Dennoch vergessen viele Menschen im Alltagsgeschehen, genügend Selbstfürsorge zu betreiben. Ein erster Lösungsschritt: Nehmen Sie einmal eine Bestandsaufnahme vor, welche Form(en) der Selbstfürsorge Sie für ausreichende Entspannungs-momente betreiben oder neu einrichten sollten.  Ausgangssituation: Gehen Sie einmal der Frage nach, wer oder was Sie daran hindert, dass Sie ausreichend gut für sich selbst sorgen können. Ein erster Lösungsschritt:  Wenn Sie eine Liste erstellt haben, wer oder was Sie an einer zufriedenstellenderen Selbstfürsorge hindert, dann versuchen Sie, erste Veränderungsvorhaben zu formulieren, um diese Schritt für Schritt umzusetzen. 
Ausgangssituation: Viele Entscheidungen im eigenen Leben/ im Zusammenleben mit anderen Menschen sind auch mit Kompromissen verbunden (gewesen), doch bei genauerer Betrachtung haben sie sich als belastend/ ärgerlich herausgestellt. Ein erster Lösungsschritt: Nehmen Sie einmal eine Bestandsaufnahme unglücklich machender Kompromissentscheidungen vor und führen Sie diese zu besseren, annehmbaren Entscheidungen Ausgangssituation: Manche Menschen glauben, stets und immer für andere Menschen erreichbar zu sein. Doch diese Erreichbarkeit führt dazu, immer weniger Platz für sich selbst einzuräumen und nutzen zu können. Ein erster Lösungsschritt: Klären Sie zunächst mit sich selbst die Frage, warum es Ihnen so wichtig ist, immer erreichbar zu sein, um dann Entscheidungen zu treffen, welche Abgrenzungen Ihnen gut tun.
Ausgangssituation: Gerade vielfältige und permanente Herausforderungen im Alltag sorgen für eine ‚Nahsicht’ mancher Vorhaben, die sich im Nachhinein allerdings als wenig hilfreich erweisen. Ein erster Lösungsschritt: Bei vielen Vorhaben und Entscheidungen ist eine ‚Weitsicht’ angebracht, um wirklich Wichtiges von Unwichtigem zu trennen. Welche Weitsicht kann Ihnen helfen, den Alltag besser zu strukturieren? Ausgangssituation: Rituale können eine entwicklungsförderliche oder auch eine entwicklungshinderliche Auswirkung auf die Alltagsgestaltung haben. Ein erster Lösungsschritt: Nehmen Sie eine Bestandsaufnahme Ihres Alltagsablaufes vor und entdecken Sie dabei Ihre üblichen Rituale, um dann zu klären, welche davon entwicklungsförderlich und welche –hinderlich sind.

Prof. Dr. Armin Krenz

Bücher von Armin Krenz bei Oberstebrink




Kindeswohl in Kitas: Wenn Überlastung Kinder gefährdet

Neue Studien zeigen, wie Personalmangel, Stress und fehlende Unterstützung das Wohlbefinden von Kindern in Kitas belasten – und was Träger tun müssen

Ein Kind weint, weil es seine Mutter vermisst. Zwei andere streiten sich lautstark um ein Spielzeug. Am Waschbecken braucht jemand Hilfe, während ein weiteres Kind unbedingt etwas erzählen möchte. Eigentlich sind das ganz gewöhnliche Situationen in einer Kita. Situationen, in denen Kinder Erwachsene brauchen, die zuhören, trösten, vermitteln und ihnen Aufmerksamkeit schenken. Doch was geschieht, wenn für all das kaum noch Zeit bleibt? Wenn eine Erzieherin gleichzeitig für zu viele Kinder zuständig ist, Kolleginnen krank sind und die nächste Aufgabe bereits wartet?Dann kann aus einem eigentlich normalen Kita-Tag eine Belastungsprobe werden – für die Fachkräfte, vor allem aber für die Kinder.

