Gesund essen in Kita und Schule: Kleine Impulse wirken

kind in der schuklantine bei der essensauswahl

Nudging in der Schulverpflegung: Gesunde Entscheidungen fördern

Wie können Kinder im Alltag leichter zu gesunden Lebensmitteln greifen? Oft braucht es dafür keine großen Veränderungen. Ein Online-Vortrag zur Schulverpflegung zeigt, wie kleine Anreize die Speisenauswahl beeinflussen und zugleich zu einem bewussteren Umgang mit Lebensmitteln beitragen können.

Ob Kinder zum Wasser greifen, einen Salat probieren oder sich für eine ausgewogene Mahlzeit entscheiden, hängt nicht allein davon ab, was angeboten wird. Auch die Gestaltung der Umgebung kann eine Rolle spielen. Genau hier setzt das sogenannte Nudging an. Gemeint sind kleine, gezielte Impulse, die eine bestimmte Entscheidung erleichtern, ohne andere Möglichkeiten vorzuschreiben.

Anlässlich des bundesweiten Tags der Schulverpflegung am 23. September 2026 zeigt die Vernetzungsstelle Kita- und Schulverpflegung Sachsen-Anhalt, wie solche Ansätze in der Praxis funktionieren können.

Kleine Veränderungen können die Auswahl beeinflussen

Nudging bedeutet übersetzt etwa „Anstupsen“. Im Bereich der Ernährung geht es darum, gesunde und nachhaltige Entscheidungen einfacher und sichtbarer zu machen. Ein Beispiel: Markierungen in Form von Wassertropfen auf dem Boden können den Weg zu einem Trinkbrunnen weisen. In einer Mensa oder Kantine kann ein gut erreichbares und ansprechend präsentiertes Salatbuffet dazu einladen, das Mittagessen mit Gemüse zu ergänzen.

Entscheidend ist dabei, dass niemand zu einer bestimmten Entscheidung gezwungen wird. Die Auswahl bleibt bestehen. Lediglich die Umgebung wird so gestaltet, dass eine gesundheitsfördernde Entscheidung leichter fällt. Für Kitas und Schulen kann dieser Ansatz interessant sein, weil Kinder täglich mit vielen kleinen Entscheidungen rund ums Essen und Trinken konfrontiert sind.

Online-Vortrag zeigt Beispiele aus der Praxis

Wie Nudging bei der Verpflegung konkret eingesetzt werden kann, zeigt ein kostenloser Online-Vortrag der Landesvereinigung für Gesundheit Sachsen-Anhalt.

Am Donnerstag, 24. September 2026, von 12:30 bis 14 Uhr werden verschiedene Möglichkeiten vorgestellt. Fotobeispiele sollen zeigen, wie die Gestaltung von Räumen und Angeboten die Speisenauswahl beeinflussen kann. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer lernen unterschiedliche Nudging-Kategorien kennen und erhalten Anregungen, die sich mit vergleichsweise einfachen Mitteln umsetzen lassen.

Auch für pädagogische Fachkräfte kann das Thema interessant sein. Denn Ernährungsbildung findet nicht nur in speziellen Projekten statt. Sie beginnt im täglichen Umgang mit Lebensmitteln und Getränken.

Gesunde Ernährung und Lebensmittel wertschätzen

Der Online-Vortrag stellt außerdem einen Zusammenhang zur bundesweiten Aktionswoche „Zu gut für die Tonne!“ des Bundesministeriums für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat (BMLEH) her. Dabei geht es um die Frage, wie sich Lebensmittelverschwendung reduzieren lässt. Nach Angaben des BMLEH fallen in Deutschland jedes Jahr rund 10,8 Millionen Tonnen Lebensmittelabfälle an. Ein Teil davon wäre noch vermeidbar.

Auch bei der Verpflegung von Kindern kann ein bewusster Umgang mit Lebensmitteln eine Rolle spielen. Passende Portionsgrößen können beispielsweise verhindern, dass mehr auf dem Teller landet, als ein Kind tatsächlich essen möchte. Gleichzeitig können Kinder lernen, Lebensmittel wertzuschätzen und bewusst mit ihnen umzugehen.

Was Nudging für Kitas bedeuten kann

Auch wenn sich der Online-Vortrag ausdrücklich mit Schulverpflegung beschäftigt, lässt sich das Prinzip auf den Kita-Alltag übertragen. Wasser kann beispielsweise gut sichtbar und jederzeit erreichbar angeboten werden. Obst und Gemüse lassen sich ansprechend präsentieren. Bei gemeinsamen Mahlzeiten können Kinder außerdem einbezogen werden, etwa indem sie bei der Auswahl von Beilagen mitentscheiden oder gemeinsam überlegen, welche Lebensmittel gerade Saison haben. Wichtig ist dabei, Nudging nicht mit Bevormundung zu verwechseln. Kinder sollen weiterhin eigene Entscheidungen treffen können. Die Umgebung kann ihnen lediglich dabei helfen, gesunde Möglichkeiten wahrzunehmen.

Online-Vortrag am 24. September

Der kostenlose Online-Vortrag richtet sich an Trägervertretungen, Beschäftigte aus Schulen, Caterer und weitere Interessierte, die die Verpflegung nachhaltiger gestalten möchten. Die Veranstaltung findet am 24. September 2026 von 12:30 bis 14 Uhr online statt. Weitere Informationen zur Veranstaltung gibt es bei der Vernetzungsstelle Kita- und Schulverpflegung Sachsen-Anhalt unter vernetzungsstelle@lvg-lsa.de oder telefonisch unter 0391 28 86 83-0. Anmeldungen sind unter https://www.lvg-lsa.de/?veranstaltungen=bundesweite-themenwoche-schulverpflegung möglich.

Quelle: Pressemitteilung Landesvereinigung für Gesundheit Sachsen-Anhalt


Cover_Kochen_und_backen_mit_Kindern

Manon Sander
Kochen und Backen mit Kindern
Alles, was Kinder gerne essen und über Ernährung wissen sollten

288 Seiten
Format: 21,3 x 15,0 cm
ISBN: 9783934333482
7,95 €
Oberstebrink




Schulstart: 7 Tipps für Eltern und pädagogische Fachkräfte

kinder im klassenzimmer

Gut vorbereitet in den Schulstart

Wenn die Sommerferien zu Ende gehen, beginnt für Familien eine Zeit der Umstellung. Schlafenszeiten verändern sich, der Tagesablauf bekommt wieder mehr Struktur und für manche Kinder steht ein ganz neuer Lebensabschnitt bevor. Besonders Schulanfängerinnen und Schulanfänger, aber auch Kinder beim Wechsel auf eine weiterführende Schule, können in dieser Phase Orientierung und Sicherheit gebrauchen.

