Warum frühkindliche Bildung neu gedacht werden muss

Armin Krenz fordert eine Pädagogik, die Kinder in ihrer Entwicklung stärkt

Was brauchen Kinder, um sich gesund zu entwickeln? Diese Frage stellt der Sozialpädagoge, Kindheitsforscher und Elementarpädagoge Prof. Armin Krenz in einem Vortrag bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung in den Mittelpunkt. Dabei richtet er den Blick auf eine Entwicklung, die er seit Jahren kritisch begleitet: Frühkindliche Bildung werde zunehmend auf Lernprogramme, Kompetenzen und schulische Vorbereitung reduziert, während grundlegende Entwicklungsbedürfnisse von Kindern aus dem Blick gerieten.

Erziehung, Bildung und Betreuung gleichermaßen

Krenz erinnert daran, dass Kindertageseinrichtungen weit mehr leisten sollen als Wissensvermittlung. Ihr gesetzlicher Auftrag umfasst Erziehung, Bildung und Betreuung gleichermaßen. Ziel ist die Unterstützung von Kindern auf ihrem Weg zu eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeiten. Nach seiner Auffassung wird dieser Anspruch jedoch häufig durch ein verkürztes Bildungsverständnis erschwert.


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SPIEL und SELBSTBILDUNG
Kitas brauchen eine pädagogische Revolution
Autor: Krenz, Armin
Verlag: ObersteBrink
ISBN 9783963046162
22,00 €


Konsequent an den Entwicklungsbedürfnissen von Kindern orientieren

Im Vortrag wirbt Krenz für eine Pädagogik, die sich konsequent an den Entwicklungsbedürfnissen von Kindern orientiert. Beziehungen, emotionale Sicherheit, Spiel, Bewegung, Selbstwirksamkeit und ausreichend Zeit für eigene Erfahrungen seien zentrale Voraussetzungen für nachhaltige Bildungsprozesse. Bildung entstehe nicht durch Belehrung, sondern durch aktive Auseinandersetzung mit der Welt.

Gleichzeitig thematisiert Krenz die Rahmenbedingungen pädagogischer Arbeit. Hohe Bürokratiebelastungen, Fachkräftemangel und fehlende Zeit für die Arbeit mit Kindern erschwerten vielerorts die Umsetzung einer entwicklungsförderlichen Pädagogik.

Der Vortrag bietet zahlreiche Impulse für pädagogische Fachkräfte, Lehrkräfte und Eltern. Er lädt dazu ein, den Begriff Bildung neu zu denken und die Frage zu stellen, was Kinder heute wirklich brauchen, um ihre Fähigkeiten und Potenziale entfalten zu können.

Den vollständigen Vortrag von Armin Krenz finden Sie hier: https://www.youtube.com/watch?v=GIsCHIcnCd0




Forschen statt Versuchsanleitung! Was Kinder wirklich brauchen

Eine gute MINT-Bildung beginnt nicht mit Experimenten, sondern mit Fragen. Ein Blick auf Forschung, Praxis und erfolgreiche Bildungsinitiativen

Als Erwachsene haben wir eine bemerkenswerte Eigenschaft: Wir beantworten Fragen oft schon, bevor Kinder sie zu Ende gestellt haben.

„Warum schwimmt das?“
„Weil Holz leichter ist als Wasser.“
Schnell ist das Gespräch beendet und der Erkenntnisgewinn auch.

Dabei zeichnet die aktuelle Forschung zur frühen MINT-Bildung ein ganz anderes Bild. Kinder lernen Naturwissenschaften, Mathematik und Technik nicht in erster Linie durch Erklärungen. Sie lernen durch Staunen, Ausprobieren, Irrtümer und überraschende Entdeckungen. Anders gesagt: Sie lernen nicht, wenn wir ihnen die Welt erklären. Sie lernen, wenn sie beginnen, sich die Welt selbst zu erklären.

Kinder sind geborene Forscher

Lange Zeit haben wir unterschätzt, wie früh Kinder naturwissenschaftliche Denkweisen entwickeln können. Viele internationale Studien aus neuerer Zeit zeigen jedoch, dass bereits Kita-Kinder beobachten, vergleichen, Vermutungen bilden und ihre Vorstellungen aufgrund neuer Erfahrungen verändern können. Schließlich sind Kinder von Natur aus neugierig. Und das ist nun mal die wichtigste Eigenschaft für einen Forschenden.

Die Bildungsforscherin Dr. Ildikó Mária Revák und ihr Team kommen in einer umfangreichen Übersichtsarbeit zu dem Ergebnis, dass Kinder schon im Vorschulalter mathematische, naturwissenschaftliche und technische Fragestellungen erfolgreich bearbeiten können. Wichtigste Voraussetzung: Sie erhalten die Gelegenheit dazu und werden angemessen begleitet.

Dabei kann es nicht darum gehen, dass Kinder möglichst früh Fachwissen anhäufen. Entscheidend ist, dass sie ihre Fragen stellen: Warum sinkt ein Stein? Warum fliegt ein Ahornsamen? Warum wächst eine Bohne? Warum fällt ein Turm um?

Die Entwicklungspsychologin Prof. Dr. Alison Gopnik von der University of California bringt diesen Gedanken auf den Punkt: „Es ist nicht so, dass Kinder kleine Wissenschaftler sind – Wissenschaftler sind große Kinder.“

Der Satz ist zwar zugespitzt, verweist aber auf eine zentrale Erkenntnis der Entwicklungsforschung: Kinder beobachten ihre Umwelt, entwickeln Vermutungen und überprüfen sie immer wieder neu. Je länger man darüber nachdenkt, desto erstaunlicher wirkt eigentlich nicht die Neugier der Kinder, sondern unsere allzu erwachsene Fähigkeit, sie manchmal auszubremsen.

Gute MINT-Bildung braucht keine Wunderkiste

Die Forschung der vergangenen Jahre zeigt erstaunlich einheitlich, dass erfolgreiche MINT-Angebote einige gemeinsame Merkmale besitzen.

Kinder dürfen selbst tätig werden. Sie arbeiten mit realen Materialien. Sie verfolgen eigene Ideen. Sie sprechen über ihre Beobachtungen. Und sie dürfen Fehler machen.

