Warum frühkindliche Bildung neu gedacht werden muss

Armin Krenz fordert eine Pädagogik, die Kinder in ihrer Entwicklung stärkt

Was brauchen Kinder, um sich gesund zu entwickeln? Diese Frage stellt der Sozialpädagoge, Kindheitsforscher und Elementarpädagoge Prof. Armin Krenz in einem Vortrag bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung in den Mittelpunkt. Dabei richtet er den Blick auf eine Entwicklung, die er seit Jahren kritisch begleitet: Frühkindliche Bildung werde zunehmend auf Lernprogramme, Kompetenzen und schulische Vorbereitung reduziert, während grundlegende Entwicklungsbedürfnisse von Kindern aus dem Blick gerieten.

Erziehung, Bildung und Betreuung gleichermaßen

Krenz erinnert daran, dass Kindertageseinrichtungen weit mehr leisten sollen als Wissensvermittlung. Ihr gesetzlicher Auftrag umfasst Erziehung, Bildung und Betreuung gleichermaßen. Ziel ist die Unterstützung von Kindern auf ihrem Weg zu eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeiten. Nach seiner Auffassung wird dieser Anspruch jedoch häufig durch ein verkürztes Bildungsverständnis erschwert.


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SPIEL und SELBSTBILDUNG
Kitas brauchen eine pädagogische Revolution
Autor: Krenz, Armin
Verlag: ObersteBrink
ISBN 9783963046162
22,00 €


Konsequent an den Entwicklungsbedürfnissen von Kindern orientieren

Im Vortrag wirbt Krenz für eine Pädagogik, die sich konsequent an den Entwicklungsbedürfnissen von Kindern orientiert. Beziehungen, emotionale Sicherheit, Spiel, Bewegung, Selbstwirksamkeit und ausreichend Zeit für eigene Erfahrungen seien zentrale Voraussetzungen für nachhaltige Bildungsprozesse. Bildung entstehe nicht durch Belehrung, sondern durch aktive Auseinandersetzung mit der Welt.

Gleichzeitig thematisiert Krenz die Rahmenbedingungen pädagogischer Arbeit. Hohe Bürokratiebelastungen, Fachkräftemangel und fehlende Zeit für die Arbeit mit Kindern erschwerten vielerorts die Umsetzung einer entwicklungsförderlichen Pädagogik.

Der Vortrag bietet zahlreiche Impulse für pädagogische Fachkräfte, Lehrkräfte und Eltern. Er lädt dazu ein, den Begriff Bildung neu zu denken und die Frage zu stellen, was Kinder heute wirklich brauchen, um ihre Fähigkeiten und Potenziale entfalten zu können.

Den vollständigen Vortrag von Armin Krenz finden Sie hier: https://www.youtube.com/watch?v=GIsCHIcnCd0




Was Jungen über Männlichkeit lernen – und warum das wichtig ist

Schweizer Studie zeigt Zusammenhänge zwischen traditionellen Rollenbildern, Gewaltakzeptanz und Gleichstellung

Jeder zweite junge Mann zwischen 18 und 24 Jahren in der Schweiz sorgt sich darum, dass „richtige Männer“ zunehmend an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden. Fast jeder dritte junge Mann dieser Altersgruppe vertritt zudem besonders ausgeprägte restriktive und dominante Vorstellungen von Männlichkeit. Das zeigt eine groß angelegte Studie der Universität Zürich und des Dachverbands männer.ch, für die mehr als 6000 Menschen zwischen 18 und 64 Jahren befragt wurden.

Die Forschenden identifizierten dabei ein umfassendes Einstellungsmuster, das sie als „Faktor M“ bezeichnen. Dieser umfasst die Wahrnehmung einer Bedrohung traditioneller Männlichkeit, männliche Überlegenheitsansprüche, Frauenfeindlichkeit, die Ablehnung von Gleichstellung, die Abwertung sexueller Minderheiten sowie eine erhöhte Akzeptanz von Gewalt. Die Ergebnisse zeigen, dass diese Einstellungen eng miteinander verbunden sind und gemeinsam auftreten.

Besonders deutlich wird dies bei jungen Männern: Während insgesamt 20 Prozent der befragten Männer hohe Faktor-M-Werte erreichen, gilt dies für 31 Prozent der 18- bis 24-Jährigen. Bei Frauen liegen die entsprechenden Werte deutlich niedriger. Insgesamt gehören lediglich sieben Prozent der weiblichen Befragten zur Gruppe mit hohen Faktor-M-Werten.

Große Unterschiede zwischen jungen Männern und Frauen

Die Untersuchung zeigt eine ausgeprägte Kluft zwischen den Geschlechtern. Junge Frauen vertreten wesentlich häufiger egalitäre und offene Vorstellungen von Geschlechterrollen als junge Männer. Zwar nähern sich die Einstellungen von Männern und Frauen mit zunehmendem Alter etwas an, dennoch liegen die Werte der weiblichen Befragten in allen Altersgruppen durchgehend niedriger.

Nach Angaben der Forschenden spiegeln die Ergebnisse einen grundlegenden Konflikt zwischen traditionellen und modernen Geschlechterbildern wider. Besonders junge Männer erleben gesellschaftliche Veränderungen offenbar häufiger als Bedrohung etablierter männlicher Rollen.

Bildung und soziale Perspektiven spielen eine wichtige Rolle

Hohe Faktor-M-Werte treten besonders häufig bei Männern mit niedrigerem Bildungsniveau, geringem Berufsstatus und niedrigem Einkommen auf. In der Altersgruppe der 18- bis 24-Jährigen gehört fast jeder zweite junge Mann mit Berufslehre zu den Befragten mit besonders ausgeprägten restriktiven Männlichkeitsvorstellungen.

Umgekehrt zeigt die Studie einen klaren Zusammenhang zwischen Bildung und den Einstellungen zu Geschlechterrollen: Je höher die Bildung und je günstiger die beruflichen Perspektiven, desto geringer fallen die Faktor-M-Werte aus.

Auch die familiäre Herkunft spielt eine Rolle. Männer, deren Väter außerhalb der Schweiz in patriarchal geprägten Gesellschaften geboren wurden, weisen häufiger höhere Faktor-M-Werte auf. Die Forschenden vermuten, dass Erfahrungen von Ausgrenzung und mangelnder gesellschaftlicher Teilhabe dazu beitragen können, traditionelle Männlichkeitsvorstellungen als Quelle von Orientierung und Selbstwert aufzuwerten.

Zusammenhang mit Familienleben und Gewalt

Die Studie zeigt zudem deutliche Zusammenhänge zwischen restriktiven Männlichkeitsvorstellungen und dem Familienalltag. Männer mit hohen Faktor-M-Werten leben häufiger traditionelle Rollenverteilungen, bei denen Frauen den größeren Teil der Sorgearbeit übernehmen und Männer überwiegend als Haupt- oder Alleinverdiener auftreten.