Für pädagogische Fachkräfte bietet der Schulstart eine gute Gelegenheit, mit Eltern ins Gespräch zu kommen und sie bei diesem Übergang zu unterstützen. Dabei geht es nicht darum, Kinder möglichst früh auf schulische Anforderungen zu trimmen. Viel wichtiger sind verlässliche Abläufe, Selbstständigkeit, emotionale Sicherheit und eine gute Zusammenarbeit zwischen Familie, Kita und Schule.

Die folgenden sieben Anregungen können Fachkräfte nutzen, um Eltern konkrete und leicht umsetzbare Impulse für den Übergang zu geben.

1. Schritt für Schritt zurück in den Schulrhythmus

Nach mehreren Wochen Ferien fällt es Kindern oft nicht leicht, wieder früh aufzustehen und zu festen Zeiten ins Bett zu gehen. Ein sanfter Übergang kann deshalb helfen. Empfehlenswert ist, bereits in der letzten Ferienwoche schrittweise wieder einen Tagesrhythmus einzuführen, der dem späteren Schulalltag ähnelt. Entscheidend sind regelmäßige Abläufe, die dem Kind Orientierung geben. Auch gemeinsame Rituale am Morgen und Abend können den Wechsel vom Ferien- in den Schulmodus erleichtern.

2. Gemeinsame Strukturen schaffen

Ein überschaubarer Tages- oder Wochenplan kann Kindern helfen, sich auf die neue Situation einzustellen. Gemeinsam mit dem Kind können Eltern festlegen, wann Schule, Hausaufgaben, Erholung, Spiel und andere Aktivitäten ihren Platz haben. Gerade jüngere Kinder profitieren davon, wenn solche Abläufe sichtbar gemacht werden. Ein einfacher Plan mit Bildern, Symbolen oder kurzen Einträgen kann dabei mehr bewirken als lange Erklärungen. Wichtig ist, dass neben Pflichten auch ausreichend Zeit für freies Spiel und Erholung bleibt.

3. Ängste und Erwartungen ernst nehmen

Ein Schulstart bringt Vorfreude, aber möglicherweise auch Unsicherheit mit sich. Manche Kinder freuen sich auf neue Freundschaften und spannende Erfahrungen, andere sorgen sich um den Schulweg, unbekannte Lehrkräfte oder die neuen Anforderungen.

Eltern können ihr Kind unterstützen, indem sie offen nachfragen und aufmerksam zuhören. Fragen wie „Worauf freust du dich?“ oder „Gibt es etwas, das dir Gedanken macht?“ eröffnen Gespräche, ohne dem Kind bestimmte Gefühle vorzugeben.

Für Erzieherinnen kann es hilfreich sein, Eltern zu ermutigen, Sorgen nicht vorschnell wegzuwischen. Ein „Du brauchst doch keine Angst zu haben“ hilft häufig weniger als ein ernst gemeintes „Erzähl mir, was dir Sorgen macht“.

4. Selbstständigkeit im Alltag stärken

Ein gelungener Schulstart hängt nicht allein davon ab, ob ein Kind bestimmte schulische Fähigkeiten beherrscht. Ebenso wichtig ist die zunehmende Selbstständigkeit im Alltag.

Eltern können ihr Kind deshalb schon vor Schulbeginn dazu ermutigen, alltägliche Aufgaben zunehmend selbst zu übernehmen. Dazu gehören beispielsweise das Packen des Schulranzens, das Bereitlegen der Kleidung, das Einpacken der Trinkflasche oder die Vorbereitung des Pausenbrots.

Dabei sollten Erwachsene nicht alles abnehmen, was schneller geht. Kinder brauchen Gelegenheit, eigene Erfahrungen zu machen, Verantwortung zu übernehmen und auch einmal etwas auszuprobieren. Genau diese kleinen Schritte stärken Selbstvertrauen und Selbstständigkeit.

5. Einen passenden Lern- und Arbeitsplatz schaffen

Für Hausaufgaben und schulische Aufgaben ist ein geeigneter Arbeitsplatz hilfreich. Er muss nicht aufwendig eingerichtet sein. Wichtig sind vor allem Ruhe, ausreichend Licht und die benötigten Materialien.

Pädagogische Fachkräfte können Eltern zugleich dafür sensibilisieren, den Arbeitsplatz nicht mit unnötigen Anforderungen zu überfrachten. Kinder brauchen nach einem langen Schultag auch Raum für Bewegung, Spiel und Erholung. Ein fester Platz für schulische Aufgaben kann Orientierung geben, sollte aber nicht zum Ort ständiger Leistungskontrolle werden.

6. Bewegung, Schlaf und Erholung nicht vergessen

Mit dem Schulbeginn verändern sich die Anforderungen an den gesamten Tagesablauf. Umso wichtiger sind ausreichend Schlaf, regelmäßige Mahlzeiten, Bewegung und freie Spielzeiten.

Gerade in der Anfangsphase sollten Eltern darauf achten, dass Kinder nicht jeden Nachmittag mit Terminen und zusätzlichen Lernangeboten verplanen. Bewegung an der frischen Luft und selbstbestimmtes Spiel bieten einen wichtigen Ausgleich zum Sitzen und Konzentrieren.

Auch der Umgang mit digitalen Medien gehört zur Gestaltung des Tages. Klare und verlässliche Regeln können Kindern helfen, zwischen Medienzeit, Lernen, Bewegung und Erholung eine gute Balance zu finden.

7. Im Gespräch bleiben und Gewohnheiten entwickeln

Ein neuer Alltag braucht Zeit, bis er selbstverständlich wird. Deshalb sollten Eltern nicht erwarten, dass vom ersten Schultag an alles reibungslos funktioniert. Hilfreicher ist es, gemeinsam mit dem Kind zu schauen, was gut klappt und wo noch Unterstützung notwendig ist.

Ein regelmäßiger Austausch über den Schultag kann dabei helfen. Eltern können ihr Kind fragen, was schön war, was schwierig war oder was es am nächsten Tag braucht. Gleichzeitig sollten sie ihrem Kind genügend Freiraum lassen, um eigene Erfahrungen zu sammeln.

Für pädagogische Fachkräfte bietet sich hier eine wichtige Rolle an: Sie können Eltern darin bestärken, ihrem Kind Sicherheit zu geben, ohne ihm jede Herausforderung abzunehmen. Gerade beim Übergang von der Kita in die Schule ist eine vertrauensvolle Erziehungspartnerschaft besonders wertvoll.

