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Leseförderung Teil 2: Im Anfang war das Bild

Warum Leseförderung lange vor dem ersten Buchstaben beginnt

Kinder lernen nicht erst lesen, wenn sie Buchstaben erkennen. Der Weg zur Schrift beginnt viel früher – mit dem Verstehen von Bildern. Die moderne Entwicklungspsychologie zeigt, warum genau darin die eigentlichen Anfänge des Lesens liegen. Erstaunlich ist, dass der Künstler und Bilderbuchautor Helmut Spanner viele dieser Zusammenhänge bereits vor fast fünfzig Jahren durch die genaue Beobachtung kleiner Kinder erkannte.

Wer einem Kleinkind beim Betrachten seines ersten Bilderbuches zusieht, erlebt einen vertrauten Augenblick. Das Kind sitzt auf dem Schoß seiner Mutter, seines Vaters oder der Großeltern. Es zeigt mit dem Finger auf einen Hund. „Ja“, sagt der Erwachsene, „das ist ein Hund.“ Wenige Augenblicke später folgen eine Katze, ein Ball oder ein Vogel. Gemeinsam wird gelacht, erzählt und umgeblättert. Für Erwachsene gehört diese Szene zum Alltag. Kaum jemand ahnt, dass sich in diesen wenigen Minuten einer der wichtigsten Entwicklungsschritte der frühen Kindheit vollzieht.

Denn das Kind lernt in diesem Moment weit mehr als ein neues Wort. Es beginnt zu verstehen, dass Bilder Bedeutung tragen. Der Hund auf der Buchseite ist nicht einfach eine Zeichnung. Er steht für einen echten Hund – für den Nachbarshund, der laut bellt, für den Dackel der Großeltern oder für den Labrador, den das Kind im Park gestreichelt hat. Zwischen Bild und Wirklichkeit entsteht eine Verbindung. Genau diese Fähigkeit bildet eine der Grundlagen für alles, was später folgt: für Sprache, für Denken und schließlich auch für das Lesen.

Für Erwachsene erscheint das selbstverständlich. Wir erkennen Fotografien, Zeichnungen oder Piktogramme, ohne darüber nachzudenken. Wir lesen Landkarten, verstehen Verkehrsschilder oder identifizieren Menschen auf alten Familienfotos in Sekundenbruchteilen. Dass all diese Fähigkeiten einmal mühsam erlernt werden mussten, gerät leicht in Vergessenheit. Für kleine Kinder ist die Welt der Bilder zunächst ebenso neu wie die Welt der Sprache. Sie müssen erst entdecken, dass ein Bild mehr ist als Farbe auf Papier.

Diese Erkenntnis stand bereits Mitte der 1970er-Jahre am Beginn der Arbeit des Künstlers und Kinderbuchautors Helmut Spanner. Während sich viele Diskussionen über Bilderbücher damals vor allem um Illustrationen, Geschichten oder pädagogische Inhalte drehten, stellte er eine grundlegendere Frage: Wie sehen kleine Kinder Bilder? Seine Abschlussarbeit kreiste deshalb nicht in erster Linie um Bücher, sondern um die Wahrnehmung von Kindern. Dort formulierte er einen Satz, der bis heute nichts von seiner Aktualität verloren hat: Das Kind müsse Bilder „nicht nur sehen, sondern auch erkennen, verstehen und sie damit wahrnehmen lernen.“

Heute bestätigt die Entwicklungspsychologie diese Beobachtung eindrucksvoll. Bevor Kinder Buchstaben lesen können, müssen sie lernen, Bilder zu entschlüsseln. Sie müssen erkennen, dass ein gezeichneter Hund für einen echten Hund steht und dass ein Bild stellvertretend für etwas existiert, das sich außerhalb des Buches befindet. Entwicklungspsychologen sprechen vom Symbolverständnis. Es gehört zu den grundlegenden kognitiven Leistungen der frühen Kindheit. Ohne diese Fähigkeit wäre später auch das Lesen von Schrift nicht möglich. Denn Buchstaben funktionieren nach demselben Prinzip. Auch sie sind Zeichen, die für etwas stehen.

