Selbst engagierte Lehrkräfte und Erzieher:innen können Kinder unbewusst benachteiligen. Warum das geschieht und mit welchen Strategien sie gegensteuern können
Alle Kinder gerecht behandeln, ihre Fähigkeiten erkennen und sie bestmöglich fördern – das gehört zum Selbstverständnis pädagogischer Fachkräfte und Lehrkräfte. Doch zwischen diesem Anspruch und unserem tatsächlichen Verhalten kann eine erhebliche Lücke bestehen. Denn wir beurteilen andere Menschen nicht so unvoreingenommen, wie wir glauben. Unsere Erfahrungen, Wertvorstellungen und Erwartungen beeinflussen, was wir wahrnehmen und wie wir es interpretieren. Besonders problematisch ist dabei, dass uns diese Einflüsse häufig gar nicht bewusst sind. So können wir Kinder benachteiligen, obwohl wir fest davon überzeugt sind, gerecht zu handeln.
Wie das geschieht, haben die Bildungsforschenden Sabrina Rutter und Florian Weitkämper in ihrer Expertise „Die (Re-)Produktion sozialer Ungleichheit in der Schule“, die bereits 2022 im Auftrag der Bertelsmann Stiftung erschienen ist, untersucht. Die Forschenden zeigen, wie pädagogische Wahrnehmungs- und Handlungsmuster dazu beitragen können, soziale Unterschiede zu verfestigen. Gleichzeitig stellen sie ein Konzept vor, mit dem angehende Lehrkräfte lernen sollen, ihre eigenen Einstellungen kritisch zu hinterfragen. Der Ansatz ist auch für pädagogische Fachkräfte in Kindertageseinrichtungen interessant.
Warum wir unsere eigenen Vorurteile nicht bemerken
Der Schlüssel zum Verständnis liegt im sogenannten „Habitus“, einem Begriff des französischen Soziologen Pierre Bourdieu. Er bezeichnet damit tief verankerte Denk-, Wahrnehmungs- und Handlungsmuster, die wir im Laufe unseres Lebens entwickeln. Unsere soziale Herkunft, unsere Familie, unsere Bildung und unsere persönlichen Erfahrungen prägen, was wir als normal, richtig oder erstrebenswert empfinden. Dieser Habitus funktioniert wie eine unsichtbare Brille, durch die wir unsere Umwelt betrachten. Das Entscheidende: Wir bemerken diese Brille normalerweise nicht.
Florian Weitkämper beschreibt das Problem im Interview mit dem Deutschen Schulportal so: „Das Schwierige ist, dass man keine Distanz zu diesem Habitus hat, sondern ihn wie eine zweite Haut als selbstverständlich, als angeboren wahrnimmt.“
Für die pädagogische Arbeit hat das erhebliche Konsequenzen. Eine Lehrkraft hält möglicherweise ein Kind, das sich gewählt ausdrückt und selbstbewusst auftritt, spontan für besonders begabt. Ein anderes, das weniger sicher spricht, wird womöglich unterschätzt. Eine Erzieherin empfindet das Verhalten bestimmter Eltern als engagiert, während sie anderen mangelndes Interesse unterstellt. Solche Bewertungen können durchaus zutreffen. Problematisch wird es jedoch, wenn sie vor allem auf den eigenen Vorstellungen beruhen und nicht ausreichend überprüft werden.
Besonders bemerkenswert ist eine Beobachtung, über die Weitkämper aus seinen qualitativen Untersuchungen berichtet. Viele Lehrkräfte wissen durchaus, dass soziale Ungleichheit ein großes Problem darstellt. Dennoch erkennen sie nicht unbedingt, dass auch ihre eigenen Entscheidungen dazu beitragen können. Schwierigkeiten werden dann vor allem bei den Kindern oder ihren Familien gesucht. Die eigene Rolle bleibt dagegen weitgehend unbeachtet.
Wenn Erwartungen zu Benachteiligungen führen
Wie folgenreich solche unbewussten Bewertungen sein können, lässt sich an alltäglichen Situationen verdeutlichen. Ein Schulkind erledigt seine Hausaufgaben wiederholt nicht. Schnell entsteht die Vermutung, seine Eltern würden sich zu wenig kümmern. Dabei könnte das Kind zu Hause keinen ruhigen Arbeitsplatz haben oder durch familiäre Belastungen eingeschränkt sein. Ein anderes Kind wirkt im Morgenkreis unaufmerksam. Vielleicht langweilt es sich, vielleicht versteht es sprachlich nicht alles oder ist gerade mit anderen Problemen beschäftigt. Wer sich früh auf eine Erklärung festlegt, übersieht möglicherweise andere Ursachen und geeignete Unterstützungsmöglichkeiten.
