Der Vorlesemonitor 2026 meldet einen deutlichen Anstieg beim Vorlesen. Doch wie zuverlässig sind die Zahlen? Und welche Erkenntnisse lassen sich daraus für die Leseförderung in Kitas und Grundschulen gewinnen?
Immer mehr Eltern lesen ihren Kindern vor. Zumindest geben sie das an. Laut Vorlesemonitor 2026 lesen 76,4 Prozent der befragten Eltern ihren ein- bis achtjährigen Kindern mindestens mehrmals pro Woche vor. Zwei Jahre zuvor waren es 67,7 Prozent. Das ist eine erfreuliche Entwicklung. Denn gemeinsame Bucherlebnisse können die Sprachentwicklung fördern und wichtige Grundlagen für das spätere Lesenlernen schaffen. Doch wie zuverlässig sind die Zahlen? Und was bedeuten die Ergebnisse für die pädagogische Praxis?
spielen und lernen hat die Studie untersucht und die Stiftung Lesen um eine Stellungnahme gebeten. Die Antworten zeigen, dass der Vorlesemonitor wichtige Hinweise liefert, zugleich aber Fragen zur Aussagekraft der Ergebnisse und zur Wirksamkeit der Leseförderung offenlässt.
Was Eltern sagen und was sie tatsächlich tun
Für den Vorlesemonitor 2026 wurden 914 Eltern persönlich in ihren Wohnungen befragt. Die Untersuchung erfasst damit keine unmittelbar beobachteten Verhaltensweisen, sondern die Angaben der Eltern über ihren Familienalltag. Gerade beim Vorlesen könnte das eine Rolle spielen. Schließlich wissen viele Eltern, dass Vorlesen als wichtig für die Entwicklung ihrer Kinder gilt. Wer danach gefragt wird, könnte deshalb dazu neigen, sein Verhalten positiver darzustellen.
Die Stiftung Lesen räumt dieses Problem ausdrücklich ein. „Der Vorlesemonitor erfasst, was Eltern über ihr Verhalten berichten, er beobachtet nicht, wie häufig in den Familien tatsächlich vorgelesen wird“, erklärt Laura Trost, Leiterin Marketing und Kommunikation der Stiftung Lesen, auf unsere Anfrage. Wie stark mögliche Verzerrungen durch sozial erwünschte Antworten die Ergebnisse beeinflussen, lasse sich „seriös nicht beziffern“.
Die Stiftung betont allerdings, dass Erhebungsmethode und Frageformulierungen gegenüber den Vorjahren unverändert geblieben seien. Dadurch lasse sich die Entwicklung wissenschaftlich nachvollziehen. Auch die Stichproben seien hinsichtlich der festgelegten Merkmale jeweils repräsentativ für die deutschsprachigen Eltern des betreffenden Erhebungsjahres. Zwar seien die Stichproben von 2024 und 2026 „nicht komplett strukturgleich“, die Unterschiede seien jedoch minimal. Konkrete Berechnungen dazu enthält die Stellungnahme nicht. Auch unsere Frage nach einer möglichen Gewichtung der Ergebnisse blieb unbeantwortet.
Warum gerade bei Ein-, Zwei- und Achtjährigen?
Besonders auffällig sind die Unterschiede zwischen den Altersgruppen. Bei den Einjährigen stieg die berichtete Vorlesehäufigkeit um 16 Prozentpunkte, bei den Zweijährigen um 15 und bei den Achtjährigen sogar um 20 Prozentpunkte. Bei den Drei- bis Siebenjährigen blieb sie dagegen weitgehend unverändert.
Die Stiftung Lesen verweist insbesondere bei den jüngeren Kindern auf ihr Förderprogramm „Lesestart 1-2-3“. Über Kinderarztpraxen und Bibliotheken erhalten Familien kostenlose Bilderbücher und Anregungen zum Vorlesen. „Eine mögliche Erklärung ist aus unserer Sicht, dass Familien früher und konkreter erreicht werden“, schreibt Laura Trost.