Wie ernst diese Belastungen inzwischen sind, zeigen mehrere wissenschaftliche Untersuchungen. Besonders aufschlussreich sind zwei Studien der Bertelsmann Stiftung aus den Jahren 2025 und 2026. Sie machen deutlich, dass der Schutz und das Wohlbefinden von Kindern nicht allein vom Engagement einzelner Fachkräfte abhängen. Auch die Zusammenarbeit im Team, die Qualität der pädagogischen Arbeit und die Verantwortung der Kita-Träger spielen eine entscheidende Rolle.

Wenn Kinder nicht die Zuwendung bekommen, die sie brauchen

Die Zahlen einer im Dezember 2025 veröffentlichten Untersuchung geben zu denken. Mehr als 21.000 pädagogische Fach- und Leitungskräfte wurden für die Studie Teamarbeit in KiTas: Zentral für Schutz und Wohlbefinden von Kindern befragt.

Rund elf Prozent berichteten, ständig oder fast täglich Situationen zu beobachten, in denen Kinder geschützt werden müssten. Weitere 14 Prozent nahmen solche Situationen an den meisten Tagen wahr.

Das bedeutet nicht, dass in jeder vierten Kita täglich eine Kindeswohlgefährdung im rechtlichen Sinne stattfindet. Die Zahlen beruhen auf den Beobachtungen und Einschätzungen der Beschäftigten. Dennoch machen sie deutlich, dass problematische Situationen im pädagogischen Alltag keineswegs selten wahrgenommen werden.

Dabei geht es nicht immer um körperliche Gewalt oder andere schwerwiegende Übergriffe. Auch ein Kind, das wiederholt beschämt, angeschrien oder mit seinen Bedürfnissen allein gelassen wird, kann darunter leiden. Gerade kleine Kinder sind darauf angewiesen, dass Erwachsene ihre Signale erkennen und angemessen darauf reagieren. Sie können oft noch nicht erklären, warum sie sich unwohl fühlen. Und sie können sich gegen unangemessenes Verhalten meist kaum selbst zur Wehr setzen. Ein Kind, das Trost sucht, braucht jemanden, der sich ihm zuwendet. Ein Kind, das Angst hat, braucht Sicherheit. Und ein Kind, das etwas nicht versteht oder noch nicht kann, benötigt Geduld statt Vorwürfe.

Was selbstverständlich klingt, ist unter schwierigen Arbeitsbedingungen nicht immer leicht einzulösen.

Was passiert, wenn die Geduld aufgebraucht ist?

Dass viele pädagogische Fachkräfte an ihrer Belastungsgrenze arbeiten, bestätigt auch die internationale OECD-Studie TALIS Starting Strong 2024. Ihre Ergebnisse wurden Ende 2025 veröffentlicht. Mehr als drei Viertel der befragten pädagogisch Beschäftigten in Deutschland berichteten von arbeitsbedingtem Stress. Auch unter den Kita-Leitungskräften lag der Anteil bei mehr als 80 Prozent. Im internationalen Vergleich gehört Deutschland damit zu den besonders stark belasteten untersuchten Systemen.

Hinter diesen Zahlen stehen Menschen, die Tag für Tag versuchen, den Bedürfnissen vieler Kinder gleichzeitig gerecht zu werden. Sie müssen Konflikte begleiten, Entwicklungsprozesse beobachten, Bildungsangebote gestalten, Elterngespräche führen und organisatorische Aufgaben bewältigen. Wenn dann noch Kolleginnen und Kollegen ausfallen, wächst der Druck.

Natürlich führt Stress nicht zwangsläufig zu unangemessenem Verhalten. Viele Erzieherinnen und Erzieher leisten auch unter schwierigen Bedingungen hervorragende Arbeit. Doch wer dauerhaft überfordert ist, hat es schwerer, in jeder Situation geduldig, aufmerksam und einfühlsam zu bleiben. Gerade darin liegt ein Risiko für die Kinder. Denn ihre Bedürfnisse richten sich nicht nach Dienstplänen oder Personalengpässen. Ein zweijähriges Kind kann nicht verstehen, dass die Erzieherin gerade keine Zeit hat, weil zwei Kolleginnen fehlen. Es erlebt zunächst nur, dass niemand kommt, obwohl es Hilfe braucht. Wird daraus eine wiederkehrende Erfahrung, kann das sein Wohlbefinden und sein Vertrauen in die Verlässlichkeit der Erwachsenen beeinträchtigen.

