Eltern und Schule: Was Kinder für ihre Entwicklung brauchen

Eltern sollen nicht zu Hilfslehrern werden, Schule muss auch erziehen. Wie beide zusammenwirken können, damit Kinder lernen und selbstständig werden

Kurz vor acht am Abend. Marie sitzt über ihren Mathematikaufgaben. Ihre Mutter versucht seit einer halben Stunde zu erklären, was das Kind in der Schule nicht verstanden hat. Doch sie kennt einen anderen Rechenweg.

„So dürfen wir das nicht machen“, sagt Marie.

Die Mutter versucht es noch einmal. Marie wird ungeduldig, die Mutter auch. Irgendwann fällt der Satz: „Warum muss ich dir eigentlich am Abend das beibringen, was ihr morgens in der Schule gemacht habt?“

Am nächsten Vormittag erlebt Maries Lehrerin die andere Seite des Problems. Zwei Kinder streiten, ein Schüler beschimpft einen Mitschüler, ein anderer hält sich wiederholt nicht an vereinbarte Regeln. Im Elterngespräch hört sie später: „Dafür sind Sie doch da. In der Schule müssen Sie dafür sorgen, dass er sich benimmt.“

Eltern beklagen, dass Schulen von ihnen erwarten, zu Hause Lehrer zu spielen. Lehrkräfte beklagen, dass Eltern von ihnen erwarten, in der Schule die Erziehung ihrer Kinder zu übernehmen.

Wer hat recht? Beide ein bisschen. Und beide nicht ganz.

Bildung hier, Erziehung dort? So einfach ist es nicht

Die Vorstellung klingt zunächst plausibel: Eltern sind für die Erziehung zuständig, die Schule für die Bildung. Doch Kinder entwickeln sich nicht nach solchen Zuständigkeitsplänen.

Bildung beginnt lange vor dem ersten Schultag. Eltern sprechen mit ihren Kindern, lesen ihnen vor, beantworten Fragen, erklären die Welt und vermitteln Werte und Haltungen. Kinder lernen dabei auch, ob Fragen willkommen sind, ob Fehler schlimm sind und ob es sich lohnt, sich anzustrengen.

Umgekehrt kann Schule nicht darauf verzichten zu erziehen. Kinder müssen dort Verantwortung übernehmen, Regeln einhalten, Konflikte lösen, Rücksicht nehmen und mit Frustrationen umgehen. Eine Lehrkraft, die eine Klassengemeinschaft gestaltet, Grenzen setzt oder einen Streit aufarbeitet, handelt erzieherisch.

Die Kultusministerkonferenz (KMK) spricht deshalb ausdrücklich von „Bildung und Erziehung als gemeinsame Aufgabe von Eltern und Schule“. Die entscheidende Frage lautet also nicht: Wer ist für Bildung zuständig und wer für Erziehung? Sondern: Was braucht dieses Kind – und welchen Beitrag können Eltern und Schule dazu leisten?

Eltern sind keine Hilfslehrer – Lehrer keine Ersatzeltern

Gemeinsame Verantwortung bedeutet nicht, dass die Rollen austauschbar wären. Eltern sind keine unbezahlten Hilfslehrer, die am Nachmittag den Unterricht fortsetzen müssen. Lehrkräfte wiederum sind keine Ersatzeltern, an die Familien ihre Erziehungsverantwortung abgeben können.

Eltern kennen ihr Kind über viele Jahre und in ganz unterschiedlichen Lebenssituationen. Lehrkräfte erleben es in einem professionell gestalteten Lernumfeld und innerhalb einer Gruppe Gleichaltriger. Beide sehen etwas, das die jeweils andere Seite nicht in gleicher Weise sehen kann.

Gerade deshalb braucht das Kind beide Perspektiven.

Und es braucht Erwachsene, die wissen, wann sie helfen müssen – und wann sie sich zurücknehmen sollten.

Wie viel Hilfe bei den Hausaufgaben ist richtig?

Gerade bei Hausaufgaben wird die Grenze schnell unscharf. Natürlich dürfen Eltern erklären, Vokabeln abfragen oder Interesse daran zeigen, was ihr Kind lernt. Aber was geschieht, wenn die Mutter jeden Nachmittag die Mathematikstunde nachholen muss? Oder wenn Eltern ein Referat so gründlich überarbeiten, dass am Ende zwar eine hervorragende Präsentation vorliegt – nur nicht mehr die des Kindes?

Eine 2024 veröffentlichte Meta-Analyse wertete 28 Studien mit insgesamt mehr als 378.000 Schülerinnen und Schülern aus. Das Ergebnis widerspricht der einfachen Annahme „Viel hilft viel“: Mehr elterliche Beteiligung an den Hausaufgaben war nicht automatisch mit besseren Leistungen verbunden. Entscheidend war vielmehr die Art der Unterstützung. Vor allem Autonomieunterstützung zeigte einen positiven Zusammenhang mit schulischer Leistung.

Daraus lässt sich ein einfacher Grundsatz ableiten:

Gute Hilfe löst nicht die Aufgabe für das Kind. Gute Hilfe hilft dem Kind, sie zunehmend selbst lösen zu können.

„Aber morgen muss es fertig sein!“

Was also tun, wenn ein Kind vor einer Aufgabe sitzt und nicht weiterkommt? Eltern können zunächst fragen:

  • Was genau verstehst du nicht?
  • Was habt ihr dazu in der Schule gemacht?
  • Gibt es ein Beispiel, das dir weiterhilft?
  • Was könntest du selbst ausprobieren?
  • Wen kannst du fragen, wenn du nicht weiterkommst?

Und irgendwann darf eine Aufgabe auch einmal ungelöst bleiben. Das fällt Eltern häufig schwer. Doch eine von ihnen gelöste Aufgabe vermittelt der Lehrkraft möglicherweise eine falsche Information: Sie sieht eine richtige Lösung, aber nicht, dass das Kind etwas noch nicht verstanden hat.

Ein Fehler kann für das Lernen wertvoller sein als eine perfekte Hausaufgabe.

Wenn Eltern Aufgaben der Schule übernehmen

Wie fließend die Grenzen geworden sind, zeigt eine 2024 veröffentlichte Untersuchung von Manuela Ulrich und Axinja Hachfeld. In fünf Fokusgruppen wurden 25 Mütter aus Baden-Württemberg befragt, deren Kinder die Sekundarstufe I besuchten. Die Untersuchung ist nicht repräsentativ, gibt aber einen aufschlussreichen Einblick in das Rollenverständnis dieser Eltern.

Die Mütter berichteten, dass sie zahlreiche Aufgaben rund um die Schulbildung übernehmen – von Motivation und Leistungskontrolle bis zur Betreuung schulischer Aufgaben. Besonders interessant: Sie beschrieben, aufgrund wahrgenommener schulischer Strukturmängel auch individuelle Förderung übernehmen zu müssen. Einige berichteten dabei von Stress und Überforderung.

Das führt zu einer Frage, die über die Belastung einzelner Familien hinausgeht:

Wie viel schulische Förderung darf ins Elternhaus verlagert werden?

Wenn die Familie über den Schulerfolg mitentscheidet

Familien verfügen über sehr unterschiedliche Möglichkeiten. Manche Eltern können Mathematik erklären, andere nicht. Manche arbeiten im Schichtdienst. Einige können Nachhilfe bezahlen, andere nicht. Manche Kinder haben einen ruhigen Arbeitsplatz, andere teilen ein Zimmer mit mehreren Geschwistern.

Das sagt nichts darüber aus, wie wichtig Eltern die Bildung ihrer Kinder ist. Elterliches Interesse und elterliche Möglichkeiten sind zwei verschiedene Dinge. Wenn eine schulische Aufgabe aber nur deshalb erfolgreich bewältigt wird, weil zu Hause ein Erwachsener erklärt, korrigiert oder recherchiert, misst das Ergebnis nicht mehr allein, was das Kind kann. Es misst auch die Ressourcen seiner Familie.

Damit wird elterliche Lernhilfe zu einer Frage der Bildungsgerechtigkeit. Schule sollte deshalb immer wieder prüfen: Kann das Kind diese Aufgabe grundsätzlich mit dem bewältigen, was wir ihm in der Schule vermittelt und zur Verfügung gestellt haben?

Die Hausaufgaben einfach in die Schule verlegen?

Eine naheliegende Lösung scheint die Ganztagsschule zu bieten. Doch auch hier kommt es auf die Qualität an.

Eine 2024 veröffentlichte Untersuchung auf Basis des Nationalen Bildungspanels NEPS betrachtete 1.523 Schülerinnen und Schüler an 71 deutschen weiterführenden Schulen. Dabei war gezieltes Tutoring mit geringeren sozioökonomischen Leistungsunterschieden verbunden. Für die untersuchte Hausaufgabenbetreuung zeigte sich dieser Zusammenhang dagegen nicht.

Daraus lässt sich nicht schließen, dass Hausaufgabenbetreuung schadet. Der Befund zeigt aber: Nicht der Ort allein macht gute Förderung aus. Hausaufgaben vom Küchentisch in einen Betreuungsraum zu verlagern, reicht nicht. Kinder, die etwas nicht verstanden haben, brauchen dort fachlich und pädagogisch gute Unterstützung.

Auch Schule muss erziehen

Die Verantwortung lässt sich allerdings auch in die andere Richtung nicht abschieben. Wenn ein Kind ständig zu spät kommt, andere beschimpft oder Regeln missachtet, können Eltern nicht einfach sagen: „In der Schule sind Sie dafür zuständig.“ Doch ebenso wenig kann die Schule antworten: „Das ist ein Erziehungsproblem und damit Sache der Eltern.“

Wenn ein Kind im Unterricht andere beleidigt, betrifft das die Schule. Wenn es auf dem Schulhof andere ausgrenzt, betrifft das die Schule. Schule ist nicht nur ein Ort der Wissensvermittlung, sondern über viele Jahre einer der wichtigsten sozialen Lebensräume von Kindern.