Der Schulstart gelingt nicht auf Knopfdruck

Ein guter Schulstart bedeutet nicht, dass Kinder vom ersten Tag an alle neuen Anforderungen problemlos bewältigen. Übergänge brauchen Zeit. Kinder reagieren dabei unterschiedlich und bringen ihre eigenen Erfahrungen, Stärken und Bedürfnisse mit.

Für pädagogische Fachkräfte kann es deshalb sinnvoll sein, Eltern nicht mit einer langen Liste von Erwartungen zu konfrontieren, sondern gemeinsam nach alltagstauglichen Lösungen zu suchen. Ein verlässlicher Tagesrhythmus, emotionale Sicherheit, wachsende Selbstständigkeit und ausreichend Zeit für Spiel und Erholung schaffen gute Voraussetzungen dafür, dass Kinder ihren neuen Lebensabschnitt selbstbewusst beginnen können.

Ausführlichere Informationen und konkrete Empfehlungen zur Umsetzung finden Eltern auf der Website des VNN Bundesverband Nachhilfe- und Nachmittagsschulen e. V. Dort finden sich außerdem Hinweise auf kostenlose Seminare der VNN-Akademie für Eltern im Oktober.

Quelle: Pressemitteilung Bundesverband Nachhilfe- und Nachmittagsschulen e. V.

Späterer Schulstart verbessert Schlaf und Noten deutlich – SPIELEN UND LERNEN

.




Ein langer Schultag mit großen Erwartungen

Ein Meilenstein für Familien und Grundschulen

Ab dem 1. August 2026 haben Kinder der ersten Klassenstufe einen gesetzlichen Anspruch auf ganztägige Bildung und Betreuung. In den kommenden Jahren wird dieser Anspruch schrittweise ausgeweitet, bis er ab dem Schuljahr 2029/30 für alle Grundschulkinder gilt.

Die Bundesregierung sieht darin einen wichtigen Schritt zu mehr Bildungsgerechtigkeit und einer besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Ganztag soll Kindern zusätzliche Lern- und Fördermöglichkeiten eröffnen, Zeit für Bewegung, Musik und gemeinsames Spielen schaffen und Eltern im Alltag entlasten. Dafür stellt der Bund Milliardenbeträge für den Ausbau der Ganztagsangebote sowie für deren langfristige Finanzierung bereit. Bereits heute nutzt mehr als die Hälfte aller Grundschulkinder ein Ganztagsangebot.

Mehr Zeit zum Lernen, Spielen und Entdecken

Ganztag bedeutet heute weit mehr als eine verlässliche Betreuung am Nachmittag. Ziel ist ein Bildungs- und Lebensort, an dem Unterricht, Freizeit, Bewegung und kulturelle Angebote sinnvoll miteinander verbunden werden. Kinder sollen ihre Interessen entdecken, soziale Erfahrungen sammeln und – wo möglich – ihre Hausaufgaben bereits in der Schule erledigen.

Auch die SPD hebt diese Chancen hervor. Der Rechtsanspruch schaffe mehr Verlässlichkeit für Familien und eröffne Kindern zusätzliche Möglichkeiten, ihre Fähigkeiten zu entwickeln. Gleichzeitig sei allen Beteiligten bewusst, dass der Ausbau vielerorts noch erhebliche Anstrengungen erfordere.

Qualität entscheidet über den Erfolg

Grundsätzlich begrüßen auch Gewerkschaften den Start des Rechtsanspruchs. Zugleich warnen sie davor, den Ausbau allein an der Zahl neuer Plätze zu messen.

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) fordert verbindliche Qualitätsstandards, ausreichend qualifizierte Fachkräfte, geeignete Räume und eine dauerhaft gesicherte Finanzierung. Ganztag dürfe nicht von der Finanzkraft einzelner Kommunen abhängen und müsse überall ein hochwertiges Bildungsangebot sein.

Auch der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) sieht erheblichen Handlungsbedarf. Nach seinen Angaben fehlen bundesweit noch rund 166.000 Ganztagsplätze. Gleichzeitig könnten bislang nur wenige Kommunen den neuen Rechtsanspruch vollständig erfüllen. Neben dem weiteren Ausbau fordert der DGB deshalb bundesweit verbindliche Qualitätsstandards sowie bessere Arbeitsbedingungen für die pädagogischen Fachkräfte.

Der Ausbau beginnt – die Qualitätsdebatte bleibt

Mit dem Inkrafttreten des Rechtsanspruchs endet die Diskussion um den Ganztag nicht – sie beginnt vielmehr in einer neuen Phase. Nun wird sich zeigen, wie gut es gelingt, zusätzliche Betreuungsplätze mit pädagogischer Qualität zu verbinden. Für Grundschulen, Horte und ihre Träger bedeutet dies, tragfähige Konzepte zu entwickeln, ausreichend Personal zu gewinnen und den Ganztag als Bildungs- und Lebensraum für Kinder weiterzuentwickeln. Ob der Rechtsanspruch langfristig zu mehr Chancengerechtigkeit führt, wird sich deshalb nicht allein an der Zahl der Plätze messen lassen, sondern vor allem an der Qualität der Angebote.




Gewalt und Verhaltensprobleme nehmen schon in Grundschulen zu

Deutsches Schulbarometer 2026 und Berliner Gewaltstudie zeigen wachsende Belastungen an Schulen

Gewalt, Konflikte, soziale Spannungen und herausforderndes Verhalten von Schülerinnen und Schülern gehören inzwischen zu den größten Herausforderungen im Bildungsbereich. Darauf weisen sowohl das Deutsche Schulbarometer 2026 der Robert Bosch Stiftung als auch das kürzlich vorgestellte Berliner Konflikt- und Gewaltbarometer hin. Obwohl beide Untersuchungen unterschiedliche Schwerpunkte setzen, zeichnen sie ein vergleichbares Bild: Viele Lehrkräfte erleben eine Zunahme von Konflikten und Verhaltensproblemen, die sich zunehmend auch bereits im Grundschulalter bemerkbar machen.

Besonders bemerkenswert ist, dass Berlin als erstes Bundesland eine eigene umfassende Untersuchung zu Gewalt, Konflikten, Diskriminierung und sozialem Konformitätsdruck an Schulen vorgelegt hat. Die vollständige wissenschaftliche Studie ist bislang allerdings noch nicht öffentlich zugänglich. Veröffentlicht wurden bisher zentrale Ergebnisse durch die Berliner Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie.