Die Bildungsforscherin Dr. Sharon Burns konnte in einer Meta-Analyse zeigen, dass insbesondere problemlösende und forschende Aktivitäten wichtige Lernprozesse unterstützen. Entscheidend ist dabei weniger das Material als die Art, wie Kinder damit umgehen.

Ein teurer Experimentierkasten garantiert noch keine Bildung. Ein paar Bretter, Steine, Wasserpfützen oder Kastanien können dagegen hochinteressante Forschungsobjekte sein.

Die Frage lautet deshalb nicht: „Welches Experiment machen wir heute?“ Sondern: „Welche Frage beschäftigt die Kinder gerade?“

Wie viel Anleitung brauchen Kinder?

Genau daran entzündet sich eine heftige Diskussion: Denn auch wenn sich fast alle Fachleute einig sind, dass Kinder aktiv lernen sollen, herrscht keineswegs Einigkeit darüber, wie offen solche Lernprozesse sein müssen. Die internationale Forschung spricht häufig von „guided inquiry“ – angeleitetem Forschen. Kinder erkunden selbstständig Phänomene, werden dabei jedoch von Erwachsenen begleitet.

Das hört sich vernünftig an. Doch wie viel Begleitung ist wirklich sinnvoll? Ab wann wird Unterstützung zur Steuerung? Und wann wird aus einem Forschungsprojekt lediglich eine gut organisierte Versuchsanleitung?

Die Forschung gibt darauf keine einfache Antwort. Sie zeigt jedoch, dass Kinder sowohl Freiräume als auch Orientierung benötigen. Gute Lernbegleitung bedeutet deshalb weder, alles vorzugeben noch sich völlig zurückzuziehen.

Auf der Suche nach dem richtigen Weg

Wer die Landschaft der frühen MINT-Bildung betrachtet, entdeckt sehr unterschiedliche Antworten auf diese Fragen.

Programme wie TuWaS! oder Prima!Forscher arbeiten stärker mit vorbereiteten Materialien, Experimenten und fachlich strukturierten Lernangeboten. Andere Initiativen konzentrieren sich stärker auf die professionelle Begleitung von Lernprozessen. Dazu gehören beispielsweise die Stiftung Kinder forschen oder SINUS an Grundschulen.

Wieder andere Projekte gehen noch einen Schritt weiter. Einrichtungen wie die Forscherstation Heidelberg oder die Freiburger Forschungsräume interessieren sich besonders für die Frage, wie Kinder überhaupt zu Erkenntnissen gelangen und welche Rolle Erwachsene dabei spielen.

Auf den ersten Blick erscheinen diese Unterschiede gering. Tatsächlich spiegeln sie jedoch eine grundlegende pädagogische Debatte wider.

Die Stiftung Kinder forschen: Forschen mit Geländer

Die Stiftung Kinder forschen ist der größte Akteur im Bereich der frühen MINT-Bildung in Deutschland. Seit fast zwei Jahrzehnten qualifiziert sie pädagogische Fachkräfte und Lehrkräfte für naturwissenschaftliches, mathematisches und technisches Lernen.

Viele ihrer Grundideen finden sich heute auch in der internationalen Forschung wieder. Kinder sollen entdecken, beobachten, diskutieren und eigene Lösungswege entwickeln. Lernen wird ausdrücklich als aktiver Prozess verstanden.

Die Frühpädagogin Prof. Dr. Yvonne Anders, Mitglied des wissenschaftlichen Beirats der Stiftung, beschreibt deren Bedeutung mit den Worten: „Die Stiftung Kinder forschen ist für mich eine zentrale Instanz für die Qualitätsentwicklung in der frühkindlichen Bildung.“

Gleichzeitig arbeitet die Stiftung mit Themenvorschlägen, Fortbildungen und didaktischen Materialien. Das ist keineswegs ein Nachteil. Schließlich benötigen pädagogische Fachkräfte Orientierung und Unterstützung. Man könnte sagen: Die Stiftung baut Kindern und Erwachsenen ein stabiles Geländer, an dem sie sich beim Forschen entlangbewegen können. Die spannende Frage lautet jedoch: Reicht das Geländer manchmal vielleicht etwas weit in den Weg hinein?

Die Antwort hängt weniger von den Materialien als von ihrer Nutzung ab. Dieselbe Praxisanregung kann Ausgangspunkt für einen offenen Forschungsprozess sein – oder zu einer Schritt-für-Schritt-Anleitung werden, bei der das Ergebnis von Anfang an feststeht.

Freiburger Forschungsräume: Auf die Haltung kommt es an

Genau hier setzen die Freiburger Forschungsräume an. Ihr vielleicht bekanntester Leitsatz lautet: „Auf die Haltung kommt es an.“

Dieser Satz wirkt zunächst unspektakulär. Tatsächlich steckt darin jedoch eine kleine pädagogische Revolution. Die Freiburger Forschungsräume fragen nicht zuerst, welche Inhalte Kinder lernen sollen. Sie fragen zunächst, wie Erwachsene Kindern begegnen.

Im Mittelpunkt stehen die forschende Haltung des Kindes, das Interesse der Kinder und ein wertschätzender Dialog. Beobachten, Vermuten, Beschreiben und Erklären gehören zusammen. Sprachbildung und naturwissenschaftliches Lernen werden bewusst miteinander verbunden.

Kinder und Erwachsene machen sich gemeinsam auf einen Weg des Fragens, Forschens und Entdeckens. Nicht die richtige Antwort steht im Mittelpunkt, sondern der Denkweg. Damit stehen die Freiburger Forschungsräume in einer Tradition, die eng mit den Arbeiten des Bildungsforschers Prof. Dr. Gerd E. Schäfer verbunden ist. Lernen entsteht demnach aus eigenen Erfahrungen und deren gemeinsamer Reflexion.

Forscherstation Heidelberg: Den Denkwegen der Kinder folgen

Auch die Forscherstation Heidelberg, gegründet von der Klaus Tschira Stiftung, verfolgt einen ähnlichen Ansatz. Dort steht seit Jahren die Frage im Mittelpunkt, wie Erwachsene Kinder beim Denken begleiten können, ohne ihnen die Lösungen vorwegzunehmen.

