Aufgaben, Ziele und Formen einer Verhaltensbeobachtung
Im Gegensatz zu einem passiven Auf-sich-einwirken-Lassen von Reizen oder einer spontanen Wahrnehmung ist Beobachtung eine aktive, planmäßige, methodisch auf ein Ziel gerichtete Registrierung von Ereignissen oder Verhaltensweisen. Diese müssen allerdings immer in ihrer Abhängigkeit von Einflüssen, situativen Bedingungen oder Rahmenstrukturen gesehen werden. Verhaltensbeobachtungen können nicht nebenbei gemacht werden, weil dann beispielsweise nur das „störende” Verhalten des Kindes oder die unangenehme Situation auffällt.
Zielsetzungen der Verhaltensbeobachtung
- Sie nutzt die Beschreibung einer Person, die in besonderer Weise und aufgrund einer bestimmten Fragestellung differenziert(er) erfasst und betrachtet werden soll.
- Sie bietet vielfältige Möglichkeiten an, um Entwicklungen und Entwicklungsprozesse zu erfassen.
- Sie hilft der beobachtenden Person, eine bezüglich der Aufgabenstellung bestehende Frage zu beantworten und eine Erkenntnis zu erhalten.
- Sie ermöglicht durch eine sorgsame Auswertung Hinweise für notwendige Planungs- und Handlungsschritte.
- Sie gibt Hinweise auf Hintergründe und Vernetzungen, die mit der Beobachtungsaufgabe in einem Zusammenhang stehen.
Aus diesen Gründen und in bewusster Kenntnis, dass das kindliche Verhalten durch unendlich viele Faktoren beeinflusst ist, müssen bei jeder (Verhaltens)Beobachtung vor der Beobachtungsaktivität folgende W-Fragen sorgsam beantwortet werden:
Leitfragen im Vorfeld der Beobachtung
1. Warum will ich beobachten?
- Um typische Kommunikations- oder Interaktionsmuster zwischen mir und dem Kind zu entdecken?
- Um die (Un)Wirksamkeit bisheriger pädagogischer Anstrengungen zu überprüfen?
- Um eine Bestandsaufnahme der Fähigkeiten oder Fertigkeiten bestimmter Kinder mit Blick auf die Beurteilung ihrer Schulfähigkeit vorzunehmen?
2. Wen will ich beobachten?
- Zum Beispiel ein bestimmtes Kind in einer Spielsituation mit einem anderen Kind;
- die Gesamtgruppe, um die derzeitige Rollenstruktur in der Gruppe zu erfassen;
- eine Teilgruppe von Kindern, um ihr Kommunikationsverhalten mit dem Verhalten einer anderen Teilgruppe zu vergleichen;
- um mich selbst in Spielkontakten mit bestimmten Kindern reflektieren zu können;
- um Gemeinsamkeiten und Unterschiede im eigenen Verhalten abhängig von den Kindern zu konstatieren;
- um konstruktive oder destruktive Verhaltensweisen der Kolleg*innen während einer kollegialen Beratung zu erfassen, …
3. Was will ich genau beobachten?
- Zum Beispiel, welches Kind welche Spielform bevorzugt oder ablehnt;
- welche Fähigkeiten und Fertigkeiten bestimmte Kinder in welchen Situationen zum Ausdruck bringen;
- Zusammenhänge zwischen der aktuellen Teamsituation und den möglichen Auswirkungen auf das Verhalten der Kinder;
- Entwicklungsfortschritte bei bestimmten Kindern im Anschluss an ein bestimmtes Projekt; Kommunikations- und Umgangskultur zwischen Mitarbreiter*innen und Kindern;
- Konfliktauslöser in der Kindergruppe und das gezeigte Konflikt(löse)verhalten einzelner Kinder, …
4. Wann will ich beobachten?
- Zum Beispiel unmittelbar nach dem Bringen der Kinder;
- in der Zeit, bevor die Kinder abgeholt werden; während bestimmter Spielphasen;
- vor, während oder nach dem Frühstück/Mittagessen; in der Zeitphase einer gezielten Aufgabenstellung, …
5. Wie lange will ich beobachten?
- Zum Beispiel in einer fest umgrenzten Zeitspanne von 5, 10, 15, 30 oder 60 Minuten;
- einen ganzen Vormittag/Nachmittag lang, bei dem eine Kollegin/ein Kollege Dienst in der Gruppe übernimmt, …
6. Wo soll die Beobachtung stattfinden?
- Zum Beispiel während die Kinder im Gruppenraum sind;
- wenn sich das Kind im Außenspielgelände aufhält oder seine Freunde in einer anderen Gruppe besucht;
- bei Exkursionen außerhalb des Kindergartengeländes;
- beim gemeinsamen Einkauf auf dem Markt; bei einem Museumsbesuch;
- bei einem angemeldeten Hausbesuch, …
7. Wie will ich beobachten?
- Zum Beispiel mit einem Handy bzw. Tablet, anderen audiovisuellen Möglichkeiten oder einem Beobachtungsbogen;
- mit welchem Bogen; offen oder verdeckt, beschreibend oder registrierend; als Gelegenheitsbeobachter;
- wenn das Kind eine bestimmte Verhaltensweise zeigt;
- als Mitspieler während einer Aktion; als jemand, der sich gezielt teilnahmslos in eine Ecke zurückgezogen hat, …
8. Wer soll und kann beobachten?
Ist es günstig, selbst als Beobachter zu fungieren, oder wäre es besser, wenn jemand aus dem Kollegium beobachten würde? Sollte der Sachlichkeit halber ein zweiter Beobachter gleichzeitig (oder in einem versetzten Zeitraum) beobachten?
Diesen Artikel haben wir aus folgendem Buch entnommen:

Beobachtung und Entwicklungsdokumentation
Grundlagen – Praxisbeispiele – Beobachtungslisten – Dokumentationsmuster
Burckhardthaus
ISBN: 978-3-96304-617-9
25,00 € (inkl. MwSt.)