Zugleich vertreten sie häufiger die Auffassung, dass Jungen anders erzogen werden sollten als Mädchen. Autoritäres Verhalten und Gewalt in der Erziehung werden von dieser Gruppe deutlich häufiger als legitim angesehen.

Besonders relevant ist aus Sicht der Forschenden der Zusammenhang mit Partnerschaftsgewalt. Menschen mit hohen Faktor-M-Werten berichten häufiger davon, Gewalt in Beziehungen ausgeübt oder selbst erlebt zu haben. Der Faktor M erweist sich damit als ein konsistenter Risikofaktor für problematische Beziehungsmuster.

Bei leichter körperlicher Gewalt wie Ohrfeigen, Schubsen oder dem Werfen von Gegenständen berichten Männer in der Befragung häufiger von Gewalterfahrungen als Frauen. Gleichzeitig verweisen die Autorinnen und Autoren darauf, dass andere Studien zeigen, dass Frauen wesentlich häufiger schwere und folgenschwere Formen von Partnerschaftsgewalt erleben.

Was bedeutet das für Schule und Pädagogik?

Aus den Ergebnissen leiten die Forschenden einen klaren Handlungsauftrag für Bildungseinrichtungen und pädagogische Fachkräfte ab. Prävention sollte ihrer Ansicht nach bereits im Schulalter beginnen.

Zentrale Botschaft sei, dass es nicht nur eine einzige „richtige“ Form von Männlichkeit gebe. Jungen sollten frühzeitig erfahren, dass unterschiedliche Lebensentwürfe, Interessen und Verhaltensweisen gleichwertig sind. Restriktive Geschlechterrollen könnten dadurch hinterfragt und alternative Vorstellungen von Männlichkeit gestärkt werden.

Für Kindertageseinrichtungen und Grundschulen ergibt sich daraus die Aufgabe, Kindern vielfältige Rollenbilder zu vermitteln und stereotype Vorstellungen von Jungen- und Mädchenverhalten zu reflektieren. Gleichzeitig betonen die Studienautorinnen und -autoren die Bedeutung sozialer Teilhabe, von Chancengerechtigkeit und einer positiven Bildungsbiografie als wichtige Schutzfaktoren.

Darüber hinaus wird die Rolle von Vätern hervorgehoben. Eine aktive Beteiligung von Vätern am Familienalltag könne nicht nur die soziale und emotionale Entwicklung von Kindern fördern, sondern auch positive Auswirkungen auf deren schulischen Erfolg haben.

Einordnung der Studie

Die Untersuchung liefert erstmals repräsentative Daten zu Männlichkeitsvorstellungen in der Schweiz und eröffnet damit wichtige Einblicke in die Einstellungen verschiedener Bevölkerungsgruppen. Besonders wertvoll ist die große Stichprobe von mehr als 6000 Befragten sowie die Verknüpfung von Geschlechterbildern mit Themen wie Familie, Partnerschaft, Gewalt und sozialer Lage.

Zu beachten ist jedoch, dass die Studie Zusammenhänge beschreibt, aber keine direkten Ursachen nachweisen kann. Die Ergebnisse zeigen, welche Einstellungen häufig gemeinsam auftreten, erlauben jedoch keine eindeutigen Aussagen darüber, wodurch diese Einstellungen entstehen.

Dennoch verdeutlicht die Untersuchung, dass traditionelle und dominante Männlichkeitsvorstellungen nicht nur individuelle Überzeugungen darstellen, sondern mit sozialen Lebenslagen, Bildungswegen und Beziehungsmustern verbunden sind. Für Pädagoginnen und Pädagogen bieten die Ergebnisse wichtige Hinweise darauf, wie frühzeitige Bildungs- und Präventionsarbeit dazu beitragen kann, Vielfalt, Gleichberechtigung und gewaltfreie Konfliktlösungen zu fördern.

Quelle: Ribeaud, D., Buzzi, L. & Theunert, M. (2026). Männlichkeit im Wandel: Einstellungen, Lebensformen, Sexualität, Partnerschaft und Gewalt. Ergebnisse einer repräsentativen Befragung in der Schweiz. Jacobs Center for Productive Youth Development, Universität Zürich.




Bildung für nachhaltige Entwicklung: Online-Kurs für Fachkräfte

Bildung für nachhaltige Entwicklung online

Einstieg in die Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE)

Nachhaltigkeit umfasst weit mehr als ökologische Produkte oder bewusstes Konsumverhalten. Sie betrifft die Art und Weise, wie Menschen heute handeln, um auch zukünftigen Generationen gute Lebensbedingungen zu ermöglichen. Doch wie lässt sich dieses Thema im pädagogischen Alltag aufgreifen und vermitteln?

Dieser Online-Kurs bietet einen praxisnahen Einstieg in die „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ (BNE). Teilnehmende setzen sich mit zentralen Nachhaltigkeitsthemen auseinander und lernen vielfältige Methoden kennen, um BNE nachhaltig in ihre Bildungsarbeit zu integrieren. Dabei dient der BNE-Baukasten als hilfreiches Instrument für die Planung und Umsetzung pädagogischer Angebote.

Inhalte des Online-Kurses

Der Kurs vermittelt grundlegendes Wissen und zeigt praxisorientierte Wege auf, Nachhaltigkeit im Bildungsalltag zu verankern.

Persönliche Zugänge zu Nachhaltigkeit reflektieren

Die Teilnehmenden beschäftigen sich mit ihren eigenen Erfahrungen und Sichtweisen zu Nachhaltigkeit, Vielfalt und Bildung für nachhaltige Entwicklung.

Grundlagen der Bildung für nachhaltige Entwicklung kennenlernen

Eine Einführung vermittelt die wichtigsten Hintergründe, Ziele und Prinzipien von BNE sowie deren Bedeutung für die pädagogische Praxis.

Den BNE-Baukasten gezielt einsetzen

Der BNE-Baukasten wird als vielseitiges Werkzeug vorgestellt, das Fachkräfte bei der Planung und Gestaltung nachhaltiger Bildungsangebote unterstützt.

Mit Kindern entdecken, forschen und nachdenken

Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf dem gemeinsamen Entdecken und Forschen mit Kindern. Dabei wird gezeigt, wie Nachdenkgespräche pädagogisch begleitet und für nachhaltige Lernprozesse genutzt werden können.

Lernziele der Fortbildung

Nach Abschluss des Online-Kurses:

  • kennen Sieden BNE-Baukasten und können ihn gezielt in deiner Bildungsarbeit einsetzen.
  • reflektieren Sie eigenes nachhaltiges Handeln und vertiefen wichtige Themenfelder der Bildung für nachhaltige Entwicklung.
  • entwickeln Sie Motivation und Ideen, um Bildungsangebote und Projekte im Sinne von BNE zu gestalten und umzusetzen.