Erziehung gehört deshalb zur Bildung. Selbstständigkeit, Frustrationstoleranz, Rücksichtnahme, Selbstregulation und die Fähigkeit, Konflikte auszutragen, sind zugleich Voraussetzungen erfolgreichen Lernens. Eltern bilden ihre Kinder. Lehrkräfte erziehen ihre Schülerinnen und Schüler. Aber sie tun dies in unterschiedlichen Rollen und mit unterschiedlichen Verantwortlichkeiten.

Nicht zuerst fragen: Wer ist zuständig?

Nehmen wir den zwölfjährigen Leon. Er erledigt seine Hausaufgaben häufig nicht. Die Lehrkraft sagt: „Sie müssen zu Hause besser kontrollieren.“ Die Eltern antworten: „Er ist zwölf. Wir können doch nicht jeden Abend hinter ihm herlaufen.“

Man könnte nun darüber streiten, wer recht hat. Hilfreicher wäre eine andere Frage: Warum erledigt Leon seine Aufgaben nicht? Hat er nicht verstanden, was zu tun ist? Vergisst er die Aufgaben? Kann er sich schlecht organisieren? Fehlt ihm Motivation? Oder hat er gelernt, dass seine Eltern irgendwann übernehmen?

Je nach Antwort braucht Leon etwas anderes: fachliche Unterstützung in der Schule, einen verlässlichen Rahmen zu Hause, Hilfe bei seiner Selbstorganisation – oder Erwachsene, die ihm Verantwortung zurückgeben. Das ist der entscheidende Perspektivwechsel: Nicht zuerst fragen: Wer ist zuständig? Sondern: Was braucht dieses Kind, um den nächsten Entwicklungsschritt zu schaffen?

So viel Unterstützung wie nötig, so viel Selbstständigkeit wie möglich

Erwachsene können Kindern nicht nur zu wenig, sondern auch zu viel abnehmen. Die Mutter bringt das vergessene Sportzeug. Der Vater kontrolliert jeden Abend den Schulranzen. Eltern erinnern an jede Klassenarbeit, überwachen die Lernplattform und fragen in der Elterngruppe nach, was das Kind für morgen braucht. Das geschieht aus Fürsorge. Doch Fürsorge sollte Kinder langfristig weniger abhängig von der Hilfe Erwachsener machen.

Ein Erstklässler braucht beim Packen seines Ranzens vielleicht noch viel Unterstützung. Ein Zehnjähriger kann zunehmend selbst Verantwortung übernehmen. Ein Vierzehnjähriger sollte seine Materialien weitgehend selbst organisieren können. Was gestern noch Hilfe war, kann morgen schon verhindern, dass ein Kind selbstständig wird.

Der Elternchat ist kein zweites Schulsekretariat

Besonders sichtbar wird das in Elternchats:

„Was haben die Kinder in Mathe auf?“
„Kann jemand das Arbeitsblatt fotografieren?“
„Wann schreiben sie den Test?“

Solche Fragen sind verständlich. Doch wenn Eltern jeden Informationsverlust ihres Kindes auffangen, entsteht ein perfektes Sicherheitsnetz – und möglicherweise ein Lernproblem. Auch aus einem vergessenen Arbeitsblatt kann ein Kind lernen, seine Sachen besser zu organisieren.

Das entbindet die Schule nicht von ihrer Verantwortung. Informationen, die Eltern tatsächlich benötigen, müssen zuverlässig von der Schule kommen. Eine private Elterngruppe darf nicht zur inoffiziellen Kommunikationszentrale werden.

Erwartungen müssen ausgesprochen werden

Viele Konflikte zwischen Schule und Eltern entstehen nicht aus mangelndem guten Willen, sondern aus unterschiedlichen Erwartungen. Die Lehrkraft erwartet, dass Eltern kontrollieren. Die Eltern erwarten, dass die Lehrkraft informiert. Die Lehrkraft hält das Kind für alt genug, selbst Verantwortung zu übernehmen. Die Eltern gehen davon aus, dass die Schule sich meldet, sobald etwas nicht funktioniert.

Deshalb können drei einfache Fragen erstaunlich viel klären:

Was erwarten Sie von uns als Eltern?
Was können wir von Ihnen als Schule erwarten?
Und was kann das Kind inzwischen selbst übernehmen?

Was Eltern und Lehrkräfte voneinander erwarten dürfen

Eltern dürfen erwarten, dass Unterricht grundsätzlich in der Schule stattfindet, Schwierigkeiten ihres Kindes ernst genommen werden und schulische Aufgaben nicht davon abhängen, ob zu Hause ein fachkundiger Erwachsener zur Verfügung steht. Sie können aber nicht erwarten, dass Schule jedes Problem ihres Kindes löst oder ihnen ihre besondere Erziehungsverantwortung abnimmt.

Lehrkräfte wiederum dürfen erwarten, dass Eltern Interesse am schulischen Leben zeigen, erreichbar und zur Zusammenarbeit bereit sind und ihrem Kind vermitteln, dass Regeln auch dann gelten, wenn die Eltern nicht danebenstehen. Sie dürfen aber nicht voraussetzen, dass Eltern pädagogische Fachkräfte sind oder Unterrichtsstoff zu Hause vermitteln können.

Elterliche Unterstützung darf keine heimliche Voraussetzung dafür werden, dass Unterricht funktioniert.

Und was dürfen Kinder erwarten?

Vielleicht ist das die wichtigste Frage.

Kinder dürfen erwarten, dass Eltern und Lehrkräfte Verantwortung übernehmen und miteinander sprechen, statt Probleme zwischen Familie und Schule hin- und herzuschieben. Sie brauchen Hilfe, wenn etwas noch zu schwierig ist, Orientierung, wenn sie nicht weiterwissen, und Grenzen, wenn sie andere verletzen.

Aber sie brauchen ebenso Erwachsene, die ihnen etwas zutrauen.

Das Ziel guter Zusammenarbeit kann nicht darin bestehen, dass Erwachsene möglichst lückenlos alles für ein Kind organisieren. Das Ziel ist ein junger Mensch, der zunehmend selbst lernen, planen, fragen, scheitern, neu anfangen, Konflikte lösen und Verantwortung übernehmen kann – und weiß, wann er Hilfe braucht.

Deshalb sollte die entscheidende Frage bei Hausaufgaben, Konflikten, vergessenen Materialien oder schlechten Noten nicht lauten:

„Wer von uns muss das jetzt erledigen?“

Quellen

Xu, Jianzhong et al. (2024): Parental Homework Involvement and Students’ Achievement: A Three-Level Meta-Analysis. Psicothema 36(1).

Ulrich, Manuela & Hachfeld, Axinja (2024): Familien-Schul-Kooperation zu Beginn der Sekundarstufe I: zum Aufgabenverständnis von Müttern und zur Bedeutung ihrer Passungswahrnehmung. Zeitschrift für Erziehungswissenschaft 27.

Nachbauer, Max (2024): How schools affect equity in education: Teaching factors and extended day programs associated with average achievement and socioeconomic achievement gaps. Studies in Educational Evaluation 82.

Holzberger, Doris; Täschner, Julia & Hillmayr, Delia: Forschungsarbeiten zur schulischen Elternbeteiligung und zu Bildungsungleichheiten.

Kultusministerkonferenz: Zusammenarbeit von Eltern und Schule sowie gemeinsamer Bildungs- und Erziehungsauftrag.

Gernot Körner

In der Reihe „Eltern- und Öffentlichkeitsarbeit“ sind folgende Artikel erschienen:

Elternarbeit in der Kita: So gelingt echte Erziehungspartnerschaft

Wenn Eltern und Fachkräfte in der Kita in Konflikt geraten

Eltern und Schule: Was Kinder für ihre Entwicklung brauchen

Öffentlichkeitsarbeit in der Kita: Zeigt, was ihr leistet!

Öffentlichkeitsarbeit in der Kita: So wird gute Pädagogik sichtbar

Krisenkommunikation in der Kita: Richtig handeln und klar informieren

spielen und lernen: Verstehen, was Kinder wirklich brauchen

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Kinder wollen faire Regeln – und Erwachsene, die sie ernst nehmen

Eine neue Studie zeigt: Kinder achten genau darauf, ob Regeln fair angewandt werden – und bemerken schnell, wenn Erwachsene mit zweierlei Maß messen.

Kinder haben offenbar ein ausgeprägtes Gespür dafür, ob Erwachsene Regeln gleichmäßig anwenden. Das zeigt eine neue Studie von Katarzyna Myślińska-Szarek von der SWPS University und Felix Warneken von der University of Michigan, die im Journal of Experimental Child Psychology veröffentlicht wurde.

An der Untersuchung nahmen 122 Kinder zwischen sechs und neun Jahren aus Polen und den USA teil. Ihnen wurden Bildergeschichten gezeigt, in denen Kinder gegen Regeln verstießen – etwa indem sie in der Schule ein Smartphone benutzten oder nach dem Essen Unordnung hinterließen. Anschließend sollten die Kinder beurteilen, wie Erwachsene auf die Regelverstöße reagierten und ob diese Reaktion fair war.

Die Ergebnisse sind deutlich: Wurden zwei Kinder für einen vergleichbaren Regelverstoß gleich behandelt – unabhängig davon, ob beide eine Konsequenz erfuhren oder beide davonkamen –, sahen 97 Prozent der befragten Kinder keinen Anlass, die Entscheidung zu verändern. Wurden die Kinder dagegen unterschiedlich behandelt, forderten 93 Prozent eine Gleichbehandlung.

