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Bildungssystem? Und es bewegt sich doch!

Nationaler Bildungsbericht widmet sich dem Schwerpunkt Bildungspersonal

Die Präsidentin der Kultusministerkonferenz (KMK) und Bildungsministerin in Schleswig-Holstein, Karin Prien, und die Bundesministerin für Bildung und Forschung, Bettina Stark-Watzinger, haben gemeinsam mit dem Sprecher der Autorengruppe, Prof. Dr. Kai Maaz (DIPF | Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation), den Bericht „Bildung in Deutschland 2022“ vorgestellt. Der nunmehr neunte Bildungsbericht beschreibt die Gesamtentwicklung des deutschen Bildungswesens und widmet sich in seinem Schwerpunkt dem Bildungspersonal. Der Bildungsbericht erscheint alle zwei Jahre.

Der aktuelle Bericht bestätigt die positiven Entwicklungen im deutschen Bildungssystem:

  • Die Ausgaben für Bildung, Forschung und Wissenschaft betrugen im Jahr 2020 241 Milliarden Euro. Das entspricht 7,2 % am BIP und einer Steigerung von 0,5 Prozentpunkten gegenüber 2019. Die Ausgaben je Schülerin bzw. Schüler liegen mit 14.200 US-Dollar über dem OECD-Durchschnitt von 11.800 US-Dollar.
  • Die Zahl der Bildungsteilnehmerinnen und -teilnehmer stieg gegenüber 2010 um 4 % (das entspricht 600.000 Personen). Dieser Zuwachs lässt sich auf vorübergehend hohe Geburtenzahlen, Zuzüge aus dem Ausland sowie dem Trend zum lebenslangen Lernen zurückführen.
  • Der Anstieg in der Bildungsbeteiligung geht 2020 mit einer Zunahme formaler Bildungseinrichtungen um 4 % (entspricht + 4.000 Einrichtungen) gegenüber 2010 einher. Dieser Ausbau erfolgt insbesondere im Bereich der Kindertagesbetreuung und der Hochschulstandorte.
  • Der langfristige Trend zur Höherqualifizierung setzt sich fort: Im Jahr 2020 verfügten 26 % der Bevölkerung über einen höheren beruflichen oder akademischen Abschluss (+ 5 Prozentpunkte gegenüber 2010).
  • Eine besondere Herausforderung für das Bildungssystem stellt nach wie vor der Anteil Erwachsener ohne beruflichen Abschluss oder Hochschulreife in der Bevölkerung dar. Dieser ist insbesondere bei Menschen mit Migrationshintergrund überdurchschnittlich hoch. Der Bericht zeigt hier jedoch auch, dass es den meisten dieser Menschen gelingt, einen Abschluss nachzuholen: Unter den 20-Jährigen sind nur 1,5% ohne Abschluss.
  • Die Zahl der Kinder, die in der Kindertagesbetreuung waren, lag 2021 in der Gruppe der 3- bis unter 6-Jährigen bei rund 92 %. In der Altersgruppe der unter 3-Jährigen ist die Beteiligungsquote in den letzten 10 Jahren um etwa 10 Prozentpunkte auf 34 % gestiegen.
  • Die zunehmende Bedeutung der Frühen Bildung zeigte sich insbesondere während der pandemiebedingten Einschränkungen der Betreuungsmöglichkeiten. Es wird davon ausgegangen, dass sich die Bildungsungleichheit durch den teilweisen Ausfall der frühen institutionellen Bildung verstärkt hat. In besonderem Maß betrifft dies die Sprachbildungs- und Fördermaßnahmen von Kindern, die in Familien mit nichtdeutscher Familiensprache aufwachsen.
  • Sowohl das Angebot der Ganztagsbetreuung als auch deren Inanspruchnahme nehmen deutlich zu. Im Schuljahr 2020/21 sind 71 % aller Schulen Ganztagsschulen. Im Jahr 2005/06 traf dies lediglich auf 28 % aller Schulen zu. Über die Hälfte aller Grundschulkinder (1,62 Millionen) nutzten im Schuljahr 2020/21 Ganztagsbetreuung in Schulen. Zugleich ist davon auszugehen, dass der Bedarf an Ganztagsangeboten weiter steigt und in den nächsten 10 Jahren mehr als 500.000 zusätzliche Plätze (insbesondere in den alten Bundesländern) benötigt werden.
  • Herausforderungen in der beruflichen Ausbildung bestehen derzeit insbesondere durch fehlende Fachkräfte, Passungsprobleme und eine höhere Abbruchquote bei bestimmten sozialen Gruppen, aber auch durch die gestiegenen Unsicherheiten beim Berufseinstieg.
  • Die hohe Studiennachfrage hält weiter an. Nach vorläufigen Berechnungen lag die Anzahl der Studienanfängerinnen und -anfänger im Jahr 2020 zum siebten Mal in Folge über einer halben Million.
  • Bildungsverläufe in Deutschland sind sehr heterogen. Die Flexibilisierung und Öffnung des Bildungssystems ermöglichen vielfältige Bildungsbiografien. Die Flexibilisierung und die Öffnung des Bildungssystems schaffen neue Möglichkeiten zum Wechsel der Schulart sowie Nachholen von Abschlüssen. Dies ermöglicht eine stärkere individuelle Lebensgestaltung. Bei Bildungswegen und -übergängen zeigen sich dennoch migrationsspezifische sowie soziale Disparitäten.
  • Geschlechtsspezifische Disparitäten am Arbeitsmarkt bleiben bestehen: Trotz der verbesserten Rahmenbedingungen für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf und der gestiegenen Nachfrage in frauendominierten Berufen (z. B. im Gesundheits- und Sozialbereich), liegt die Erwerbsbeteiligung von Frauen unter der von Männern. Dies betrifft insbesondere Frauen mit niedrigem Bildungsabschluss.