Problematisches Schülerverhalten wird zur größten Herausforderung

Im Deutschen Schulbarometer 2026 bezeichneten 46 Prozent der befragten Lehrkräfte problematisches Verhalten von Schülerinnen und Schülern als größte berufliche Herausforderung. Gegenüber dem Jahr 2024 entspricht dies einem deutlichen Anstieg. Damals lag dieser Wert noch bei 35 Prozent.

Jede vierte Lehrkraft sieht insbesondere das Sozialverhalten der Schülerinnen und Schüler als problematisch an. Darüber hinaus werden mangelnde Motivation, fehlender Lernwille sowie zunehmende psychische Belastungen von Kindern und Jugendlichen als wesentliche Herausforderungen genannt.

Trotz der hohen Belastungen zeigt die Untersuchung zugleich ein hohes Engagement der Lehrkräfte. Viele sehen einen erheblichen Fortbildungsbedarf, insbesondere im Umgang mit psychisch belasteten Schülerinnen und Schülern, bei Fragen der Inklusion sowie im Bereich Klassenführung und Verhaltensmanagement.

Berliner Gewaltstudie zeigt deutliche Problemlagen

Zu ähnlichen Ergebnissen kommt das Berliner Konflikt- und Gewaltbarometer. Für die Untersuchung wurden mehr als 14.000 Schülerinnen und Schüler sowie über 2.500 Lehrkräfte und pädagogische Mitarbeitende befragt.

Mehr als die Hälfte der befragten Lehrkräfte und pädagogischen Fachkräfte bewertet Gewalt und Konflikte an der eigenen Schule als großes oder sehr großes Problem. Fast zwei Drittel berichten von einer Zunahme von Gewalt seit der Corona-Pandemie. Rund 80 Prozent beobachten zudem, dass Konflikte heute schneller eskalieren als noch vor wenigen Jahren.

Berlins Bildungssenatorin Katharina Günther-Wünsch bezeichnete die Ergebnisse als „deutliches Warnsignal“. Wenn fast zwei Drittel der Lehrkräfte eine Zunahme von Gewalt wahrnehmen und vier von fünf Befragten beobachten, dass Konflikte schneller eskalieren, dürfe dies nicht als normaler Schulalltag akzeptiert werden.

Besonders besorgniserregend sei, dass viele dieser Entwicklungen bereits an Grundschulen sichtbar würden.

Grundschulen rücken stärker in den Fokus

Während Gewaltprobleme in der öffentlichen Diskussion häufig mit Jugendlichen und weiterführenden Schulen in Verbindung gebracht werden, lenken beide Studien den Blick verstärkt auf jüngere Altersgruppen.

Die Berliner Untersuchung hebt ausdrücklich hervor, dass problematische Entwicklungen bereits im Grundschulbereich erkennbar sind. Konflikte, aggressive Verhaltensweisen und soziale Spannungen treten demnach nicht erst in der Sekundarstufe auf.

Auch die Ergebnisse des Deutschen Schulbarometers lassen erkennen, dass Schulen zunehmend mit sozialen und emotionalen Herausforderungen konfrontiert sind. Dabei geht es nicht allein um einzelne Gewaltvorfälle, sondern um grundlegende Veränderungen im sozialen Miteinander und im Umgang mit Konflikten.

Der Bildungsforscher Prof. Dr. Ullrich Bauer von der Universität Bielefeld verweist darauf, dass die Gewaltbelastung einzelner Schulen stark vom jeweiligen Umfeld und den Belastungsprofilen der Schülerinnen und Schüler abhängt. Schulklassen sind selten homogen. Entscheidend ist häufig, wie groß der Anteil derjenigen ist, die gewaltförmig agieren.

Konflikte verlagern sich zunehmend in digitale Räume

Ein weiterer Schwerpunkt der Berliner Studie betrifft digitale Konflikte. Nach Einschätzung der beteiligten Wissenschaftler werden Auseinandersetzungen heute häufig über Messenger-Dienste und soziale Netzwerke fortgeführt.

Der Wuppertaler Erziehungswissenschaftler Prof. Dr. Marc Grimm spricht von einem digitalen Raum, der Konflikte verlängert, die zuvor bereits in der Schule sichtbar geworden sind. Neben verbaler und sozialer Gewalt berichteten zahlreiche Schülerinnen und Schüler auch von körperlichen Gewalterfahrungen.

Die Digitalisierung verändert damit nicht nur das Lernen, sondern auch die Dynamik sozialer Konflikte. Streitigkeiten, die früher mit dem Unterrichtsende oft beendet waren, setzen sich heute vielfach außerhalb der Schule fort.

Soziale Kompetenzen gewinnen an Bedeutung

Vor diesem Hintergrund rücken soziale und personale Kompetenzen stärker in den Mittelpunkt schulischer Bildungsarbeit. Das Deutsche Schulbarometer zeigt, dass Lehrkräfte besonders häufig die Förderung von Empathie, Teamfähigkeit, Selbstständigkeit und Frustrationstoleranz als wichtige Aufgaben ansehen.

Rund drei Viertel der befragten Lehrkräfte geben an, mindestens eine dieser sogenannten überfachlichen Kompetenzen gezielt im Unterricht zu fördern. Gleichzeitig sehen viele Schulen noch Entwicklungsbedarf. Fast ein Drittel der Befragten bewertet die eigenen Kenntnisse zur Förderung solcher Kompetenzen als nicht ausreichend.

Konformitätsdruck als neues Thema

Über klassische Gewaltformen hinaus untersucht das Berliner Konflikt- und Gewaltbarometer erstmals auch sozialen und religiösen Konformitätsdruck. Viele Schülerinnen und Schüler berichten von Situationen, in denen sie Anpassungsdruck innerhalb ihrer sozialen Gruppen wahrnehmen.

Die Forscher sehen darin ein bislang wenig beachtetes Thema, das künftig stärker in den Fokus genommen werden sollte. Neben Gewalt und Mobbing geht es dabei auch um Fragen der Zugehörigkeit, Ausgrenzung und individuellen Freiheit innerhalb schulischer Gemeinschaften.

Hohe Belastung – dennoch große Berufszufriedenheit

Trotz der vielfältigen Herausforderungen zeichnet das Deutsche Schulbarometer kein ausschließlich negatives Bild. Die Mehrheit der Lehrkräfte ist weiterhin mit ihrer beruflichen Tätigkeit zufrieden. 83 Prozent geben an, insgesamt zufrieden mit ihrer Arbeit zu sein, und 89 Prozent arbeiten nach eigener Aussage gerne an ihrer Schule.

Gleichzeitig zeigen die Daten deutliche Belastungen. Mehr als ein Drittel der Lehrkräfte fühlt sich mehrmals pro Woche oder sogar täglich erschöpft. 28 Prozent würden den Beruf wechseln, wenn sich ihnen die Möglichkeit dazu bieten würde.