Eine Beobachtung aus Helmut Spanners Abschlussarbeit macht diese Entwicklung besonders anschaulich.

Während seiner Untersuchungen zeigte er mehreren etwa dreijährigen Kindern eine Illustration des niederländischen Bilderbuchkünstlers Dick Bruna. Das Bild zeigte das Porträt eines Großvaters in einem ovalen Bilderrahmen. Für Erwachsene war die Darstellung eindeutig. Die Kinder jedoch antworteten fast alle gleich: „Ein Hut.“

Auf den ersten Blick wirkt diese Antwort amüsant. Tatsächlich eröffnet sie den Blick auf die Arbeitsweise des kindlichen Gehirns. Die Kinder hatten den Großvater nicht übersehen. Sie richteten ihre Aufmerksamkeit zunächst auf den auffälligen dunklen Rahmen, der das Porträt umgab. Aus ihrer Sicht entstand daraus die Form eines Hutes. Sie sahen dieselben Linien wie die Erwachsenen – deuteten sie aber anders.

Genau darin lag für Spanner die eigentliche Erkenntnis. Kinder sehen Bilder nicht wie Erwachsene. Sie erschließen sich ihre Bedeutung Schritt für Schritt. Während Erwachsene das Gesehene nahezu automatisch mit früheren Erfahrungen verknüpfen, baut das kindliche Gehirn diese Fähigkeit erst allmählich auf. Es entdeckt Formen, erkennt Muster, vergleicht Bekanntes mit Neuem und entwickelt nach und nach jene Sicherheit, die Erwachsenen so selbstverständlich erscheint.

Diese Entwicklung beginnt lange bevor Kinder ihr erstes Wort lesen.

Sie beginnt mit Bildern.

Bilder lesen lernen

Die Beobachtungen Spanners und die Erkenntnisse der modernen Entwicklungspsychologie führen zu einer überraschenden Schlussfolgerung. Bilder zu verstehen ist keine Selbstverständlichkeit. Es ist eine Kulturtechnik, die Kinder ebenso erlernen müssen wie später das Lesen von Schrift.

Das klingt zunächst ungewohnt. Schließlich umgeben uns Bilder von Geburt an. Wir fotografieren mit dem Smartphone, orientieren uns an Piktogrammen oder erkennen Menschen auf alten Familienfotos sofort wieder. Unser Gehirn erledigt diese Aufgaben scheinbar mühelos. Gerade deshalb vergessen wir leicht, dass diese Fähigkeit das Ergebnis eines langen Entwicklungsprozesses ist.

Für ein Kleinkind ist ein Bild zunächst nichts weiter als eine Fläche aus Linien, Formen und Farben. Erst nach und nach lernt es, diese visuellen Informationen mit seinen Erfahrungen zu verbinden. Es erkennt, dass die gezeichnete Katze dieselbe Bedeutung trägt wie die Katze im Garten, dass der Ball im Bilderbuch derselbe Ball sein kann, mit dem es eben noch gespielt hat, und dass ein Bild für etwas steht, das sich außerhalb des Buches befindet. Mit jeder dieser Erfahrungen wächst das innere Verständnis dafür, wie Symbole funktionieren.

Die amerikanische Entwicklungspsychologin Judy DeLoache bezeichnet diesen Schritt als eine der großen geistigen Leistungen der frühen Kindheit. Kinder müssen lernen, dass ein Bild zwei Bedeutungen gleichzeitig besitzt. Einerseits ist es Papier mit Farben und Linien. Andererseits verweist es auf etwas Reales. Erwachsene vollziehen diesen Perspektivwechsel unbewusst. Für kleine Kinder ist er das Ergebnis vieler gemeinsamer Erfahrungen.

Dabei spielt Sprache eine entscheidende Rolle. Bilder entfalten ihre eigentliche Bedeutung nicht dadurch, dass Kinder sie anschauen, sondern dadurch, dass Erwachsene sie gemeinsam mit ihnen betrachten. Wenn ein Vater sagt: „Schau, das ist ein Hund“, verbindet das Kind das Bild mit einem Begriff und mit seinen eigenen Erfahrungen. Das Bild erhält einen Namen, der Name erhält Bedeutung und die Bedeutung wird Teil seines wachsenden Weltwissens.