Flexibel lernen – im eigenen Tempo

Der Online-Kurs kann zeitlich unabhängig bearbeitet werden. Die einzelnen Inhalte lassen sich flexibel in den persönlichen Alltag integrieren. Reflexionsfragen unterstützen die Vertiefung der Themen, während praxisnahe Beispiele und Anregungen wertvolle Impulse für die pädagogische Arbeit liefern.

Badge „Durchstarter:in Bildung für nachhaltige Entwicklung“ erwerben

Neben einer Teilnahmebescheinigung besteht die Möglichkeit, das Badge Durchstarter:in „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ zu erhalten. Voraussetzung dafür ist der erfolgreiche Abschluss dieses Online-Kurses sowie der Kurse „Partizipation von Kindern“ und „Ein Einstieg – Philosophieren mit Kindern“.

Weiterführende Informationen zum Badge-System sind im Bereich „Häufige Fragen“ verfügbar.

Anerkennung im Rahmen der Zertifizierung

Die Teilnahme an dieser Fortbildung wird bei der Zertifizierung von Kitas, Horten und Grundschulen anerkannt. Damit leistet der Kurs einen wertvollen Beitrag zur Qualitätsentwicklung und nachhaltigen Ausrichtung von Bildungseinrichtungen.

Weitere Informationen zum Kurs und zur Anmeldung finden Sie hier:




Bildungsbericht 2026: Warum Bildungschancen schon früh entstehen

Neue Daten zeigen langfristige Folgen früher Bildungsungleichheit

Ob ein Kind später studiert oder nicht, entscheidet sich häufig nicht erst in der Schule oder am Ende der Schulzeit. Vielmehr werden die Weichen bereits deutlich früher gestellt. Zu diesem Ergebnis führt der aktuelle nationale Bildungsbericht „Bildung in Deutschland 2026“.

Die Autorinnen und Autoren des Berichts zeigen, dass soziale Ungleichheiten das deutsche Bildungssystem weiterhin prägen. Besonders deutlich wird dies beim Übergang in die Hochschulbildung: Während 78 von 100 Kindern aus Akademikerfamilien im Laufe ihres Lebens ein Studium aufnehmen, gilt dies lediglich für 25 von 100 Kindern, deren Eltern nicht studiert haben. Haben die Eltern keine abgeschlossene Berufsausbildung, beginnen sogar nur acht von 100 Kindern ein Studium.

Für pädagogische Fachkräfte in Kindertageseinrichtungen und Grundschulen sind diese Zahlen deshalb bedeutsam, weil sie auf Entwicklungen hinweisen, die deutlich früher beginnen.

Bildungskarrieren entstehen nicht erst in der Schule

Der Bildungsbericht macht deutlich, dass Leistungsunterschiede allein die ungleichen Bildungschancen nicht erklären können. Vielmehr spielen Bildungsentscheidungen, Erwartungen, Informationen und familiäre Ressourcen eine wichtige Rolle. Denn Kinder wachsen unter sehr unterschiedlichen Voraussetzungen auf. Bereits im Vorschulalter zeigen sich Unterschiede im Wortschatz, in der Sprachentwicklung, in den mathematischen Vorläuferfähigkeiten sowie in den Möglichkeiten, Bildungsangebote außerhalb von Kita und Schule zu nutzen.

Für Kindertageseinrichtungen bedeutet dies eine besondere Verantwortung. Sie sind oftmals die erste Bildungsinstitution, die Kinder regelmäßig besuchen und können Entwicklungsunterschiede früh erkennen sowie gezielt fördern.

Frühe Förderung bleibt ein entscheidender Schlüssel

Der Bildungsbericht verweist darauf, dass Bildungsungleichheiten nicht naturgegeben sind. Vielmehr können pädagogische Angebote dazu beitragen, ungünstige Startbedingungen deutlich zu verbessern.

Insbesondere Kinder aus bildungsbenachteiligten Familien profitieren von qualitativ hochwertiger frühkindlicher Bildung. Vor diesem Hintergrund gewinnt die Qualität frühpädagogischer Arbeit weiter an Bedeutung. Professionelle Fachkräfte, günstige Betreuungsschlüssel und ausreichend Zeit für individuelle Begleitung gehören zu den wichtigsten Voraussetzungen, um Kindern gerechte Bildungschancen zu eröffnen.

Auch Elterninformationen können Bildungswege verändern

Ein bemerkenswertes Ergebnis des Bildungsberichts betrifft den Einfluss von Informationen auf Bildungsentscheidungen. Wissenschaftliche Interventionsstudien aus Berlin und Nordrhein-Westfalen zeigen, dass bereits niedrigschwellige Informationsangebote die Wahrscheinlichkeit erhöhen können, dass junge Menschen später ein Studium aufnehmen. Die Forschenden kommen zu dem Schluss, dass viele Familien vorhandene Bildungswege und Fördermöglichkeiten nicht ausreichend kennen. Werden Informationen verständlich vermittelt, verändert dies Bildungsentscheidungen messbar.

Für Kitas und Grundschulen ergibt sich daraus ein wichtiger Auftrag. Bildungspartnerschaften mit Eltern beschränken sich nicht auf Entwicklungsgespräche oder Elternabende. Sie können auch dazu beitragen, Bildungswege sichtbar zu machen, Unsicherheiten abzubauen und Familien beim Zugang zu Unterstützungsangeboten zu begleiten.

Bildungsgerechtigkeit bleibt eine zentrale Herausforderung

Der Bildungsbericht 2026 beschreibt ein Bildungssystem, das insgesamt leistungsfähiger und vielfältiger geworden ist. Gleichzeitig gelingt es bislang nicht ausreichend, die Chancen von Kindern unabhängig von ihrer sozialen Herkunft zu gestalten.

Gerade deshalb kommt den frühen Bildungsinstitutionen eine Schlüsselrolle zu. In Kindertageseinrichtungen und Grundschulen werden grundlegende Kompetenzen aufgebaut, Bildungsinteressen geweckt und Selbstvertrauen gestärkt. Hier entstehen häufig die Voraussetzungen dafür, ob Kinder ihre Potenziale später entfalten können.

Die Ergebnisse des Bildungsberichts legen nahe, dass Investitionen in die frühe Bildung nicht nur den einzelnen Kindern zugutekommen. Sie wirken sich auf den gesamten weiteren Bildungsweg aus und können langfristig dazu beitragen, soziale Ungleichheiten zu verringern.

Fachkräfte können Bildungswege nachhaltig beeinflussen

Die Daten des Bildungsberichts machen deutlich, dass Bildungsgerechtigkeit nicht erst an weiterführenden Schulen oder Hochschulen beginnt. Sie beginnt dort, wo Kinder ihre ersten Bildungserfahrungen sammeln: in Familien, Kindertageseinrichtungen und Grundschulen.