Die Studien machen deutlich, dass Schulen gegenwärtig vor komplexen gesellschaftlichen Herausforderungen stehen. Gewalt, Konflikte, psychische Belastungen und soziale Spannungen spiegeln Entwicklungen wider, die weit über das Bildungssystem hinausreichen. Gleichzeitig zeigen die Ergebnisse, dass Schulen zunehmend zu Orten werden, an denen gesellschaftliche Veränderungen besonders früh sichtbar werden.

Hinweis der Redaktion: Die vollständige wissenschaftliche Fassung des Berliner Konflikt- und Gewaltbarometers war zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Beitrags noch nicht öffentlich zugänglich. Grundlage der Berichterstattung sind die von der Berliner Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie veröffentlichten Ergebnisse vom 22. Juni 2026 sowie die veröffentlichten Ergebnisse des Deutschen Schulbarometers 2026 der Robert Bosch Stiftung.




Ganztagsschule: Eltern erwarten Betreuung und pädagogische Qualität

Laut einer Befragung des DIPF | Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation entwickelt sich der Ganztag zur zentralen Bildungs- und Familienstruktur

Kurz vor dem bundesweiten Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung im Grundschulalter macht eine aktuelle Studie des DIPF | Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation deutlich: Eltern in Deutschland verbinden mit Ganztagsangeboten weit mehr als reine Betreuung. Während viele Familien vor allem auf eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf angewiesen sind, erwarten andere gezielte pädagogische Unterstützung, soziale Förderung und mehr Selbstständigkeit für ihre Kinder. Die Untersuchung zeigt außerdem erhebliche Unterschiede je nach Bildungsstand, Erwerbstätigkeit und Wohnort der Familien.

An der deutschlandweiten Befragung nahmen insgesamt 4.330 Eltern teil. Besonders häufig nutzen Alleinerziehende sowie Familien mit zwei berufstätigen Elternteilen Ganztagsangebote. Familien mit nur einem erwerbstätigen Elternteil greifen dagegen seltener darauf zurück und geben häufiger an, keinen Betreuungsbedarf zu haben.

Deutlich wurden auch Unterschiede zwischen akademischen und nicht-akademischen Familien. Zwar melden beide Gruppen ihre Kinder ähnlich häufig im Ganztag an, die Erwartungen unterscheiden sich jedoch erheblich. Nicht-akademische Eltern erhoffen sich häufiger konkrete schulische Unterstützung. So wünschen sich 64,4 Prozent Hilfe bei Hausaufgaben und Lernbegleitung, während dies bei akademischen Eltern nur 51,7 Prozent tun.

Auch finanzielle Aspekte spielen eine Rolle. Eltern ohne akademischen Abschluss verzichten häufiger aus Kostengründen auf einen Ganztagsplatz. Gleichzeitig kritisieren akademische Eltern häufiger mangelnde Vielfalt der Angebote und zu wenig individuelle Förderung.

Ein weiterer Befund betrifft den Wohnort. In Städten nutzen 63 Prozent der Familien Ganztagsangebote, auf dem Land dagegen nur 56 Prozent. Gleichzeitig berichten Eltern in urbanen Regionen deutlich häufiger davon, keinen Platz gefunden zu haben.

Ganztag wird zur zentralen Bildungs- und Familieninfrastruktur

Die Ergebnisse zeigen, dass Ganztagsschulen für viele Familien inzwischen eine zentrale gesellschaftliche Infrastruktur darstellen. Sie dienen längst nicht mehr nur als Nachmittagsbetreuung, sondern übernehmen zunehmend auch Bildungs- und Förderaufgaben. Besonders Familien mit hohem organisatorischem Druck im Alltag sind auf verlässliche Angebote angewiesen.

Gleichzeitig macht die Untersuchung deutlich, dass Eltern keine homogene Gruppe darstellen. Ihre Erwartungen an Ganztagsschulen hängen eng mit ihrer Lebenssituation zusammen. Während manche Familien vor allem stabile Betreuungszeiten benötigen, wünschen sich andere gezielte Förderung, soziale Erfahrungen oder Unterstützung beim schulischen Lernen.

Die Forschenden empfehlen deshalb, Eltern frühzeitig in die Planung neuer Ganztagsangebote einzubeziehen. Kommunen, Schulen und Träger müssten den Ausbau differenziert gestalten und sowohl Betreuungssicherheit als auch pädagogische Qualität berücksichtigen. Besonders wichtig sei dies angesichts des ab 2026 schrittweise geltenden Rechtsanspruchs auf ganztägige Förderung im Grundschulalter.

So wurde die Studie durchgeführt

Die Untersuchung wurde Ende 2024 im Rahmen des bundesweiten Förderprogramms „Schule macht stark“ durchgeführt. Wissenschaftlich begleitet wurde das Projekt vom DIPF unter Leitung von Dr. Amina Kielblock. Die Forschenden befragten bundesweit 4.330 Eltern mithilfe eines standardisierten Fragebogens. Analysiert wurden Zusammenhänge zwischen familiären Merkmalen wie Erwerbstätigkeit, Bildungsabschluss oder Wohnort und der Nutzung von Ganztagsangeboten. Zudem wurden Gründe für oder gegen die Teilnahme erfasst.

Die Studie liefert dadurch einen breiten Überblick über aktuelle Erwartungen und Nutzungsmuster von Familien in Deutschland. Durch die große Teilnehmerzahl besitzt die Untersuchung eine hohe Aussagekraft. Positiv hervorzuheben ist zudem, dass unterschiedliche soziale Gruppen systematisch miteinander verglichen wurden.

Allerdings handelt es sich um eine Befragungsstudie, die auf Selbstauskünften der Eltern basiert. Solche Angaben können subjektiv geprägt sein und geben keine direkten Aussagen über die tatsächliche Qualität einzelner Ganztagsangebote oder deren Wirkung auf Kinder. Zudem bleibt offen, ob bestimmte Gruppen möglicherweise unterrepräsentiert waren, etwa Familien mit geringen Deutschkenntnissen oder besonders belasteten Lebenssituationen.

Trotz dieser Einschränkungen bietet die Studie wichtige Hinweise für Bildungspolitik und Praxis. Sie verdeutlicht, dass der Ausbau der Ganztagsbetreuung nicht allein quantitativ gedacht werden darf. Entscheidend wird sein, wie gut die Angebote auf die unterschiedlichen Bedürfnisse von Familien abgestimmt werden.