Genau deshalb ist gemeinsames Bilderbuchbetrachten weit mehr als eine sprachliche Übung. Es ist ein Prozess gemeinsamen Denkens. Der Entwicklungspsychologe Michael Tomasello hat gezeigt, dass Kinder besonders erfolgreich lernen, wenn Erwachsene und Kind ihre Aufmerksamkeit auf denselben Gegenstand richten. Diese geteilte Aufmerksamkeit (Joint Attention) bildet einen der wichtigsten Motoren des frühen Spracherwerbs. Das Bilderbuch schafft dafür ideale Voraussetzungen. Es bringt Erwachsene und Kind buchstäblich auf dieselbe Seite.

Spanner beschrieb diesen Zusammenhang bereits in seiner Abschlussarbeit, ohne auf die heutigen Begriffe zurückgreifen zu können. Sein Ziel war es, Kinder behutsam „in die Buch- wie in die Bildwelt“ einzuführen und ihnen eine Begegnung zu ermöglichen, die ihrer Entwicklung entspricht. Hinter diesem Satz verbirgt sich ein bemerkenswert moderner Gedanke. Ein Bilderbuch soll Kindern keine fertige Welt präsentieren. Es soll ihnen helfen, diese Welt selbst zu erschließen.

Diese Einsicht verändert auch den Blick auf die Gestaltung früher Bilderbücher. Erwachsene beurteilen Illustrationen häufig nach ästhetischen Gesichtspunkten. Sie freuen sich über originelle Perspektiven, außergewöhnliche Farben oder künstlerische Raffinesse. Für ein Kleinkind stehen andere Fragen im Vordergrund. Es sucht Orientierung. Es möchte erkennen, was es sieht. Nur wenn das gelingt, kann das Bild seine eigentliche Aufgabe erfüllen.

Deshalb wirken viele frühe Pappbilderbücher auf Erwachsene beinahe schlicht. Wiederkehrende Figuren, klare Formen und vertraute Alltagssituationen erscheinen aus der Perspektive Erwachsener manchmal wenig spektakulär. Für das kindliche Gehirn sind sie jedoch genau richtig. Sie reduzieren die Komplexität einer noch unbekannten Welt und schaffen Sicherheit. Das Kind muss nicht auf jeder Buchseite eine völlig neue Bildsprache entschlüsseln. Es kann seine Aufmerksamkeit darauf richten, Bedeutungen aufzubauen und Sprache mit seinen Erfahrungen zu verbinden.

Ein eindrucksvolles Beispiel für diese Herangehensweise ist Helmut Spanners Bilderbuch „Erste Wörter – Erste Sätze“. Die wiederkehrenden Figuren, die vertrauten Situationen und die einfachen, vollständigen Sätze folgen keinem Zufall. Sie sind das Ergebnis genauer Beobachtungen kindlicher Entwicklung. Das Buch verzichtet bewusst auf alles, was vom eigentlichen Lernprozess ablenken könnte. Es möchte Kinder nicht beeindrucken. Es möchte ihnen helfen, Bilder zu verstehen.

erste Wörter Erste Sätze Helmut Spannner Bilderbuch zur Spracförderung
Wiederkehrende Figuren in vertrauten Alltagssituationen ermöglichen Kindern, Bilder mit Sprache zu verbinden. Sie lernen dabei nicht nur Gegenstände zu benennen, sondern auch Handlungen, Beziehungen und erste vollständige Sätze zu verstehen – ein wesentlicher Schritt auf dem Weg zum späteren Lesen. (Doppelseite aus Spanner H., Erste Wörter – Erste Sätze)
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Erste Wörter – Erste Sätze

Mit den kleinen Bären die Welt entdecken und benennen: Szenen aus dem Kinderalltag. Über 100 kurze Sätze helfen beim Spracherwerb. Für Kleinkinder ab 1 Jahr.