Pädagogische Fachkräfte erleben täglich, wie unterschiedlich die Voraussetzungen sind, mit denen Kinder in Bildungseinrichtungen kommen. Gleichzeitig zeigen Forschung und Bildungsbericht, dass frühe Unterstützung, verlässliche Beziehungen und eine hochwertige Bildungsbegleitung einen entscheidenden Unterschied machen können.

Die Botschaft des Bildungsberichts ist deshalb auch eine Bestätigung für die Arbeit in Kitas und Grundschulen: Frühkindliche Bildung und Grundbildung gehören zu den wirksamsten Hebeln für mehr Chancengerechtigkeit in Deutschland.

Quelle: Bildung in Deutschland 2026. Nationaler Bildungsbericht der Autorengruppe Bildungsberichterstattung unter Federführung des DIPF | Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation.




Bildung für nachhaltige Entwicklung in der Kita

kind nachhaltigkeit

Selbstlernkur: Grundlagen und Ziele der BNE im Kindergarten

Kindertageseinrichtungen spielen eine wichtige Rolle, wenn es darum geht, Kinder auf die Herausforderungen der Zukunft vorzubereiten. Das Konzept der „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ (BNE) unterstützt pädagogische Fachkräfte dabei, nachhaltiges Denken und verantwortungsvolles Handeln altersgerecht zu fördern.

Doch was zeichnet eine Kita aus, die BNE erfolgreich umsetzt? Wie lassen sich Kinder aktiv an Bildungsprozessen beteiligen? Und welche Möglichkeiten gibt es, das Umfeld der Einrichtung in nachhaltige Entwicklungsprozesse einzubeziehen?

Nachhaltigkeit im Kita-Alltag erlebbar machen

Dieser Selbstlernkurs vermittelt die Grundlagen der Bildung für nachhaltige Entwicklung und zeigt auf, wie sich das Konzept in den pädagogischen Alltag integrieren lässt. Dabei stehen praxisnahe Beispiele im Mittelpunkt, die verdeutlichen, dass BNE weit über klassische Umweltbildung hinausgeht.

Teilnehmende lernen unterschiedliche Ansätze kennen, um nachhaltige Bildungsprozesse in der Kita anzustoßen und langfristig zu verankern. Gleichzeitig erhalten sie Anregungen, wie Kinder aktiv in Entscheidungs- und Lernprozesse eingebunden werden können.

Naturwissenschaftliche Bildung und BNE verbinden

Anhand des Themas Boden wird gezeigt, wie frühe naturwissenschaftliche Bildung mit den Zielen der Bildung für nachhaltige Entwicklung verknüpft werden kann. Die Teilnehmenden erfahren, wie sie Lernumgebungen gestalten, die sowohl naturwissenschaftliche Kompetenzen als auch nachhaltiges Denken fördern.

Dabei bieten zahlreiche Alltagssituationen wertvolle Lernanlässe. Ob Hochbeet, Komposthaufen, Regenwurmglas, Fußballspiel oder Repair Café – überall lassen sich Fragen zu Nachhaltigkeit, Verantwortung und Gemeinschaft aufgreifen.

BNE als Bestandteil des Kita-Konzepts

Der Kurs unterstützt pädagogische Fachkräfte dabei, passende Impulse für ihre Einrichtung zu entwickeln und nachhaltige Bildung dauerhaft im pädagogischen Konzept zu verankern. Dabei wird deutlich, wie Kinder, Fachkräfte, Eltern und weitere Beteiligte gemeinsam zu einer nachhaltigen Entwicklung beitragen können.

Das lernen Sie im Kurs

Nach erfolgreichem Abschluss können Sie:

  • das Bildungskonzept BNE erklären und als alltagsintegriertes Leitprinzip in der Kita anwenden,
  • nachhaltige Handlungsmöglichkeiten für die eigene pädagogische Praxis erkennen und konkrete Umsetzungsideen entwickeln,
  • naturwissenschaftliche Bildungsangebote mit BNE verbinden und daraus partizipative Lerngelegenheiten für Kinder gestalten.

Zielgruppe

Der Selbstlernkurs richtet sich insbesondere an pädagogische Fachkräfte, die mit Kindern im Kindergartenalter arbeiten und nachhaltige Bildung stärker in ihren Alltag integrieren möchten.

Flexibel lernen im eigenen Tempo

Alle Selbstlernkurse der Forscherstation können zeitlich flexibel bearbeitet werden. Sie entscheiden selbst, wann und in welchem Tempo Sie die Inhalte durchlaufen. Unterbrechungen sind jederzeit möglich, ohne dass Lernfortschritte verloren gehen.

Die Bearbeitungszeit beträgt etwa drei bis dreieinhalb Stunden. Nach erfolgreichem Abschluss erhalten Sie eine Teilnahmebescheinigung. Diese kann – bei Vorliegen der entsprechenden Voraussetzungen – auch auf den Erwerb einer Forscherstationsplakette im ForscherstationKlaus-Tschira-Kompetenzzentrumfür frühe naturwissenschaftliche Bildung gGmbHRahmen ausgewählter Kombinationsangebote angerechnet werden.

Zur Anmeldung geht es hier:

Quelle: Forscherstation Klaus-Tschira-Kompetenzzentrum für frühe naturwissenschaftliche Bildung gGmbH




„TigerKids – Kindergarten aktiv“: Mehr Material für Gesundheit in der Kita

Neues Modul zum Thema „Resilienz“ soll die psychische Gesundheit der Kinder unterstützen

Das Präventionsprogramm „TigerKids – Kindergarten aktiv“ soll einen gesunden Lebensstil im Kindergarten fördern. Laut Giulia Roggenkamp von der Stiftung Kindergesundheit wurden die Inhalte umfassend überarbeitet und weiterentwickelt. Dabei hat die Stiftung die Materialbasis aktualisiert, digitale Ergänzungselemente und ein neu entwickeltes Modul zum Thema „Resilienz“ hinzugefügt. Dieses wurde neben den Schwerpunkten Bewegung, Ernährung und Entspannung als viertes Element in das Programm aufgenommen. Der Grund: wissenschaftliche Studien würden die Bedeutung frühzeitiger Resilienzförderung für die psychische Gesundheit von Kindern hervorheben, so Roggenkamp.