Die Forschung zeigt damit ein grundlegendes Problem: Gute pädagogische Beziehungen brauchen nicht nur fachliche Kompetenz und eine wertschätzende Haltung. Sie brauchen auch Zeit.

Kinderschutz beginnt nicht erst bei Gewalt

In der öffentlichen Diskussion wird Kindeswohl häufig mit der Verhinderung schwerer Misshandlung oder Vernachlässigung verbunden. Doch das Wohlbefinden eines Kindes hängt von weit mehr ab. Es geht darum, ob Kinder sich sicher und angenommen fühlen. Ob sie ihre Gefühle zeigen dürfen, ohne dafür beschämt zu werden. Ob Erwachsene ihre Grenzen respektieren und sie bei Entscheidungen beteiligen, die ihren Alltag betreffen.

Ein Kind, das beim Essen zum Aufessen gedrängt wird, obwohl es längst satt ist, erlebt möglicherweise eine Grenzüberschreitung. Ein Kind, das regelmäßig vor der Gruppe bloßgestellt wird, kann das Vertrauen in seine eigenen Fähigkeiten verlieren. Und ein Kind, dessen Beschwerden niemand ernst nimmt, lernt womöglich, dass seine Stimme nicht zählt. Nicht jede ungeschickte Bemerkung und nicht jede ungeduldige Reaktion ist bereits eine Kindeswohlgefährdung. Erwachsene machen Fehler, auch in der pädagogischen Arbeit. Entscheidend ist, wie häufig und wie schwerwiegend solche Situationen sind, ob sie erkannt werden und wie die Verantwortlichen damit umgehen.

Eine gute Kita zeichnet sich deshalb nicht dadurch aus, dass niemals Fehler geschehen. Sie zeichnet sich auch dadurch aus, dass Erwachsene bereit sind, ihr Verhalten zu hinterfragen und Kinder vor wiederholten Grenzverletzungen zu schützen. Das setzt allerdings voraus, dass im Team offen über Schwierigkeiten gesprochen werden kann.

Wenn im Team das Vertrauen fehlt

Hier setzt die Bertelsmann-Studie zur Teamarbeit an. Sie zeigt, wie wichtig die Zusammenarbeit der Beschäftigten für den Schutz und das Wohlbefinden der Kinder ist. In einem gut funktionierenden Team können sich Fachkräfte gegenseitig entlasten, schwierige Situationen besprechen und gemeinsam nach Lösungen suchen. Wer merkt, dass die eigene Geduld nachlässt, kann eine Kollegin um Unterstützung bitten. Wer problematisches Verhalten beobachtet, kann es ansprechen, ohne befürchten zu müssen, damit einen persönlichen Konflikt auszulösen. Doch gerade unter anhaltendem Druck kann diese Zusammenarbeit leiden.

Wenn die Zeit für Gespräche fehlt, Konflikte ungelöst bleiben oder gegenseitiges Vertrauen verloren geht, wird es schwieriger, pädagogische Probleme gemeinsam zu bearbeiten. Manchmal schweigen Beschäftigte, obwohl sie beobachten, dass eine Kollegin unangemessen mit einem Kind umgeht. Vielleicht wollen sie keinen Streit riskieren. Vielleicht sind sie selbst erschöpft. Vielleicht haben sie die Erfahrung gemacht, dass Kritik ohnehin nichts verändert.

Für die betroffenen Kinder kann dieses Schweigen schwerwiegende Folgen haben. Denn sie sind darauf angewiesen, dass Erwachsene nicht nur selbst verantwortungsvoll handeln, sondern auch eingreifen, wenn andere ihre Grenzen überschreiten. Kinderschutz ist deshalb immer auch eine Frage der Teamkultur. Eine Einrichtung braucht Menschen, die einander unterstützen, aber auch den Mut haben, Fehler und Grenzverletzungen anzusprechen.