Originalpublikation:

Kielblock, A.; Haas, T.; Kielblock, S. (2026). Betreuung und Bildung von Grundschulkindern. Perspektiven der Eltern. Bericht zur bundesweiten Elternbefragung zu Betreuung und Bildung von Grundschulkindern im Rahmen des ForschungsverbundsSchule macht stark – SchuMaS“. Frankfurt a. M.: DIPF | Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation.
https://doi.org/10.25656/01:35177




Psychischer Druck bei Grundschulkindern hat deutlich zugenommen

forsa-Umfrage zeigt: Schon Kinder leiden unter Stress, Ängsten und Überforderung

Schon Grundschulkinder fühlen sich zunehmend psychisch belastet. Das geht aus einer aktuellen repräsentativen Umfrage der KKH Kaufmännische Krankenkasse hervor. Danach berichten 24 Prozent der Eltern, dass sich ihre sechs- bis zehnjährigen Kinder in den vergangenen vier Wochen häufig gestresst gefühlt haben – sei es in der Schule oder im Alltag. 42 Prozent der befragten Mütter und Väter haben zudem den Eindruck, dass Druck und psychische Belastung bei Kindern in den vergangenen ein bis zwei Jahren zugenommen haben.

Hohe Erwartungen belasten Kinder

Als größte Belastungsfaktoren nennen Eltern die hohen Erwartungen der Kinder an sich selbst und die damit verbundenen Versagensängste. 58 Prozent sehen darin die größte Herausforderung für ihre Kinder. Ebenfalls häufig genannt werden Konflikte mit anderen Kindern wie Mobbing, Streit oder Gruppenzwang (50 Prozent) sowie Leistungsdruck durch Schule, Sport oder andere äußere Erwartungen (47 Prozent).

Stress und psychische Belastungen

Hinzu kommt, dass viele Kinder nach Einschätzung ihrer Eltern noch nicht ausreichend gelernt haben, mit seelischem Druck umzugehen. 44 Prozent der Befragten geben an, ihr Kind könne weniger gut oder gar nicht mit Stress und psychischen Belastungen umgehen. Auch digitale Medien spielen offenbar eine Rolle: Rund ein Drittel der Eltern (32 Prozent) sieht Inhalte aus Streaming-Diensten oder Online-Spielen als zusätzlichen Stressfaktor. Weitere 22 Prozent nennen familiäre Probleme wie Streit, Trennung oder finanzielle Sorgen.

Psychische Erkrankungen bereits im Kindesalter

Parallel dazu zeigen Daten der KKH, dass psychische Erkrankungen bereits im Kindesalter diagnostiziert werden. Besonders häufig treten bei Sechs- bis Zehnjährigen Störungen des Sozialverhaltens sowie akute Belastungsreaktionen und Anpassungsstörungen auf. Jeweils etwa 25 von 1.000 Kindern erhielten 2024 eine entsprechende Diagnose. Angststörungen wurden bei sieben von 1.000 Grundschulkindern dokumentiert. Mit zunehmendem Alter steigen die Fallzahlen deutlich an: Bei Jugendlichen zwischen 15 und 18 Jahren registrierte die KKH bereits 32 Angststörungen pro 1.000 Versicherte und 57 Fälle von Anpassungsstörungen pro 1.000 Jugendlichen.

Gestresst wie die Großen? Schon Grundschüler unter Druck

Die Ergebnisse verdeutlichen nach Einschätzung von Fachleuten, wie wichtig frühe Prävention und psychosoziale Unterstützung geworden sind. Die KKH verweist in diesem Zusammenhang auf ihr Präventionsprogramm „1000 Schätze“, das sich an Schülerinnen und Schüler der ersten und zweiten Klassen richtet.

„Ziel ist es, psychosoziale Kompetenzen zu fördern und einem riskanten Verhalten vorzubeugen. Die Kinder lernen, mit anderen zusammenzuarbeiten, zu kommunizieren, Probleme zu lösen, Konflikte zu bewältigen sowie mit eigenen und fremden Gefühlen umzugehen“, erklärt KKH-Chef Wolfgang Matz. Wissenschaftlich sei belegt, dass die frühe Förderung solcher Lebenskompetenzen die psychische und körperliche Gesundheit nachhaltig stärken könne.

Unterstützung erhält das Programm inzwischen auch aus der Bundespolitik. Der Sucht- und Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Hendrik Streeck, hat die Schirmherrschaft übernommen. Er sieht insbesondere bei belasteten Kindern großen Handlungsbedarf: „Wenn wir früh ansetzen, stärken wir nicht nur die emotionale Widerstandskraft von Kindern. Wir verringern auch das Risiko für spätere psychische Erkrankungen und Abhängigkeit.“

Streeck betont zudem die Rolle von Schulen und pädagogischen Fachkräften. Präventionsangebote könnten helfen, Belastungen früher zu erkennen und angemessen darauf zu reagieren. „Prävention muss früher beginnen und stärker werden. Wenn wir Kinder mental stärken, investieren wir in ihre Gesundheit und in die Zukunft unserer Gesellschaft“, so der Bundesdrogenbeauftragte.

„Psychische Probleme bleiben häufig unerkannt“

Auch die Psychologin Franziska Klemm weist darauf hin, dass psychische Probleme bei Kindern häufig lange unerkannt bleiben. Die Symptome seien oft unspezifisch. Bauch- oder Kopfschmerzen, sozialer Rückzug oder Leistungsabfall könnten harmlose Ursachen haben, aber ebenso Hinweise auf ernsthafte psychische Belastungen sein. „Je früher wir psychische Erkrankungen erkennen, desto eher können wir betroffenen Kindern helfen und vermeiden, dass sich daraus weitere Störungen wie der Missbrauch von Suchtmitteln entwickeln“, erläutert Klemm.

Besonders wichtig sei deshalb eine enge Zusammenarbeit zwischen Elternhaus und Schule. Laut Umfrage sehen zwar 98 Prozent der Eltern die Familie als wichtigste Instanz für Wertevermittlung und emotionale Entwicklung, zugleich betrachten aber 54 Prozent auch Kitas und Schulen als mitverantwortlich.

Psychische Belastungen im Kindesalter nehmen sichtbar zu

Die aktuellen Zahlen fügen sich in eine Entwicklung ein, die Fachleute seit mehreren Jahren beobachten. Bereits während und nach der Corona-Pandemie hatten Studien auf eine steigende psychische Belastung von Kindern und Jugendlichen hingewiesen. Die neuen KKH-Daten zeigen nun, dass Stress, Ängste und emotionale Überforderung längst nicht mehr nur Jugendliche betreffen, sondern zunehmend bereits Kinder im Grundschulalter.

