Neue WSI-Befragung zeigt massive Probleme bei Kita- und Ganztagsbetreuung – viele Erwerbstätige müssen Arbeitszeit reduzieren
Mehr Arbeit, höhere Erwerbsbeteiligung und weniger Teilzeit – diese Forderungen prägen derzeit die arbeitsmarktpolitische Debatte in Deutschland. Doch eine neue Befragung des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung zeigt: Für viele Familien fehlt dafür die verlässliche Grundlage. Instabile Kinderbetreuung, kurzfristige Schließungen und verkürzte Öffnungszeiten gehören für viele Eltern weiterhin zum Alltag.
Laut der aktuellen WSI-Erwerbspersonenbefragung waren 54 Prozent der erwerbstätigen oder arbeitsuchenden Eltern im Herbst 2025 von Kürzungen der Betreuungszeiten oder kurzfristigen Schließungen betroffen. Befragt wurden rund 900 Personen mit Kindern in externer Betreuung – also in Kitas, bei Tageseltern oder in schulischer Ganztagsbetreuung.
Hohe Ausfallquote bei Kitas und Ganztagsschulen
Im Detail berichten 35 Prozent der befragten Mütter und Väter, dass die Betreuungseinrichtung in den drei Monaten vor der Befragung mindestens einmal ungeplant geschlossen war. Bei 44 Prozent wurden vereinbarte Betreuungszeiten verkürzt. Da viele Eltern beide Probleme gleichzeitig erlebten, ergibt sich insgesamt die hohe Betroffenenquote von 54 Prozent.
Im Vergleich zu einer Vorläuferbefragung Ende 2024 mit rund 59 Prozent ist das zwar ein leichter Rückgang – dennoch bleibt das Niveau hoch. WSI-Direktorin Prof. Dr. Bettina Kohlrausch betont: Die Debatte über angeblich zu hohe Teilzeitquoten gehe an der Realität vieler Familien vorbei, wenn die strukturellen Probleme der Betreuung nicht mitgedacht werden.
Kleine Kinder besonders häufig betroffen
Besonders stark treffen Betreuungsausfälle Familien mit jüngeren Kindern. Bundesweit meldeten:
- 40 Prozent der Eltern mit Kindern unter drei Jahren Schließungen
- 39 Prozent der Eltern von Drei- bis Sechsjährigen entsprechende Ausfälle
Auch bei verkürzten Öffnungszeiten liegen die Werte hoch: 49 Prozent (unter drei Jahre) und 51 Prozent (drei bis sechs Jahre) berichten von Reduzierungen. Bei älteren Kindern fallen die Quoten niedriger aus.
Regional zeigen sich Unterschiede: In Ostdeutschland sind die Ausfallquoten geringer als im Westen. Dort meldeten 21 Prozent Schließungen gegenüber 39 Prozent im Westen. Verkürzte Zeiten betrafen 39 Prozent der Eltern im Osten und 45 Prozent im Westen.
Viele Eltern reduzieren wegen Betreuung ihre Arbeitszeit
Die Folgen für den Arbeitsmarkt sind unmittelbar spürbar. Fast ein Drittel der betroffenen Eltern reagierte auf Betreuungsausfälle mit einer kurzfristigen Reduzierung der eigenen Arbeitszeit. Insgesamt gaben 30 Prozent an, ihre Erwerbsarbeitszeit verringert zu haben.
In Partnerschaften übernehmen überwiegend Mütter die zusätzliche Sorgearbeit. 73 Prozent der betroffenen Männer in heterosexuellen Partnerschaften sagten, ihre Partnerin habe die Betreuungslücke geschlossen. Umgekehrt berichteten das nur 39 Prozent der Frauen über ihren Partner.
Auffällig ist zugleich: Männer reduzierten mit 33 Prozent etwas häufiger ihre Erwerbsarbeitszeit als Frauen mit 26 Prozent – laut WSI vermutlich deshalb, weil Männer häufiger in Vollzeit arbeiten. Zusätzlich greifen 42 Prozent der Eltern auf Verwandte oder Freunde zurück, um akute Betreuungskonflikte zu lösen.
Kritik an Arbeitszeitdebatte und Deregulierung
WSI-Direktorin Kohlrausch warnt vor falschen politischen Schlüssen:
„Unter den aktuellen Umständen können berufstätige Eltern nicht verlässlich planen und vor allem Frauen müssen sich zweimal überlegen, ob sie eine Erwerbsarbeit aufnehmen oder ausweiten können.“
Weiter fordert sie klare Prioritäten bei Investitionen:
„Wir brauchen erstens weitere massive Investitionen in eine wirklich verlässliche Infrastruktur für die frühe Bildung, vor allem eine bessere Personalausstattung. Zumal ja zusätzlich noch hunderttausende Betreuungsplätze fehlen.“
Kritisch sieht sie auch mögliche Deregulierungen bei Arbeitszeiten:
„Zweitens sollte man alles unterlassen, was Arbeitszeiten für Beschäftigte noch schlechter planbar macht, beispielsweise die von der Regierung geplante Abschaffung der täglichen Arbeitszeit-Höchstgrenze.“
Betreuung als Schlüssel für höhere Erwerbsbeteiligung
Aus Sicht des WSI ist unzuverlässige Kinderbetreuung inzwischen ein zentraler Engpass für die Erwerbstätigkeit von Millionen Eltern – besonders von Müttern. Fehlende Verlässlichkeit verschärfe zudem bestehende Ungleichgewichte bei der Verteilung von Sorgearbeit zwischen Männern und Frauen.
Kohlrausch fasst zusammen:
„Das Geld für eine Fachkräfteoffensive und verbesserte Arbeitsbedingungen in Erziehungsberufen wäre damit doppelt gut angelegt. Solche Investitionen sind allemal wirkungsvoller als zusätzlicher Druck durch Deregulierungen.“
Methodik der Befragung
Die Ergebnisse stammen aus der WSI-Erwerbspersonenbefragung der Hans-Böckler-Stiftung. Erwerbstätige und Arbeitsuchende werden dabei online zu ihrer Lebenssituation befragt. Die Stichprobe ist hinsichtlich Geschlecht, Alter, Bildung und Bundesland repräsentativ für die Erwerbspersonen in Deutschland.
Quelle: Pressemitteilung der Hans-Böckler-Stiftung / WSI-Erwerbspersonenbefragung, übermittelt durch die Abteilung Öffentlichkeitsarbeit. Weitere Informationen unter: https://www.boeckler.de/de/auf-einen-blick-17945-debatte-um-die-arbeitszeit-69628.htm