Die neue Studie nimmt die Kita-Träger in die Pflicht

Eine weitere Untersuchung der Bertelsmann Stiftung, veröffentlicht im Oktober 2026, erweitert den Blick auf eine bislang weniger beachtete Ebene: die Verantwortung der Kita-Träger. Für die Studie Trägerverantwortung für Schutz und Wohlbefinden von Kindern in Kitas wurden rund 4.800 Leitungskräfte befragt. Im Mittelpunkt standen die Auswahl und Einstellung neuer Mitarbeitender, ihre Einarbeitung und die Möglichkeiten zur fachlichen Weiterentwicklung. Die Ergebnisse zeigen, dass diese Aufgaben keineswegs überall ausreichend systematisch wahrgenommen werden.

So berichteten 56 Prozent der befragten Leitungen, bei der Einstellung neuer Mitarbeitender Kompromisse hinsichtlich des Fachwissens eingehen zu müssen. 40 Prozent nannten Kompromisse bei der Reflexionsfähigkeit. Nur 31 Prozent gaben an, dass bei festgestelltem Weiterbildungsbedarf während der Einarbeitung in jedem Fall eine entsprechende Weiterbildung erfolgt.

Solche Ergebnisse werfen Fragen auf. Denn wer mit kleinen Kindern arbeitet, benötigt nicht nur Geduld und Freude am Umgang mit ihnen. Pädagogische Fachkräfte müssen wissen, wie Kinder sich entwickeln, wie sie Beziehungen gestalten und wie sie in schwierigen Situationen angemessen reagieren können. Besonders wichtig ist die Fähigkeit, das eigene Handeln zu reflektieren. Warum hat mich das Verhalten eines Kindes gerade so wütend gemacht? Habe ich angemessen reagiert? Wie könnte ich beim nächsten Mal besser mit einer ähnlichen Situation umgehen?

Solche Fragen gehören zum professionellen pädagogischen Alltag. Doch Reflexion muss gelernt und regelmäßig eingeübt werden. Wenn dafür weder Zeit noch fachliche Unterstützung zur Verfügung stehen, steigt das Risiko, dass ungünstige Verhaltensmuster bestehen bleiben. Die neue Studie lenkt deshalb den Blick auf eine Verantwortung, die weit über die einzelne Einrichtung hinausgeht. Kita-Träger müssen dafür sorgen, dass Mitarbeitende sorgfältig ausgewählt, gut eingearbeitet und kontinuierlich begleitet werden. Kinderschutz darf nicht davon abhängen, ob eine besonders engagierte Leitung oder einzelne Beschäftigte zusätzlich zu ihren eigentlichen Aufgaben noch genügend Zeit dafür finden.

Auf dem Papier genug Personal – im Alltag trotzdem zu wenig

Wie groß die Lücke zwischen rechnerischer Personalausstattung und tatsächlichem Kita-Alltag sein kann, zeigt der fünfte ERiK-Forschungsbericht des Deutschen Jugendinstituts aus dem Jahr 2026. Zwar haben sich die Personalschlüssel in einigen Bereichen verbessert. Gleichzeitig bleiben längere Personalausfälle ein erhebliches Problem.

Mehr als zwei Drittel der befragten Kita-Leitungen berichteten, dass sie innerhalb der vorangegangenen sechs Monate längere Personalausfälle ausgleichen mussten. Durchschnittlich war dies an zwei von fünf Tagen pro Woche erforderlich. Für die Kinder bedeutet das häufig wechselnde Abläufe, weniger Zeit für individuelle Begleitung oder Einschränkungen bei den gewohnten Angeboten. In manchen Einrichtungen müssen Gruppen zusammengelegt oder Betreuungszeiten verkürzt werden.

