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Elternarbeit in der Kita: So gelingt echte Erziehungspartnerschaft

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Eltern und Fachkräfte müssen nicht immer einer Meinung sein. Entscheidend sind gute Gespräche, klare Rollen und der gemeinsame Blick auf das Kind

„Erziehungspartnerschaft auf Augenhöhe“ gehört inzwischen zum selbstverständlichen Vokabular vieler Kitas. Doch gerade der Begriff Augenhöhe kann Missverständnisse erzeugen. Eltern und pädagogische Fachkräfte sind gleichwertige Gesprächspartner, haben aber weder dieselben Aufgaben noch dieselben Erfahrungen oder Entscheidungskompetenzen.

Armin Krenz bringt diesen Unterschied in seinem Beitrag für spielen und lernen mit der Formulierung „Gleichwertigkeit als Person“ auf den Punkt. Pädagogische Fachkräfte tragen einen professionellen Bildungs-, Betreuungs- und Erziehungsauftrag; Eltern kennen ihr Kind, seine Biografie, seine Gewohnheiten und seine familiäre Lebenswelt. Erziehungspartnerschaft heißt deshalb nicht, diese Unterschiede einzuebnen, sondern sie produktiv zu nutzen.

Auch der Gesetzgeber spricht nicht von identischen Rollen. § 22a SGB VIII verpflichtet Einrichtungen zur Zusammenarbeit mit den Erziehungsberechtigten „zum Wohl der Kinder“ und verlangt, Eltern an wesentlichen Entscheidungen über Erziehung, Bildung und Betreuung zu beteiligen. Zusammenarbeit und Beteiligung gehören also zum Auftrag der Kita – daraus folgt jedoch nicht, dass jede pädagogische Entscheidung gemeinsam getroffen werden muss.

Genau an diesem Punkt beginnt der praktische Werkzeugkasten: Nicht „Wer entscheidet?“ sollte die erste Frage sein, sondern möglichst oft „Was sieht jeder von uns – und was können wir daraus über dieses Kind lernen?“

Fall 1: „Das macht mein Kind zu Hause nie“

Beim Abholen sagt eine Erzieherin zur Mutter des vierjährigen Paul: „Heute war es wieder schwierig. Paul hat andere Kinder mehrfach geschubst.“ Die Mutter reagiert sofort: „Das kann ich mir überhaupt nicht vorstellen. Zu Hause macht er so etwas nie.“

Eine ungünstige Antwort wäre: „Hier macht er es aber ständig.“ Schon stehen zwei Wahrheiten gegeneinander, und aus einem Gespräch über Paul wird ein Streit darüber, wer ihn richtig kennt.

Dabei können beide Beobachtungen vollkommen zutreffen. Kinder verhalten sich abhängig von Situation, Personen, Gruppengröße, Müdigkeit, Anforderungen oder Konflikten unterschiedlich. Gerade deshalb ist die andere Perspektive interessant. Die bessere Antwort könnte lauten: „Dann erleben Sie ihn zu Hause tatsächlich anders. Das ist für uns wichtig. Lassen Sie uns einmal schauen, in welchen Situationen es hier passiert und was bei Ihnen zu Hause vielleicht anders ist.“

Damit verändert sich die Gesprächsrichtung. Es geht nicht mehr um Beweis und Gegenbeweis, sondern um Ursachen und Zusammenhänge.

Dieser Perspektivwechsel passt zu den Ergebnissen der umfangreichen deutschen Studie Kinder zwischen Chancen und Barrieren. Tanja Betz und ihre Kolleginnen untersuchten unter anderem Hol- und Bringsituationen sowie Elterngespräche. Sie zeigen, wie unterschiedlich Eltern und Fachkräfte Zusammenarbeit wahrnehmen und welche Anforderungen entstehen, wenn verschiedene Erwartungen und Sichtweisen aufeinandertreffen.

Beschreiben statt diagnostizieren

Besonders schwierig werden Gespräche, wenn Beobachtungen sofort zu Eigenschaften des Kindes werden: „Lena ist aggressiv.“ – „Ben kann sich überhaupt nicht konzentrieren.“ – „Mia ist unselbstständig.“

Solche Sätze wirken schnell wie Urteile. Eltern hören dann möglicherweise nicht nur eine Aussage über das Kind, sondern auch eine über ihre Erziehung. Entsprechend schnell entsteht Verteidigung.