Für Kinder scheint damit nicht nur die Regel selbst von Bedeutung zu sein. Sie beobachten auch, wie Erwachsene diese Regel anwenden.

Die erste Entscheidung setzt einen Maßstab

Dabei spielt offenbar eine Rolle, was zuvor geschehen ist. Bereits eine vorausgehende Studie derselben Forschungsgruppe hatte gezeigt: Wird ein erstes Kind für einen Regelverstoß sanktioniert, erwarten Kinder, dass ein zweites Kind bei demselben Verstoß ebenfalls mit einer entsprechenden Konsequenz rechnen muss. Bleibt der erste Regelbruch dagegen ohne Sanktion, wird diese Nachsicht zum Maßstab für den nächsten Fall.

Die Forschenden sprechen in diesem Zusammenhang von „Meta-Normen“: Neben der eigentlichen Regel existiert für die Kinder eine weitere Norm – nämlich die Erwartung, dass Regeln unparteiisch und konsistent angewendet werden.

Das bedeutet allerdings nicht, dass Kinder möglichst streng bestraft werden sollten. Die Ergebnisse sprechen vielmehr dafür, dass Vorhersehbarkeit und Fairness wichtiger sein können als Härte.

Ungleichbehandlung beeinflusst sogar die erwarteten Gefühle

Bemerkenswert ist ein weiterer Teil des Experiments. Die Forschenden wollten wissen, welche Gefühle Kinder den Figuren in den Geschichten zuschreiben.

Solange ein Kind in der Geschichte nicht wusste, wie ein anderes behandelt worden war, orientierten sich die Befragten vor allem an der eigenen Konsequenz: Wer einer Sanktion entging, wurde eher als glücklich eingeschätzt, wer eine Konsequenz erfuhr, eher als traurig.

Erfuhr die Figur jedoch, dass ein anderes Kind für denselben Regelverstoß anders behandelt worden war, veränderten sich die Einschätzungen. Nun schrieben die Kinder den Figuren häufiger gemischte oder negative Gefühle wie Traurigkeit, Ärger oder Schuld zu.

Schon Sechsjährige berücksichtigen demnach nicht nur, was ihnen selbst widerfährt. Sie beziehen auch die Behandlung anderer in ihre Vorstellung von Gerechtigkeit ein.

Was geschieht, wenn Regeln nur auf dem Papier gelten?

Damit berührt die Untersuchung eine Frage, die weit über das Experiment hinausgeht. Kinder begegnen täglich Regeln: zu Hause, in der Kita, in der Schule, im Straßenverkehr und später in immer mehr Bereichen des gesellschaftlichen Lebens.

Dabei lernen sie nicht nur, welche Regeln existieren. Sie beobachten zugleich, wie ernst Erwachsene diese Regeln selbst nehmen.

Ein anschauliches Beispiel ist die Verkehrserziehung in der Grundschule. Polizeibeamtinnen und Polizeibeamte erklären Kindern dort Verkehrsregeln und vermitteln ihnen, dass diese verbindlich sind. Dazu gehört beim Fahrradfahren auch die Frage, ab welchem Alter Kinder nicht mehr auf dem Gehweg fahren dürfen.

Die Straßenverkehrs-Ordnung ist hier eindeutig: Kinder bis zum vollendeten achten Lebensjahr müssen mit dem Fahrrad den Gehweg benutzen; bis zum vollendeten zehnten Lebensjahr dürfen sie dies. Danach gilt diese Sonderregel nicht mehr.

Für das Kind tritt im Verkehrsunterricht eine besonders glaubwürdige Autorität auf: Die Polizei erklärt nicht irgendeine Klassenregel, sondern geltendes Recht.

Im Alltag kann dasselbe Kind anschließend jedoch beobachten, dass ältere Kinder oder Erwachsene gegen solche Regeln verstoßen, ohne dass sichtbar etwas geschieht.

Das Gesetz hat sich dadurch selbstverständlich nicht geändert. Auch bedeutet eine nicht geahndete Übertretung nicht, dass die Regel aufgehoben wäre. Aus der Perspektive eines Kindes kann dennoch eine erklärungsbedürftige Lücke entstehen:

Warum wird mir eine Regel als verbindlich erklärt, wenn ich anschließend erlebe, dass ihre Verletzung offenbar folgenlos bleibt?

Regeln gelten auch ohne Strafe

Die falsche pädagogische Schlussfolgerung wäre, deshalb jeden Verstoß konsequent bestrafen zu müssen. Ein Rechtsstaat funktioniert nicht dadurch, dass jede Regelverletzung automatisch sanktioniert wird. Polizei, Schulen und Eltern müssen Situationen beurteilen und verfügen je nach Kontext über Handlungsspielräume.

Gerade deshalb ist Erklärung wichtig.

Kinder können verstehen, dass eine Regel gilt, obwohl nicht jeder Verstoß bestraft wird. Sie können auch verstehen, dass zwei scheinbar ähnliche Situationen unterschiedliche Reaktionen erfordern. Voraussetzung ist, dass Erwachsene Unterschiede nachvollziehbar machen.

Im Verkehrsunterricht könnte deshalb nicht nur vermittelt werden, welche Regel gilt, sondern auch, was deren Geltung bedeutet: Ein Verbot verliert nicht seine Verbindlichkeit, nur weil ein Verstoß einmal nicht geahndet wird. Eine Polizistin oder ein Polizist muss nicht hinter jedem Verkehrsschild stehen, damit eine Verkehrsregel gilt.

Damit würde aus Verkehrserziehung zugleich ein Stück Rechtsbildung.

Wie Kinder Vertrauen in Regeln entwickeln

Hier trifft die neue Fairness-Studie auf einen weiteren Forschungsbereich: die sogenannte Rechtssozialisation. Sie beschäftigt sich damit, wie Kinder und Jugendliche Vorstellungen über Recht, Regeln und staatliche Autoritäten entwickeln.

Forschungsarbeiten zur Verfahrensgerechtigkeit zeigen, dass dabei nicht allein Sanktionen entscheidend sind. Junge Menschen achten darauf, ob Autoritäten sie respektvoll behandeln, Entscheidungen nachvollziehbar treffen und Regeln unparteiisch anwenden. Wahrgenommene Fairness steht wiederum mit Vertrauen, Legitimität und der Bereitschaft zur Regelbefolgung in Zusammenhang.

Das gilt nicht ausschließlich für die Polizei. Untersuchungen zur Rechtssozialisation beziehen auch Eltern und Lehrkräfte ein. Denn lange bevor Kinder selbst intensiveren Kontakt mit staatlichen Institutionen haben, erleben sie Autorität im Elternhaus, in Kita und Schule.

„Für alle gelten dieselben Regeln“ reicht nicht

Für Pädagoginnen, Pädagogen und Eltern ergibt sich daraus allerdings eine wichtige Unterscheidung: Gerechtigkeit bedeutet nicht, jedes Kind in jeder Situation identisch zu behandeln.

Ein sechsjähriges Kind kann andere Unterstützung benötigen als ein zehnjähriges. Ein Kind mit besonderen Bedürfnissen kann mehr Zeit, Hilfe oder einen anderen Rahmen brauchen. Auch Vorgeschichte, Absicht und konkrete Situation können bei einer pädagogischen Entscheidung eine Rolle spielen.

Entscheidend ist deshalb nicht mechanische Gleichbehandlung, sondern nachvollziehbare Gerechtigkeit.

Wenn Erwachsene bei vergleichbaren Situationen unterschiedlich reagieren, sollten Kinder verstehen können, warum.

Erwachsene werden an ihren eigenen Regeln gemessen

Vielleicht liegt darin die wichtigste Botschaft der neuen Untersuchung: Kinder lernen Regeln nicht nur dadurch, dass Erwachsene sie erklären. Sie lernen ebenso durch Beobachtung, was Erwachsene tatsächlich tun.

„Wir lassen einander ausreden“ verliert an Glaubwürdigkeit, wenn Erwachsene Kinder ständig unterbrechen.

„Bei uns wird niemand ausgelacht“ überzeugt wenig, wenn Erwachsene bei Spott wegsehen.

Und eine Regel, die bei einem Kind streng angewandt und beim nächsten ohne erkennbare Begründung ignoriert wird, vermittelt neben der ausgesprochenen Regel noch eine zweite Botschaft: Regeln sind verhandelbar – abhängig davon, wen sie gerade betreffen.

Die neue Studie beweist nicht, dass einzelne inkonsequente Entscheidungen das Rechtsempfinden eines Kindes dauerhaft beschädigen. Eine solche Schlussfolgerung wäre wissenschaftlich nicht gerechtfertigt. Sie zeigt aber eindrucksvoll, wie früh Kinder auf unterschiedliche Behandlung achten.

Für Eltern, Lehrkräfte und andere Autoritätspersonen liegt darin eine wichtige Aufgabe: Regeln sollten nicht möglichst streng sein. Sie sollten verständlich, begründbar und glaubwürdig sein.

Die Studie

Katarzyna Myślińska Szarek & Felix Warneken (2026): Awareness shapes fairness: how Children’s emotion attributions reflect sensitivity to unequal treatment. Journal of Experimental Child Psychology, Vol. 270, 106553. DOI: 10.1016/j.jecp.2026.106553.

Wie aussagekräftig ist die Studie?

Die Untersuchung liefert einen interessanten und entwicklungspsychologisch relevanten Befund. Ihre Stärke liegt vor allem im experimentellen Aufbau: Die Forschenden konnten gezielt verändern, ob zwei Kinder für vergleichbare Regelverstöße gleich oder unterschiedlich behandelt wurden und ob die dargestellten Kinder von dieser Ungleichbehandlung wussten. Dadurch lässt sich relativ präzise untersuchen, wie Kinder auf unterschiedliche Regelanwendung reagieren.