Die Forscherstation verbindet wissenschaftliche Forschung, Fortbildung und Praxis. Interessant ist dabei vor allem die konsequente Orientierung an den Denkwegen der Kinder. Nicht das Experiment selbst gilt als entscheidend, sondern die Gespräche, Beobachtungen und Schlussfolgerungen, die daraus entstehen.

Damit liegt die Einrichtung erstaunlich nahe an den Positionen internationaler Forscherinnen wie Alison Gopnik oder Prof. Dr. Kathy Hirsh-Pasek.

Vom Experiment zur Beziehung

Hier zeigt sich genau die wichtigste Entwicklung der vergangenen Jahre. Viele Jahre stand in der frühen MINT-Bildung vor allem das Experiment im Mittelpunkt. Heute rückt zunehmend eine andere Frage in den Vordergrund: Was geschieht eigentlich zwischen Kind und Erwachsenem während eines solchen Lernprozesses?

Auffällig ist, dass neuere Forschungsarbeiten vergleichsweise selten über bestimmte Materialien oder Experimente sprechen. Stattdessen beschäftigen sie sich mit Neugier, Problemlösen, Selbstwirksamkeit, Kooperation und Gesprächsprozessen.

Auch Kathy Hirsh-Pasek und ihre Kollegin Prof. Dr. Roberta Golinkoff betonen seit Jahren die Bedeutung spielerischer Lernprozesse. Ihr Fazit lautet – wenig überraschend:

„Spiel ist der wichtigste Weg, auf dem Kinder lernen.“

Mit anderen Worten: Nicht das Experiment allein scheint entscheidend zu sein, sondern die Art und Weise, wie Kinder dabei denken, sprechen und begleitet werden.

Entscheidend: die Qualität der Interaktion

Und wer hat nun recht? Die Antwort lautet: Wahrscheinlich alle ein bisschen und manche ein bisschen mehr.

Die aktuelle Forschung liefert keine Belege dafür, dass völlig freie Lernprozesse grundsätzlich besser wären als gut strukturierte Angebote. Noch weniger aber spricht sie für starre Anleitungen.

Entscheidend scheint etwas anderes zu sein: die Qualität der Interaktion.

Kinder profitieren von Erwachsenen, die zuhören, Fragen aufgreifen, Materialien bereitstellen und Denkprozesse anregen. Sie profitieren weniger von Erwachsenen, die jede Antwort bereits kennen und sie möglichst schnell mitteilen möchten. Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Botschaft der aktuellen MINT-Forschung.

  • Nicht das Experiment steht im Mittelpunkt.
  • Nicht der Roboter.
  • Nicht das Arbeitsblatt.
  • Nicht einmal das Thema.

Im Mittelpunkt steht die Beziehung zwischen einem neugierigen Kind und einem Erwachsenen, der bereit ist, gemeinsam zu staunen.

Die eigentliche Entdeckung

Wer die neueren Studien liest, stößt immer wieder auf dieselbe Erkenntnis: Gute MINT-Bildung hat erstaunlich wenig mit Unterricht im klassischen Sinn zu tun.

  • Sie beginnt dort, wo Kinder Zeit bekommen, eigene Fragen zu verfolgen.
  • Sie wächst dort, wo Erwachsene nicht sofort erklären.
  • Und sie gelingt dort am besten, wo niemand genau weiß, was am Ende herauskommt.

Das ist manchmal anstrengend. Aber wahrscheinlich ist genau das echte Forschung.

Die Zukunft liegt in der pädagogischen Beziehung

Betrachtet man die aktuelle internationale Forschung, die Stiftung Kinder forschen, die Forscherstation Heidelberg und die Freiburger Forschungsräume gemeinsam, dann zeichnet sich ein bemerkenswerter Trend ab:

Die Zukunft der frühen MINT-Bildung liegt vermutlich weniger in immer neuen Materialien und Programmen als in der Qualität der pädagogischen Beziehungen.

Je mehr Forschende über erfolgreiche Lernprozesse herausfinden, desto häufiger rücken Themen wie Gesprächskultur, Selbstwirksamkeit, Kooperation, forschende Haltung und kindliche Neugier in den Mittelpunkt.

Vielleicht ist das die überraschendste Erkenntnis überhaupt:

Die wichtigste Ressource für frühe MINT-Bildung ist nicht Technik.

Es sind Menschen, die gemeinsam mit Kindern staunen können.

Quellen und weiterführende Informationen

Revák, Ildikó Mária et al. (2024): A Systematic Review of STEM Teaching-Learning Methods and Activities in Early Childhood.
https://www.ejmste.com/article/a-systematic-review-of-stem-teaching-learning-methods-and-activities-in-early-childhood-14779

Burns, Sharon et al. (2025): A Systematic Review and Meta-Analysis of Approaches to Teaching Problem-Solving Skills in Early Childhood STEM Activities.
https://bera-journals.onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/rev3.70079

Zviel-Girshin, Rinat et al. (2025): Enhancing Early STEM Engagement: The Impact of Inquiry-Based Robotics Projects on First-Grade Students’ Problem-Solving Self-Efficacy and Collaborative Attitudes.
https://www.mdpi.com/2227-7102/15/10/1404

Lewis Presser, Amanda E. et al. (2025): Preschool and Data Science: Supporting STEM Learning.
https://www.mdpi.com/2227-7102/15/10/1412

Liu, Jing et al. (2025): Forms and Functions Innovation: A Scoping Review of Digital and Intelligence Technologies in Early Childhood Education Practice.
https://link.springer.com/article/10.1007/s44436-025-00010-6

Stiftung Kinder forschen:
https://www.stiftung-kinder-forschen.de

Wissenschaftliche Begleitung der Stiftung Kinder forschen:
https://www.stiftung-kinder-forschen.de/ansatz-wirkung/wissenschaftliche-begleitung/

Freiburger Forschungsräume:
https://www.freiburg.de/pb/627371.html

„Auf die Haltung kommt es an“ – Freiburger Forschungsräume:
https://spielen-und-lernen.online/praxis/freiburger-forschungsraeume-auf-die-haltung-kommt-es-an/