Autor: Spanner, Helmut

15,00 € (inkl. MwSt.)

Gerade darin liegt seine besondere Qualität. Es nimmt Kinder ernst. Es verlangt von ihnen nicht, die Welt mit den Augen Erwachsener zu sehen. Es knüpft dort an, wo ihre Entwicklung gerade steht, und begleitet sie auf dem nächsten Schritt.

Dabei bleibt Entwicklung niemals stehen. Sobald Kinder Bilder sicher erkennen und ihre Bedeutung verstehen, verändert sich ihr Interesse erneut. Sie möchten nun nicht mehr nur wissen, was sie sehen. Sie beginnen zu fragen, warum etwas geschieht.

Und genau damit beginnt die nächste Entwicklungsstufe.

Vom Benennen zum Erzählen

Entwicklung verläuft niemals geradlinig. Sie ist auch nicht an einen bestimmten Geburtstag gebunden. Dennoch lässt sich in den ersten Lebensjahren ein bemerkenswerter Wandel beobachten. Hat ein Kind zunächst vor allem gelernt, Bilder wiederzuerkennen und mit Begriffen zu verbinden, richtet sich seine Aufmerksamkeit nach und nach auf etwas Neues. Es interessiert sich nicht länger nur für einzelne Gegenstände. Es beginnt, Beziehungen wahrzunehmen.

Dieser Schritt verändert den Blick auf die Welt grundlegend.

Das Kind sieht nun nicht mehr nur einen Hund. Es bemerkt, dass der Hund rennt, bellt oder einen Ball trägt. Es entdeckt nicht nur eine Ente, sondern eine Entenmutter mit ihren Küken. Es beobachtet, wie ein Vogel einen Wurm ins Nest bringt oder wie sich ein Rehkitz eng an seine Mutter schmiegt. Die Welt besteht nicht länger aus einzelnen Dingen. Sie besteht aus Zusammenhängen.

Damit verändert sich auch die Sprache. Aus einzelnen Wörtern entstehen vollständige Sätze. Aus Sätzen entwickeln sich kleine Geschichten. Das Kind beginnt zu erzählen, Fragen zu stellen und Vermutungen zu äußern. Es möchte wissen, warum etwas geschieht und was als Nächstes passieren könnte. Entwicklungspsychologen sehen darin einen wichtigen Schritt auf dem Weg zum erzählenden Denken. Sprache dient jetzt nicht mehr allein dazu, Dinge zu benennen. Sie hilft dabei, Erfahrungen zu ordnen und Beziehungen zu verstehen.

Diese Entwicklung ist eng mit dem gemeinsamen Betrachten von Bilderbüchern verbunden. Solange Kinder Bilder vor allem als einzelne Symbole entschlüsseln, genügt häufig das Benennen. Später verändert sich das Gespräch. Erwachsene stellen Fragen, greifen Gedanken der Kinder auf oder erzählen kleine Geschichten zu den Bildern. Aus dem gemeinsamen Anschauen wird ein gemeinsames Nachdenken.

Gerade hierin liegt die besondere Stärke guter Bilderbücher. Sie geben keine fertigen Antworten. Sie eröffnen Gespräche. Ein Kind, das fragt: „Warum fliegt der Vogel zum Nest?“, hat einen entscheidenden Entwicklungsschritt vollzogen. Es interessiert sich nicht mehr nur für den Vogel selbst. Es beginnt, Zusammenhänge zu erkennen.

Die amerikanische Entwicklungspsychologin Patricia Ganea konnte in ihren Untersuchungen zeigen, dass realitätsnahe Bilderbücher gerade in dieser Entwicklungsphase eine wichtige Brücke zwischen Bild und Wirklichkeit schlagen. Kinder übertragen das, was sie in Büchern beobachten, auf ihre eigene Lebenswelt. Sie erkennen Tiere wieder, entdecken Verhaltensweisen in der Natur und entwickeln ein immer differenzierteres Verständnis ihrer Umwelt. Bilderbücher werden damit zu einem Ort, an dem Erfahrungen nicht nur benannt, sondern vertieft werden.