Für die Aussagekraft spricht zudem, dass Kinder aus Polen und den USA untersucht wurden und sich in beiden Gruppen ähnliche Muster zeigten. Daraus lässt sich allerdings noch nicht schließen, dass das beobachtete Gerechtigkeitsempfinden kulturell universell ist. Dafür wären Untersuchungen in deutlich mehr und stärker unterschiedlichen kulturellen Kontexten notwendig.

Eine wesentliche Einschränkung ist die mit 122 Kindern überschaubare Stichprobe. Außerdem beurteilten die Sechs- bis Neunjährigen konstruierte Bildergeschichten. Wie ein Kind eine hypothetische Situation bewertet, muss nicht vollständig seinem Verhalten oder seinen Gefühlen in einer realen Konfliktsituation entsprechen.

Ebenso wichtig ist die Grenze der pädagogischen Interpretation: Die Studie zeigt, dass Kinder sensibel auf unterschiedliche Regelanwendung reagieren. Sie beweist nicht, dass inkonsequent durchgesetzte Regeln langfristig das Gerechtigkeits- oder Rechtsempfinden eines Kindes schädigen. Auch unser Beispiel aus der Verkehrserziehung wurde in der Studie nicht untersucht. Die Verbindung zur Rechtssozialisation ergibt sich aus einem breiteren Forschungsfeld und sollte deshalb als Einordnung und nicht als Ergebnis dieser Studie verstanden werden.

Die Ergebnisse liefern außerdem kein Argument für möglichst strenge Bestrafung. Im Gegenteil: Bemerkenswert ist gerade, dass die Kinder sowohl eine konsequente Sanktionierung als auch konsequente Nachsicht akzeptierten. Problematisch erschien ihnen vor allem die unterschiedliche Behandlung vergleichbarer Fälle.

Unsere Bewertung: Die Studie ist seriös, methodisch interessant und für die pädagogische Praxis relevant. Aufgrund der relativ kleinen Stichprobe und der experimentellen Bildergeschichten sollte ihre Reichweite jedoch nicht überschätzt werden. Besonders überzeugend ist ihre Kernbotschaft: Schon Grundschulkinder achten sehr genau darauf, ob Erwachsene ihre Regeln konsistent und fair anwenden. Ob und wie solche Erfahrungen langfristig ihr Vertrauen in Regeln und Autoritäten prägen, muss weiterführende Forschung zeigen.




Kinderlosigkeit verändert unsere Gesellschaft – und den Blick auf Familie

Immer mehr Erwachsene entscheiden sich bewusst gegen eigene Kinder. Fachleute beobachten einen gesellschaftlichen Wandel, der auch Kitas und Grundschulen begegnet

Lange Zeit galt es als selbstverständlich, eine Familie zu gründen und Kinder zu bekommen. Heute entscheiden sich jedoch immer mehr Menschen bewusst gegen eine Elternschaft. Besonders unter jüngeren Erwachsenen wächst die Akzeptanz eines kinderfreien Lebens. Gleichzeitig sorgt diese Entwicklung für intensive gesellschaftliche Diskussionen.

Die Zahlen verdeutlichen den Wandel: Nach vorläufigen Angaben wurden 2025 in Deutschland rund 654.300 Kinder geboren – so wenige wie seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs nicht mehr. Bereits 2022 lebten rund 9,5 Millionen Frauen zwischen 20 und 75 Jahren ohne eigene Kinder. Die Geburtenrate liegt derzeit bei etwa 1,38 Kindern pro Frau und damit deutlich unter dem Niveau, das langfristig für eine stabile Bevölkerungsentwicklung erforderlich wäre.

Dennoch betonen Fachleute, dass hinter diesen Zahlen individuelle Lebensentscheidungen stehen. Die Frage, ob Menschen Kinder bekommen möchten oder nicht, gehört zu den persönlichsten überhaupt.

Familie ist heute kein einheitliches Lebensmodell mehr

Nach Einschätzung der Psychologin Dr. Sarah Seidl von der SRH Fernhochschule verändert sich derzeit das Verständnis davon, was ein erfülltes Leben ausmacht. Während frühere Generationen häufig von einem klassischen Familienbild ausgingen, existieren heute zahlreiche unterschiedliche Lebensentwürfe.

Vor allem in Städten und unter jüngeren Erwachsenen werde ein kinderfreies Leben zunehmend akzeptiert. Partnerschaft, Freundschaften, berufliche Entwicklung oder persönliche Projekte gewinnen für viele Menschen an Bedeutung und werden ebenso als sinnstiftend erlebt wie eine Elternschaft.

Damit verändert sich auch das gesellschaftliche Bild von Familie. Pädagogische Fachkräfte erleben diese Vielfalt bereits heute im Alltag ihrer Einrichtungen. Kinder wachsen in sehr unterschiedlichen familiären Konstellationen auf – mit einem oder mehreren Elternteilen, in Patchworkfamilien, bei Großeltern oder mit Bezugspersonen außerhalb der klassischen Kernfamilie.

Wirtschaftliche Sorgen und hohe Erwartungen beeinflussen die Entscheidung

Die Gründe für ein bewusst kinderfreies Leben sind vielfältig. Nach Angaben der Psychologin spielen wirtschaftliche Unsicherheiten ebenso eine Rolle wie steigende Wohnkosten und die Sorge, Familie und Beruf miteinander vereinbaren zu können.

Hinzu komme ein gesellschaftlicher Wandel der Elternrolle. Viele Erwachsene erleben den Anspruch, gute Eltern sein zu müssen, heute als deutlich höher als noch vor einigen Jahrzehnten. Erziehung wird intensiv diskutiert, begleitet und bewertet. Dadurch wächst bei manchen Menschen die Unsicherheit, ob sie den eigenen Erwartungen und denen ihres Umfelds überhaupt gerecht werden können.

Für viele wird die Familienplanung deshalb zu einer Entscheidung, die sorgfältig abgewogen wird – und deren Ergebnis durchaus gegen eine Elternschaft ausfallen kann.

Persönliche Entscheidungen stoßen häufig auf Unverständnis

Obwohl kinderfreie Lebensentwürfe sichtbarer werden, erleben Betroffene nach wie vor kritische Nachfragen. Fragen wie „Bereust du das später nicht?“ oder „Wer kümmert sich im Alter um dich?“ gehören für viele Menschen zum Alltag.

Nach Einschätzung von Sarah Seidl greifen solche Fragen häufig tief in die Privatsphäre ein. Schließlich berühren sie persönliche Werte, Partnerschaft, Gesundheit oder sogar medizinische Hintergründe. Nicht jede kinderlose Person habe sich freiwillig gegen Kinder entschieden. Deshalb sei Zurückhaltung im Umgang mit diesem Thema angebracht.

Die Psychologin empfiehlt, persönliche Grenzen klar zu formulieren. Niemand müsse seine Lebensplanung gegenüber anderen rechtfertigen oder intime Entscheidungen erklären.

Soziale Medien machen neue Lebensmodelle sichtbar

Zusätzliche Aufmerksamkeit erhält das Thema durch soziale Netzwerke. Unter Hashtags wie #childfreelife oder #nokidsclub tauschen sich Menschen weltweit über ihre Erfahrungen aus und finden Gleichgesinnte.

Für den Medienwissenschaftler Dr. Thomas Bippes zeigt sich darin ein typisches Phänomen digitaler Kommunikation. Plattformen wie TikTok oder Instagram geben Lebensentwürfen Sichtbarkeit, die im direkten Umfeld oft wenig präsent sind. Aus einzelnen Erfahrungen entstehen Gemeinschaften, die sich gegenseitig unterstützen und ihre Perspektiven öffentlich machen.

Gleichzeitig warnt Bippes davor, Trends in sozialen Medien mit der gesellschaftlichen Wirklichkeit gleichzusetzen. Algorithmen verstärken Inhalte, die Aufmerksamkeit erzeugen. Dadurch könne leicht der Eindruck entstehen, bestimmte Einstellungen seien wesentlich weiter verbreitet, als sie tatsächlich sind.

Vielfalt von Familien prägt auch den pädagogischen Alltag

Für Kindertageseinrichtungen und Grundschulen steht weniger die Frage im Mittelpunkt, warum Erwachsene Kinder bekommen oder darauf verzichten. Entscheidend ist vielmehr, Kindern mit Offenheit und Wertschätzung zu begegnen – unabhängig davon, wie ihre Familie aussieht.

Pädagogische Fachkräfte begleiten heute Kinder aus sehr unterschiedlichen Lebenswelten. Dazu gehören klassische Familien ebenso wie Alleinerziehende, Patchworkfamilien, Regenbogenfamilien oder Kinder, deren enge Bezugspersonen außerhalb einer traditionellen Kernfamilie leben.

Ein sensibler Umgang mit dieser Vielfalt stärkt Kinder darin, unterschiedliche Lebensformen als gleichwertig wahrzunehmen. Gleichzeitig hilft er dabei, Vorurteile abzubauen und gegenseitigen Respekt zu fördern. Gerade in Kita und Grundschule lernen Kinder früh, dass Familie viele Gesichter haben kann – und dass jedes Kind unabhängig vom Lebensentwurf der Erwachsenen Anerkennung und Zugehörigkeit verdient.

Quelle: Pressemitteilung der SRH Fernhochschule – The Mobile University; Aussagen von Dr. Sarah Seidl und Dr. Thomas Bippes.




