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Eine packende und aufwühlende Drogenfamiliengeschichte

Pierre Monnards „Platzspitzbaby“ ist eben auf DVD erschienen – zudem gibt es Schulmaterial

Viel ist von der so genannten „Mutterliebe“ die Rede. Aber wer spricht von der Liebe der Kinder zu ihren Eltern? Schließlich ist das immer und jederzeit eine bedingungslose Liebe, die Kinder dazu bewegt, ihre Eltern schützen zu wollen. Das ist eine der Ursachen dafür, warum Kinder bei Schicksalsschlägen in der Familie wie bei schweren Krankheiten, Tod oder Scheidung besonders leiden. Schließlich hatten sie keine Chance zu helfen.

Genau so eine Geschichte ist jene der elfjährigen Mia. Sie zieht mit ihrer Mutter Sandrine weg aus der Züricher Drogenszene in eine Kleinstadt im nahegelegen Oberland. Zu nahe, wie sich bald herausstellt: Denn als Sandrine am neuen Wohnort auf alte Bekannte stößt, greift sie auch bald wieder zu harten Drogen.

Warum „Platzspitzbaby“

Pierre Monnard erzählt von nun ab in seinem Film „Platzspitzbaby“ Mias Geschichte, die verzweifelt und hartnäckig nach Wegen sucht, ihre Welt und damit auch die Welt der Mutter wieder zu heilen. Das Drehbuch von André Küttel ist angelehnt an die Autobiographie von Michelle Halbheer, die mit Unterstützung der Journalistin Franziska K. Müller ihre Kindheitserinnerungen und damit auch ihre Beziehung zu ihrer Mutter in dem Roman aufarbeitet. Dabei kommt der ungewöhnliche Name des Buches und des Films auch nicht von ungefähr. Platzspitz heißt ein kleiner Park beim Züricher Hauptbahnhof, der in den 80er Jahren zum berüchtigten Treffpunkt von Drogensüchtigen und Dealern mutierte. Und die Hauptdarstellerin des Films, die elfjährige Mia ist eben das „Baby“ dieser Drogenszene.

Schockierend, bedrückend, lebensnah

Im Roman wie im Film flüchtet das Mädchen in eine Phantasiewelt mit einem „heimlichen Freund“, sie versucht für ihre Mutter und sich Geld aufzutreiben und sie übernimmt die Rolle des Familienoberhaupts. Es ist ein verzweifeltes und anrührendes Agieren. Trost dabei spendet, dass Mia neue Freunde findet, die sie jedoch wieder verliert, um sich am Ende selbst zu finden.

Es ist eine schockierende, bedrückende Welt, die Monnard gelungen und glaubwürdig inszeniert. Szenenbild und Ausstattung versetzen das Publikum in die 90er Jahre, die das Kamerateam um Darran Bragg gelungen einfängt. Der Film ist unterlegt mit den meist warmen Melodien von Matteo Pagamici.

Aufwühlend und grundlegend

In dieser Szenerie agieren die beiden Hauptdarstellerin Luna Mwezi als Mia und Sarah Spale als deren Mutter in beeindruckender Weise. Beide sind in jedem Moment glaubwürdig und spielen großes emotionales Kino, das sein Publikum packt und in jeder Situation mitreißt.

Monnard, der schon mit der Serie Wilder und Recycling Lily beeindruckte, ist hier ein tiefgründiger, facettenreicher und ergreifender Film gelungen, der seinen Zuschauern ein aufwühlendes Erlebnis verbunden mit grundlegenden Fragestellungen vermittelt.

Eben ist die DVD in einer für den deutschen Markt synchronisierten Fassung erschienen.

Schulmaterial

Zusammen mit der Pädagogischen Hochschule Luzern wurde ein spezielles Schulprogramm entwickelt, welches für die Sekundarstufe I und II vorgesehen ist. Mögliche Bezüge können zu den Fachbereichen „Räume, Zeiten, Gesellschaft“, „Wirtschaft, Arbeit, Haushalt“ und „Ethik, Religionen, Gemeinschaft“ des Lehrplans 21 gemacht werden. Genauere Beschreibungen zur Einbettung in den Unterricht sind in der Lehrerhandreichung zu finden.

Gekoppelt an die Filmwebseite (www.platzspitzbaby.ch), bietet das Schulmaterial einen multimedialen Zugang, um sich dem Thema zu erschließen. Originalaufnahmen der 80er und 90er Jahre, Sequenzen des Spielfilms verbunden mit Interviews mit Zeitzeugen (u.a. auch dem damaligen Stadtpräsidenten Josef Estermann) schaffen eine attraktive Plattform, die es den Jugendlichen ermöglicht, sich Fachwissen anzueignen und sensibilisiert zu werden im Umgang mit Drogen und Suchtbetroffenen. Fragen und Aufgaben zu den Filmsequenzen und Textpassagen regen die Schülerinnen und Schüler zusätzlich an, das Thema selbstständig weiterzudenken und Verbindungen zu ihrer eigenen Lebenswelt zu machen.

Das gesamte Schulmaterial ist auf https://www.platzspitzbaby.ch/de/schulmaterial/ abrufbar.

Filmographie:

Platzspitzbaby
Regie: Pierre Monnard
Darsteller: Luna Mwezi als Mia, Sarah Spale als Sandrine
Produktionsjahr: 2020/Schweiz
Genre: Drama
Filmlänge: ca. 96 Minuten
FSK: 12 Jahre

Gernot Körner

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