An diesem Punkt erhält auch eine Beobachtung der Buchhändlerin und Diplom-Pädagogin Gabriele Hoffmann besonderes Gewicht. Seit vielen Jahren erlebt sie in der Beratung von Familien, dass Erwachsene Bilderbücher häufig nach ihren eigenen Vorlieben auswählen. Sie bewundern außergewöhnliche Illustrationen oder kunstvolle Bildideen und übersehen dabei leicht die eigentliche Frage: Passt dieses Buch zur Entwicklung des Kindes?

Diese Frage entscheidet oft darüber, ob ein Bilderbuch seine Wirkung entfalten kann.

Ein einjähriges Kind wird ein kunstvoll gestaltetes Pappbilderbuch über Gefühle oder philosophische Themen kaum verstehen – nicht, weil ihm Interesse oder Fantasie fehlen, sondern weil sein Gehirn zunächst andere Entwicklungsaufgaben bewältigt. Es muss Menschen, Tiere und Gegenstände sicher erkennen, bevor es ihre Beziehungen zueinander verstehen kann. Entwicklung baut immer auf bereits erworbenen Fähigkeiten auf.

Gerade deshalb lassen sich Bilderbücher nicht sinnvoll gegeneinander ausspielen. Sie begleiten unterschiedliche Entwicklungsschritte. Ein gutes erstes Pappbilderbuch legt das Fundament. Es hilft Kindern, Bilder mit Begriffen zu verbinden und ihre Welt zu ordnen. Darauf bauen Bilderbücher auf, die Beziehungen, Gefühle und Geschichten in den Mittelpunkt stellen.

Ein eindrucksvolles Beispiel dafür sind die Naturbücher der niederländischen Pastellkünstlerin Loes Botman. Ihre Bilder erzählen nicht mehr von einzelnen Tieren, sondern vom Leben in der Natur. Sie zeigen Fürsorge, Nähe und Zusammengehörigkeit. Ein Rehkitz sucht Schutz bei seiner Mutter, junge Füchse spielen miteinander, ein Schwan breitet schützend seine Flügel über seine Jungen. Die begleitenden Texte greifen diese Situationen auf und laden Erwachsene und Kinder dazu ein, gemeinsam über das Gesehene zu sprechen.

Botman L. (2025), Tiermütter und Tierkinder:  Enten schwimmen auf  einem See
Naturgetreue Bilder eröffnen eine neue Form des Bilderbuchgesprächs. Kinder erkennen nicht mehr nur einzelne Tiere, sondern beobachten Beziehungen, Verhalten und Zusammenhänge. Aus dem Benennen wird Erzählen – ein wichtiger Entwicklungsschritt auf dem Weg zum verstehenden Lesen. (Doppelseite aus Botman L. (2025), Tiermütter und Tierkinder, Freiburg, Oberstebrink)
Cover-Tiermütter und Tierkinder

Tiermütter und Tierkinder

Zauberhaftes Pappbilderbuch für Kinder ab 10 Monaten. Unsere liebsten Tiermütter und Tierkinder: Bilderbuch mit schönen Tierbildern und kurzen Reimen. Für Krippe und Kindergarten.

Autor: Botman, Loes

9,00 € (inkl. MwSt.)

Diese Bücher richten sich an Kinder, die den ersten Schritt bereits vollzogen haben. Sie erkennen Tiere nicht mehr nur sicher wieder. Sie interessieren sich für ihre Geschichten. Das Bilderbuch wird nun zu einem Fenster in die Welt der Beziehungen – und damit zu einem wichtigen Begleiter auf dem Weg vom Benennen zum Erzählen.

Bilderbücher wachsen mit der Entwicklung des Kindes

Die unterschiedlichen Entwicklungsphasen erklären zugleich, warum es das eine „richtige“ Bilderbuch für alle Kinder nicht geben kann. Kinder entwickeln sich nicht nach einem festen Zeitplan. Manche interessieren sich früher für Zusammenhänge, andere benötigen länger, um Bilder sicher zu erkennen und Begriffe aufzubauen. Entscheidend ist deshalb nicht das Alter auf dem Buchrücken, sondern die Frage, welche Entwicklungsaufgabe ein Kind gerade bewältigt.