Gesprächsführung mit Kindern und Jugendlichen professionell gestalten

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Eine differenzierte Betrachtung eines Handbuchs für Fachkräfte in Beratung, Therapie und Pädagogik

Sprache ist ein zentraler Bereich der Pädagogik, der eine unermesslich große Bedeutung für eine nachhaltige Persönlichkeitsentwicklung des Kindes hat. So besitzt die Sprache die Kraft, die Gesamtentwicklung des Kindes aktiv zu unterstützen, oder sie kann auch dazu beitragen, die kindliche Entwicklung zu hemmen bzw. in Einzelbereichen vollkommen zu bremsen. Daher kommt der Sprachgestaltung durch Erwachsene im Hinblick auf die Persönlichkeitsentwicklung des Kindes ein Bedeutungswert zu, dem sich Erwachsene – pädagogische Fachkräfte ebenso wie Eltern – von Zeit zu Zeit selbstreflektorisch zuwenden sollten.

„Gesprächsführung“ oder besser „Kinder wahrnehmen, auf Kinder hören, mit Kindern sprechen“ ist ein alltägliches Sprachhandeln. Dabei kommen immer wieder Gesprächsmuster von Erwachsenen zum Vorschein, die wenig bzw. gar nicht geeignet sind, die Sprach-, Explorations- und Entwicklungsfreude von Kindern zu aktivieren, zu unterstützen und letztlich zu stabilisieren.

Inhalt

In diesem vorliegenden Buch haben sich nun die beiden Autoren Dr. Gauck und Dr. Kahl mit den Merkmalen von professionell geführten bzw. zu führenden Gesprächen mit Kindern sowie Jugendlichen in fünf Kapiteln auseinandergesetzt.

Zunächst gehen sie der Frage nach, worauf zu achten ist, um professionell einen Kontakt aufzubauen und aufrechtzuerhalten. Im Folgekapitel stellen sie unterschiedliche Methoden für wirksame Gespräche vor – vom Fragen, einem aktiven Zuhören, dem Reframing, der Nutzung von Metaphern über Rollenspiele, Aufstellungen bis hin zum Einsatz von Medien, wobei sich letztere Methoden eher für Jugendliche eignen.

Im dritten Kapitel dreht sich alles um die Berücksichtigung individueller Lebenswelten (z. B. um den Entwicklungsstand, den kulturellen Hintergrund, die Sprache, auffälliges Verhalten). Im vierten Kapitel mit dem Schwerpunkt „Ich selbst im Gespräch“ sind Leser*innen aufgefordert, sich selbst als gesprächsführende Person wie in einem Spiegelbild zu betrachten und den Fragen nachzugehen, in welcher aktuellen Situation man sich befindet und was das für einen Gesprächsverlauf bedeutet, was die eigene Biografie mit der jeweils spezifischen Gesprächshaltung und den Gesprächsstrategien zu tun hat und welche Auswirkungen eigene Gefühle auf die Gesprächsführung mit dem Kind bzw. dem Jugendlichen haben.

Das fünfte Kapitel mit dem Schwerpunkt „Besondere Gesprächskontexte“ wendet sich möglichen Testungen und Ergebnisgesprächen, Familiengesprächen, einer möglichen Krisenintervention und Gruppenangeboten zu.

Dabei kann jedes der fünf Kapitel – je nach Bedarf und Interesse – einzeln ausgewählt und gelesen werden, weil es eine weitestgehend in sich geschlossene Einheit bildet und Leserinnen nicht zwingend die anderen Kapitel lesen müssen. Die Aufbaustruktur der einzelnen Kapitel ist dabei gleich: Zunächst wird ein sogenanntes „Fallbeispiel“ vorgestellt, dann folgen theoretische Hintergrundinformationen, anschließend werden mögliche Gesprächsstrategien und Beispielfragen aufgeführt und zum Schluss erhalten Leserinnen einige (wenige) Fragenimpulse bezüglich des eigenen Arbeitsalltags.

Fazit

Dieses Buch bedarf einer deutlich differenzierten Betrachtung!

So erhalten in erster Linie Kinder- und Jugendpsychologinnen, Fachkräfte im Feld der Psychotherapie sowie in der Kinder- und Jugendpsychiatrie ebenso wie schulpsychologisch tätige Beraterinnen bedeutsame Informationen für eine zielorientierte Gesprächsführung mit Kindern und Jugendlichen, denn das Buch informiert sowohl mit fundierten theoretischen Hintergrundinformationen als auch mit zieldefinierten Gesprächsstrategien.

Gleichzeitig haben die beiden Autoren den Anspruch, Beziehungen durch eine ressourcenorientierte Gesprächsführung zu stärken, sodass sich Kinder und Jugendliche in ihren besonderen Lebenssituationen verstanden fühlen und durch die eingesetzten Gespräche in entwicklungsförderliche Prozesse hineinfinden können. Ebenso wird die Absicht benannt, dass eine Gesprächsführung mit Kindern und Jugendlichen nicht als bloße Technik verstanden werden darf, um Gespräche nicht zu funktionsorientierten Lenkungsmanövern verkümmern zu lassen.

Besonders erfreulich ist das Kapitel 4 („Ich selbst im Gespräch“), das dazu anregt, sich selbst mit unterschiedlichen Fragen zur jeweils aktuellen Arbeitssituation zu reflektieren, das eigene Verhalten in Beziehung zur eigenen Biografie zu betrachten und sich mit den eigenen Emotionen auseinanderzusetzen.

Gleichzeitig darf bzw. muss allerdings auch die Frage gestellt werden, ob die verwissenschaftlichte, überwiegend sehr funktionsorientierte Sprache – vor allem in den Kapiteln 1 bis 3 – nicht dazu beiträgt, eine Gesprächsführung – auch und gerade bei emotionalen Prozessen – primär kognitiv zu steuern, was dem oben genannten Ziel widersprechen würde.

Zum anderen weckt der Untertitel des Buches („Ein praxisorientiertes Handbuch“) die berechtigte Erwartung, dass in dieser Publikation auch immer wieder ausführliche, prozessorientiert geführte Gesprächsverläufe als nachvollziehbare Beispiele dokumentiert sind, was allerdings eine unerfüllte Erwartung bleibt.

Und auch für die Gesprächsführung – gerade mit Kindern – wäre es weiterhin sehr hilfreich gewesen, ausführlich auf den Aspekt „Adultismus“ einzugehen sowie das „Vier-Seiten-Modell der Kommunikation“ und im Kapitel 4 das Modell „Inneres Team“ anhand von Beispielen zu verdeutlichen.

Gerade pädagogische Fachkräfte im Elementar- und Primarbereich könnten aus beispielhaft dargestellten Gesprächsverläufen von Gesprächen mit Kindern Parallelen zu ihrem eigenen Gesprächsverhalten ziehen, am „Vier-Seiten-Modell der Kommunikation“ die dabei unterschiedlich wirksamen Feinheiten eigener Sprachformulierungen besonders deutlich erkennen und beim Modell „Inneres Team“ die unterschiedlichen inneren Perspektiven beleuchten und in Einklang bringen.

Vergleiche mit anderen Publikationen, die sich mit dem Schwerpunkt „Gespräche mit Kindern führen“ beschäftigen, sind deutlich bodenständiger und praxisorientierter gehalten (z. B. Martine F. Delfos: „Sag mir mal … Gesprächsführung mit Kindern“, Beltz, 10. Aufl.; Martine F. Delfos: „Wie meinst du das? Gesprächsführung mit Jugendlichen“, Beltz, 7. Aufl.; Hilal Virit: „Miteinander sprechen – miteinander wachsen“, Humboldt; Belanna Media: „Kommunikation für Erzieher. Gelungene Gespräche mit Kindern, Eltern und Kollegen“, epubli, 3. Aufl.; Angelika Sommer: „Zuhören, Sprechen, Stärken. Familienkommunikation von Klein bis Groß“, Kindle-Ausgabe).

Zusammenfassung auf den Punkt gebracht

Fachkräfte, die sowohl unter einem wissenschaftlich fundierten Blickwinkel am Thema „Gesprächsführung mit Kindern und Jugendlichen“ interessiert sind als auch auf der Suche nach professionell-informativen, kognitiv orientierten Gesprächsführungsimpulsen bzw. -hinweisen, werden reichhaltig fündig werden. Elementarpädagogische Fachkräfte, die vor allem auf basal- und bodenständig ausgerichtete Praxisbeispiele Wert legen, werden sich eher mit ihren Erwartungen in den oben genannten Buchhinweisen wiederfinden.

(Armin Krenz)

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Bibliografische Angaben

Gauck, Letizia / Kahl, Tobias:
Gesprächsführung mit Kindern und Jugendlichen.
Ein praxisorientiertes Handbuch
Hogrefe Verlag, Bern, 2026
240 Seiten
35,00 €
ISBN: 978-3-456-86403-7
(auch als eBook erhältlich: ISBN: 978-3-456-86403-7)




Warum frühkindliche Bildung neu gedacht werden muss

Armin Krenz

Armin Krenz fordert eine Pädagogik, die Kinder in ihrer Entwicklung stärkt

Was brauchen Kinder, um sich gesund zu entwickeln? Diese Frage stellt der Sozialpädagoge, Kindheitsforscher und Elementarpädagoge Prof. Armin Krenz in einem Vortrag bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung in den Mittelpunkt. Dabei richtet er den Blick auf eine Entwicklung, die er seit Jahren kritisch begleitet: Frühkindliche Bildung werde zunehmend auf Lernprogramme, Kompetenzen und schulische Vorbereitung reduziert, während grundlegende Entwicklungsbedürfnisse von Kindern aus dem Blick gerieten.

Erziehung, Bildung und Betreuung gleichermaßen

Krenz erinnert daran, dass Kindertageseinrichtungen weit mehr leisten sollen als Wissensvermittlung. Ihr gesetzlicher Auftrag umfasst Erziehung, Bildung und Betreuung gleichermaßen. Ziel ist die Unterstützung von Kindern auf ihrem Weg zu eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeiten. Nach seiner Auffassung wird dieser Anspruch jedoch häufig durch ein verkürztes Bildungsverständnis erschwert.