Auffällig ist dabei vor allem der hohe innere Leistungsdruck vieler Kinder. Dass Eltern die Erwartungen der Kinder an sich selbst häufiger nennen als äußeren Leistungsdruck, deutet darauf hin, dass sich gesellschaftliche Anforderungen offenbar früh verinnerlichen. Gleichzeitig scheinen soziale Konflikte unter Gleichaltrigen – insbesondere Mobbing und Gruppenzwang – erheblich an Bedeutung zu gewinnen.

Die Ergebnisse unterstreichen zudem die Bedeutung früher Präventionsangebote an Schulen. Programme zur Förderung emotionaler Kompetenzen gelten in der Forschung seit Jahren als wirksamer Ansatz, um Resilienz zu stärken und psychischen Erkrankungen vorzubeugen. Dass die KKH dabei neben Lehrkräften ausdrücklich auch Eltern einbezieht, entspricht aktuellen Empfehlungen aus der Entwicklungspsychologie und Präventionsforschung.

Methode und Bewertung der Studie

Für die Untersuchung befragte das Marktforschungsinstitut forsa im Auftrag der KKH bundesweit 1.005 Eltern von Kindern im Alter zwischen sechs und zehn Jahren. Die Online-Befragung fand vom 26. Januar bis 10. Februar 2026 statt und gilt laut KKH als repräsentativ.

Ergänzend wertete die Krankenkasse eigene Abrechnungsdaten zu psychischen Diagnosen bei sechs- bis 18-jährigen Versicherten aus. Analysiert wurden unter anderem Angststörungen, Anpassungsstörungen sowie Störungen des Sozialverhaltens. Nach Angaben der KKH erhielten 2024 bundesweit rund 18.130 versicherte Kinder und Jugendliche entsprechende Diagnosen. Hochgerechnet auf Deutschland entspricht dies knapp einer Million Betroffenen zwischen sechs und 18 Jahren.

Die Studie liefert wichtige Hinweise auf die zunehmende psychische Belastung junger Menschen, hat jedoch auch methodische Grenzen. Die Einschätzungen zum Stressempfinden beruhen ausschließlich auf Angaben der Eltern und nicht auf direkten Befragungen der Kinder selbst. Zudem erlaubt die Umfrage keine Aussagen über konkrete Ursachen psychischer Erkrankungen. Die Kombination aus repräsentativer Elternbefragung und realen Versichertendaten erhöht jedoch die Aussagekraft der Ergebnisse erheblich.

Weitere Informationen finden Sie hier




Jedes zehnte Grundschulkind fühlt sich häufig einsam

Studie „Inspire Youth“ zeigt: Einsamkeit beginnt früh und bleibt oft unerkannt – Schulen stehen vor neuen Herausforderungen

Einsamkeit gehört für viele Kinder bereits in der Grundschule zum Alltag. Das zeigen aktuelle Zwischenergebnisse des Forschungsprojekts „Inspire Youth“ unter Beteiligung der Universität Witten/Herdecke. Demnach fühlt sich mehr als jedes dritte Kind zumindest gelegentlich einsam, rund jedes zehnte sogar häufig oder dauerhaft.

Für die Studie wurden 428 Kinder der zweiten bis vierten Klassen an Schulen in Bochum, Herne und Gelsenkirchen befragt. Die Ergebnisse verdeutlichen, dass Einsamkeit kein Randphänomen ist, sondern ein relevantes Thema bereits im frühen Kindesalter.

Ein Gefühl, das viele Kinder nicht benennen können

Ein zentrales Ergebnis der Untersuchung: Viele Kinder erleben Einsamkeit, verfügen jedoch nicht über die sprachlichen Mittel, dieses Gefühl einzuordnen. Etwa ein Drittel der befragten Kinder kann den Begriff „Einsamkeit“ nicht erklären – besonders häufig betrifft das Kinder, die nicht mit Deutsch als Muttersprache aufwachsen.

Die Folge: Wer Gefühle nicht benennen kann, spricht seltener darüber und sucht weniger Unterstützung. Zudem wird Einsamkeit oft mit bloßem Alleinsein verwechselt. Kinder beschreiben dann äußere Situationen statt ihrer inneren Empfindung. Für Lehrkräfte und pädagogisches Personal wird es dadurch schwieriger, betroffene Kinder zu erkennen.

Schule als zentraler Ort sozialer Erfahrungen

Die Schule spielt eine Schlüsselrolle beim Erleben von Einsamkeit. Hier entstehen soziale Beziehungen – oder bleiben aus. Einsamkeit zeigt sich insbesondere dann, wenn Kinder keinen Anschluss finden oder ausgeschlossen werden.

Damit wird Einsamkeit zu einem sozialen Erlebnis im unmittelbaren Alltag der Kinder. Gleichzeitig bleibt sie häufig unsichtbar, weil sie nicht offen thematisiert wird.

Unterschiedliche Strategien im Umgang mit Einsamkeit

Die meisten Kinder versuchen aktiv, ihre Situation zu verbessern: Sie suchen Kontakt zu Gleichaltrigen, sprechen mit Erwachsenen oder knüpfen neue Beziehungen. Diese Formen der Selbsthilfe sind die häufigsten Reaktionen.

Doch nicht alle Kinder verfügen über die gleichen sozialen und emotionalen Ressourcen. Je stärker sie von Einsamkeit betroffen sind, desto häufiger ziehen sie sich zurück oder reagieren mit auffälligem Verhalten. Einige versuchen, ihre Gefühle zu unterdrücken oder sich innerlich „abzuschalten“. Diese Strategien können langfristig problematisch sein und auf fehlende Unterstützung hinweisen.

Prävention muss früh ansetzen

Das Projekt „Inspire Youth“ verfolgt das Ziel, Einsamkeit frühzeitig zu erkennen und präventiv entgegenzuwirken. Dazu sollen entsprechende Maßnahmen stärker im Schulalltag verankert werden – im Unterricht, in Ganztagsangeboten und in schulischen Strukturen.

Im Fokus steht dabei die Förderung sozialer Beziehungen: Kinder sollen lernen, Gefühle wahrzunehmen und zu benennen, während Schulen gezielt Zugehörigkeit stärken und verlässliche Ansprechpartner bieten.

Strukturelle Herausforderungen im Schulalltag

Die Umsetzung solcher Maßnahmen ist jedoch anspruchsvoll. Große Klassen, begrenzte Zeitressourcen und fehlende Rückzugsräume erschweren den Blick auf das einzelne Kind. Besonders stille Kinder laufen Gefahr, übersehen zu werden.