Stärkung von Selbstvertrauen und Bewältigungskompetenzen

So zeigten etwa die Ergebnisse des Kinder- und Jugendgesundheitssurveys KiGGS, dass etwa jedes sechste Kind (16,9 %) im Alter von drei bis 17 Jahren Hinweise auf psychische Auffälligkeiten aufweise. Im Zuge der Corona-Pandemie habe sich dieser Anteil bei Kindern und Jugendlichen deutlich erhöht (Robert Koch-Institut, 2018; Ravens-Sieberer et al., 2021). Forschungsergebnisse belegten zugleich, dass insbesondere stabile Beziehungen, soziale Unterstützung sowie die Stärkung von Selbstvertrauen und Bewältigungskompetenzen wichtige Schutzfaktoren darstellten. Präventions- und Gesundheitsförderungsmaßnahmen würden dabei als besonders wirksam gelten, wenn sie frühzeitig, entwicklungsorientiert und im direkten Lebensumfeld der Kinder – etwa in Kindertageseinrichtungen – ansetzen würden.

Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und im Umgang mit Herausforderungen

„Kinder wachsen heute in einer Welt auf, die ihnen viel abverlangt. Mit dem neuen Resilienz-Modul stärken wir sie genau dort, wo es früh beginnt: im Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und im Umgang mit Herausforderungen”, erklärt Eva Berninger, Fachexpertin für Gesundheitsprävention bei der SBK Siemens-Betriebskrankenkasse. Das neue Resilienz-Modul unterstützt Kinder spielerisch beim Aufbau emotionaler Stärke, der Selbstwahrnehmung und im Umgang mit Herausforderungen und erweitert damit die ganzheitliche Gesundheitsförderung im frühkindlichen Bereich.

Praxisnah zur einfacheren Umsetzung

Darüber hinaus soll das Programm nun deutlich praxisnäher gestaltet sein: „Alle Module folgen nun einem einheitlichen Praxisstundenformat, das pädagogische Fachkräfte direkt und eigenständig im Kindergartenalltag umsetzen können. Neu entwickelt wurden außerdem ein Praxisbegleiter mit Geschichten und Übungen, Gesundheitsimpulse für pädagogische Fachkräfte sowie Materialien wie Gefühlswürfel und Gefühlskarten – ergänzt durch digitale Elemente, die analoge Inhalte sinnvoll erweitern und zeitgemäße Vermittlungsformen unterstützen“, schreibt Roggenkamp.

Einbindung von Familien gestärkt

Zudem habe man auch die Einbindung der Familien gestärkt: Mit dem neu entwickelten „Gesunden Tiger-Wochenende“ begleite der kleine Tiger die Kinder nach Hause und lade Familien ein, gemeinsam gesunde Erlebnisse im Alltag zu sammeln.

Für Kindertageseinrichtungen und Familien

„,TigerKids – Kindergarten aktiv‘ verbindet damit weiterhin bewährte Ansätze der Gesundheitsförderung mit aktuellen Entwicklungen in Pädagogik, Praxisorientierung und Digitalisierung”, erklärt Prof. Dr. Berthold Koletzko, Kinder- und Jugendarzt und Vorsitzender der Stiftung Kindergesundheit. „Das Programm unterstützt pädagogische Fachkräfte in Kindertageseinrichtungen sowie Familien nachhaltig dabei, Bewegung, ausgewogene Ernährung, Entspannung und nun auch Resilienz fest im kindlichen Alltag zu verankern.”

Pädagogische Fachkräfte, Eltern und Erziehungsberechtigte können bereits jetzt ins erste TigerKids-Abenteuer starten. Egal ob zuhause oder im Kindergarten.

Weitere Informationen zum Programm „TigerKids – Kindergarten aktiv“




Forschen statt Versuchsanleitung! Was Kinder wirklich brauchen

Eine gute MINT-Bildung beginnt nicht mit Experimenten, sondern mit Fragen. Ein Blick auf Forschung, Praxis und erfolgreiche Bildungsinitiativen

Als Erwachsene haben wir eine bemerkenswerte Eigenschaft: Wir beantworten Fragen oft schon, bevor Kinder sie zu Ende gestellt haben.

„Warum schwimmt das?“
„Weil Holz leichter ist als Wasser.“
Schnell ist das Gespräch beendet und der Erkenntnisgewinn auch.

Dabei zeichnet die aktuelle Forschung zur frühen MINT-Bildung ein ganz anderes Bild. Kinder lernen Naturwissenschaften, Mathematik und Technik nicht in erster Linie durch Erklärungen. Sie lernen durch Staunen, Ausprobieren, Irrtümer und überraschende Entdeckungen. Anders gesagt: Sie lernen nicht, wenn wir ihnen die Welt erklären. Sie lernen, wenn sie beginnen, sich die Welt selbst zu erklären.

Kinder sind geborene Forscher

Lange Zeit haben wir unterschätzt, wie früh Kinder naturwissenschaftliche Denkweisen entwickeln können. Viele internationale Studien aus neuerer Zeit zeigen jedoch, dass bereits Kita-Kinder beobachten, vergleichen, Vermutungen bilden und ihre Vorstellungen aufgrund neuer Erfahrungen verändern können. Schließlich sind Kinder von Natur aus neugierig. Und das ist nun mal die wichtigste Eigenschaft für einen Forschenden.

Die Bildungsforscherin Dr. Ildikó Mária Revák und ihr Team kommen in einer umfangreichen Übersichtsarbeit zu dem Ergebnis, dass Kinder schon im Vorschulalter mathematische, naturwissenschaftliche und technische Fragestellungen erfolgreich bearbeiten können. Wichtigste Voraussetzung: Sie erhalten die Gelegenheit dazu und werden angemessen begleitet.

Dabei kann es nicht darum gehen, dass Kinder möglichst früh Fachwissen anhäufen. Entscheidend ist, dass sie ihre Fragen stellen: Warum sinkt ein Stein? Warum fliegt ein Ahornsamen? Warum wächst eine Bohne? Warum fällt ein Turm um?

Die Entwicklungspsychologin Prof. Dr. Alison Gopnik von der University of California bringt diesen Gedanken auf den Punkt: „Es ist nicht so, dass Kinder kleine Wissenschaftler sind – Wissenschaftler sind große Kinder.“

Der Satz ist zwar zugespitzt, verweist aber auf eine zentrale Erkenntnis der Entwicklungsforschung: Kinder beobachten ihre Umwelt, entwickeln Vermutungen und überprüfen sie immer wieder neu. Je länger man darüber nachdenkt, desto erstaunlicher wirkt eigentlich nicht die Neugier der Kinder, sondern unsere allzu erwachsene Fähigkeit, sie manchmal auszubremsen.

Gute MINT-Bildung braucht keine Wunderkiste

Die Forschung der vergangenen Jahre zeigt erstaunlich einheitlich, dass erfolgreiche MINT-Angebote einige gemeinsame Merkmale besitzen.

Kinder dürfen selbst tätig werden. Sie arbeiten mit realen Materialien. Sie verfolgen eigene Ideen. Sie sprechen über ihre Beobachtungen. Und sie dürfen Fehler machen.