Forscherstation Heidelberg:
https://www.forscherstation.info

TuWaS! – Technik und Naturwissenschaften an Schulen:
https://www.tuwas-deutschland.de

SINUS an Grundschulen:
https://www.sinus-an-grundschulen.de




Wie Kinder wirklich forschen: Warum Förderprogramme oft scheitern

Neugier, Selbstwirksamkeit und eigene Wege – was Kinder für echtes Lernen brauchen und warum gut gemeinte Förderung häufig in die falsche Richtung führt

Kinder sind keine leeren Gefäße, die mit Wissen gefüllt werden müssen. Sie sind von Beginn an aktiv, neugierig und darauf ausgerichtet, ihre Umwelt zu verstehen. Dennoch dominiert in vielen Bildungskontexten noch immer die Vorstellung, Lernen lasse sich durch Anleitung, Programme und möglichst frühe Förderung optimieren. Genau diese Annahme führt regelmäßig in die Irre.

Denn Kinder lernen nicht durch Erklärungen, sondern durch Erfahrung. Sie erschließen sich ihre Welt, indem sie handeln, ausprobieren, scheitern und neu ansetzen. Was trivial klingt, wird im Alltag erstaunlich häufig übergangen.

Dass zu viel Erklärung echte Erkenntnis meist verhindert, gehört seit tausenden von Jahren zum Weltwissen der Menschheit- angefangen bei den chinesischen Weisen Laotzi und Konfuzius über Marcus Tullius Cicero bis hin in die moderne Neurowissenschaft.

Kinder sind von Anfang an Forschende

Wer Kinder beobachtet, erkennt schnell: Forschen beginnt lange vor Schule oder Kindergarten. Säuglinge treten in Beziehung zu ihrer Umwelt, reagieren auf Reize und testen erste Zusammenhänge. Sie lernen, indem sie handeln – nicht indem sie belehrt werden.

Mit wachsender Mobilität wird dieses Verhalten komplexer. Kinder greifen, vergleichen, wiederholen und variieren. Sie entwickeln Hypothesen und überprüfen diese durch eigenes Tun. Dieser Prozess ist hoch effizient, weil er an die innere Motivation gekoppelt ist.

Der oft zitierte Gedanke von Immanuel Kant, den eigenen Verstand zu nutzen, zeigt sich hier ganz konkret: Kinder tun genau das – sofern man sie lässt.

Vom Mythos der frühen Förderung

Ein weit verbreiteter Irrtum besteht darin, dass Kinder möglichst früh systematisch gefördert werden müssten, um später erfolgreich zu sein. Sprachprogramme, Mathetrainings oder naturwissenschaftliche Angebote im Vorschulalter sollen Defizite vermeiden und Kompetenzen sichern.

Die Logik dahinter wirkt plausibel – ist aber verkürzt. Denn sie ignoriert, wie Lernen tatsächlich funktioniert. Wenn Inhalte vorgegeben, Wege festgelegt und Ergebnisse erwartet werden, wird der zentrale Motor von Bildung ausgeblendet: die Eigenaktivität.

Kinder lernen selbstständiges Denken nur, indem sie selbstständig denken. Wer ihnen ständig Lösungen präsentiert, reduziert die Notwendigkeit, eigene zu entwickeln. Dass gleichzeitig über mangelnde Selbstständigkeit oder geringe Anstrengungsbereitschaft geklagt wird, ist daher kaum überraschend – es ist eine direkte Folge dieser Praxis.

Autonomie ist kein pädagogisches Extra

Kinder haben ein grundlegendes Bedürfnis nach Autonomie. Sie wollen nicht nur teilnehmen, sondern gestalten. Dieses Bedürfnis ist keine Phase, sondern ein zentraler Bestandteil menschlicher Entwicklung.

Wird es eingeschränkt – etwa durch permanente Anleitung oder durch überstrukturierte Lernangebote –, verliert Lernen an Tiefe. Kreativität, Problemlösefähigkeit und Forschergeist entstehen nicht durch Vorgaben, sondern durch Handlungsspielräume.

Der Pädagoge Friedrich Wilhelm Fröbel formulierte bereits im 19. Jahrhundert, dass Bildung aus dem Menschen heraus entwickelt werden müsse. Diese Perspektive steht im deutlichen Gegensatz zu vielen aktuellen Förderlogiken.

Neugier als Motor – und als Risiko

Neugier ist der Ausgangspunkt jedes Lernprozesses. Der Meeresforscher Jacques-Yves Cousteau beschrieb Wissenschaft als einen neugierigen Blick auf die Welt – ein Bild, das sich unmittelbar auf Kinder übertragen lässt.

Doch Neugier ist fragil. Wird sie durch ständige Belehrung ersetzt, verliert sie an Kraft. Kinder, denen früh alles erklärt wird, stellen weniger Fragen. Sie gewöhnen sich daran, Antworten zu bekommen, statt sie zu suchen, und bemühen sich nicht mehr darum.

Auch Albert Einstein betonte, dass seine Stärke nicht in besonderer Begabung lag, sondern in anhaltender Neugier. Genau diese Haltung lässt sich bei Kindern beobachten – solange sie Raum dafür bekommen.

Lernen mit allen Sinnen

Kinder begreifen die Welt wörtlich. Sie müssen Dinge anfassen, bewegen, riechen, hören und sehen, um sie zu verstehen. Lernen ist ein körperlicher, sinnlicher Prozess.

Wird dieser durch abstrakte Vermittlung ersetzt, bleibt Wissen oberflächlich. Es fehlt die Verankerung in Erfahrung. Moderne neurobiologische Forschung bestätigt, dass nachhaltiges Lernen eng an aktive Auseinandersetzung gebunden ist.

Die Reformpädagogin Maria Montessori formulierte es präzise: Interesse entsteht dort, wo eigene Entdeckungen möglich sind. Ohne diese Möglichkeit verliert Lernen seinen inneren Antrieb.

Die Kunst des Begleitens

Wenn Kinder natürliche Forschende sind, verändert sich die Rolle der Erwachsenen grundlegend. Sie sind nicht primär Vermittler von Wissen, sondern Gestalter von Lernumgebungen.