Gerade hierin liegt eine häufig unterschätzte Herausforderung. Erwachsene betrachten Bilderbücher mit den Augen Erwachsener. Sie erfreuen sich an kunstvollen Illustrationen, originellen Ideen oder einer außergewöhnlichen Bildsprache. Kinder beurteilen Bilder jedoch nicht nach ihrer künstlerischen Qualität. Sie suchen Orientierung. Sie möchten verstehen, was sie sehen, und das Gesehene mit ihrer eigenen Lebenswelt verbinden.

Deshalb wirken manche Bücher auf Erwachsene beinahe unscheinbar. Für Kinder können sie jedoch genau die richtigen Begleiter sein. Andere Bücher beeindrucken Erwachsene durch ihre künstlerische Gestaltung, setzen aber bereits Fähigkeiten voraus, die ein jüngeres Kind erst noch entwickelt. Beide Bücher können ausgezeichnet sein – allerdings für unterschiedliche Entwicklungsschritte.

Diese Unterscheidung ist uns auch als Verlag wichtig. Deshalb veröffentlichen wir sowohl die Pappbilderbücher von Spanner als auch die Naturbücher von Botman. Das ist keine Frage unterschiedlicher Qualitätsmaßstäbe, sondern unterschiedlicher Entwicklungsziele.

Spanners Bücher begleiten Kinder in einer Phase, in der sie lernen, Bilder als Symbole zu verstehen, Begriffe aufzubauen und Sprache mit ihrer Wahrnehmung zu verbinden. Sie reduzieren die Komplexität der Welt auf das Wesentliche und geben Kindern die Sicherheit, die sie für diesen Entwicklungsschritt benötigen.

Die Bücher von Botman knüpfen an diese Entwicklung an. Sie setzen das sichere Erkennen von Tieren und Gegenständen voraus und richten den Blick auf Beziehungen, Gefühle und Lebenszusammenhänge. Die naturgetreuen Pastelle erzählen keine erfundenen Geschichten. Sie zeigen die Wirklichkeit der Natur – und gerade dadurch regen sie Kinder dazu an, Fragen zu stellen, Beobachtungen zu machen und gemeinsam mit Erwachsenen über das Gesehene nachzudenken.

Aus entwicklungspsychologischer Sicht ergänzen sich beide Konzepte. Sie beschreiben keine Gegensätze, sondern verschiedene Etappen desselben Weges. Zunächst lernen Kinder, Bilder zu verstehen. Danach entdecken sie, dass Bilder Geschichten erzählen können. Erst auf dieser Grundlage entsteht jene Freude am Erzählen und am Verstehen, die später in das Lesen von Geschichten mündet.

Vielleicht erklärt genau das auch, weshalb Bilderbücher Kinder oft über Jahre begleiten. Sie verändern sich nicht – das Kind verändert sich. Was gestern noch ein einzelner Hund war, wird morgen Teil einer Geschichte. Was zunächst nur benannt wurde, erhält plötzlich einen Zusammenhang. Mit jeder Entwicklungsstufe entdeckt das Kind in denselben Bildern neue Bedeutungen.


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Wie wird aus Sehen Verstehen?

Helmut Spanners grundlegende Arbeit führt zurück zu den Anfängen der frühen Leseförderung. Anschaulich und verständlich beschreibt er, wie Kleinst- und Kleinkinder Bilder wahrnehmen und welche Bedeutung das Pappbilderbuch für ihre sprachliche und kognitive Entwicklung besitzt. Ein bis heute wegweisendes Grundlagenwerk für alle, die Kinder auf ihrem Weg in die Welt der Bücher begleiten.

Helmut Spanner
Rund ums Pappbilderbuch
64 Seiten
ISBN: 9783963046001
14,95 €


Der Beginn einer langen Geschichte

Wenn wir heute von Leseförderung sprechen, denken wir häufig an Buchstaben, Wörter oder das Vorlesen. Die Entwicklungspsychologie führt den Blick jedoch weiter zurück. Lesen beginnt nicht mit Schrift. Lesen beginnt mit der Fähigkeit, Zeichen Bedeutung zu geben.