Die Bildungsforscherin Dr. Sharon Burns konnte in einer Meta-Analyse zeigen, dass insbesondere problemlösende und forschende Aktivitäten wichtige Lernprozesse unterstützen. Entscheidend ist dabei weniger das Material als die Art, wie Kinder damit umgehen.

Ein teurer Experimentierkasten garantiert noch keine Bildung. Ein paar Bretter, Steine, Wasserpfützen oder Kastanien können dagegen hochinteressante Forschungsobjekte sein.

Die Frage lautet deshalb nicht: „Welches Experiment machen wir heute?“ Sondern: „Welche Frage beschäftigt die Kinder gerade?“

Wie viel Anleitung brauchen Kinder?

Genau daran entzündet sich eine heftige Diskussion: Denn auch wenn sich fast alle Fachleute einig sind, dass Kinder aktiv lernen sollen, herrscht keineswegs Einigkeit darüber, wie offen solche Lernprozesse sein müssen. Die internationale Forschung spricht häufig von „guided inquiry“ – angeleitetem Forschen. Kinder erkunden selbstständig Phänomene, werden dabei jedoch von Erwachsenen begleitet.

Das hört sich vernünftig an. Doch wie viel Begleitung ist wirklich sinnvoll? Ab wann wird Unterstützung zur Steuerung? Und wann wird aus einem Forschungsprojekt lediglich eine gut organisierte Versuchsanleitung?

Die Forschung gibt darauf keine einfache Antwort. Sie zeigt jedoch, dass Kinder sowohl Freiräume als auch Orientierung benötigen. Gute Lernbegleitung bedeutet deshalb weder, alles vorzugeben noch sich völlig zurückzuziehen.

Auf der Suche nach dem richtigen Weg

Wer die Landschaft der frühen MINT-Bildung betrachtet, entdeckt sehr unterschiedliche Antworten auf diese Fragen.

Programme wie TuWaS! oder Prima!Forscher arbeiten stärker mit vorbereiteten Materialien, Experimenten und fachlich strukturierten Lernangeboten. Andere Initiativen konzentrieren sich stärker auf die professionelle Begleitung von Lernprozessen. Dazu gehören beispielsweise die Stiftung Kinder forschen oder SINUS an Grundschulen.

Wieder andere Projekte gehen noch einen Schritt weiter. Einrichtungen wie die Forscherstation Heidelberg oder die Freiburger Forschungsräume interessieren sich besonders für die Frage, wie Kinder überhaupt zu Erkenntnissen gelangen und welche Rolle Erwachsene dabei spielen.

Auf den ersten Blick erscheinen diese Unterschiede gering. Tatsächlich spiegeln sie jedoch eine grundlegende pädagogische Debatte wider.

Die Stiftung Kinder forschen: Forschen mit Geländer

Die Stiftung Kinder forschen ist der größte Akteur im Bereich der frühen MINT-Bildung in Deutschland. Seit fast zwei Jahrzehnten qualifiziert sie pädagogische Fachkräfte und Lehrkräfte für naturwissenschaftliches, mathematisches und technisches Lernen.

Viele ihrer Grundideen finden sich heute auch in der internationalen Forschung wieder. Kinder sollen entdecken, beobachten, diskutieren und eigene Lösungswege entwickeln. Lernen wird ausdrücklich als aktiver Prozess verstanden.

Die Frühpädagogin Prof. Dr. Yvonne Anders, Mitglied des wissenschaftlichen Beirats der Stiftung, beschreibt deren Bedeutung mit den Worten: „Die Stiftung Kinder forschen ist für mich eine zentrale Instanz für die Qualitätsentwicklung in der frühkindlichen Bildung.“

Gleichzeitig arbeitet die Stiftung mit Themenvorschlägen, Fortbildungen und didaktischen Materialien. Das ist keineswegs ein Nachteil. Schließlich benötigen pädagogische Fachkräfte Orientierung und Unterstützung. Man könnte sagen: Die Stiftung baut Kindern und Erwachsenen ein stabiles Geländer, an dem sie sich beim Forschen entlangbewegen können. Die spannende Frage lautet jedoch: Reicht das Geländer manchmal vielleicht etwas weit in den Weg hinein?

Die Antwort hängt weniger von den Materialien als von ihrer Nutzung ab. Dieselbe Praxisanregung kann Ausgangspunkt für einen offenen Forschungsprozess sein – oder zu einer Schritt-für-Schritt-Anleitung werden, bei der das Ergebnis von Anfang an feststeht.

Freiburger Forschungsräume: Auf die Haltung kommt es an

Genau hier setzen die Freiburger Forschungsräume an. Ihr vielleicht bekanntester Leitsatz lautet: „Auf die Haltung kommt es an.“

Dieser Satz wirkt zunächst unspektakulär. Tatsächlich steckt darin jedoch eine kleine pädagogische Revolution. Die Freiburger Forschungsräume fragen nicht zuerst, welche Inhalte Kinder lernen sollen. Sie fragen zunächst, wie Erwachsene Kindern begegnen.

Im Mittelpunkt stehen die forschende Haltung des Kindes, das Interesse der Kinder und ein wertschätzender Dialog. Beobachten, Vermuten, Beschreiben und Erklären gehören zusammen. Sprachbildung und naturwissenschaftliches Lernen werden bewusst miteinander verbunden.

Kinder und Erwachsene machen sich gemeinsam auf einen Weg des Fragens, Forschens und Entdeckens. Nicht die richtige Antwort steht im Mittelpunkt, sondern der Denkweg. Damit stehen die Freiburger Forschungsräume in einer Tradition, die eng mit den Arbeiten des Bildungsforschers Prof. Dr. Gerd E. Schäfer verbunden ist. Lernen entsteht demnach aus eigenen Erfahrungen und deren gemeinsamer Reflexion.

Forscherstation Heidelberg: Den Denkwegen der Kinder folgen

Auch die Forscherstation Heidelberg, gegründet von der Klaus Tschira Stiftung, verfolgt einen ähnlichen Ansatz. Dort steht seit Jahren die Frage im Mittelpunkt, wie Erwachsene Kinder beim Denken begleiten können, ohne ihnen die Lösungen vorwegzunehmen.

Die Forscherstation verbindet wissenschaftliche Forschung, Fortbildung und Praxis. Interessant ist dabei vor allem die konsequente Orientierung an den Denkwegen der Kinder. Nicht das Experiment selbst gilt als entscheidend, sondern die Gespräche, Beobachtungen und Schlussfolgerungen, die daraus entstehen.

Damit liegt die Einrichtung erstaunlich nahe an den Positionen internationaler Forscherinnen wie Alison Gopnik oder Prof. Dr. Kathy Hirsh-Pasek.

