Du betrachtest gerade Der Mann, der keinen Namen hatte

Der Mann, der keinen Namen hatte

Ein Bilderbuch über Freundschaft, Identität und wertvolle Beziehungen

Geschichten, die mit „es war einmal“ beginnen, haben etwas Märchenhaftes. Klaro. Und das heißt, sie sind außerhalb unserer typischen, normalen Logik angesiedelt. Das ist an sich schon spannend. Und lässt über die eine oder andere Ungereimtheit hinwegschauen. Denn als erfahrener Abenteuerbuchleser habe ich mich sofort gefragt: Wie ist der Mann auf die Insel gekommen, auf der er lebt? Wie und von wem hat er sprechen gelernt, wie seine Kleidung fabriziert und was isst er eigentlich?

Aber zunächst die Story: Ein Mann lebt auf einer Insel. Er hat einen langen Bart und trägt eine Art Ostfriesennerz mit Südwester und einen rot-weiß gestreiften Schal. Auf der Insel sind alle seine Freunde, er hat ihnen allen Namen gegeben, den Bergen, den Bäumen, den Tieren, und er spricht mit ihnen – oder wenigstens zu ihnen. Damit ist er zufrieden bis glücklich. Bis eines Tages ein Schiff auftaucht, jede Menge Touristen an Land gehen, alles fotografieren, „oooh“ rufen, ihn mitnehmen, mit in die große Stadt. Wo er der absolute Medienhype wird. Mit jeder Menge neuer Freunde und vielen Dingen, die er nicht kennt, von Essen gehen bis Smartphone. Das verwirrt ihn, er fühlt sich dem nicht gewachsen, hat Sehnsucht nach seiner Insel. Wie es weiter geht, weiß jede erfahrene Bilderbuchvorleserin und jedes erfahrene Bilderbuchlesekind.

Freundschaft, Vertrauen und die Suche nach dem eigenen Glück

Womit wir schon den ersten Gesprächsanlass haben. Wovon wir auf jeder dieser wundervoll gestalteten Doppelseiten einige finden. Hast du dich schon mal unter anderen Menschen allein oder einsam gefühlt? Was ist eine gute Freundschaft? Wo fühlst du dich wohl? Wann fühlst du dich glücklich? Und wie fühlt sich diese merkwürdige Geste der Hände an, die auf dem Titelbild zu sehen ist?

Solche Gespräche sind dann wertvoll, wenn auch die erwachsenen Vorleser, von Eltern, Großeltern bis Kita-Personal, sich einlassen, persönlich einlassen, sich zeigen. Dann kann das Vertrauen entstehen, was solche tiefen Gespräche erst möglich macht. Und dieses Vertrauen ist die Grundlage für das Erkennen und Stärken der eigenen Identität, das in-sich-Ruhen, das Wertschätzen der Umgebung und der Umwelt.

„Der Mann, der keinen Namen hatte“ ist also ein ruhiges Buch. Ein Buch, das beim Vorlesen eine ruhige Atmosphäre braucht, keine stete Ablenkung im Hintergrund. Und wer das bieten kann, der hat hier wirklich ein gutes Buch gefunden, an das sich Vorleser und Kinder immer wieder erinnern werden.

Ralf Ruhl

cover der mann der keinen namen hatte

Davide Cali (Text), Lucia Carlini (Ill.):
Der Mann, der keinen Namen hatte.
Carl Auer Kids 2026, www.carl-auer.de,
ISBN 978-3-96843-074-4,
38 Seiten, ab 3 Jahre,
20 Euro

image_pdfimage_print