Wie Beziehungen, Beteiligung und Lernumgebungen den Ganztag wirksam machen
Was brauchen Kinder, um wirklich gut zu lernen? Nicht mehr Tests, nicht mehr Stoff und nicht mehr Tempo — sondern Beziehungen, Beteiligung und Bedeutung. Zu diesem zentralen Ergebnis kommt die qualitative Studie „Lernen aus der Perspektive von Kindern – Resonanzerfahrungen des Lernens in ganztägigen Grundschulen“ von Iris Nentwig-Gesemann, Bastian Walther und Lorena Lake (2025, Verlag Bertelsmann Stiftung).
Die Forscher:innen haben Kinder nicht nur befragt, sondern ihnen zugehört: in Gesprächen, Beobachtungen, Zeichnungen und Gruppendiskussionen. Entstanden ist ein differenziertes Bild davon, wie Kinder ihren Lernalltag erleben — und was sie brauchen, um sich in der Schule wohlzufühlen und engagiert zu lernen.
„Lernen ist für Kinder kein isolierter Prozess, sondern eingebettet in Beziehungen, Räume, Materialien, Rhythmen und soziale Gefüge“, fassen die Autor:innen sinngemäß zusammen.
Lernen braucht Resonanz – sonst wird Schule zur Entfremdungszone
Im Zentrum der Studie steht das Konzept der Resonanz. Lernen gelingt dort, wo Kinder in eine lebendige Beziehung treten können — zu Menschen, zu Themen und zur Welt. Wo Lehrkräfte selbst für eine Sache brennen, wo Fragen willkommen sind und wo Kinder sich trauen, Unsicherheiten zu zeigen, entsteht ein Lernklima, das trägt.
Fehlt diese Resonanz, erleben Kinder Schule dagegen als kalt, fremd oder rein leistungsorientiert. In Anlehnung an den Soziologen Hartmut Rosa sprechen die Autor:innen davon, dass Lernen dann vom „Resonanzraum“ zur „Entfremdungszone“ wird.
„Resonanz meint eine Antwortbeziehung — ein In-Beziehung-Sein, in dem Menschen sich gegenseitig wahrnehmen und aufeinander reagieren.“
Vier Dimensionen entscheiden über die Qualität von Lernen
Die Studie beschreibt Lernen als Zusammenspiel von vier eng miteinander verbundenen Dimensionen:
- Beziehungen zu Pädagog:innen: geprägt von Vertrauen, Anerkennung und Dialog
- Beziehungen zu anderen Kindern: Kooperation statt Konkurrenz
- Bezug zur Sache: Neugier, Sinnhaftigkeit und Interesse am Thema
- Raum, Material und Zeit: anregende Umgebungen und genügend Zeit zur Vertiefung
Erst wenn alle vier Dimensionen zusammenwirken, entsteht das, was Kinder als „gutes Lernen“ erleben.
Sinngemäß beschreiben Kinder Lernmomente als besonders gut, „wenn man gar nicht merkt, dass man lernt — und plötzlich die Zeit vorbei ist“.
Beteiligung stärkt Motivation und Verantwortung
Ein zentrales Ergebnis der Studie: Kinder wollen beteiligt werden — nicht, um alles selbst zu entscheiden, sondern um gehört zu werden und mitgestalten zu können. Sie wollen verstehen, warum Dinge so sind, wie sie sind, und Einfluss auf ihren Alltag nehmen dürfen.
„Kinder sind in der Lage, sich eine eigene Meinung zu bilden und diese zum Ausdruck zu bringen“, betonen die Autor:innen.
Partizipation wirkt sich dabei nicht nur auf das Wohlbefinden aus, sondern auch auf Lernmotivation, Verantwortungsgefühl und demokratische Kompetenzen.
Räume, Zeit und Materialien sind keine Nebensache
Auch die Lernumgebung spielt eine entscheidende Rolle. Enge Räume, starre Sitzordnungen und permanente Zeitknappheit erschweren resonantes Lernen. Wo Kinder sich bewegen dürfen, Materialien zugänglich sind und Zeit zum Vertiefen bleibt, entstehen dagegen ganz andere Lernprozesse.
„Räume strukturieren Praxis — sie können Lernen ermöglichen oder behindern“, heißt es in der Studie.
Vier Schultypen – aber viele Wege zu guter Bildung
Die Autor:innen identifizieren vier typische Organisationsformen von Ganztagsgrundschulen — von experimentierfreudigen Lerncommunities bis hin zu stark formalisierten Lernorten. Keine dieser Formen ist per se richtig oder falsch. Entscheidend ist, ob sie für Kinder verlässliche, sinnvolle und mitgestaltbare Lernbeziehungen ermöglichen.
Was das für den Ganztagsausbau bedeutet
Mit dem ab 2026 geltenden Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung gewinnt die Studie zusätzliche Bedeutung. Sie zeigt: Der quantitative Ausbau reicht nicht aus. Qualität entsteht nicht durch mehr Angebote, sondern durch gemeinsame Entwicklungsprozesse.
„Qualität entsteht nicht durch isolierte Maßnahmen, sondern durch bewusste und kontinuierliche Entwicklungsprozesse“, so das Forschungsteam.
Multiprofessionelle Teams, Schulleitungen, Träger, Eltern — und vor allem die Kinder selbst — müssen gemeinsam an der Gestaltung guter Lern- und Lebensräume arbeiten.
Bildung gelingt nur mit Kindern
Die Studie macht deutlich: Kinder sind keine passiven Empfänger von Bildung, sondern aktive Mitgestalter:innen. Gutes Lernen entsteht dort, wo Beziehungen tragen, Beteiligung möglich ist und Lernen Sinn macht.
Oder, wie es die Autor:innen programmatisch formulieren:
Bildung sollte nicht für Kinder gemacht werden — sondern mit ihnen.
Gernot Körner
Quelle
Nentwig-Gesemann, Iris; Walther, Bastian; Lake, Lorena (2025): Lernen aus der Perspektive von Kindern. Resonanzerfahrungen des Lernens in ganztägigen Grundschulen. Verlag Bertelsmann Stiftung, Gütersloh. 264 Seiten, ISBN 978-3-86793-006-4, 28 €