Solche Maßnahmen können notwendig sein, um die Sicherheit der Kinder zu gewährleisten. Sie zeigen aber auch, wie anfällig ein System wird, wenn es kaum personelle Reserven besitzt. Ein guter Personalschlüssel auf dem Papier garantiert noch keine gute Betreuung. Entscheidend ist, wie viele qualifizierte Erwachsene tatsächlich anwesend sind und wie viel Zeit ihnen für die Kinder bleibt. Dabei geht es nicht allein um die Anzahl der Fachkräfte. Auch Vorbereitungszeiten, Fortbildungen, Elterngespräche und die Zusammenarbeit im Team müssen möglich sein, ohne dass die unmittelbare Betreuung darunter leidet. Wer diese Aufgaben gegeneinander ausspielt, riskiert, dass die pädagogische Qualität langfristig Schaden nimmt.

Ein Schutzkonzept allein schützt noch kein Kind

Inzwischen verfügen viele Kitas über schriftliche Schutzkonzepte. Sie beschreiben, wie Kinder vor Gewalt und Grenzverletzungen geschützt werden sollen, welche Beschwerdemöglichkeiten bestehen und wie Beschäftigte bei Verdachtsfällen handeln müssen. Solche Konzepte sind wichtig und rechtlich verankert. Doch ihre bloße Existenz sagt wenig darüber aus, ob sie im Alltag tatsächlich funktionieren. Was nützt eine Beschwerdemöglichkeit, wenn ein Kind nicht weiß, an wen es sich wenden kann? Was hilft eine Regel zum respektvollen Umgang, wenn niemand eingreift, sobald sie verletzt wird? Und wie soll eine Fachkraft schwierige Situationen reflektieren, wenn dafür niemals Zeit vorgesehen ist?

Wirksamer Kinderschutz muss im täglichen Miteinander sichtbar werden. Er zeigt sich darin, wie Erwachsene mit weinenden Kindern umgehen, wie sie Streit begleiten und ob sie die Grenzen der Kinder respektieren. Er zeigt sich aber auch darin, wie Leitungen auf Beschwerden reagieren und ob Mitarbeitende fachliche Unterstützung erhalten. Gerade junge Kinder benötigen Erwachsene, die ihre Interessen vertreten. Sie können nicht selbst überprüfen, ob eine Einrichtung ihre Schutzpflichten erfüllt.

Umso wichtiger ist es, dass Träger und Leitungen regelmäßig hinschauen, nachfragen und Veränderungen ermöglichen.

Wer schützt die Kinder, wenn alle überlastet sind?

Die verschiedenen Studien machen deutlich, dass der Schutz von Kindern nicht allein eine Frage der persönlichen Haltung einzelner Erzieherinnen und Erzieher ist. Natürlich bleibt jede Fachkraft für ihr eigenes Verhalten verantwortlich. Überlastung darf keine Entschuldigung dafür sein, Kinder zu beschämen, grob zu behandeln oder ihre Grenzen zu missachten. Gleichzeitig wäre es zu einfach, die Verantwortung ausschließlich bei den Beschäftigten zu suchen.

Wenn Einrichtungen dauerhaft unterbesetzt sind, neue Mitarbeitende nicht ausreichend eingearbeitet werden und Teams kaum Gelegenheit zur gemeinsamen Reflexion haben, entstehen Risiken, die einzelne Fachkräfte nur begrenzt beeinflussen können. Hier sind Kita-Träger ebenso gefordert wie die Verantwortlichen in Politik und Verwaltung. Sie müssen Bedingungen schaffen, unter denen gute pädagogische Arbeit nicht nur von außergewöhnlichem persönlichem Einsatz abhängt. Dazu gehören eine verlässliche Personalausstattung, qualifizierte Leitungskräfte, fachliche Beratung, Fortbildungen und ausreichend Zeit für die Zusammenarbeit im Team. Vor allem aber braucht es einen Perspektivwechsel.