Das bedeutet: beobachten, Raum geben, Impulse setzen – aber nicht vorwegnehmen. Für viele Erwachsene ist genau das die größte Herausforderung. Sie kennen die „richtige“ Lösung und müssen dennoch akzeptieren, dass Kinder ihren eigenen Weg dorthin finden.

Der Gedanke von Jean-Jacques Rousseau, dass Entwicklung Zeit braucht, ist dabei zentral. Eingriffe zur falschen Zeit können Lernprozesse eher stören als fördern.

Forschen geschieht im Spiel

Für Kinder ist Forschen kein didaktisches Format. Es ist Teil ihres Spiels. Ob Wasser umgefüllt, ein Turm gebaut oder ein Käfer beobachtet wird – all das sind komplexe Lernprozesse.

Diese Prozesse sind offen, nicht standardisiert und oft nicht planbar. Genau deshalb sind sie so wirksam. Sie verbinden kognitive, motorische und emotionale Erfahrungen zu einem ganzheitlichen Verständnis.

Der Schriftsteller Wilhelm Busch brachte es treffend auf den Punkt: Wer nur vorgegebene Wege geht, entwickelt keine eigenen. Für Kinder gilt das in besonderem Maß.

Bildung lässt sich nicht beschleunigen

Die Vorstellung, Lernen könne effizienter gestaltet werden, führt immer wieder zu neuen Programmen, Konzepten und Methoden. Doch Lernen ist kein linearer Prozess. Es verläuft in Schleifen, Umwegen und individuellen Rhythmen.

Versuche, diesen Prozess zu standardisieren, führen häufig dazu, dass genau das verloren geht, was Lernen wirksam macht: die persönliche Auseinandersetzung.

Kinder brauchen Zeit, um Zusammenhänge zu verstehen. Sie brauchen Gelegenheiten, Fehler zu machen und daraus zu lernen. Und sie brauchen Erwachsene, die diesen Prozess aushalten.

Kinder forschen nicht nach Plan. Sie folgen ihrer Neugier, entwickeln eigene Fragen und finden individuelle Antworten. Bildungsprozesse, die das ernst nehmen, wirken oft unspektakulär – sind aber nachhaltig.

Die eigentliche Herausforderung liegt daher nicht darin, Kinder besser zu fördern, sondern sie sinnvoll zu begleiten und ihnen dabei weniger im Weg zu stehen.

Gernot Körner




Bildungsgerechtigkeit beginnt mit Begeisterung

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Wo Neugier den Funken entfacht: Experinauten Club Freiburg

Wenn Kinderaugen leuchten, weil eine selbst gebaute Brücke tatsächlich hält, steckt weit mehr dahinter als nur ein gelungenes Experiment. Der Experinauten Club in Freiburg im Breisgau schafft genau solche Momente und eröffnet Kindern neue Zugänge zur Welt der Naturwissenschaften. Das Angebot richtet sich gezielt an Schülerinnen und Schüler der dritten und vierten Klassen, die bislang wenig Berührungspunkte mit Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik hatten. Spielerisch und mit viel Raum für eigene Entdeckungen entwickeln sie hier Neugier und Selbstvertrauen, zwei entscheidende Bausteine für mehr Bildungsgerechtigkeit.

Gefördert wird das Projekt von der Klaus Tschira Stiftung, die sich seit vielen Jahren für bessere Bildungschancen engagiert und insbesondere naturwissenschaftliche Kompetenzen stärkt.

Vom Schulprojekt zum nachhaltigen Bildungsangebot

Seinen Ursprung hat der Club im Projekt „Experinauten machen Schule“, das seit 2022 erfolgreich an zahlreichen Grundschulen umgesetzt wird. In praxisnahen Workshops werden Kinder frühzeitig für naturwissenschaftliche Themen begeistert und zum eigenständigen Denken angeregt. Der Experinauten Club knüpft daran an und vertieft dieses Angebot gezielt in der Nachmittagsbetreuung.

Vor allem Kinder aus sozioökonomisch benachteiligten Stadtteilen profitieren von diesem Ansatz, da sie hier unabhängig von ihren Voraussetzungen die Möglichkeit erhalten, sich aktiv mit naturwissenschaftlichen Fragestellungen auseinanderzusetzen. So entsteht ein Lernraum, der frei von Leistungsdruck ist und gleichzeitig nachhaltige Lernerfahrungen ermöglicht.

Lernen durch Ausprobieren und Verstehen

Im Mittelpunkt steht das eigenständige Forschen. Die Kinder bauen, testen, verwerfen Ideen und entwickeln neue Lösungswege. Themen wie Magnetismus, Strom oder Mechanik werden nicht abstrakt vermittelt, sondern konkret erfahrbar gemacht. Ob beim Bau von Kritzelrobotern oder stabilen Brücken – jedes Projekt fordert Kreativität, Ausdauer und Zusammenarbeit.

Gerade das Scheitern wird dabei zu einem wichtigen Bestandteil des Lernprozesses. Indem die Kinder Lösungen immer wieder überdenken und verbessern, erleben sie, dass Fortschritt oft aus Fehlern entsteht. Gleichzeitig stärken sie ihre Fähigkeit, Probleme selbstständig zu lösen und im Team zu arbeiten. Sprachliche Barrieren treten dabei in den Hintergrund, sodass insbesondere Kinder mit geringen Deutschkenntnissen von diesem handlungsorientierten Ansatz profitieren.

Freude am Lernen als Schlüssel zum Erfolg

Die Nachmittage im Experinauten Club sind geprägt von Neugier, Begeisterung und dem Stolz auf das eigene Ergebnis. Die Workshopleitungen berichten von einer offenen und unterstützenden Atmosphäre, in der sich die Kinder schnell wohlfühlen und Vertrauen entwickeln.

Begleitende Evaluationen zeigen, dass die Rahmenbedingungen an den Schulen zwar unterschiedlich sind, der positive Effekt auf die Kinder jedoch konstant bleibt. Selbst nach einem langen Schultag sind sie motiviert, aktiv teilzunehmen und sich auf neue Experimente einzulassen. Entscheidend ist dabei die Kombination aus fachlicher Begleitung und einem respektvollen Miteinander, das Zusammenarbeit fördert und individuelle Stärken sichtbar macht.