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SPIEL und SELBSTBILDUNG
Kitas brauchen eine pädagogische Revolution
Autor: Krenz, Armin
Verlag: ObersteBrink
ISBN 9783963046162
22,00 €


Konsequent an den Entwicklungsbedürfnissen von Kindern orientieren

Im Vortrag wirbt Krenz für eine Pädagogik, die sich konsequent an den Entwicklungsbedürfnissen von Kindern orientiert. Beziehungen, emotionale Sicherheit, Spiel, Bewegung, Selbstwirksamkeit und ausreichend Zeit für eigene Erfahrungen seien zentrale Voraussetzungen für nachhaltige Bildungsprozesse. Bildung entstehe nicht durch Belehrung, sondern durch aktive Auseinandersetzung mit der Welt.

Gleichzeitig thematisiert Krenz die Rahmenbedingungen pädagogischer Arbeit. Hohe Bürokratiebelastungen, Fachkräftemangel und fehlende Zeit für die Arbeit mit Kindern erschwerten vielerorts die Umsetzung einer entwicklungsförderlichen Pädagogik.

Der Vortrag bietet zahlreiche Impulse für pädagogische Fachkräfte, Lehrkräfte und Eltern. Er lädt dazu ein, den Begriff Bildung neu zu denken und die Frage zu stellen, was Kinder heute wirklich brauchen, um ihre Fähigkeiten und Potenziale entfalten zu können.

Den vollständigen Vortrag von Armin Krenz finden Sie hier: https://www.youtube.com/watch?v=GIsCHIcnCd0




Was Jungen über Männlichkeit lernen – und warum das wichtig ist

Schweizer Studie zeigt Zusammenhänge zwischen traditionellen Rollenbildern, Gewaltakzeptanz und Gleichstellung

Jeder zweite junge Mann zwischen 18 und 24 Jahren in der Schweiz sorgt sich darum, dass „richtige Männer“ zunehmend an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden. Fast jeder dritte junge Mann dieser Altersgruppe vertritt zudem besonders ausgeprägte restriktive und dominante Vorstellungen von Männlichkeit. Das zeigt eine groß angelegte Studie der Universität Zürich und des Dachverbands männer.ch, für die mehr als 6000 Menschen zwischen 18 und 64 Jahren befragt wurden.

Die Forschenden identifizierten dabei ein umfassendes Einstellungsmuster, das sie als „Faktor M“ bezeichnen. Dieser umfasst die Wahrnehmung einer Bedrohung traditioneller Männlichkeit, männliche Überlegenheitsansprüche, Frauenfeindlichkeit, die Ablehnung von Gleichstellung, die Abwertung sexueller Minderheiten sowie eine erhöhte Akzeptanz von Gewalt. Die Ergebnisse zeigen, dass diese Einstellungen eng miteinander verbunden sind und gemeinsam auftreten.

Besonders deutlich wird dies bei jungen Männern: Während insgesamt 20 Prozent der befragten Männer hohe Faktor-M-Werte erreichen, gilt dies für 31 Prozent der 18- bis 24-Jährigen. Bei Frauen liegen die entsprechenden Werte deutlich niedriger. Insgesamt gehören lediglich sieben Prozent der weiblichen Befragten zur Gruppe mit hohen Faktor-M-Werten.

Große Unterschiede zwischen jungen Männern und Frauen

Die Untersuchung zeigt eine ausgeprägte Kluft zwischen den Geschlechtern. Junge Frauen vertreten wesentlich häufiger egalitäre und offene Vorstellungen von Geschlechterrollen als junge Männer. Zwar nähern sich die Einstellungen von Männern und Frauen mit zunehmendem Alter etwas an, dennoch liegen die Werte der weiblichen Befragten in allen Altersgruppen durchgehend niedriger.

Nach Angaben der Forschenden spiegeln die Ergebnisse einen grundlegenden Konflikt zwischen traditionellen und modernen Geschlechterbildern wider. Besonders junge Männer erleben gesellschaftliche Veränderungen offenbar häufiger als Bedrohung etablierter männlicher Rollen.

Bildung und soziale Perspektiven spielen eine wichtige Rolle

Hohe Faktor-M-Werte treten besonders häufig bei Männern mit niedrigerem Bildungsniveau, geringem Berufsstatus und niedrigem Einkommen auf. In der Altersgruppe der 18- bis 24-Jährigen gehört fast jeder zweite junge Mann mit Berufslehre zu den Befragten mit besonders ausgeprägten restriktiven Männlichkeitsvorstellungen.

Umgekehrt zeigt die Studie einen klaren Zusammenhang zwischen Bildung und den Einstellungen zu Geschlechterrollen: Je höher die Bildung und je günstiger die beruflichen Perspektiven, desto geringer fallen die Faktor-M-Werte aus.

Auch die familiäre Herkunft spielt eine Rolle. Männer, deren Väter außerhalb der Schweiz in patriarchal geprägten Gesellschaften geboren wurden, weisen häufiger höhere Faktor-M-Werte auf. Die Forschenden vermuten, dass Erfahrungen von Ausgrenzung und mangelnder gesellschaftlicher Teilhabe dazu beitragen können, traditionelle Männlichkeitsvorstellungen als Quelle von Orientierung und Selbstwert aufzuwerten.

Zusammenhang mit Familienleben und Gewalt

Die Studie zeigt zudem deutliche Zusammenhänge zwischen restriktiven Männlichkeitsvorstellungen und dem Familienalltag. Männer mit hohen Faktor-M-Werten leben häufiger traditionelle Rollenverteilungen, bei denen Frauen den größeren Teil der Sorgearbeit übernehmen und Männer überwiegend als Haupt- oder Alleinverdiener auftreten.

Zugleich vertreten sie häufiger die Auffassung, dass Jungen anders erzogen werden sollten als Mädchen. Autoritäres Verhalten und Gewalt in der Erziehung werden von dieser Gruppe deutlich häufiger als legitim angesehen.

Besonders relevant ist aus Sicht der Forschenden der Zusammenhang mit Partnerschaftsgewalt. Menschen mit hohen Faktor-M-Werten berichten häufiger davon, Gewalt in Beziehungen ausgeübt oder selbst erlebt zu haben. Der Faktor M erweist sich damit als ein konsistenter Risikofaktor für problematische Beziehungsmuster.

Bei leichter körperlicher Gewalt wie Ohrfeigen, Schubsen oder dem Werfen von Gegenständen berichten Männer in der Befragung häufiger von Gewalterfahrungen als Frauen. Gleichzeitig verweisen die Autorinnen und Autoren darauf, dass andere Studien zeigen, dass Frauen wesentlich häufiger schwere und folgenschwere Formen von Partnerschaftsgewalt erleben.

Was bedeutet das für Schule und Pädagogik?

Aus den Ergebnissen leiten die Forschenden einen klaren Handlungsauftrag für Bildungseinrichtungen und pädagogische Fachkräfte ab. Prävention sollte ihrer Ansicht nach bereits im Schulalter beginnen.

Zentrale Botschaft sei, dass es nicht nur eine einzige „richtige“ Form von Männlichkeit gebe. Jungen sollten frühzeitig erfahren, dass unterschiedliche Lebensentwürfe, Interessen und Verhaltensweisen gleichwertig sind. Restriktive Geschlechterrollen könnten dadurch hinterfragt und alternative Vorstellungen von Männlichkeit gestärkt werden.

Für Kindertageseinrichtungen und Grundschulen ergibt sich daraus die Aufgabe, Kindern vielfältige Rollenbilder zu vermitteln und stereotype Vorstellungen von Jungen- und Mädchenverhalten zu reflektieren. Gleichzeitig betonen die Studienautorinnen und -autoren die Bedeutung sozialer Teilhabe, von Chancengerechtigkeit und einer positiven Bildungsbiografie als wichtige Schutzfaktoren.

Darüber hinaus wird die Rolle von Vätern hervorgehoben. Eine aktive Beteiligung von Vätern am Familienalltag könne nicht nur die soziale und emotionale Entwicklung von Kindern fördern, sondern auch positive Auswirkungen auf deren schulischen Erfolg haben.

Einordnung der Studie

Die Untersuchung liefert erstmals repräsentative Daten zu Männlichkeitsvorstellungen in der Schweiz und eröffnet damit wichtige Einblicke in die Einstellungen verschiedener Bevölkerungsgruppen. Besonders wertvoll ist die große Stichprobe von mehr als 6000 Befragten sowie die Verknüpfung von Geschlechterbildern mit Themen wie Familie, Partnerschaft, Gewalt und sozialer Lage.

Zu beachten ist jedoch, dass die Studie Zusammenhänge beschreibt, aber keine direkten Ursachen nachweisen kann. Die Ergebnisse zeigen, welche Einstellungen häufig gemeinsam auftreten, erlauben jedoch keine eindeutigen Aussagen darüber, wodurch diese Einstellungen entstehen.

Dennoch verdeutlicht die Untersuchung, dass traditionelle und dominante Männlichkeitsvorstellungen nicht nur individuelle Überzeugungen darstellen, sondern mit sozialen Lebenslagen, Bildungswegen und Beziehungsmustern verbunden sind. Für Pädagoginnen und Pädagogen bieten die Ergebnisse wichtige Hinweise darauf, wie frühzeitige Bildungs- und Präventionsarbeit dazu beitragen kann, Vielfalt, Gleichberechtigung und gewaltfreie Konfliktlösungen zu fördern.

Quelle: Ribeaud, D., Buzzi, L. & Theunert, M. (2026). Männlichkeit im Wandel: Einstellungen, Lebensformen, Sexualität, Partnerschaft und Gewalt. Ergebnisse einer repräsentativen Befragung in der Schweiz. Jacobs Center for Productive Youth Development, Universität Zürich.