In der Debatte über die Kita-Krise geht es häufig um fehlende Plätze, verkürzte Öffnungszeiten und die Schwierigkeiten berufstätiger Eltern. Das sind wichtige Themen. Doch die Kinder selbst geraten dabei leicht aus dem Blick. Für sie ist nicht entscheidend, ob eine Einrichtung ihre organisatorischen Vorgaben erfüllt oder trotz Personalmangels geöffnet bleibt. Entscheidend ist, was sie dort jeden Tag erleben. Ob jemand zuhört, wenn sie etwas erzählen möchten. Ob sie getröstet werden, wenn sie traurig sind. Ob Erwachsene ihre Grenzen respektieren. Und ob sie darauf vertrauen können, dass jemand eingreift, wenn ihnen Unrecht geschieht.

Eine Kita muss mehr sein als ein Ort, an dem Kinder untergebracht sind. Sie muss ein Ort sein, an dem sie sich sicher fühlen, ernst genommen werden und sich gut entwickeln können. Daran muss sich die Qualität der Kindertagesbetreuung messen lassen – gerade dann, wenn die Bedingungen schwierig sind.

Wissenschaftliche Quellen

Dobelmann, Noemi; Lagemann, Marina; Vielstädte, Teresa; Bock-Famulla, Kathrin (2026): Trägerverantwortung für Schutz und Wohlbefinden von Kindern in Kitas. Personalentwicklung zentral für gute Qualität. Bertelsmann Stiftung, Gütersloh. DOI: 10.11586/2026135.

https://www.bertelsmann-stiftung.de/de/publikationen/publikation/did/traegerverantwortung-fuer-schutz-und-wohlbefinden-von-kindern-in-kitas

Lagemann, Marina; Dobelmann, Noemi; Bock-Famulla, Kathrin (2025): Teamarbeit in KiTas: Zentral für Schutz und Wohlbefinden von Kindern. Bertelsmann Stiftung, Gütersloh. DOI: 10.11586/2025109.

https://www.bertelsmann-stiftung.de/de/publikationen/publikation/did/teamarbeit-in-kitas-zentral-fuer-schutz-und-wohlbefinden-von-kindern

OECD (2025): Results from TALIS Starting Strong 2024: Germany. OECD Publishing, Paris.

https://www.oecd.org/en/publications/results-from-talis-starting-strong-2024_28e49c63-en/germany_fbf3052d-en.html

Deutsches Jugendinstitut (2026): ERiK-Forschungsbericht V. Befunde des indikatorengestützten Monitorings zum KiQuTG. München.

https://www.dji.de/ueber-uns/projekte/projekte/entwicklung-von-rahmenbedingungen-in-der-kindertagesbetreuung-erik/erik-berichte.html

Gernot Körner




KINDHEIT: Was stimmt, was stimmt nicht? Erziehungsmythen im Faktencheck

(Rezension für >spielen und lernen) von Armin Krenz Schuwerk, Tobias & Berkic, Julia: KINDHEIT. WAS STIMMT, WAS STIMMT NICHT? Erziehungsmythen von ExpertInnen gecheckt. Beltz Verlagsgruppe GmbH & Co. KG, Weinheim 2026. 256 Seiten, 22,00 €

Erziehungsmythen in der Kleinkinderziehung auf dem Prüfstand

In der Pädagogik gibt es viele, so genannte Erziehungsmythen, die in der Kleinkinderziehung hartnäckig vorherrschen und sich generationsübergreifend in den Köpfen vieler Erwachsener festgesetzt haben. Z.B., dass Einzelkinder verwöhnt, egoistisch und weniger sozial kompetent sind als Geschwisterkinder. Oder dass Mädchen eher brav und Jungen eher wild sind, dass Schreibabys so genannte Problemkinder bleiben, dass Kinder im dritten Lebensjahr trocken sein müssen, dass man Babys auch mal schreien lassen muss, dass Kinder feste Schuhe brauchen, um laufen lernen zu können oder eine Kita-Betreuung der Bindung zu den Eltern schadet.