Allerdings gibt es die Lesestart-Förderung bereits seit 2011, das heutige Programm „Lesestart 1-2-3“ seit 2019. Schon vor der Ausweitung im Jahr 2024 wurden Millionen Buchgeschenke verteilt. Auch der Bundesweite Vorlesetag und zahlreiche andere Aktionen zur Leseförderung bestehen seit vielen Jahren. Sie könnten das Vorleseverhalten langfristig beeinflusst haben, erklären aber allein noch nicht, warum die berichteten Werte gerade zwischen 2024 und 2026 so stark gestiegen sind.
Zwar wurden 2024 zusätzliche Mittel bereitgestellt, sodass teilnehmende Kinderarztpraxen mehr Familien mit Büchern versorgen konnten. Ob diese Familien deshalb tatsächlich häufiger vorlesen, ist jedoch nicht nachgewiesen. Die Stiftung selbst nennt die Ausweitung von Lesestart ausdrücklich als mögliche Erklärung und räumt ein: „wir können es aber anhand der erhobenen Daten nicht belegen“.
Bemerkenswert ist zudem, dass die Bundesförderung von Lesestart 1-2-3 Ende 2026 auslaufen soll. Das zuständige Bundesministerium verweist laut einem Bericht von ZDFheute auf eine Evaluation, bei der nachhaltige positive Wirkungen des Projekts nicht nachgewiesen werden konnten. Das bedeutet nicht, dass die Buchgeschenke wirkungslos sind. Es zeigt aber, dass die Verteilung von Büchern noch keinen Beleg für eine dauerhaft veränderte Vorlesepraxis liefert.
Offen bleibt außerdem, wie belastbar die auffälligen Veränderungen innerhalb der einzelnen Altersgruppen sind. Auf unsere Frage nach deren statistischer Signifikanz erhielten wir keine konkrete Antwort.
Vorlesen ist nicht gleich Vorlesen
Eine weitere Besonderheit betrifft die Definition des Vorlesens. Während viele Menschen darunter das laute Lesen eines geschriebenen Textes verstehen, verwendet die Stiftung Lesen einen deutlich weiteren Begriff. „Wir verwenden ausdrücklich einen weiten Vorlesebegriff“, erklärt Trost. Dazu gehört auch das gemeinsame Betrachten von Bilderbüchern und das Erzählen zu Bildern, selbst wenn diese Bücher wenig oder überhaupt keinen Text enthalten.
Das ist pädagogisch nachvollziehbar. Gerade jüngere Kinder profitieren von Gesprächen über Bilder und Geschichten. Allerdings sind das Vorlesen geschriebener Texte und das gemeinsame Betrachten textloser Bilderbücher nicht dieselbe Tätigkeit. Beide können die Sprachentwicklung unterstützen, bieten aber unterschiedliche sprachliche Erfahrungen. Bei der Interpretation der Ergebnisse sollte diese Unterscheidung berücksichtigt werden.
Nicht alle Kinder haben vergleichbare Erfahrungen
Unabhängig von den methodischen Grenzen enthält der Vorlesemonitor wichtige Hinweise für die pädagogische Praxis. Fast jedem vierten Kind wird nach Angaben der Eltern höchstens einmal pro Woche vorgelesen, mehr als jedem achten überhaupt nicht. Kitas und Grundschulen können deshalb nicht voraussetzen, dass alle Kinder mit vergleichbaren Erfahrungen im Umgang mit Büchern und Geschichten aufwachsen. Regelmäßige Buch- und Gesprächsangebote sind deshalb besonders wichtig, um allen Kindern entsprechende Erfahrungen zu ermöglichen.
Interessant ist auch ein weiterer Befund: 41 Prozent der regelmäßig vorlesenden Eltern berichten, dass sie beim Vorlesen häufig mit ihren Kindern über die Geschichten sprechen. Bei Eltern, die seltener vorlesen, sind es nur 20 Prozent. Das unterstreicht die Bedeutung des dialogischen Lesens. Kinder sollten Gelegenheit erhalten, Fragen zu stellen, Vermutungen zu äußern, Zusammenhänge zu erkennen und eigene Gedanken zu formulieren. Allerdings lässt sich aus diesem statistischen Zusammenhang keine Ursache-Wirkungs-Beziehung ableiten.