Hinzu kommt, dass Erwartungen das pädagogische Handeln beeinflussen können. Wer einem Kind wenig zutraut, bietet ihm womöglich seltener anspruchsvolle Aufgaben an oder nimmt seine Fortschritte weniger deutlich wahr. Solche Erwartungseffekte sind auch aus der Bildungspsychologie bekannt, wenngleich sie nicht zwangsläufig auftreten und unterschiedlich stark ausfallen können. Besonders problematisch wird es, wenn Kinder aufgrund ihrer sozialen Herkunft systematisch unterschätzt werden.
Rutter und Weitkämper machen deutlich, dass auch das Bildungssystem selbst bestimmte Vorstellungen bevorzugt. Sprachliche Ausdrucksweisen, Verhaltensregeln und Leistungsideale orientieren sich vielfach an bildungsbürgerlichen Normen. Kinder, die damit bereits vertraut sind, können leichter den Erwartungen entsprechen. Andere müssen sich diese Regeln erst aneignen, obwohl sie möglicherweise über ebenso wertvolle Fähigkeiten verfügen. Wer Bildungsgerechtigkeit fördern möchte, muss deshalb nicht nur die Kinder betrachten, sondern auch die Maßstäbe hinterfragen, nach denen sie beurteilt werden.
Was gegen die unbewusste Brille hilft
Die eigenen Wahrnehmungsmuster lassen sich nicht einfach abschalten. Auch der feste Vorsatz, künftig alle Kinder unvoreingenommen zu behandeln, bietet keinen zuverlässigen Schutz. Entscheidend ist vielmehr, die eigenen Einschätzungen immer wieder zu überprüfen und im pädagogischen Alltag Gelegenheiten zur Korrektur zu schaffen.
Rutter und Weitkämper sprechen in diesem Zusammenhang von „Habitussensibilität“: der Fähigkeit, die eigene soziale Prägung zu erkennen und zugleich die Lebenswelt anderer Menschen besser zu verstehen. Daraus lassen sich konkrete Handlungsmöglichkeiten für Kita und Schule ableiten.
Sieben Strategien für den pädagogischen Alltag
1. Beobachtung und Bewertung trennen. „Das Kind hat während des Morgenkreises dreimal dazwischengerufen“ beschreibt eine Beobachtung. „Das Kind kann sich nicht benehmen“ ist bereits eine Bewertung. Wer diesen Unterschied beachtet, vermeidet vorschnelle Zuschreibungen. Das gilt auch für die Zusammenarbeit mit Eltern: Aus einem versäumten Gesprächstermin lässt sich noch kein mangelndes Interesse ableiten.
2. Die erste Reaktion hinterfragen. Warum empfinde ich ein bestimmtes Kind als besonders anstrengend? Weshalb halte ich ein anderes spontan für leistungsstark? Würde ich dasselbe Verhalten bei einem anderen Kind genauso beurteilen? Solche Fragen helfen, automatische Bewertungen zu erkennen, bevor sie pädagogische Entscheidungen beeinflussen.
3. Gezielt nach Gegenbeispielen suchen. Wer ein Kind einmal als unkonzentriert eingeordnet hat, nimmt möglicherweise vor allem Situationen wahr, die diese Einschätzung bestätigen. Deshalb lohnt es sich, bewusst nach anderen Beobachtungen zu suchen: Wann arbeitet das Kind ausdauernd? Wofür begeistert es sich? Welche Fähigkeiten zeigt es außerhalb der üblichen Lern- und Spielsituationen?
4. Die eigenen Erwartungen überprüfen. Welche Kinder erhalten besonders häufig anspruchsvolle Aufgaben, Ermutigung oder zusätzliche Unterstützung? Wem wird Verantwortung übertragen? Bei welchen Kindern greifen Erwachsene besonders schnell ein? Solche Fragen können verdeckte Unterschiede im pädagogischen Handeln sichtbar machen. Dabei geht es nicht um eine identische Behandlung aller Kinder, sondern um faire und bedarfsgerechte Förderung.
5. Andere Perspektiven einholen. Kollegiale Fallbesprechungen helfen, eingefahrene Sichtweisen zu erkennen. Besonders nützlich ist die Frage: „Welche andere Erklärung könnte es für dieses Verhalten geben?“ Auch die Sicht der Kinder und ihrer Eltern kann wichtige Informationen liefern. Voraussetzung ist eine Gesprächskultur, in der unterschiedliche Einschätzungen und eigene Irrtümer offen angesprochen werden dürfen.