Professioneller ist es, bei dem zu bleiben, was tatsächlich beobachtet wurde: „In der vergangenen Woche haben wir dreimal gesehen, dass Lena andere Kinder geschubst hat, wenn sie ein Spielzeug haben wollte.“ Oder: „Beim Vorlesen steht Ben häufig nach wenigen Minuten auf. Wenn er baut, kann er dagegen lange bei einer Sache bleiben.“

Der Unterschied ist erheblich. Über „Ben ist unkonzentriert“ lässt sich streiten. Über die Frage, warum Ben beim Vorlesen nach drei Minuten aufsteht und beim Bauen zwanzig Minuten konzentriert bleibt, lässt sich gemeinsam nachdenken.

So könnte das Gespräch beginnen

„Wir möchten Ihnen etwas schildern, das uns in den vergangenen Tagen aufgefallen ist. Uns interessiert sehr, ob Sie Ähnliches zu Hause beobachten.“

Dieser Satz enthält fast alles, was ein guter Gesprächseinstieg braucht: eine Beobachtung statt einer Verurteilung und eine echte Einladung an die Eltern, ihre Wahrnehmung einzubringen.

Fall 2: Eine Bemerkung zwischen Jacken und Schuhen

Ein Vater kommt um 16.20 Uhr abgehetzt in die Kita. Während sein Sohn seine Schuhe sucht, sagt die Fachkraft: „Wir sollten übrigens dringend über Leons Entwicklung sprechen. Er ist sprachlich deutlich hinter den anderen Kindern.“

Der Vater erschrickt. Andere Eltern stehen daneben. Leon hört möglicherweise mit. Für ein ruhiges Gespräch ist keine Zeit. Auf dem Heimweg kreist im Kopf des Vaters nur noch ein Satz: „Mein Sohn ist deutlich hinter den anderen.“

Tür-und-Angel-Gespräche sind für die Beziehung zwischen Eltern und Kita ausgesprochen wichtig. Man erfährt, ob ein Kind schlecht geschlafen hat, ob der Vormittag besonders schön war oder ob es einen kleinen Konflikt gegeben hat. Auch die Studie von Betz und Kolleginnen zeigt die Bedeutung solcher alltäglichen Schnittstellen zwischen Familie und Einrichtung. Für komplexe Entwicklungsfragen sind sie jedoch der falsche Ort.

Die Fachkraft hätte sagen können: „Uns sind einige Dinge bei Leons Sprachentwicklung aufgefallen, die wir gern in Ruhe mit Ihnen besprechen möchten. Wann können wir uns dafür zusammensetzen?“

Damit bekommt die Information den notwendigen Rahmen – und die Eltern bekommen die Chance, Fragen zu stellen, Beobachtungen beizutragen und das Gehörte einzuordnen.

Wer ein Problem anspricht, sollte nicht gleich die Lösung mitliefern

Ein weiterer häufiger Fehler besteht darin, dass die Kita nicht nur eine Beobachtung vorträgt, sondern die vermeintlich richtige Lösung gleich hinterherschickt: „Sie sollten mit Ihrer Tochter zur Ergotherapie.“ Oder: „Sie müssen zu Hause konsequenter sein.“

Damit wird aus Beratung schnell Belehrung.

Armin Krenz beschreibt genau diesen notwendigen Wechsel: weg vom Monolog und von der Elternbelehrung, hin zu einem Dialog mit gegenseitigem Informationsinteresse. Fachkräfte sollten nach seiner Auffassung nicht ihre Überlegenheit demonstrieren, sondern eine Atmosphäre schaffen, in der Eltern auch Kritik, Unverständnis und eigene Vorschläge äußern können.

Das bedeutet nicht, dass Fachkräfte ihre fachliche Einschätzung verschweigen müssen – im Gegenteil. Aber die Reihenfolge macht einen Unterschied. Zuerst sollte die konkrete Beobachtung stehen, dann die Frage: „Wie erleben Sie das?“ Erst anschließend geht es um mögliche Erklärungen und nächste Schritte.

Fall 3: Wenn Eltern widersprechen

Die Fachkraft hat den Eindruck, dass die fünfjährige Sofia zusätzliche Unterstützung gebrauchen könnte. Ihre Eltern sehen keinen Anlass dafür.