Körperliche Strafen schaden Kindern – Folgen für Verhalten und Schulerfolg

Neue Langzeitstudie belegt: Schon gelegentliches Schlagen erhöht Risiko für Aggressionen und schwächere Bildungsabschlüsse

Viele Eltern greifen in stressigen Situationen zu Maßnahmen, die sie selbst als Kinder erlebt haben: ein Klaps auf die Hand, ein Schlag auf den Po oder eine Ohrfeige. Oft geschieht dies in der Annahme, körperliche Strafen würden Kindern Grenzen aufzeigen oder unerwünschtes Verhalten wirksam unterbinden. Eine aktuelle Langzeitstudie des University College London (UCL) kommt jedoch zu einem anderen Ergebnis: Körperliche Bestrafung zeigt keine nachweisbaren Vorteile – stattdessen erhöht sie das Risiko für Verhaltensprobleme und schlechtere Bildungsergebnisse bis weit in die Jugend hinein.

Die Untersuchung zählt zu den umfangreichsten britischen Studien zu diesem Thema und liefert neue Hinweise darauf, wie stark das Verhalten von Eltern die Entwicklung ihrer Kinder beeinflussen kann.

Fast 19.000 Kinder über viele Jahre begleitet

Für die Studie werteten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler Daten der sogenannten Millennium Cohort Study aus. Dabei handelt es sich um eine groß angelegte Langzeituntersuchung, die rund 19.000 Kinder begleitet, die zwischen 2000 und 2002 geboren wurden. Zusätzlich wurden Bildungsdaten aus der National Pupil Database einbezogen.

Die Forschenden analysierten, ob Kinder im Alter von drei, fünf oder sieben Jahren körperlich bestraft worden waren und wie sich dies später auf ihre Entwicklung auswirkte. Besonderes Augenmerk lag auf schulischen Leistungen und sozialem Verhalten während der Jugend.

Schlechtere Bildungsergebnisse bei körperlicher Bestrafung

Die Ergebnisse zeigen einen deutlichen Zusammenhang zwischen körperlicher Bestrafung in der frühen Kindheit und späteren schulischen Schwierigkeiten.

Kinder, die im Alter von drei, fünf oder sieben Jahren körperliche Strafen erlebt hatten, erreichten häufiger keine grundlegenden Bildungsabschlüsse als Gleichaltrige ohne solche Erfahrungen. Die Wahrscheinlichkeit, wichtige Schulabschlüsse nicht zu schaffen, lag bei diesen Kindern deutlich höher.

Die Forschenden errechneten, dass körperlich bestrafte Kinder um 5,7 Prozentpunkte häufiger die schulischen Mindestanforderungen verfehlten. Anders ausgedrückt: Fast die Hälfte der betroffenen Kinder erreichte die angestrebten Bildungsziele nicht.

Die Studienautorinnen und -autoren weisen darauf hin, dass schulischer Erfolg von zahlreichen Faktoren beeinflusst wird. Dennoch blieb der Zusammenhang auch nach Berücksichtigung sozialer und familiärer Unterschiede bestehen.

Aggressionen nehmen deutlich zu

Besonders auffällig waren die Ergebnisse beim Sozialverhalten.

Kinder, die zwischen dem dritten und siebten Lebensjahr körperlich bestraft worden waren, zeigten mit 14 Jahren deutlich häufiger aggressives Verhalten. Die Wahrscheinlichkeit, andere Kinder zu schlagen, zu schubsen oder zu drangsalieren, lag nach Angaben der Forschenden um etwa 35 bis 40 Prozent höher.

Damit bestätigt die Untersuchung frühere internationale Studien, die darauf hinweisen, dass Kinder durch körperliche Bestrafung lernen können, Konflikte mit Gewalt zu lösen.

Die leitende Wissenschaftlerin Dr. Anja Heilmann vom University College London betont:

„Es gibt keine Hinweise darauf, dass körperliche Bestrafung Kindern nützt. Stattdessen sehen wir Zusammenhänge mit einer Reihe negativer kurz- und langfristiger Folgen.“

Die Ergebnisse unterstützen damit die Annahme vieler Entwicklungspsychologinnen und Entwicklungspsychologen, dass Kinder Verhaltensweisen vor allem durch Beobachtung und Nachahmung lernen. Werden Konflikte durch körperliche Gewalt gelöst, kann dies zu einer entsprechenden Verhaltensübernahme führen.

Warum Kinder auf körperliche Strafen reagieren

Aus entwicklungspsychologischer Sicht ist die Wirkung körperlicher Bestrafung nachvollziehbar. Zwar kann ein Schlag kurzfristig dazu führen, dass ein Kind ein bestimmtes Verhalten beendet. Langfristig lernt das Kind jedoch nicht unbedingt, warum sein Verhalten problematisch war.

Stattdessen können Angst, Scham oder Unsicherheit entstehen. Gleichzeitig wird die Beziehung zwischen Eltern und Kind belastet. Viele Fachleute gehen davon aus, dass eine sichere Bindung und respektvolle Kommunikation wesentlich wirksamer für die Entwicklung von Selbstkontrolle und sozialer Kompetenz sind.

Internationale Forschungsergebnisse zeigen seit Jahren, dass positive Erziehungsstrategien – etwa klare Regeln, konsequente Begleitung, Ermutigung und altersgerechte Erklärungen – nachhaltigere Wirkungen erzielen als körperliche Strafen.

Kinder lernen am Vorbild ihrer Eltern

Die neue Untersuchung macht erneut deutlich, wie stark das Verhalten von Eltern die Entwicklung ihrer Kinder prägt.

Kinder beobachten täglich, wie Erwachsene mit Frustration, Konflikten und schwierigen Situationen umgehen. Werden Probleme mit körperlicher Gewalt beantwortet, kann dies die Botschaft vermitteln, dass Gewalt ein akzeptables Mittel zur Durchsetzung eigener Interessen ist.

Umgekehrt lernen Kinder durch einfühlsame Grenzsetzung, Konflikte verbal zu lösen, Gefühle zu regulieren und Rücksicht auf andere zu nehmen.

Bewertung der Studie

Die vorliegende Untersuchung besitzt mehrere wissenschaftliche Stärken.

Erstens basiert sie auf einer sehr großen Stichprobe von rund 19.000 Kindern. Dadurch sind statistische Zusammenhänge zuverlässiger erkennbar als in kleineren Untersuchungen.

Zweitens handelt es sich um eine Langzeitstudie. Die Kinder wurden über viele Jahre hinweg begleitet, wodurch Entwicklungen vom Vorschulalter bis in die Jugend nachvollzogen werden konnten.

Drittens berücksichtigten die Forschenden zahlreiche familiäre und soziale Einflussfaktoren. Dadurch wird die Wahrscheinlichkeit reduziert, dass die Ergebnisse allein durch Unterschiede im sozialen Hintergrund erklärt werden können.

Gleichzeitig sollten die Ergebnisse vorsichtig interpretiert werden. Die Studie weist Zusammenhänge nach, kann jedoch nicht mit letzter Sicherheit beweisen, dass körperliche Bestrafung allein die Ursache für spätere Bildungs- und Verhaltensprobleme ist. Andere Faktoren innerhalb der Familie können ebenfalls eine Rolle spielen.

Dennoch fügen sich die Befunde in ein inzwischen sehr umfangreiches internationales Forschungsbild ein. Zahlreiche Studien aus verschiedenen Ländern kommen zu ähnlichen Ergebnissen: Körperliche Bestrafung bringt keine erkennbaren Vorteile für die Entwicklung von Kindern, ist aber mit erhöhten Risiken für emotionale, soziale und schulische Probleme verbunden.

Klare Botschaft für Erziehende

Die Studie liefert eine klare Botschaft: Kinder profitieren von einer Erziehung, die auf Respekt, Beziehung und Orientierung setzt statt auf körperliche Strafen.

Grenzen bleiben wichtig. Entscheidend ist jedoch, wie sie vermittelt werden. Eltern, die ruhig bleiben, Regeln erklären und konsequent handeln, fördern nicht nur die Zusammenarbeit ihrer Kinder, sondern unterstützen auch deren soziale und emotionale Entwicklung langfristig.

Quellen

Heilmann, A. et al. (2026): Physical punishment, educational attainment and behavioural outcomes in childhood and adolescence. University College London (UCL), London.

Millennium Cohort Study (MCS), UCL Centre for Longitudinal Studies.

NSPCC (National Society for the Prevention of Cruelty to Children): Begleitende Veröffentlichung zur Studie.

Berichterstattung: The Independent, News Letter, Juli 2026.




Berufstätige Mütter unterstützen ihre Kinder meist stärker als vermutet

Große Übersichtsarbeit in Science widerlegt einfache Annahmen über die Auswirkungen mütterlicher Erwerbstätigkeit

Kaum ein Thema wird unter Eltern so kontrovers diskutiert wie die Frage, ob die Berufstätigkeit von Müttern die Entwicklung ihrer Kinder beeinflusst. Während manche befürchten, dass Kinder unter einer frühen Fremdbetreuung oder weniger gemeinsamer Zeit leiden könnten, verweisen andere auf die Vorteile eines gesicherten Familieneinkommens und einer besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Eine umfangreiche wissenschaftliche Analyse, die in der renommierten Fachzeitschrift Science veröffentlicht wurde, kommt nun zu einem klaren Ergebnis: Die Erwerbstätigkeit von Müttern hat grundsätzlich weder eindeutig positive noch eindeutig negative Auswirkungen auf die Entwicklung von Kindern. Entscheidend sind vielmehr die Lebensbedingungen, unter denen Familien ihren Alltag gestalten.