Das Schwerpunktkapitel zum Bildungspersonal kommt zu folgenden zentralen Befunden:

  • Die Zahl der im Bildungswesen Beschäftigten hat seit 2010 kontinuierlich zugenommen (+ 20 %). Der größte Zuwachs bis zum Jahr 2020 ist in der Frühen Bildung (+ 75 %) und an den Hochschulen (+25 %) zu verzeichnen. Diese Entwicklung geht mit einer zunehmenden Bildungsbeteiligung einher. Der Personalzuwachs stabilisiert so die Betreuungsrelation.
  • Personalgewinnung und Personalqualifizierung als vordringliche Aufgabe zur Sicherung qualitativ hochwertiger Bildungsangebote: In den Bereichen Frühe Bildung, Schule und Ganztagsangebote im Grundschulbereich wird bis 2025 zusätzliches Fachpersonal benötigt. Im Bereich Frühe Bildung werden bis zu 72.500 und in den Schulen etwa 30.000 Fachkräfte benötigt. Zur Umsetzung des Rechtsanspruches auf Ganztagsbetreuung wird der Bedarf bis 2030 auf bis zu 65.600 zusätzliche Fachkräfte geschätzt.
  • Ein hoher Anteil an wissenschaftlichem oder künstlerischem Personal ist befristet beschäftigt, knapp jeder oder jede zweite wissenschaftliche Mitarbeiterin oder Mitarbeiter (47 %) arbeitet in Teilzeit, Weiterbildnerinnen und Weiterbildner sind überwiegend auf Honorarbasis im Nebenerwerb tätig.

Der Bericht zeigt auch Entwicklungen und Problemlagen im Kontext der Corona-Pandemie auf:

  • Die Programme von Bund und Ländern (z.B. DigitalPakt Schule) haben den Ausbau digital unterstützter Bildungsangebote deutlich beschleunigt. Positive Entwicklungen beim Ausbau digitaler Bildungsangebote zeigen sich insbesondere an den Hochschulen.
  • Angebote der beruflichen Aus- und Weiterbildung sind durch wirtschaftliche Unsicherheiten von Unternehmen und Dienstleistungsanbietern sowie durch Einschränkungen bei der Durchführung beruflicher Ausbildungen stark rückläufig. Die Weiterbildungsteilnahme hingegen bleibt trotz kurzzeitiger Einbrüche durch die Teilnahme an digitalen Angeboten hoch.
  • Erste Schulleistungsstudien deuten darauf hin, dass die Kompetenzen von Grundschülerinnen und -schülern im Jahr 2021 im Vergleich zu Gleichaltrigen der Vorjahre gesunken sind.  
  • Das Belastungserleben von Schülerinnen und Schülern im Alter von 11 bis 17 Jahren ist während der Pandemie stark gestiegen. Fast jedes dritte Kind verzeichnet psychische Auffälligkeiten (vor der Pandemie betraf dies jedes fünfte Kind).

Karin Prien, Präsidentin der Kultusministerkonferenz und Ministerin für Bildung, Wissenschaft und Kultur des Landes Schleswig-Holstein:
„Der Bericht zeigt sehr klar, dass die Kultusministerien in Deutschland den richtigen Weg eingeschlagen haben. Wir arbeiten auf Grundlage einer verlässlichen, empirischen Erhebung und entscheiden auf Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse und nicht von Ideologie. Unsere Maßnahmen zeigen erste Erfolge: Die Zahl derjenigen, die die Schule ohne Abschluss verlassen, sinkt. Besonders erfreulich ist, dass selbst diejenigen, die die Schule ohne Abschluss verlassen, oft den Schulabschluss noch nachholen. Bildungschancen von Kindern und Jugendlichen hängen aber nach wie vor stark vom sozialen Hintergrund des Elternhauses ab. Die Pandemie hat diese Entwicklung leider weiter verschärft. Deshalb haben Länder wie zum Beispiel Schleswig-Holstein sehr erfolgreich Programme wie unser Perspektivschulprogramm für Schulen in besonders fordernden Lagen aufgelegt, die sehr gute Ergebnisse zeigen. Der wesentliche Faktor für den Lernerfolg unserer Schülerinnen und Schüler sind gut ausgebildete Lehrkräfte. Es geht um Qualität und Quantität. Wir sind mit einem wachsenden Bedarf an pädagogischem Personal in Schulen und Kindertageseinrichtungen konfrontiert.