„Wir haben den Eindruck, Sofia tut sich in einigen Situationen noch sehr schwer.“

„Das sehen wir überhaupt nicht. Zu Hause kann sie das alles.“

Nun könnte das Gespräch leicht zu einem Überzeugungsversuch werden: Die Fachkraft sammelt weitere Argumente, die Eltern verteidigen ihr Kind immer vehementer, und irgendwann geht es kaum noch um Sofia.

Dabei muss Erziehungspartnerschaft nicht mit Einigkeit enden. Bereits Tanja Betz hat das Ideal einer völlig harmonischen Bildungs- und Erziehungspartnerschaft kritisch hinterfragt. Unterschiedliche Rollen, Ressourcen und Vorstellungen lassen sich nicht einfach durch den Appell an „Augenhöhe“ auflösen.

Ein hilfreicher Satz wäre deshalb:

„Wir beurteilen das im Moment unterschiedlich. Lassen Sie uns genau festhalten, was wir beobachten, worin wir uns einig sind und worauf wir beide in den nächsten Wochen besonders achten.“

Das kann ein sehr gutes Ergebnis eines Elterngesprächs sein. Nicht jedes Problem muss in 45 Minuten gelöst werden.

Kritik ist kein Angriff auf die Fachlichkeit

Erziehungspartnerschaft wird nicht daran erkennbar, wie freundlich ein Sommerfest verläuft. Sie bewährt sich vor allem dann, wenn Eltern unzufrieden sind.

Eine Mutter sagt etwa: „Ich habe das Gefühl, meine Tochter geht hier völlig unter.“ Die spontane Reaktion könnte lauten: „Das stimmt überhaupt nicht. Wir kümmern uns sehr intensiv um sie.“

Damit ist die Verteidigungsschlacht eröffnet.

Hilfreicher ist es zunächst zu verstehen, woher der Eindruck kommt: „Was hat Ihnen dieses Gefühl gegeben?“ – „Was erzählt Ihre Tochter zu Hause?“ – „Gab es eine bestimmte Situation?“

Erst wenn deutlich geworden ist, worüber eigentlich gesprochen wird, sollte die Fachkraft ihre Sicht schildern. Zuhören bedeutet nicht zustimmen. Es bedeutet lediglich, erst verstehen zu wollen, bevor man widerspricht.

Krenz geht an diesem Punkt noch einen Schritt weiter. Er versteht die pädagogischen Fachkräfte als „Motor der Beziehungspflege“. Wenn Eltern sich zurückziehen oder konfrontativ reagieren, sollte die Einrichtung deshalb nicht vorschnell mangelndes Interesse unterstellen, sondern auch das eigene Handeln überprüfen.

„Die Eltern interessieren sich nicht“ greift oft zu kurz

Zum Elternabend kommen immer dieselben zehn Personen. Ein Vater erscheint nie beim Sommerfest, eine Mutter antwortet kaum auf Nachrichten. Solche Erfahrungen können im Team schnell zu dem Urteil führen: „Die Eltern interessieren sich eben nicht.“

Doch sichtbare Anwesenheit in der Kita ist nur eine Form familiärer Beteiligung. Arbeitszeiten, Alleinerziehen, Betreuung weiterer Kinder, sprachliche Hürden oder ganz unterschiedliche Vorstellungen von Nähe zur Einrichtung können eine Rolle spielen. Ein aktueller systematischer Review von 97 Studien unterscheidet deshalb drei große Bereiche familiärer Beteiligung: Aktivitäten zu Hause, Beteiligung in der Bildungseinrichtung und die Kommunikation zwischen Familie und Institution. Die Forschung zeigt zugleich, wie uneinheitlich „Elternbeteiligung“ überhaupt definiert und gemessen wird.

Das ist für die Praxis wichtig. Die Eltern, die bei jedem Fest Kuchen verkaufen, müssen nicht zwangsläufig diejenigen sein, die ihr Kind zu Hause am stärksten unterstützen. Und der Vater, der wegen seiner Arbeitszeit kaum in der Kita auftaucht, kann trotzdem ausgesprochen interessiert an der Entwicklung seines Kindes sein.