Selbstvertrauen stärken und Zukunft gestalten

Ein zentraler Erfolgsfaktor ist die enge Zusammenarbeit mit Schulkindbetreuungen und pädagogischen Fachkräften, die die Kinder kontinuierlich begleiten und unterstützen. Dadurch entsteht eine stabile Lernumgebung, in der sich die Kinder entfalten können.

Die positiven Effekte sind deutlich spürbar. Die Kinder entwickeln Vertrauen in ihre eigenen Fähigkeiten, erleben Selbstwirksamkeit und entdecken Freude am naturwissenschaftlichen Denken. Diese Erfahrungen können ihren weiteren Bildungsweg nachhaltig beeinflussen und neue Perspektiven eröffnen.

Langfristig trägt der Experinauten Club dazu bei, Bildungsbarrieren abzubauen und gesellschaftliche Teilhabe zu stärken. Die Kinder erfahren, dass ihre Ideen zählen und dass sie Herausforderungen eigenständig meistern können. Mit jedem Experiment wachsen nicht nur Wissen und Kompetenzen, sondern auch Mut und Selbstvertrauen. Ein Ansatz, der zeigt, wie wirkungsvoll frühzeitige Förderung sein kann.

Bisher gab es Kooperationen mit 19 Schulen.

Anmeldung:

Wollen Sie mit ihrer Schule aus dem Raum Freiburg mitmachen? Dann schreiben Sie eine Mail an hallo@experinauten.com!

Weitere Informationen unter: www.experinauten.com

Quelle: Pressemitteilung Klaus Tschira Stiftung




Zwischen Wurzeln und Flügeln: Selbstständigkeit gezielt fördern

auf die flügel kommt es an

Wie Kinder durch Orientierung, Vertrauen und Freiräume wachsen

Herbert Renz-Polster, Kinderarzt und ein international weithin bekannter Wissenschaftler, der sicherlich vielen Fachkräften zum Beispiel durch seine Bücher „Mit Herz und Klarheit“, „Kinder verstehen“, „Demokratie braucht Erziehung“, „Menschenkinder“ oder „Die Kindheit ist unantastbar“ bekannt ist, wendet sich in seinem neuesten Buch der Frage zu, wie Kinder sowohl eine sichere Bindung als auch eine authentisch gefestigte und vor allem nachhaltige Selbstständigkeit entwickeln können.

Inhaltschwerpunkte und zentrale Aussagen

Das Buch greift ein grundlegendes Spannungsfeld der Pädagogik auf. Einerseits benötigen Kinder für ihre förderliche Entwicklung Nähe, ein grundlegendes Empfinden von Sicherheit und verlässliche Bindung, andererseits auch Zeit und Platz für Freiräume, um eigene Erfahrungen machen zu können und damit Selbstständigkeit und soziale Kompetenzen zu entdecken, aufzubauen, zu entwickeln und zu festigen. Diese beiden Seiten beschreibt Renz-Polster symbolisch mit den Begriffen „Wurzeln“ und „Flügel“. Während die bedürfnisorientierte Erziehung in den vergangenen Jahren vor allem die „Wurzeln“ betont hat, rückt der Autor nun die Bedeutung der „Flügel“ stärker in den Betrachtungsmittelpunkt. Mit „Wurzeln“ sind Sicherheit, emotional spürbare Nähe sowie Bindungserlebnisse gemeint, und „Flügel“ stehen symbolisch für Eigenverantwortung, Autonomie, Selbstständigkeit sowie soziale Kompetenz.

Der erste Teil des Buches widmet sich den Entwicklungsbedürfnissen von Kindern. Dabei erläutert der Autor, wie Selbstregulation, emotionale Reifung und soziale Kompetenzen entstehen. Es wird deutlich, dass Kinder schon in frühen Jahren lernen müssen, eigene Erfahrungen zu machen und Herausforderungen zu bewältigen, um eigene Kompetenzen wahrzunehmen, die auch später zu Selbstverantwortung führen.

Der zweite Teil enthält sogenannte „Flügelimpulse“ – praktische Denkanstöße und Orientierungen für den Alltag von Kindern im Kommunikations- und Interaktionsgeschehen mit Erwachsenen. Diese sollen verdeutlichen, wie Kinder in unterschiedlichen Alltagssituationen entwicklungsförderlich begleitet werden können, ohne sie zu stark zu dirigieren bzw. zu kontrollieren oder vor möglichen Gefahren im Sinne einer Überbehütung zu schützen.

Das zentrale Anliegen des Autors ist es, das Verständnis von einer reinen Bedürfnisorientierung weiterzuentwickeln. Kinder sollen das Vertrauen in sich entdecken, als Akteur tätig werden zu können, selbstständig zu handeln und Verantwortung für sich selbst und gleichzeitig auch für die Folgen ihres Handelns zu übernehmen. Auch wenn sich das Buch mit erster Priorität an Eltern wendet, wobei z. B. typische Herausforderungen im Alltag wie Konflikte in der Autonomiephase, Wutanfälle und mangelnde Kooperation aufgegriffen werden, treffen die Erklärungen und hilfreichen Handlungsimpulse selbstverständlich auch für das Alltagsgeschehen in der Elementarpädagogik zu.

Dem Buch liegen vier zentrale Botschaften zugrunde:

(1) Kinder brauchen neben Nähe und Verständnis auch eine klare Orientierung, um eigene Bedürfnisse und werteorientierte Handlungsnotwendigkeiten miteinander in Beziehung zu setzen.
(2) Kinder brauchen vielfältige und praktisch erlebbare Erfahrungen, um ein möglichst hohes Maß an Selbstständigkeit in der Gegenwart und für die Zukunft auf- und ausbauen zu können.
(3) Ängstlichkeit und Misstrauen der Erwachsenen beschneiden die Erfahrungswelt der Kinder und schwächen gleichzeitig deren Selbstvertrauen und Selbstwirksamkeit. Entsprechend sollten Erwachsene den Kindern mehr zutrauen, ohne dabei Überforderungen zu erzeugen. Kinder wollen etwas leisten, sich selbst als wirksam erleben – und dieses Empfinden muss für sie erfahrbar sein.
(4) Freiheit und Struktur sind ein vernetztes Ganzes, um sowohl eine Laissez-faire-Pädagogik als auch eine autokratische Vorgabepädagogik zu vermeiden. Loslassen, Begleiten und ein demokratisch strukturiertes, entwicklungsförderlich sinnvolles Setting sorgen für eine ausgewogene Balance zwischen Selbstwirksamkeit und einem wertedurchsetzten Sicherheitsgefüge.