Für die Grundschule ist außerdem bedeutsam, dass selbst Achtjährigen vergleichsweise selten vorgelesen wird. Nur 55 Prozent erhalten nach Angaben ihrer Eltern regelmäßig entsprechende Angebote. Dabei endet die Bedeutung gemeinsamer Bucherfahrungen keineswegs mit dem Beginn des selbstständigen Lesenlernens. Das Vorlesen ermöglicht auch älteren Kindern die Begegnung mit Geschichten und sprachlichen Strukturen, die sie selbst möglicherweise noch nicht flüssig lesen können. Vorlesen und eigenständiges Lesen erfüllen deshalb unterschiedliche, einander ergänzende Aufgaben.
Mehr Vorlesen bedeutet nicht automatisch bessere Lesekompetenz
Besonders wichtig ist die Frage, welche Bedeutung die Ergebnisse für die Lesekompetenz haben. Schließlich dokumentieren Untersuchungen wie IGLU und die IQB-Bildungstrends seit Jahren erhebliche Schwierigkeiten beim Lesenlernen.
Die Stiftung Lesen warnt selbst vor vorschnellen Schlussfolgerungen. „Aus dem Anstieg der Vorlesehäufigkeit allein lässt sich also kein Rückschluss auf die aktuelle Situation der Lesekompetenz ableiten“, erklärt Laura Trost. Der Vorlesemonitor untersucht schließlich nicht, wie gut Kinder lesen können. Er erfasst weder ihr Textverständnis noch ihre schulischen Leistungen.
Dass gemeinsame Bucherfahrungen die sprachliche Entwicklung unterstützen können, ist durch andere Forschungsarbeiten grundsätzlich gut begründet. Für den Erwerb der Lesekompetenz reicht das allein jedoch nicht aus. Kinder müssen auch lernen, Schrift sicher zu entschlüsseln, Wörter zunehmend automatisiert zu erkennen, Texte zu verstehen und das Lesen als sinnvolle und bereichernde Tätigkeit zu erleben. Dafür brauchen sie eine kontinuierliche, systematische Förderung.
Der Vorlesemonitor 2026 liefert somit einen erfreulichen Befund: Deutlich mehr Eltern als noch vor zwei Jahren geben an, ihren Kindern regelmäßig vorzulesen. Wie groß die tatsächliche Veränderung im Familienalltag ist und welche Rolle die Förderprogramme dabei spielen, lässt sich anhand der vorliegenden Informationen jedoch nicht abschließend beurteilen.
Dass wirksame Leseförderung weit mehr umfasst als das Vorlesen, haben wir in unserer zwölfteiligen Reihe ausführlich dargestellt. Sie zeigt, wie Sprachentwicklung, Weltwissen, Lesetechnik, Textverständnis und Lesemotivation zusammenwirken – und weshalb gut gemeinte Fördermaßnahmen nicht automatisch zum Erfolg führen. Der Abschlussbeitrag „Leseförderung: Wir wissen, was Kindern hilft. Warum tun wir es nicht?“ fasst die wichtigsten Erkenntnisse zusammen und führt zu den einzelnen Folgen.
Quellen
- Stiftung Lesen, Deutsche Bahn Stiftung und DIE ZEIT: Vorlesemonitor 2026.
- Laura Trost, Leiterin Marketing und Kommunikation der Stiftung Lesen: Schriftliche Stellungnahme auf die Presseanfrage von spielen und lernen vom 28. Oktober 2026.
- Stiftung Lesen: Informationen zum Programm „Lesestart 1-2-3“ und seiner Ausweitung seit 2024.
- ZDFheute, 27. Oktober 2026: Bericht über den Vorlesemonitor und die Evaluation von Lesestart 1-2-3.
- IGLU 2021 und IQB-Bildungstrends: Untersuchungen zur Lesekompetenz.
Gernot Körner