Die bessere Frage lautet deshalb nicht: „Wie bekommen wir mehr Eltern zu unseren Angeboten?“ Sondern: „Welche Form des Kontakts funktioniert für diese Familie?“

Auch aktuelle internationale Forschung deutet darauf hin, dass gerade die Qualität der Kommunikation bedeutsam ist. Eine 2024 veröffentlichte Untersuchung im US-amerikanischen Head-Start-Bereich fand Zusammenhänge zwischen der Qualität der Familien-Fachkraft-Kommunikation und der Beteiligung von Vorschulkindern im Gruppenalltag. Eine weitere Studie von 2024 zeigte Zusammenhänge zwischen Kommunikationspraktiken der Fachkräfte und geringerer chronischer Abwesenheit. Solche Ergebnisse lassen sich nicht eins zu eins auf deutsche Kitas übertragen, unterstreichen aber, dass es nicht bloß auf die Menge der Elternaktivitäten ankommt.

Und wo bleibt eigentlich das Kind?

Vielleicht liegt genau hier die wichtigste Korrektur am klassischen Verständnis von Elternarbeit. Wenn Fachkräfte und Eltern miteinander über ein Kind sprechen, kann das Gespräch so sehr von den Anliegen der Erwachsenen bestimmt werden, dass ausgerechnet die Perspektive des Kindes verloren geht.

Die deutsche Untersuchung Kinder zwischen Chancen und Barrieren kommt zu einem bemerkenswerten Ergebnis: Die Perspektive der Kinder auf die Schnittstelle zwischen Familie und Kita findet „in der Regel wenig Beachtung“.

Deshalb gehört in ein wichtiges Elterngespräch irgendwann eine einfache Frage:

„Wie erlebt das Kind diese Situation?“

Beim morgendlichen Trennungsschmerz geht es dann nicht nur darum, ob die Mutter schneller gehen sollte. Bei einem Konflikt geht es nicht allein darum, wer recht hatte. Bei Schwierigkeiten in der Gruppe nicht nur darum, was das Kind noch lernen soll.

Was erzählt das Kind? Wann fühlt es sich sicher? Was überfordert es? Was gelingt ihm bereits? Und was könnten Eltern und Fachkräfte verändern, damit es ihm leichter fällt?

Aus dem Zweiergespräch zwischen Kita und Eltern wird damit der von Krenz beschriebene Dreiklang aus Familie, Kind und pädagogischer Fachkraft.

Fünf Werkzeuge, die fast jedes Elterngespräch besser machen

  • Beobachten statt etikettieren. Nicht „Ihr Kind ist aggressiv“, sondern konkret schildern, was wann geschehen ist.
  • Die andere Perspektive erfragen. „Wie erleben Sie das zu Hause?“ sollte keine Höflichkeitsfrage sein.
  • Unterschiede aushalten. Eltern und Fachkräfte müssen am Ende eines Gesprächs nicht dasselbe denken.
  • Einen nächsten Schritt vereinbaren. Manchmal genügt: „Wir beobachten das beide drei Wochen lang und sprechen dann erneut.“
  • Das Kind ins Zentrum zurückholen. Nicht „Wer hat recht?“, sondern „Was braucht dieses Kind jetzt von uns?“

Gemeinsam für das Kind – mit unterschiedlichen Rollen

Vielleicht lässt sich „Augenhöhe“ am besten so verstehen: Eltern und Fachkräfte müssen nicht dasselbe wissen, nicht dasselbe beobachten und nicht immer dasselbe wollen. Aber beide Seiten verdienen es, gehört und ernst genommen zu werden. Die professionelle Verantwortung der Fachkraft wird dadurch nicht kleiner – sie wird vielmehr größer. Denn zu Professionalität gehört auch, eine andere Sichtweise auszuhalten, Kritik anzunehmen und die eigene Wahrnehmung überprüfen zu können.

Gute Erziehungspartnerschaft zeigt sich deshalb nicht an möglichst vielen Elternabenden, gemeinsamen Festen oder konfliktfreien Gesprächen. Ihr eigentlicher Qualitätsmaßstab ist einfacher und anspruchsvoller zugleich:

Hilft unsere Zusammenarbeit diesem Kind?

Zum Weiterlesen

Armin Krenz erläutert die pädagogische Haltung hinter der Erziehungspartnerschaft ausführlich in seinem Beitrag „Erziehungspartnerschaft statt Elternbelehrung: Dialog auf Augenhöhe“ bei spielen und lernen.

Quellen und Studien

Gernot Körner

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