Dieses Problem haben die Länder erkannt und handeln, indem sie sich verstärkt auf die Lehrkräftegewinnung und Lehrkräftequalifizierung konzentrieren. Wir brauchen kreative Ideen, um junge Menschen für den Beruf als Lehrerin und Lehrer zu gewinnen und neue Studienmodelle, um diese Bedarfe zu decken. Dazu gehören auch flexiblere Modelle des Einstiegs in den Lehrerberuf und des Umstiegs während des Studiums. Auch die Anzahl der Studienabbrecher beschäftigt uns: Gemeinsam mit Universitäten arbeiten wir daran, Maßnahmen zu etablieren, damit mehr junge Menschen ihr Lehramtsstudium erfolgreich abschließen. Die damit verbundene große Herausforderung hat die KMK erkannt und bereits auf der Sitzung in Lübeck im März dieses Jahres beschlossen, neben der zentralen Rolle der Quantität von Studienplätzen die Gestaltung der Ausbildung, Werbung für den Beruf, Quer- und Seiteneinstieg, multiprofessionelle Teams sowie die Sicherung von Qualität und Qualifikation in den Vordergrund zu stellen. Auf unserer gegenwärtigen 378. Plenarsitzung werden wir den entsprechenden Themenkatalog für eine Erarbeitung der Ständigen Wissenschaftliche Kommission beschließen.“

Bundesbildungsministerin Bettina Stark-Watzinger:
„Der Bildungsbericht zeigt einmal mehr: Unser Bildungssystem muss besser werden. Es muss den Einzelnen bestmöglich fördern und dafür den Herausforderungen der Zeit gewachsen sein. Wir brauchen eine schnellere Digitalisierung der Bildung, eine bessere Integration von geflüchteten Kindern und Jugendlichen und vor allem mehr Chancengerechtigkeit. Das alles wird jedoch nur im guten Zusammenspiel von Bund, Ländern und Kommunen gelingen. Der Digitalpakt oder das Corona-Aufholprogramm verdeutlichen das. Wir sollten künftig noch ehrgeiziger sein, um jungen Menschen Chancen zu eröffnen und das Aufstiegsversprechen zu erneuern. Davon profitiert jeder Einzelne und auch die Gesellschaft als Ganzes. Schließlich fehlen uns schon heute Fachkräfte, die Wachstum und Wohlstand sichern. Mit dem Startchancen-Programm wollen wir besonders sozial benachteiligte Schülerinnen und Schüler unterstützen. Denn der Bildungserfolg hängt nach wie vor stark von der sozialen Herkunft ab. Corona hat die Lage noch einmal verschärft. Das kann uns nicht ruhen lassen. Deshalb sind wir darüber bereits im intensiven Austausch mit den Ländern. Unser Ziel ist es, ein nachhaltiges Programm aufzusetzen, das bis zu 4000 allgemein- und berufsbildende Schulen mit besserer Infrastruktur, einem Chancenbudget und mehr Sozialarbeitern ausstattet. Die vergangenen zwei Jahre haben Kindern und Jugendlichen und auch dem Bildungs- und Betreuungspersonal viel abverlangt. Sie alle waren großen Belastungen ausgesetzt, die durch den Krieg in der Ukraine nicht weniger geworden sind. In dieser außergewöhnlichen Zeit wurde und wird Enormes geleistet. Das verdient Dank und Anerkennung.“

Zur Anlage des Bildungsberichts

Den seit 2006 alle zwei Jahre erscheinenden Bildungsbericht hat eine unabhängige Wissenschaftlergruppe unter Federführung des DIPF | Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation erarbeitet. Beteiligt sind das Deutsche Institut für Erwachsenenbildung Leibniz-Zentrum für Lebenslanges Lernen e.V. (DIE), das Deutsche Jugendinstitut (DJI), das Deutsche Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW), das Leibniz-Institut für Bildungsverläufe (LIfBi), das Soziologische Forschungsinstitut an der Universität Göttingen (SOFI) sowie das Statistische Bundesamt (Destatis) und die Statistischen Ämter der Länder (StLÄ).
Die besondere Bedeutung des Bildungsberichts liegt darin, die verschiedenen Bildungsbereiche von Bildung im Lebenslauf in ihrem Zusammenhang und indikatorengestützt über größere Zeiträume darzustellen und so übergreifende Herausforderungen im deutschen Bildungssystem vergleichbar und sichtbar zu machen.

Den Bericht sowie weiterführende Materialien und Informationen finden Sie im Internet unter www.bildungsbericht.de

Quelle: Pressemitteilung Bundesregierung

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