Genau deshalb gehören Bilderbücher zu den wichtigsten Kulturgütern der frühen Kindheit. Sie schaffen einen Raum, in dem Wahrnehmung, Sprache und Denken miteinander wachsen können. Sie laden Erwachsene und Kinder dazu ein, gemeinsam zu beobachten, zu erzählen und Fragen zu stellen. Aus diesen Gesprächen entsteht nicht nur Sprache. Es entsteht Weltverständnis.

Helmut Spanner hat diesen Weg vor fast fünfzig Jahren mit einer einfachen Frage begonnen: Wie sehen kleine Kinder Bilder? Die heutige Entwicklungspsychologie beantwortet viele seiner damaligen Fragen mit wissenschaftlichen Methoden. Seine eigentliche Erkenntnis bleibt jedoch unverändert aktuell: Kinder müssen Bilder erkennen und verstehen lernen, bevor sie sie lesen können.

Wer einem Kleinkind beim Betrachten seines ersten Bilderbuches zusieht, erlebt deshalb weit mehr als einen schönen gemeinsamen Moment. Er erlebt den Anfang einer Entwicklung, an deren Ende ein lesendes Kind steht.

  • Aus Bildern entstehen Begriffe.
  • Aus Begriffen entstehen Sätze.
  • Aus Sätzen entstehen Geschichten.

Und irgendwann hält dasselbe Kind, das einst auf das Bild eines Hundes zeigte und stolz sein erstes Wort sprach, sein erstes Lesebuch in den Händen.

Für die Kulturgeschichte heißt es:

„Im Anfang war das Wort.“

Für die Entwicklung eines Kindes gilt etwas anderes.

Im Anfang war das Bild… und das muss passen.

Literatur

  • Botman, L (2024). Tiermütter und Tierkinder, Freiburg, Oberstebrink.
  • DeLoache, J. S. (2004). Becoming symbol-minded. Trends in Cognitive Sciences, 8(2), 66–70.
  • DeLoache, J. S. (2000). Dual representation and young children’s use of scale models. Child Development, 71(2), 329–338.
  • Ganea, P. A., Ma, L., & DeLoache, J. S. (2011). Young children’s learning and transfer of biological information from picture books to real animals. Child Development, 82(5), 1421–1433.
  • Ganea, P. A., Canfield, C. F., Simons-Ghafari, K., & Chou, T. (2014). Do cavies talk? The effect of anthropomorphic picture books on children’s knowledge about animals. Frontiers in Psychology, 5, 283.
  • Ninio, A., & Bruner, J. S. (1978). The achievement and antecedents of labelling. Journal of Child Language, 5(1), 1–15.
  • Piaget, J. (1962). Play, Dreams and Imitation in Childhood. New York: W. W. Norton.
  • Spanner, H. (2024). Erste Wörter – Erste Sätze, Freiburg, spielen und lernen.
  • Spanner, H. (2018). Rund ums Pappbilderbuch, Examensarbeit 1977 Kunstakademie München, München, Burckhardthaus.
  • Tomasello, M. (1999). The Cultural Origins of Human Cognition. Cambridge, MA: Harvard University Press.
  • Tomasello, M. (2003). Constructing a Language. A Usage-Based Theory of Language Acquisition. Cambridge, MA: Harvard University Press.
  • Tomasello, M., Carpenter, M., Call, J., Behne, T., & Moll, H. (2005). Understanding and sharing intentions: The origins of cultural cognition. Behavioral and Brain Sciences, 28(5), 675–735.
  • Vygotsky, L. S. (1978). Mind in Society. The Development of Higher Psychological Processes. Cambridge, MA: Harvard University Press.
  • Whitehurst, G. J., & Lonigan, C. J. (1998). Child development and emergent literacy. Child Development, 69(3), 848–872.

Gernot Körner

Leseförderung Teil 1: Ein Baby liest bereits am ersten Tag – SPIELEN UND LERNEN

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