Verständlich und klar strukturiert

Das Buch überzeugt einerseits durch seine verständliche Sprache und andererseits durch seine klare Struktur, wie man es auch aus den anderen Büchern des Autors kennt. Renz-Polster verbindet anschauliche Beispiele aus dem Zusammenleben von Kindern und Erwachsenen mit wissenschaftlichen Erkenntnissen und persönlichen Erfahrungen, was das Buch lebendig erscheinen lässt. Dadurch ist das Werk praxisnah und auch für Leserinnen und Leser ohne große pädagogische Vorkenntnisse zugänglich und zugleich informativ.

Renz-Polster gelingt es, ein ausgewogenes Gleichgewicht zwischen Bindung und Selbstständigkeit und damit eine gelingende Autonomieentwicklung darzustellen. Es werden keine starren Erziehungsregeln aufgestellt; vielmehr lädt das Buch zur Reflexion eigener Einschätzungen und Handlungsmuster ein. Seine „Flügelimpulse“ regen dazu an, die eigene Haltung als aktive und zugleich engagierte Entwicklungsbegleiter*in selbstkritisch zu hinterfragen und reflektiertere Entscheidungen im Alltagshandeln zu treffen. Wer nach klaren Handlungsvorgaben, Anweisungen, Rezepten oder Schritt-für-Schritt-Anleitungen sucht, wird hier nicht fündig; stattdessen setzt der Autor auf Haltung, Verständnis und langfristige Orientierung.

Angesichts aktueller Ergebnisse aus der Erziehungsforschung zu Überbehütung und Leistungsdruck im pädagogischen Alltag liefert der Autor einen wichtigen Beitrag zur Frage, wie Kinder in einer zunehmend kontrollierten Lebenswelt ausreichend Freiraum für eigene Erfahrungen erhalten können, um nachhaltig gut auf ihr späteres Leben vorbereitet zu sein.

Armin Krenz

Bibliografie

auf die flügel kommt es an cover

Auf die Flügel kommt es an.
Wie Eltern Orientierung geben und Kinder selbstständig werden.

Beltz Verlag, Weinheim 2026.
207 Seiten, 20,00 €.
ISBN: 978-3-407-86921-0




Mitbestimmung stärkt Demokratie und Motivation in Schule und Ganztag

Neue Studie: Wo Lernende mitentscheiden, wachsen Motivation, Selbstwirksamkeit und Demokratiekompetenzen – besonders im Ganztag

Schulen sind mehr als Lernorte – sie sind Erfahrungsräume für demokratisches Handeln. Das zeigt die aktuelle Meldung „Schulen können die Demokratie noch stärker machen – wenn sie richtig unterstützt werden“, die neue Daten zur Beteiligung von Schüler:innen zusammenfasst (zur Meldung). Dort, wo Lernende mitbestimmen, sind demokratische Kompetenzen und empfundene Selbstwirksamkeit stärker ausgeprägt – besonders in Ganztagsschulen.

„Unsere Demokratie braucht engagierte junge Menschen, die gelernt haben, ihre Stimme zu erheben, unterschiedliche Perspektiven einzubeziehen und Kompromisse zu finden.“

(Brigitte Mohn)

Was die Daten zeigen

Die Studie „Demokratisierung des Lernens in Schule“ macht deutliche Lücken sichtbar: 63 % der Befragten können selten oder nie über Unterrichtsthemen mitbestimmen, 55 % haben kaum Einfluss auf Methoden und Materialien, 41 % geben an, Lehrkräften selten oder nie Feedback zum Unterricht mitteilen zu können. Nur etwa die Hälfte glaubt, Entscheidungen beeinflussen zu können, die die gesamte Schule betreffen. Besonders in Gymnasien ohne Ganztag erleben Jugendliche wenig Mitbestimmung (Studienhinweis in der Meldung).

Mitbestimmung wirkt – im Unterricht und darüber hinaus

Wissenschaftlich gut belegt ist: Beteiligung stärkt Motivation und Verantwortung. Wenn Lernende mitentscheiden dürfen, was und wie sie lernen, fühlen sie sich ernst genommen – Unterricht lässt sich passgenauer zuschneiden, was Bildungserfolg und Chancengleichheit erhöht.

„Eine zukunftsfähige Schule ist ohne Beteiligung nicht mehr vorstellbar.“

(Arne‑Christoph Halle)

„Den Auftrag, junge Menschen für das Leben in einer sich schnell verändernden Gesellschaft vorzubereiten, können Schulen nur erfüllen, wenn sie sich selbst verändern. Dafür brauchen sie die politische Rückendeckung, die Mittel und die nötigen Freiheiten.“

(Arne‑Christoph Halle)

Empfehlungen: Freiräume, Feedback, Beteiligungsrechte

Die Befunde sind mit klaren Empfehlungen verknüpft: Feedback von Schüler:innen verbindlich und regelmäßig einbeziehen – etwa durch digitale Befragungen, wie sie in kommunalen Monitorings erprobt sind (z. B. UWE – Umwelt, Wohlbefinden und Entwicklung). Dazu gehören mehr Freiheiten in der Unterrichtsgestaltung und flexiblere Lehrpläne sowie eine Lern- und Prüfungskultur, in der Lernende mitbestimmen, was und wie sie lernen (Hintergründe und Materialien u. a. im Schulbereich von jungbewegt). Zentral ist die Qualifizierung von Schulleitungen und Lehrkräften, damit Beteiligung sinnvoll umgesetzt werden kann. Mitbestimmungsrechte der Schülervertretungen sollten gestärkt und enger in schulpolitische Diskussionen eingebunden werden. Für konkrete Situationen zeigt das multimediale Angebot Demokratiekosmos Schule (DEKOS), wie pädagogische Teams bei Antisemitismus und Rechtsextremismus sicher reagieren und demokratische Kultur im Alltag verankern können.