Die Untersuchung liefert damit eine wichtige Orientierung für Eltern, pädagogische Fachkräfte und politische Entscheidungsträger. Sie zeigt, dass die häufig sehr emotional geführte Debatte differenzierter betrachtet werden muss, als dies in der öffentlichen Diskussion oft geschieht.

Eine der bislang umfassendsten Analysen zum Thema

Die Arbeit des internationalen Forschungsteams um Maria Chiara Lo Bue gehört zu den wissenschaftlich hochwertigsten Untersuchungen, die bisher zu diesem Thema veröffentlicht wurden. Die Studie erschien nicht nur in Science, einer der weltweit angesehensten Fachzeitschriften, sondern stützt sich auch auf eine besonders sorgfältige Auswahl vorhandener Forschungsergebnisse.

Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler führten keine neue Befragung von Familien durch. Stattdessen analysierten sie die internationale Forschungsliteratur zu den Auswirkungen mütterlicher Erwerbstätigkeit auf Kinder. Dabei berücksichtigten sie ausschließlich Untersuchungen, die möglichst belastbare Aussagen über Ursache und Wirkung zulassen.

Gerade dieser Punkt ist von großer Bedeutung. Viele ältere Studien zeigen lediglich statistische Zusammenhänge. So lässt sich beispielsweise beobachten, dass Kinder berufstätiger Mütter in bestimmten Bereichen bessere oder schlechtere Ergebnisse erzielen als andere Kinder. Daraus kann jedoch nicht automatisch geschlossen werden, dass die Erwerbstätigkeit der Mutter die Ursache dafür ist. Ebenso könnten Einkommen, Bildungsniveau, familiäre Stabilität oder zahlreiche andere Faktoren eine Rolle spielen.

Um solche Fehlschlüsse zu vermeiden, konzentrierte sich das Forschungsteam auf 61 besonders hochwertige Studien, die mit Methoden wie natürlichen Experimenten, politischen Reformen, Längsschnittdaten oder komplexen statistischen Verfahren arbeiteten. Insgesamt wurden mehr als 800 einzelne Effekte auf unterschiedliche Entwicklungsbereiche untersucht.

Hohe wissenschaftliche Qualität macht die Ergebnisse besonders belastbar

Die Qualität dieser Übersichtsarbeit gilt in Fachkreisen als hoch. Zum einen beruht sie auf einer großen Zahl internationaler Studien. Zum anderen wurden bewusst Untersuchungen ausgewählt, die über einfache Korrelationen hinausgehen und möglichst verlässliche Aussagen über Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge ermöglichen.

Dennoch weisen die Autorinnen und Autoren selbst auf Grenzen ihrer Arbeit hin. Die Ergebnisse beruhen auf Studien aus unterschiedlichen Ländern mit sehr verschiedenen Familienpolitiken, Betreuungssystemen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. Außerdem beschreibt die Analyse Durchschnittswerte großer Bevölkerungsgruppen. Individuelle Familiensituationen können davon selbstverständlich abweichen.

Insgesamt lässt sich die Untersuchung jedoch als wissenschaftlich sehr solide einordnen. Sie bietet derzeit eine der umfassendsten und differenziertesten Zusammenfassungen des internationalen Forschungsstandes.

Die meisten Auswirkungen sind überraschend gering

Das zentrale Ergebnis der Analyse lautet: Die Erwerbstätigkeit von Müttern allein erklärt nur einen sehr kleinen Teil der Unterschiede in der Entwicklung von Kindern.

Die Forschenden stellten fest, dass die überwiegende Mehrheit der untersuchten Effekte statistisch nicht bedeutsam war. Dort, wo Unterschiede festgestellt wurden, hielten sich positive und negative Auswirkungen nahezu die Waage. Insgesamt ergab sich kein Hinweis darauf, dass die Berufstätigkeit von Müttern grundsätzlich schädlich oder grundsätzlich förderlich für Kinder wäre.

Diese Erkenntnis widerspricht vielen vereinfachenden Vorstellungen, die sich über Jahrzehnte in gesellschaftlichen Debatten gehalten haben. Die Frage, ob eine Mutter arbeitet oder nicht, ist offenbar weit weniger entscheidend als die Bedingungen, unter denen Familien leben.

Warum das Familieneinkommen eine wichtige Rolle spielt

Ein Bereich, in dem die Erwerbstätigkeit durchaus positive Auswirkungen haben kann, betrifft die wirtschaftliche Situation von Familien. Zusätzliche Einkünfte ermöglichen häufig bessere Bildungs- und Freizeitangebote, eine stabilere Wohnsituation sowie einen erleichterten Zugang zu gesundheitlicher Versorgung.

Insbesondere Familien mit begrenzten finanziellen Ressourcen können von einem höheren Haushaltseinkommen profitieren. Kinder erhalten dadurch oft bessere Lernmöglichkeiten, mehr kulturelle Anregungen und zusätzliche Entwicklungschancen.

Die Forschenden betonen deshalb, dass Erwerbstätigkeit nicht isoliert betrachtet werden darf. Sie verändert nicht nur die verfügbare Zeit innerhalb der Familie, sondern auch die materiellen Voraussetzungen für das Aufwachsen von Kindern.

Die Qualität der Betreuung ist entscheidender als die Betreuungsform

Besonders interessant sind die Ergebnisse zur außerfamiliären Betreuung. Seit Jahren wird darüber diskutiert, ob Kinder möglichst lange zu Hause betreut werden sollten oder von einem frühen Besuch einer Kindertageseinrichtung profitieren.

Die Analyse zeigt, dass diese Gegenüberstellung zu kurz greift. Nicht die Betreuungsform selbst entscheidet über die Entwicklung eines Kindes, sondern vor allem die Qualität der Betreuung.

Hochwertige Kindertageseinrichtungen bieten Kindern zahlreiche Möglichkeiten, ihre sprachlichen, sozialen und kognitiven Fähigkeiten zu entwickeln. Sie erleben dort vielfältige Lernanregungen, knüpfen soziale Kontakte und sammeln wichtige Erfahrungen außerhalb ihres familiären Umfeldes.

Gerade im Bereich der Sprachentwicklung weisen zahlreiche Studien darauf hin, dass qualitativ hochwertige frühpädagogische Angebote insbesondere Kinder aus benachteiligten Lebenslagen unterstützen können.

Zeit allein ist nicht der entscheidende Faktor

Ein weiterer wichtiger Befund betrifft die gemeinsame Zeit von Eltern und Kindern. Zwar verändert Erwerbstätigkeit zwangsläufig den Familienalltag und reduziert häufig die Anzahl gemeinsamer Stunden. Die Forschung zeigt jedoch, dass nicht allein die Quantität der Zeit ausschlaggebend ist.

Entscheidend ist vielmehr die Qualität der Interaktionen. Kinder profitieren von Gesprächen, gemeinsamer Aufmerksamkeit, emotionaler Zuwendung und verlässlichen Beziehungen. Entwicklungspsychologische Untersuchungen belegen seit Langem, dass sichere Bindungen und feinfühlige Reaktionen von Bezugspersonen zentrale Voraussetzungen für eine gesunde Entwicklung darstellen.

Eine Familie, die trotz beruflicher Verpflichtungen intensive gemeinsame Zeit gestaltet, kann Kindern ebenso gute Entwicklungsbedingungen bieten wie eine Familie mit deutlich mehr gemeinsamer Zeit.

Familienpolitik beeinflusst die Entwicklungschancen von Kindern

Die Ergebnisse der Studie lenken den Blick auch auf die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. Länder unterscheiden sich erheblich hinsichtlich Elternzeitregelungen, Betreuungsangeboten, Arbeitszeiten und familienpolitischer Unterstützung.

Wo qualitativ hochwertige Kinderbetreuung verfügbar ist und Eltern Beruf und Familie gut miteinander vereinbaren können, zeigen sich häufig günstigere Bedingungen für die Entwicklung von Kindern. Die Forschenden argumentieren daher, dass politische Maßnahmen oft einen größeren Einfluss auf die Lebensrealität von Familien haben als individuelle Entscheidungen einzelner Eltern.

Damit verschiebt sich die Perspektive weg von der Frage, ob Mütter arbeiten sollten oder nicht. Stattdessen rückt die Frage in den Mittelpunkt, welche Unterstützung Familien benötigen, um Kindern gute Entwicklungsbedingungen zu ermöglichen.

Kinder benötigen ein unterstützendes Umfeld

Für viele Eltern dürfte die wichtigste Botschaft der Studie entlastend sein. Die Forschung liefert keine Hinweise darauf, dass die Berufstätigkeit von Müttern grundsätzlich nachteilig für Kinder ist. Ebenso wenig gibt es Belege dafür, dass Kinder allein deshalb bessere Entwicklungschancen haben, weil ein Elternteil dauerhaft zu Hause bleibt.

Die Entwicklung von Kindern wird von einem komplexen Zusammenspiel unterschiedlicher Faktoren geprägt. Dazu gehören stabile Beziehungen, emotionale Sicherheit, gute Bildungsangebote, ausreichend finanzielle Ressourcen und qualitativ hochwertige Betreuungsangebote.

Gerade diese Erkenntnis macht die Studie so wertvoll. Sie löst sich von einfachen Entweder-oder-Debatten und zeigt, dass Kinder vor allem dann gut aufwachsen, wenn sie in einem unterstützenden Umfeld leben – unabhängig davon, ob ihre Mutter berufstätig ist oder nicht. Die eigentliche Frage lautet deshalb nicht, ob Eltern arbeiten, sondern welche Bedingungen geschaffen werden, damit Familien und Kinder gleichermaßen profitieren können.

Quelle: Lo Bue, M. C. et al. (2025): Maternal work and children’s development. Science, Vol. 388, Issue 6753.