6. Die eigene Biografie reflektieren. Welche Vorstellungen von Fleiß, Ordnung, Leistung und gutem Benehmen habe ich selbst kennengelernt? Was galt in meiner Familie als selbstverständlich? Welche Erwartungen übertrage ich möglicherweise unbewusst auf andere? Die Auseinandersetzung mit der eigenen Herkunft kann helfen, persönliche Maßstäbe von allgemeinen pädagogischen Anforderungen zu unterscheiden.
7. Auch die Einrichtung hinterfragen. Nicht nur einzelne Menschen, sondern auch Regeln und Abläufe können Familien benachteiligen. Sind Gesprächstermine für alle Eltern erreichbar? Werden Informationen verständlich vermittelt? Welche Formen der Beteiligung werden anerkannt? Eine habitussensible Kita oder Schule überprüft deshalb auch ihre Strukturen und schafft möglichst faire Bedingungen für alle Kinder.
Selbstreflexion braucht Unterstützung
Es wäre jedoch sicher zu einfach, die Verantwortung für mehr Bildungsgerechtigkeit allein den einzelnen Fachkräften aufzubürden. Rutter und Weitkämper betonen, dass Habitussensibilität Zeit, kollegialen Austausch und institutionelle Unterstützung benötigt. Die kritische Beschäftigung mit den eigenen Einstellungen darf nicht zu einer zusätzlichen Belastung werden, die Lehrkräfte und Erzieherinnen neben allen anderen Aufgaben allein bewältigen müssen.
Deshalb schlagen die Forschenden vor, Habitussensibilität bereits in der Ausbildung systematisch zu vermitteln. Ihr Lehr-Lern-Konzept umfasst sieben Module, in denen sich angehende Lehrkräfte mit ihrer sozialen Herkunft, gesellschaftlichen Ungleichheiten, pädagogischen Konflikten und Möglichkeiten einer gerechteren Schulkultur beschäftigen. Die Auseinandersetzung soll jedoch nicht mit der Ausbildung enden, sondern den gesamten Berufsweg begleiten.
Dabei kommt es nicht darauf an, niemals falsche Einschätzungen zu treffen. Entscheidend ist vielmehr, diese erkennen und korrigieren zu können. Ebenso wichtig sind verlässliche Beziehungen zu Kindern und Eltern, denn erst durch Vertrauen lassen sich unterschiedliche Lebenssituationen besser verstehen.
Wie belastbar sind die wissenschaftlichen Erkenntnisse?
Die Expertise von Sabrina Rutter und Florian Weitkämper bietet eine fundierte theoretische Grundlage und verbindet Erkenntnisse der Ungleichheitsforschung mit qualitativen Untersuchungen und einem praxisorientierten Ausbildungskonzept. Ihre Stärke liegt darin, einen häufig übersehenen Zusammenhang sichtbar zu machen: Pädagogische Fachkräfte können soziale Benachteiligungen unbewusst verstärken, obwohl sie sich ausdrücklich für Chancengleichheit einsetzen. Die Arbeit zeigt außerdem, wie die kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Haltung in die Lehrkräfteausbildung integriert werden könnte.
Dabei handelt es sich jedoch nicht um eine repräsentative Studie. Die Veröffentlichung erlaubt daher keine Aussage darüber, wie häufig solche unbewussten Benachteiligungen auftreten. Auch wurde die Wirksamkeit des vorgeschlagenen Ausbildungskonzepts nicht durch eine kontrollierte Untersuchung nachgewiesen. Die sieben hier zusammengestellten Praxistipps sind wissenschaftlich begründete Handlungsempfehlungen, aber kein als Gesamtprogramm auf Wirksamkeit geprüftes Verfahren. Zudem bezieht sich die Expertise auf die Schule; ihre Übertragung auf Kindertageseinrichtungen ist plausibel, wurde durch diese Veröffentlichung jedoch nicht eigenständig untersucht. Die wissenschaftliche Qualität ist damit vor allem hinsichtlich der theoretischen Fundierung und der Entwicklung eines praxisnahen Konzepts überzeugend. Für Aussagen über Häufigkeiten und nachgewiesene Wirkungen ist die empirische Grundlage begrenzt.
Quellen
Rutter, Sabrina & Weitkämper, Florian (2022): Die (Re-)Produktion sozialer Ungleichheit in der Schule – Ein Thema für die Lehrkräfteausbildung. Expertise im Auftrag der Bertelsmann Stiftung, Gütersloh, 78 Seiten.
https://doi.org/10.11586/2022072
Kuhn, Annette (2023): Habitussensibilität: Warum Lehrkräfte der eigenen Haltung mit Skepsis begegnen sollten. Interview mit Sabrina Rutter und Florian Weitkämper, Deutsches Schulportal, aktualisiert am 9. März 2023.
Gernot Körner