Gelebte Demokratie sichtbar machen

Wie Schulen Demokratie bereits sichtbar leben, illustrieren Auszeichnungen und Initiativen. Ein aktueller Bezugspunkt ist der Themenpreis Demokratiebildung im Rahmen des Deutschen Schulpreises – er würdigt Schulen, die Demokratie vorbildlich in ihren Alltag integrieren.

Studie und Methodik

Die Ergebnisse beruhen auf einer repräsentativen Online‑Befragung von 1.044 Schüler:innen an allgemeinbildenden Schulen (Alter 12–16 Jahre); Erhebungszeitraum: 8. November bis 1. Dezember 2024 (Details zur Erhebung in der Meldung). Ergänzende Materialien finden sich in den Projektseiten von jungbewegt sowie in thematischen Dossiers.

Mehr Inhalte der Bertelsmann Stiftung zum Thema:

Über die Bedarfe von Kindern und Jugendlichen sowie die aus ihrer Sicht wichtigen Faktoren für gutes Lernen:

Kinder und Jugendliche wollen dazugehören – und wissen, was sie dafür brauchen

Über die Ansichten junger Menschen zu ihren Ausbildungschancen:

Risiko für den Berufsweg: Viele Schüler:innen wollen erst arbeiten, statt Ausbildung zu beginnen

Über das Potenzial von Gaming-Communitys für die Demokratieförderung:

Das demokratische Potenzial von Gaming-Communitys besser nutzen

Über die Bereitschaft junger Menschen zu politischem Engagement:

Mehr Engagement junger Menschen ist möglich – wenn sie sich ernst genommen fühlen




Dein SelbstSicheres Kind: Innere Stärke und Selbstschutz lernen

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Praxisratgeber von Frieder Knauss – Selbstbewusstsein, Grenzen, Deeskalation

Wie erziehen wir Kinder zu selbstbewussten, resilienten und handlungsfähigen Persönlichkeiten? Dieser praxisorientierte Ratgeber bietet Eltern, Erziehenden und pädagogischen Fachkräften fundiertes Wissen und alltagstaugliche Methoden, ihre Kinder nachhaltig zu stärken – innerlich wie äußerlich. Er begleitet sie Schritt für Schritt durch die zwei zentralen Säulen kindlicher SelbstSicherheit:

  • Innere Stärke – mit Fokus auf Selbstbewusstsein, Selbstwertgefühl und Selbstwirksamkeit
  • Äußere Sicherheit – mit Strategien zur Prävention, Selbstbehauptung und altersgerechten Selbstverteidigung

Dieses besondere Buch kombiniert aktuelle Erkenntnisse aus der Psychologie und Pädagogik mit den Prinzipien moderner Selbstverteidigung (Ju-Jutsu) – ganz ohne Angstmache, dafür mit viel Herz, Klarheit und Erfahrung.

✔️ Für Kinder ab dem Kindergartenalter
✔️ Mit praktischen Übungen für Zuhause, Schule & Alltag
✔️ Ideal zur Vorbereitung auf Selbstbehauptungs- und Präventionskurse
✔️ Wertvoll für Eltern, Lehrkräfte, Erzieher*innen und Trainer*innen

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Zentral sind zwei leicht anwendbare Modelle: das SelbstSicherheits-Dreieck (SelbstBewusstsein, SelbstWertGefühl, SelbstWirksamkeit) und die SelbstSicherheits-Ampel, die kindgerecht zeigt, wie Konflikte erkannt, deeskaliert und – wenn nötig – entschlossen bewältigt werden. Übungen, Gesprächsimpulse und Szenarien machen den Transfer in den Alltag sofort möglich.
SelbstSicherheit bedeutet nicht, keine Angst zu haben – sondern mit Angst umgehen zu können“, betont Knauss. Der Ansatz stärkt Resilienz, fördert respektvolle Kommunikation und bietet klare Alternativen zur frühen Bildschirmablenkung.

USP für den Handel

  • Doppelkompetenz: Präventionsexperte & Ju-Jutsu-Trainer mit langjähriger Praxis
  • Sofort umsetzbar: klare Modelle, Schritt-für-Schritt-Übungen, Eltern- & Teamtauglich
  • Ganzheitlich: innere Stärke und äußere Sicherheit, ohne Angstrhetorik
  • Breite Zielgruppe: Eltern, Erzieher:innen, Lehrkräfte, Trainer:innen, Beratungsstellen
  • Programmfähig: ideal für Tische „Erziehung“, „Resilienz“, „Medien & Prävention“

Zielgruppen & Einsatz

Eltern (ab Kindergartenalter), Großeltern, Kita/Krippe/Frühförderung, Grundschule, Sportvereine, Beratungsstellen; Elternabende, Teamfortbildungen, Präventionswochen.

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Frieder Knauss ist Fachwirt für Konfliktmanagement und Selbstverteidigung, Mediator (Steinbeis) und Theaterpädagoge BuT®. Seit über 15 Jahren begleitet er Kinder, Jugendliche und Erwachsene als Trainer und Seminarleiter auf dem Weg zu mehr Selbstsicherheit und Konfliktfähigkeit.

Mit dem 4. Dan im Ju-Jutsu, der höchsten Trainerlizenz (Trainer A) sowie als Kursleiter in den Programmen „Nicht mit mir!“ und „FrauenSelbstSicherheit“ bringt er umfassende Praxiserfahrung aus der Gewaltprävention mit. Als zertifizierter Kinderschutzbeauftragter im Sportverein engagiert er sich für sichere Entwicklungsräume. Er ist Vater von zwei Kindern und lebt mit seiner Familie in Kirchheim unter Teck

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Frieder Knauss
Dein SelbstSicheres Kind

Wie Sie die Entwicklung von Selbstsicherheit und Selbstbewusstsein praktisch unterstützen
120 Seiten,
4-fbg. Fotos und Abb.,
14,8 x 21,0 cm
ISBN: 978-3-96304-073-3
20 € [D], 20,60 € [A]