Vom Experiment zur Beziehung

Hier zeigt sich genau die wichtigste Entwicklung der vergangenen Jahre. Viele Jahre stand in der frühen MINT-Bildung vor allem das Experiment im Mittelpunkt. Heute rückt zunehmend eine andere Frage in den Vordergrund: Was geschieht eigentlich zwischen Kind und Erwachsenem während eines solchen Lernprozesses?

Auffällig ist, dass neuere Forschungsarbeiten vergleichsweise selten über bestimmte Materialien oder Experimente sprechen. Stattdessen beschäftigen sie sich mit Neugier, Problemlösen, Selbstwirksamkeit, Kooperation und Gesprächsprozessen.

Auch Kathy Hirsh-Pasek und ihre Kollegin Prof. Dr. Roberta Golinkoff betonen seit Jahren die Bedeutung spielerischer Lernprozesse. Ihr Fazit lautet – wenig überraschend:

„Spiel ist der wichtigste Weg, auf dem Kinder lernen.“

Mit anderen Worten: Nicht das Experiment allein scheint entscheidend zu sein, sondern die Art und Weise, wie Kinder dabei denken, sprechen und begleitet werden.

Entscheidend: die Qualität der Interaktion

Und wer hat nun recht? Die Antwort lautet: Wahrscheinlich alle ein bisschen und manche ein bisschen mehr.

Die aktuelle Forschung liefert keine Belege dafür, dass völlig freie Lernprozesse grundsätzlich besser wären als gut strukturierte Angebote. Noch weniger aber spricht sie für starre Anleitungen.

Entscheidend scheint etwas anderes zu sein: die Qualität der Interaktion.

Kinder profitieren von Erwachsenen, die zuhören, Fragen aufgreifen, Materialien bereitstellen und Denkprozesse anregen. Sie profitieren weniger von Erwachsenen, die jede Antwort bereits kennen und sie möglichst schnell mitteilen möchten. Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Botschaft der aktuellen MINT-Forschung.

  • Nicht das Experiment steht im Mittelpunkt.
  • Nicht der Roboter.
  • Nicht das Arbeitsblatt.
  • Nicht einmal das Thema.

Im Mittelpunkt steht die Beziehung zwischen einem neugierigen Kind und einem Erwachsenen, der bereit ist, gemeinsam zu staunen.

Die eigentliche Entdeckung

Wer die neueren Studien liest, stößt immer wieder auf dieselbe Erkenntnis: Gute MINT-Bildung hat erstaunlich wenig mit Unterricht im klassischen Sinn zu tun.

  • Sie beginnt dort, wo Kinder Zeit bekommen, eigene Fragen zu verfolgen.
  • Sie wächst dort, wo Erwachsene nicht sofort erklären.
  • Und sie gelingt dort am besten, wo niemand genau weiß, was am Ende herauskommt.

Das ist manchmal anstrengend. Aber wahrscheinlich ist genau das echte Forschung.

Die Zukunft liegt in der pädagogischen Beziehung

Betrachtet man die aktuelle internationale Forschung, die Stiftung Kinder forschen, die Forscherstation Heidelberg und die Freiburger Forschungsräume gemeinsam, dann zeichnet sich ein bemerkenswerter Trend ab:

Die Zukunft der frühen MINT-Bildung liegt vermutlich weniger in immer neuen Materialien und Programmen als in der Qualität der pädagogischen Beziehungen.

Je mehr Forschende über erfolgreiche Lernprozesse herausfinden, desto häufiger rücken Themen wie Gesprächskultur, Selbstwirksamkeit, Kooperation, forschende Haltung und kindliche Neugier in den Mittelpunkt.

Vielleicht ist das die überraschendste Erkenntnis überhaupt:

Die wichtigste Ressource für frühe MINT-Bildung ist nicht Technik.

Es sind Menschen, die gemeinsam mit Kindern staunen können.

Quellen und weiterführende Informationen

Revák, Ildikó Mária et al. (2024): A Systematic Review of STEM Teaching-Learning Methods and Activities in Early Childhood.
https://www.ejmste.com/article/a-systematic-review-of-stem-teaching-learning-methods-and-activities-in-early-childhood-14779

Burns, Sharon et al. (2025): A Systematic Review and Meta-Analysis of Approaches to Teaching Problem-Solving Skills in Early Childhood STEM Activities.
https://bera-journals.onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/rev3.70079

Zviel-Girshin, Rinat et al. (2025): Enhancing Early STEM Engagement: The Impact of Inquiry-Based Robotics Projects on First-Grade Students’ Problem-Solving Self-Efficacy and Collaborative Attitudes.
https://www.mdpi.com/2227-7102/15/10/1404

Lewis Presser, Amanda E. et al. (2025): Preschool and Data Science: Supporting STEM Learning.
https://www.mdpi.com/2227-7102/15/10/1412

Liu, Jing et al. (2025): Forms and Functions Innovation: A Scoping Review of Digital and Intelligence Technologies in Early Childhood Education Practice.
https://link.springer.com/article/10.1007/s44436-025-00010-6

Stiftung Kinder forschen:
https://www.stiftung-kinder-forschen.de

Wissenschaftliche Begleitung der Stiftung Kinder forschen:
https://www.stiftung-kinder-forschen.de/ansatz-wirkung/wissenschaftliche-begleitung/

Freiburger Forschungsräume:
https://www.freiburg.de/pb/627371.html

„Auf die Haltung kommt es an“ – Freiburger Forschungsräume:
https://spielen-und-lernen.online/praxis/freiburger-forschungsraeume-auf-die-haltung-kommt-es-an/

Forscherstation Heidelberg:
https://www.forscherstation.info

TuWaS! – Technik und Naturwissenschaften an Schulen:
https://www.tuwas-deutschland.de

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Sprachbildung in Kita und Grundschule: Programm wird dauerhaft fortgeführt

Nach zehn Jahren belegt das Projekt „Sprachentdecker“, wie alltagsintegrierte Sprachbildung Kinder nachhaltig stärken kann

Gute Sprachkompetenzen sind eine der wichtigsten Voraussetzungen für Bildungserfolg. Das hessische Programm „Sprachentdecker“ zeigt seit inzwischen zehn Jahren, wie Kinder bereits im Alltag von Kita und Grundschule wirksam sprachlich gefördert werden können. Die Bilanz ist beeindruckend: Mehr als 200 pädagogische Fach- und Lehrkräfte wurden qualifiziert, rund 3.000 Kinder profitierten von dem Konzept. Nun wird das Programm dauerhaft fortgeführt und künftig vom Hessischen Kultusministerium finanziert.