Insgesamt kommen in dem Buch von dem Entwicklungspsychologen und psychologischen Psychotherapeuten Prof. Dr. Tobias Schuwerk sowie der Bindungsforscherin und Entwicklungspsychologin Dr. Julia Berkic 22 ExpertInnen zu Wort, die sich entsprechend ihren Fachgebieten mit insgesamt 30 weitverbreiteten Erziehungsmythen auf der Grundlage des aktuellen Forschungsstandes auseinandergesetzt haben, um genau zu prüfen, ob diese Mythen eine Annahmeberechtigung besitzen oder sich als komplett falsch erweisen. Dabei werden neue Schwerpunktbereiche berücksichtigt: Geschlecht und Geschlechterrollen, Sprachentwicklung, motorische Entwicklung, Bindung und Beziehung, Entwicklungsmeilensteine, Erziehungsfragen, Bedürfnisorientierung, außerfamiliale Betreuung und digitale Medien.

30 Erziehungsmythen im wissenschaftlichen Faktencheck

Jedes der 30 Kapitel nennt zunächst den Mythos. Dann folgen kurze Angaben zu der entsprechenden Expertin/ dem entsprechenden Experten. Anschließend wird der aktuelle Stand der Forschung zu diesem Mythos dargelegt, um schließlich der Frage nachzugehen, was dieser aktuelle Wissenschaftsstand für das Kind sowie die Bezugsperson(en) bedeutet. Es bleibt bei dieser Mythenbetrachtung aber auch nicht aus, dass es einige Mythen gibt, die durch Forschungserhebungen weder klar bestätigt noch unmissverständlich widerlegt werden können. Zu jeder Mythosbetrachtung finden sich am Ende des Buches jeweils umfangreiche Quellenangaben, die den LeserInnen die Möglichkeit geben, sich zusätzlich den Quellenangaben zuzuwenden.  Zu den ExpertInnen gehören zum Beispiel u.a. die weit bekannten WissenschaftlerInnen Prof. Dr. Dr. Ahnert, Prof. Dr. Becker-Stoll, Prof. Dr. Fröhlich-Gildhoff, Dr. Renz-Polster, Prof. Dr. Rohrmann und Prof. Dr. Reck.

Warum es sich lohnt, Erziehungsmythen zu hinterfragen

Es ist wirklich überaus spannend (und natürlich sinnvoll), sich mit den in dem Buch vorgestellten, weitverbreiteten Mythen zu beschäftigen, um nicht selbst fachlich falsche Mythen als >gegebene Wahrheiten< weiter in sich zu tragen und auch weiterzugeben, sondern durch ein belegbares Hintergrundwissen eine professionelle Sichtweise zu besitzen, um wissenschaftliche Fakten zum Ausgangspunkt der eigenen Sichtweise zu machen sowie einer Entzauberung von Mythen – z.B. auch in Gesprächen mit KollegInnen und Eltern – entgegenzuwirken.

Fazit: Ein wertvolles Fachbuch über Erziehungsmythen

Dieses Buch bringt bedeutsame Fakten auf den Punkt, ohne sich in randständigen Einzelheiten zu verlieren. Es gibt nicht viele Fachbücher, die sich mit Erziehungsmythen auseinandersetzen. Dieses Buch ist daher ein regelrechter Schatz, der sicherlich für viele LeserInnen Klarheit im Dschungel pädagogischer Ansätze und Sichtweisen bringt.

Armin Krenz / Prof. h.c. Dr. h.c. et Hon.-Prof. f. Entwicklungspsychologie & Elementarpädagogik (a.D.)

Schuwerk, Tobias & Berkic, Julia: KINDHEIT. WAS STIMMT, WAS STIMMT NICHT? Erziehungsmythen von ExpertInnen gecheckt. Beltz Verlagsgruppe GmbH & Co. KG, Weinheim 2026. 256 Seiten, 22,00 €

Tobias Schuwerk / Julia Berkic
Kindheit: Was stimmt, was stimmt nicht?
Erziehungsmythen von Expert:innen gecheckt
ISBN: 978-3-407-86923-4
Beltz Verlagsgruppe GmbH & Co. KG,
Weinheim 2026.
256 Seiten, 22,00 €