Gleichzeitig zeigt die Studie: Geschultes pädagogisches Personal kann Einsamkeit erkennen und wirksam reduzieren. Daraus ergeben sich konkrete Ansatzpunkte für Schulen und Bildungspolitik, um Kinder frühzeitig zu stärken.

Modellprojekt mit langfristiger Perspektive

„Inspire Youth“ ist die erste Studie in Nordrhein-Westfalen, die Einsamkeit im Grundschulalter systematisch untersucht. Das Projekt läuft noch bis Ende 2027.

Neben der Universität Witten/Herdecke sind das Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik (ISS), die AWO Ruhr-Mitte sowie die AWO Gelsenkirchen/Bottrop beteiligt. Gefördert wird das Vorhaben durch die Landesregierung Nordrhein-Westfalen und die Sozialstiftung NRW.

Ziel ist es, auf Basis der Ergebnisse konkrete Empfehlungen für Schulen, Ganztagsangebote und Bildungspolitik zu entwickeln, um Einsamkeit bei Kindern frühzeitig entgegenzuwirken.




Psychische Belastung steigt bei Schüler*innen wieder deutlich an

Deutsches Schulbarometer 2026 zeigt wachsenden Druck und soziale Unterschiede

Die psychische Belastung von Kindern und Jugendlichen in Deutschland nimmt erstmals seit dem Ende der Corona-Pandemie wieder zu. Das zeigt das aktuelle Deutsche Schulbarometer der Robert Bosch Stiftung, das auf einer repräsentativen Befragung von Schüler*innen und Eltern basiert.

Ein Viertel der befragten Schüler*innen gibt an, sich stark psychisch belastet zu fühlen. Damit steigt der Anteil nach einem zwischenzeitlichen Rückgang erneut an (2024: 21 Prozent, 2025: 25 Prozent).

Soziale Herkunft beeinflusst psychische Gesundheit deutlich

Die Daten verdeutlichen erhebliche Unterschiede je nach sozialem Hintergrund. Kinder aus einkommensschwachen Familien berichten deutlich häufiger von Belastungen:

  • 31 Prozent fühlen sich stark psychisch belastet
  • 29 Prozent erleben geringes schulisches Wohlbefinden
  • 36 Prozent bewerten ihre Lebensqualität als niedrig

Neben diesen Faktoren spielt auch der schulische Leistungsdruck eine zentrale Rolle. Fast die Hälfte aller Befragten empfindet diesen als hoch und gibt an, regelmäßig auch am Wochenende für die Schule lernen zu müssen.

Schulische Faktoren stehen im engen Zusammenhang mit Belastung

Die Studie zeigt klare Zusammenhänge zwischen schulischen Rahmenbedingungen und dem Wohlbefinden der Schüler*innen. Unterstützende Lehrkräfte, ein positives Klassenklima und Möglichkeiten zur Mitbestimmung wirken sich messbar auf die psychische Gesundheit aus.

Gleichzeitig bleibt die Belastung im Vergleich zur Zeit vor der Pandemie erhöht und steigt weiter an. Parallel dazu sind viele Schulen weiterhin durch die Folgen der Pandemie sowie durch strukturelle Probleme wie den Lehrkräftemangel stark beansprucht.

Ein weiterer Aspekt ist die gestiegene Sensibilität für psychische Gesundheit: Belastungen werden heute häufiger wahrgenommen und benannt als in früheren Jahren.

Unterricht beeinflusst Wohlbefinden und Lernerfolg

Die Ergebnisse unterstreichen die zentrale Bedeutung des Unterrichts für das schulische Wohlbefinden. Entscheidend sind dabei vor allem:

  • wertschätzende Rückmeldungen
  • angemessene, individuell angepasste Anforderungen
  • effektive Nutzung der Lernzeit
  • ein respektvolles und unterstützendes Lernklima

Sowohl Überforderung als auch Langeweile wirken sich negativ auf das Wohlbefinden aus. Unterricht, der diese Faktoren berücksichtigt, steht in Zusammenhang mit besseren Lernleistungen und höherer Zufriedenheit.

Große Diskrepanz bei Mitbestimmung in der Schule

Ein deutliches Spannungsfeld zeigt sich beim Thema Partizipation. Drei Viertel der Schüler*innen wünschen sich mehr Einfluss auf Unterrichtsinhalte oder Prüfungsformate. Gleichzeitig geben rund 80 Prozent an, kaum Mitbestimmungsmöglichkeiten zu haben.

Auch bestehende Beteiligungsstrukturen werden kritisch gesehen: 43 Prozent der Befragten halten die Schülervertretung für wirkungslos.

Frühere Befragungen zeigen eine abweichende Einschätzung auf Seiten der Lehrkräfte: Mehr als die Hälfte bewertet die vorhandenen Mitbestimmungsmöglichkeiten als ausreichend.

Die Daten belegen einen klaren Zusammenhang: Schüler*innen, die an schulischen Entscheidungen beteiligt sind, berichten über ein höheres Wohlbefinden.

Mobbing bleibt weit verbreitet

Mobbing gehört weiterhin zum Alltag vieler Kinder und Jugendlicher. Ein Drittel der 11- bis 17-Jährigen erlebt mindestens einmal im Monat Schikanen durch Mitschüler*innen. Zwischen 4 und 10 Prozent sind sogar wöchentlich oder täglich betroffen.

Besonders häufig trifft es 14-Jährige, von denen 38 Prozent entsprechende Erfahrungen berichten. Dabei tritt Mobbing häufiger im direkten persönlichen Kontakt auf, wird jedoch zunehmend durch digitale Formen ergänzt.

Gleichzeitig zeigt sich ein Fortschritt in der Aufklärung: Vier von fünf Schüler*innen wissen, an wen sie sich im Fall von Mobbing wenden können.

Studiendesign und Hintergrund

Das Deutsche Schulbarometer wird seit 2019 regelmäßig von der Robert Bosch Stiftung durchgeführt. Für die aktuelle Ausgabe wurden zwischen Mai und Juni 2025 insgesamt 1.507 Kinder und Jugendliche im Alter von 8 bis 17 Jahren sowie jeweils ein Elternteil online befragt. Die Studie entstand in Kooperation mit der Universität Leipzig unter Beteiligung eines interdisziplinären Forschungsteams aus Psychologie, Bildungs- und Kommunikationswissenschaften.

Die nächste Erhebung ist für den Sommer 2026 angekündigt. Originalpublikation: https://www.bosch-stiftung.de/de/projekt/das-deutsche-schulbarometer

Quelle: Robert Bosch Stiftung / Universität Leipzig
Autorin der Pressemeldung: Susann Sika