Die Entscheidung kommt zu einem Zeitpunkt, zu dem rund um das Thema „Sprachförderung“ in Deutschland heftige Diskussionen geführt werden. Nationale Bildungsstudien weisen seit Jahren darauf hin, dass viele Kinder beim Schuleintritt und darüber hinaus Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache haben. Betroffen sind dabei nicht nur Kinder mit Deutsch als Zweitsprache, sondern auch Mädchen und Jungen aus Familien mit geringeren Bildungschancen. Genau hier setzt das Programm „Sprachentdecker“ an.

Sprachförderung mitten im Alltag statt zusätzlicher Unterricht

Das Besondere an „Sprachentdecker“ ist sein alltagsintegrierter Ansatz. Anders als bei klassischen Förderstunden findet Sprachbildung nicht in gesonderten Kursen statt. Stattdessen lernen pädagogische Fachkräfte und Lehrkräfte, alltägliche Situationen gezielt für sprachliche Anregungen zu nutzen.

Ob beim gemeinsamen Frühstück, beim Anziehen in der Garderobe, beim Bilderbuchanschauen oder während eines Unterrichtsgesprächs – jede Situation kann genutzt werden, um Kinder zum Erzählen, Beschreiben, Fragenstellen und Nachdenken anzuregen. Sprache wird dadurch nicht als isoliertes Lernfach erlebt, sondern als natürlicher Bestandteil des täglichen Lebens.

Dieser Ansatz basiert auf der Erkenntnis, dass Kinder Sprache besonders erfolgreich erwerben, wenn sie in bedeutungsvolle Kommunikationssituationen eingebunden sind. Sie lernen neue Wörter, Satzstrukturen und Ausdrucksmöglichkeiten nicht nur durch Zuhören, sondern vor allem durch eigenes aktives Sprechen.

Von einem Frankfurter Modellprojekt zu einem hessenweiten Erfolgsmodell

Das Projekt wurde 2016 von der Pädagogin Diemut Kucharz an der Goethe-Universität Frankfurt gemeinsam mit der ODDO BHF Stiftung Frankfurt und dem Amt für multikulturelle Angelegenheiten entwickelt. Ziel war es von Anfang an, Kinder kontinuierlich von der Kita bis in die Grundschule sprachlich zu begleiten.

Begonnen hatte das Programm mit lediglich 14 Kita-Fachkräften und sechs Grundschullehrkräften aus neun Frankfurter Einrichtungen. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer erhielten eine einjährige Weiterbildung zu Themen wie Erst- und Zweitspracherwerb, Sprachfördertechniken, individueller Förderplanung und Elternarbeit in mehrsprachigen Lebenswelten. Ergänzend wurden sie durch Coaching direkt in ihrer praktischen Arbeit begleitet.

Der Erfolg ließ nicht lange auf sich warten. Untersuchungen und Befragungen zeigten, dass die pädagogischen Fachkräfte ihre Kompetenzen in der Sprachförderung deutlich verbessern konnten. Gleichzeitig sank der Anteil der Kinder mit Sprachförderbedarf im Deutschen innerhalb eines Jahres auf weniger als die Hälfte. Diese Ergebnisse führten dazu, dass die Förderung mehrfach verlängert und das Programm schrittweise ausgebaut wurde.

Zusammenarbeit von Kita und Grundschule ist entscheidend

Eine weitere Besonderheit von „Sprachentdecker“ liegt in der engen Zusammenarbeit zwischen Kindertagesstätten und Grundschulen. Beide Berufsgruppen nehmen gemeinsam an den Fortbildungen teil und entwickeln dadurch ein gemeinsames Verständnis von Sprachbildung.

Dieser Übergang von der Kita in die Schule gilt in der Bildungsforschung als besonders sensible Phase. Häufig gehen wichtige Informationen über die sprachliche Entwicklung eines Kindes verloren, wenn Einrichtungen zu wenig miteinander kooperieren. Durch die gemeinsame Qualifizierung entstehen dagegen Kontinuität und bessere Abstimmung. Kinder profitieren von ähnlichen sprachfördernden Strategien in beiden Bildungsbereichen.

Mehr als 3.000 Kinder haben bereits profitiert

Zwischen 2022 und 2025 wurde das Programm auf ganz Hessen ausgeweitet. Unterstützt wurde diese Entwicklung durch das Dezernat Bildung, Bauen und Immobilien der Stadt Frankfurt sowie die hessischen Ministerien für Kultus und Soziales. Inzwischen werden parallel mehrere Fortbildungsgruppen durchgeführt. Form und Inhalte werden dabei kontinuierlich weiterentwickelt und an neue wissenschaftliche Erkenntnisse angepasst.

Nach Angaben der Projektverantwortlichen wurden inzwischen deutlich mehr als 200 Pädagoginnen und Pädagogen fortgebildet und gecoacht. Rund 3.000 Kinder konnten von den verbesserten Sprachförderkompetenzen ihrer Bezugspersonen profitieren.

Multiplikatorinnen sollen das Wissen weitertragen

Damit das Konzept künftig noch mehr Einrichtungen erreicht, wurde zusätzlich eine Qualifizierung für Multiplikatorinnen eingerichtet. Diese Fachkräfte werden darauf vorbereitet, selbst Fortbildungen und Coachings durchzuführen.

Der erste Durchgang wurde bereits abgeschlossen. Sechs Multiplikatorinnen wurden ausgebildet und haben ihr Wissen inzwischen an 75 weitere pädagogische Fachkräfte weitergegeben. Für den nächsten Ausbildungsjahrgang werden bereits Bewerbungen angenommen.

Sprachbildung bleibt eine zentrale Zukunftsaufgabe

Die Verstetigung des Programms zeigt, wie groß der Bedarf an wirksamer Sprachförderung weiterhin ist. Fachleute sind sich einig, dass gute Sprachkompetenzen weit mehr bedeuten als die Fähigkeit, korrekt zu sprechen. Sprache ist der Schlüssel zum Lesen, Schreiben, Lernen und zur sozialen Teilhabe.

Programme wie „Sprachentdecker“ setzen deshalb nicht erst dann an, wenn Defizite sichtbar werden. Sie schaffen sprachfördernde Lernumgebungen für alle Kinder und unterstützen pädagogische Fachkräfte dabei, Sprache im Alltag bewusst und professionell zu begleiten.

Dass das hessische Modell nun dauerhaft gesichert wird, ist deshalb nicht nur ein Erfolg für die beteiligten Einrichtungen. Es ist zugleich ein wichtiges Signal für die frühe Bildung insgesamt: Sprachförderung wirkt besonders dann nachhaltig, wenn sie kontinuierlich, alltagsnah und über die Grenzen einzelner Bildungseinrichtungen hinweg gestaltet wird.

Quelle: Goethe-Universität Frankfurt, Pressemitteilung „Projekt Sprachentdecker wird nach zehn Jahren verstetigt“, 2026. Weitere Informationen:

https://www.fb04.uni-frankfurt.de/143908384/Sprachentdecker